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Nr. 468.
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Wiesb atzen, Samstag, 8. Oktober INI«.
88. Jahrgang.
Morgen- Kusgabe.
1. NtMt.
Die Gratulaüonsrour der Juristen.
^Eino ganz außerordentliche, beispiellos reiche, eine mehr als vergänglichen Wert darstellende Festgabe zum Berliner Universitätsjubiläum widmet der Herausgeber der „Deutschen Juristenzeitung", Dr. Otto Liebmann, zum bleibenden Gedächtnis dieses vielleicht schönste!: Festes, das die Hauptstadt jemals gefeiert hat. In einem starken, über 600 Seiten zählenden, höchst würdig ausgestatteten Bande vereinigt diese Festgabe, die die Geschichte der juristischen Fakultät der llniversi- tät von ihrer Gründung bis zur Gegenwart in Wort und Bild, in Urkunden und Briefen begleitet, eine solche Fülle von Material, daß nicht bloß der Genießende, sondern auch der Historiker und Forscher belohnt sein werden, wenn sie sich in diese gediegene Fülle versenken. Ausgezeichnete Reproduktionen von allen Stichen und von neueren Bildern und. Zeichnungen machen Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar lebendig. Mit Rührung haftet der Blick auf dem Faksimile der Denkschrift, mit der Wilhelm v. Humboldt an: 12. Mai 1809 dem König Friedrich Wilhelm III. die Gründung einer Universität in Berlin empfahl.' Vielmehr, es wird der erste Entwurf dieser Denkschrift wiedergegeben, mit all den Streichungen, Änderungen, Einschiebungen, die dem bedeutenden Manne in die Feder flössen, und es ist, als sehe mm: ihn: dabei über die Schulter. Was aber dem Buche seine stärkste Wrr- rung sichern wird, das ist die Zusammenstellung von Nicht weniger als 460 handschriftlichen Widmungen von namhaften, mitte,: in: Leben der Gegenwart stehenten Persönlichkeiten, die einstmals als Juristen hier eingeschrieben Ware::. Sämtliche Widmungen sind ii: handschriftlichen: Faksimiledruck wiedergegeben. Eingeleitet wird diese Abteilung durch den Prinzen August Wilhelm von Preußen: er schreibt kurz und gut: „Mens agitat molem". Wir wollen nunmehr andere Widmungen ohire weitere Hinzufügu,rg folgen lassen. Prinz Rupprecht von Bayer,:: „In dankbarer Erinnerung an die Kollegien des Sommersemesters 1890". von Bethmann-Hollweg: „Freiheit, Recht, Staat, kcins ohne das andere zu verwirklichen". Kultusminister v. Droit zu Solz: „Ein König richtet das Land aus durch das Recht". Statthalter Graf Wedel: „Erst besinnen, dann beginnen". Dr. jnr. li. c. Graf Zeppelin: „Ohne uneingeschränkte völkerrechtliche Freilassung des Luftraums keine vollkommene Entwicklung der Luftschiffahrt, denn der Lustschiffer bleibt für die Ein- haltung seines Weges ewig abhängig von der Ausdauer seiner treibenden Kräfte und der Dichtigkeit der Atmosphäre". , Abg. Bassermann: „Beseler und Gneist waren die Sterne an meinem juristischen Himmel, als
ich W. S. 1874/76 nach fröhlicher Bnrschenzeit mich ernstem Studium zuwandte und Treitschkes feurige Begeisterung für Deutschlands Größe ist mir Leitstern ln meinen: politischen Leben geblieben." Justizminister Beseler: „So gewiß natürliche Auffassungsgabe und
gesunder Menschenverstand dem Juristen eigen sein müssen, der in seinem Fache Tüchtiges leisten will, ebenso gewiß bedarf er auch des Rüstzeugs einer gründlichen wissenschaftlichen Durchbildung seines gesamten Denkens, um den Fragei: gerecht werden zu können, die das moderne Leben in seiner unendlichen Vielgestaltigkeit ihm täglich vorlegt. Diese Bildung den Studierenden zu verinitteln, sie zu Männern von selbstständiger Urteilskraft und dazu von hohen: Gerechtigkeitsgefühl zu erziehen, das halte ich für eine der wichtigsten und schönsten Aufgabe,: der Universität." Herr v. Tschirschky, Botschafter in Wien: „Justitia regnorum fnndamentum." v. Hcydebrand: „Ein gesundes
Recht ist das Konservativste, was es gibt." Professor v. Schmoller: „Auf das nobile officium des Schuhes der Schwachen und der unteren Klassen darf keine selbst- und zielbewußte Staatsgewalt verzichten. S:e steht ohne diese stets in Gefahr, in Abhängigkeit von den höheren aristokratischen Klassen zu kommen. Will sie dem Vorwurf entgehen, deren Interessen einseitig zu fördern und so eine Klassenherrschaft zu fördern, so muß sie, welche Staatsform im übrigen herrsche, der Worte Friedrichs des Großen eingedenk sein, die Staatsgewalt habe die Balanee zu halten zwischen den oberen und den unteren Klassen." Graf Schwerin- Löwitz, Präsident des Reichstags: „Tie erste Voraussetzung jeder vernünftigen, Dauer versprechenden Gesetzgebung ist die Gerechtigkeit." Handelsminister Sydow: „Uint justitia, ne pereat mundus." Eine ziemlich pessimistisch gefärbte Anschauung drückt der Straßburger Rechtslehrer Laband aus, wenn er schreibt: „Tie Rechtsschulen und ihre Methoden wechseln, die Unvollkommenheit des Rechts und die Mangelhaftigkeit seine? Erkenntnis bleibt." Philosophisch fafet sich Fürst Henckel-Tonnersmarck mit dem lakonischen Spruch: iNec cupias nec metuas." Zuletzt sei noch der Beitrag des Fürsten Bülow wiedergegeben: er ist datiert von Norderney, 25. Juli 1910 und lautet: „Ich habe der Berliner Universität drei Semester angehört. In: Winter 1868/1869 siedelte ich von Leipzig nach Berlin über, in: Sommer 1870 trat ich beim Königtz- Husaren-Regiment in Bonn ciu. Während der vier Semester belegte ich Kollegien bei Gneist, Berner, Hesfter und anderen hervorragenden Juristen. Ich gestehe nicht ohne Beschämung, daß ich, diese Vorlesungen nicht so regelmäßig besucht habe, wie dies hoffentlich jetzt von seiten allen Rechtsbeflissenen geschieht. Wenn es nur trotzdem nach dem Kriege im Frühjahr 1872 gelungen ist, in Greifswald die Referendarprüfung und noch dazu mit den: Prädikat gut zu bestehen, so verdanke ich dies weniger der intensiven Arbeit, mit der
ick: mich bemühte, in drei Monaten das Versäumte nachzuholen, als dem Wohlwollen meiner Examinatoren und vor allem dev geistvollen Anregung von E. I. Bekker. Ich habe es nicht weiter als bis zum Referendar gebracht. Meine tiefe Achtung vor der Rechis- wissenschaft und vor den großen Männern, die an der Berliner Friedrich Wilhelms-Universität zum Ruhme geutscher Rechtswissenschaft gewirkt haben, wird dadurch nicht beeinträchtigt." Man sieht, die Reichskanzler haben es eigentlich bequem, sie brauchen es, wenn sie sonst nur das Zeug dazu haben, nicht über den Referendar hinauszubringen. War doch auch Fürst Bismarck auf der Stufenleiter der Examina nicht weiter als bis zum Referendar gekommen.
Deutsches Reich.
* Agrarische Ansichten. In einer großen Landwirteversammlung zu Baunach wurden, wie die „Deutsche Fleischerztg," mitteilt, recht interessante agrarische Ansichten geäußert. Der Vorsitzende, Frhr. v. Rotenhan, sagte u. a., die Beamten erhielten große Gehälter und möchten billiges Fleisch essen (eine Umschreibung des drastischen Wortes von den Koteletts so groß wie Abtrittsdeckel). Der Gutsbesitzer Gens erklärte, die Fleischprcise würden noch viel höher werden.
* über den Erlaß des Generals v. Biffing wird in einem Berliner Brief der „Neuen Züricher Ztg." geschrieben: Tatsächlich ist dieser Erlaß keine Eigenleistung des Generals v. Bissing/ sondern entspricht den Vorschriften des großen Belagerungszustandes, dessen Verhängung bestehendes Recht und Rechtspflege außer Kraft setzt und alles der militärischen Gewalt unterordnet. Daß der General v. Bissing seinen untergeordneten Stellen Verhaltungsmaßregeln gab, die diese aus den Bestimmungen über den Belagerungszustand selbst kennen mußten, ist auf besondere Umstände zurückzuführen. Wir gehen nicht fehl in der Annahme, daß der Erlaß während des letzten großen Bergarbeitern ns st and es hinausgegeben wurde. Denn das besonders vom Ausstan-d mitgenommene Ruhr- beckcn liegt im Kommandobereich des 7. Armeekorps, und tatsächlich wurden damals die Truppen in den benachbarten Standorten in Marschbereitschaft gehalten. Der Erlaß wird wahrscheinlich noch den Reichstag beschäftigen und dann wird wohl diese Aufklärung herauskommen, die man sich selbst auf dem sozialdemokratischen Parteitag nicht zu geben wußte.
* Eine Protestversammlung gegen die Moabiter Krawalle. Im Marinehaus a,n Brandenburger User in Berlin fand vorgestern abend eine Protestversamnilung der nationalen Bürgerschaft von Berlin gegen die sozialdemokratischen Krawalle in Moabit statt. Zu der Versammlung, die vom Vorstand des Berliner dcutsch-konserva- t i v c n Wah-lvereins einberufen war, hatte sich auch eine Anzahl Sozialdemokraten und Demokraten eingefnnden. Als der Vorsitzende die Versammlung mit einem Hoch auf den Kaiser eröffnete, blieb eine Anzahl der Anwesenden
FemlletE.
Camille
Zu seinem 75. Geburtstag, 9. Oktober 1910.
Es war nicht immer so wie jetzt: daß, wenn Camille Saint-Saöns in Deutschland als Gast erscheint, das Publi- kun: ihm zujubelt und laut seiner künstlerischen Große huldigt. Denn der französische Meister hatte einst den schlimmen Geschmack an den Tag gelegt, die Kunst mit der Politik zu verquicken und Dinge zu sagen und zu schreiben, die dem deutschen Volke nicht schmeichelhaft in den Ohren klingen konnten. Der in seinen patriotischen Gefühlen schwer getroffene Mann hatte einen Augenblick lang vergessen, was seine eigentliche Mission ist, ließ sein musikalisches Herz überwuchern durch das Gezänk des Alltags, und üble Dinge schlossen sich an die Entgleisung dos Künstlers. Er kam nach Berlin, spielte in der Philharmonie, und es ereignete sich der traurige Zwischenfall, daß das Publikum stürmisch dem Manne auf dem Podium sein unzweideutiges Mißfallen zu erkennen gab.
Aber das. ist schon lange her, ist vergessen, überrauscht durch den Strom echter und unverfälschter Liebe, ist nur noch musikhistorisches Material. Seither hat Saint-Saöns Wasser in seinen Wein gießen gelernt, hat erkannt, daß man das ideale Gebiet der Kunst vor allen Dingen von persönlichen und politischen Stimmungen freihalten muß, und er ist damit gut gefahren, hat sich seine frühere überragende Position in deutschen Landen wieder zu erringen vermocht. Denn seiner musikalischen Art nach ist ja Camille Saint- Saöns trotz der romanischen Äußerlichkeiten seiner Musik in manchen Dingen von deutscher Musik dnrchtränkt. Er hat bei Franz Liszt in Weimar lange Zeit geweilt, er hat die neudeutsche Richtung in der Musik an Ort und Stelle emporkeimen gesehen, ja, er hat mitgeholfen, sie zu fördern, ihr Gehör und Anklang zu sichern. Und nur in der schlimmen
Zeit seines Abfalles hat er die deutsche Musik vergessen wollen, hat er sich in eine musikalische Abstinenz hincmge- redet, die ihm zweifellos schwer genug angekommen sein mag.
Säint-Saöns hat in jüngeren Jahren schon dadurch großen Verstand bewiesen, daß er sich davor hütete, seine Kunst aus den toten Strang der spezifisch französischen Musik zu lenken. Wäre er seinen Lehrern gefolgt, so hätte seine Kunst sich in den traditionellen Formen der gallischen Musik betätigt, und cs ist fraglich, ob dabei auch nur die Spur einer Eigenart zum Vorschein hätte ton,men können. Aber der junge Musiker hatte offene Augen und feine Ohren. An der Seine erlabte man sich in den 56er Jahren des 19. Jahrhunderts an den „köstlichen" Gaben der Großen französischen Oper, kokettierte man mit dein verstaubten Zöpfchen der Lullh, Conperin und Ramean, und dachte den Urgrund aller musikalischen Kunst längst schon erkannt zu haben. Jenseits des Rheins aber zuckten merkwürdige Lichter ans, huschten phantastische Gebilde in Tönen hin, deren Seele keiner noch ergründen konnte. „Neue Männer" hatten sich znsammengctan, entwickelten und propagierten Grundsätze, die die alte Kunst aus der Welt schaffen wollten, und aus dem brodelnden Hexenkessel erhob sich das Gesamtkunstwerk, die Lebensarbeit Richard Wagners, das Musikdrama. Und daneben schrieben die Jünger der neuen Schule „Musik mit Programm", Kompositionen, die etwas Bestimmtes aus- drücken wollten, die den Ausnehmenden zur Mitarbeit an ihrem Inhalt aufforderten, ihn zwangen, mit dem Genuß das innere Nachschaffen zu verbinden. Die Ruhigen in Paris überhörten das Aufrauschen des neuen Geistesstromes. Saint-Saöns aber griff zu, entschloß sich zu einer Kostprobe, ging nach Weimar und befand sich bald schon mitten in einer Bewegung, die sich so ganz gegen die Natur der französischen Musik richtete.
Damals hat Camille Saint-Saöns mit Überlegung und Absicht den frischen Hauch einer neuen Kunst in sich ein- gosogcn, die Grundlage gelegt für sein eigenes Schaffen, mindestens für jene Art seiner Musik, die ihn für alle Zeiten
hinaushob über das übliche Geklingel der gefälligen, auf äußere Wirkung gestellten Musik, wie sie die französische Schule jener Zeit hervorbrachte.
Ms dann unter dem Eindruck der schmerzlichen politischen Ereignisse der Jahre 1870/71 sein romamsches Temperament mit ihm durchging, da wollte er verleugnen, was ihnr bis dahin als reine künstlerische Wahrheit gegolten, wofür er sein großes Talent eingesetzt, woran er selbst eifrig Hand angelegt hatte. Damals wollte er erkannt haben, daß" die deutsche Musik den Franzosen nichts zu sagen habe, daß sie der Wesensart seiner Nation widerstrebe, und daß cs notwendig sei, eine eigene neue französische Kunst in der Musik zu schassen. Ihm ist geschehen, wie er es wollte. Die Jungfranzosen ließen es sich nicht zweimal sagen, daß es an ihnen sei, die Reform der Musik in Frankreich in Angriff zu nehmen, und sie machten sich an die Arbeit — geschützt von der Autorität eines Mannes, der ja Anspruch auf Beachtung schon längst verdient hatte, und dem man ein zutreffendes Urteil in einer solchen Frage gewiß zutrauen konnte.
Der Künstler, der sein Leben hindurch der Künder des musikalischen Wohllautes war, der Musiker, der in den strengen Formen des Kammermusikstilcs eines der vornehmsten Ausdrucksmittel der Musik erkannte, der in diesen Formen Hohes und Schönes hervorgebracht hatte, er mußte cs erleben, daß seine Jünger sich eine eigene Art' der Ton- spräche zurechuegten, die sie weitab führte von den klingen- den Argumenten überzeugender Musik, von der Tonwclt, die durch nch selbst und durch ihre allen verständlichen Reize wirkt. D,e Claude Debussy und Vincent d'Jndy, Paul Dukas und die jüngsten Sprossen der Schule — sie sind der Inbegriff,^ die Verkörperung des Grundsatzes, daß die deutsche Musik eine Welt für sich ist, in. der die Franzosen als^ Musikfreunde nicht selig werden können. Was Camille Saint-Saöns, der Mann der versöhnenden Harmonie, der Künstler der klingenden Schönheit sich denken mag, wenn Claude Debussy ihm seine Musik vovspielt, wie er cs empfinden muß, wenn die Jungfranzosen alle Gesetze der
