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Wiesbaden, Freitag, 7 . Oktober 1910,

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58. Jahrgang

Morgen- Ausgabe.

1. Matt.

DerMHogie".

Herr Steinmann * * Bücher, der Herausgeber der Deutschen Jndustriczeitung", des Organs des Zentrai- oerbandes deutscher Industrieller, kann, was wir gern anerkennen, ein beträchtliches Verdienst für sich in An­spruch nehmen. Er war es, der vor etwa eineinhalb Jahren zum ersteninal dre wahre Höhe des deulschen Nationalwohlstandes nach den gegebenen Grundlagen berechnet hatte, und mit dieser wichtigen statistychen Lösung gab er Professor Hans Delbrück die Pkogilchteit, seine vielerörterten Folgerungen in der Richtung zu ziehen, daß unsere direkten Steuern an einer unge­heuren Unterveranlagung leiden, eNle Aufdeckung, die bei der bevorstehenden Verwaltungü- reform ihre Konsequenzen haben wird. Wie man wLrtz, ist es die Absicht, den Land rat nicht mehr, als ooc- sitzenden der Einschätzungskoinmission fungieren hu lassen uird ihn damit der fatalen Lage zu enth-be.i, m die ihil eine oft unvermeidliche politische Me gesell- schoftliche Rücksichtnahme auf namhafte Kreiseiuge se lene bringen kann. Derselbe Herr «tenima m- Bücher nun, dessen Tätigkeit in der erwähnten Rrm- si.na jedenfalls schätzenswert ist, hat jungst rm den Ruf erhoben, daß der Hansabund seine Gegnerjchaft gegen den Bund der Landwirte aufgeben und sich zum Sammelpunkte aller patriotischeii Kräfte im Kample gegen die Demagogie machen solle. Bei dieser Gelegen­heit behandelte der Verfasser unser ganzes, gegenwär­tig so bewegtes politisches Leben wunderlicherweise unter dem Gesichtspunkte, als ob alle Unzufriedenheit eigentlich bloß das Ergebnis gewissenloser dema­gogischer Machenschaften sei, und als ob so­fort Friede und Eintracht gesichert wären, wenn man nur erst die L ä r m m a ch e r, besonders die sozlal- demokratischen, zur Ruhe gebracht hätte. Will er und wollen andere mit ihm jede parteipolitische Tätigkerl Demagogie" nennen, so braucht man keinem dies Ver­gnügen zu verkürzen, vorausgesetzt nur, daß es an der Objektivität nicht mcmpelt, die notwendigerweise Demagogie" nicht bloß bei den Gegnern, sondern auch bei den eigenen Freunden erkennen und ancc- fcntictt Tttufa ©tu berftänbiger ^Beurteiler in biciein Nnnv ist beispielsweise Professor Hans Delbrück selbst, der sick mit dem seltsamen -ArnM be^>

Herrn Steinmann-Bucher jetzt in denPreußischen Jahrbüchern" beschäftigt, um den Standpunkt des ge- nannten Herrn zurückznweisen, dabei aber auch emrge gute und annehmbare Bemerkungen anzufugerr^ Pso- fessor Delbrück findet mit Recht, daß wrr nrcht bloß eine rote Demagogie haben, sondern auch eine s ch w a r z c, wir haben audi eine nationale Demagogie, wir haben namentlich eine agrarische Demagogie. Mn

der einfachen FormelSammlung aller Patrioten gegen ^ die rote Demagogie" ist, so fährt Delbrück fort, also >n unseren komplizierten Verhältnissen nicht kommen, und der Hansabnnd beginge Selbstmord, wenn er dem Rate des Herrn Steinmann-Bucher folgen und sich zu einer Filiale des Verbandes zur Be­kämpfung der Sozialdemokratie machen wollte. Ler Hansabund ist eine Vereinigung zur Vertretung wirtschaftlicher Interessen in der Politik, darf sich mit keiner Partei identifizieren, sondern must ihnen allen gegenüber freie Hand behalten. So ntaojt es ja auch der Bund der Landwirte, der, so nahe er auch den Konservativen steht, doch auch viele Anhänger beim Zentrum und bei den Nationalliberalen hat. Der Hansabund muß, wenn er seinen Zweck erfüllen will, nocb viel vorsichtiger operieren als der Bund der Landwirte, da bei Handel und Gewerbe die Interessen in weit höherem Maße auseinandergehen als m der Landwirtschaft, wo sie ja auch nicht einmal ganz gleich­artig sind Der Hansabund ist ebenso wie der Bund der Landwirte der natürliche, prinzipielle Gegner der Sozialdemokratie: da er aber keine politische Partei darstellt, kann er auch nicht die prinzipielle Bekämpfung der Sozialdemokratie auf feine Fahne schreiben, sondern muß von Fall zu Fall suchen, wie er am besten die Interessen seiner Angehörigen wabrt. Delbrück glaubt daher kaum, daß der Ruf des Herrn Steinmann-Bucher selbst in deii Kreisen der schweren Industrie, die wirtschaftlich voir allen Gliedern des Gewcrln- standes den Agrariern am engsten verbunden sind, viel Beifall finden wird. Es geht nicht anders. In den nächsten Wahlkampf muß in getrennten Kolonnen marschiert, nach verschiedenen Fronten zugleich ge­kämpft werden. Wenn der Herr Reichskanzler und dieienigen, denen dieses Farbeniviel gar zu bunt ist, noch etwas tun wollen, am die Lage ?,it erleichtern, so sollten sie sich nicht mit Zureden abgeben, was wir­kungslos bleiben muß, sondern darauf denken, das jetzige Stieb Wahlsystem. das bei so durcheinander geschobenen Fronten notwendig verderblich wirken muß, noch rechtzeitig zu reformieren. .

Die Anregung, die Professor Delbrück rot , letzten Satz gibt, ist so wichtig, daß man sie nicht mit ein paar Worten abtun darf. Eine Reform unseres, As.hsiouch zweckwidrigen. Stichwahlsvstems gehört wirklich zu den dringendsten und nötigsten Aufgaben der Re:chi?- gcsetzgebung. Hiervon aber möchten wir lieber in einem weiteren und breiteren Zusammenhang sprechen.

Uoiitische Übersicht.

Wrmn kommen die Nenmaklen?

L. Berlin, 5. Oktober.

^um Btt>ettenmal hehnntziet derBortnärtA , dnß oic nächsten Reichstagswahlcn nicht erst im Herbst des , kommenden Jahres, sonderii schon zu einem früheren

Krmlleton«

Aus Kunst und Leben.

* Der musikalische Triumph eines Dreizehnjährigen. Seit Monaten schon hast ein Wunderkind, von welchem wir be­reits berichteten, die musikalischen Kreise Wiens rnMem, oas meteorgleich plötzlich am Horizonte crjchlenen ist und Mit einem Schlage im Mittelpunkte des Interesses Ntch. nur bei Fachleuten, sondern auch in den Salons des hohen und höchsten Adels, ja selbst bei Mitgliedern des KarseMuses stand. Es ist dies der dreizehnjährige, Erich Wostgang Korngold, der Sohn des bekannten Kritikers dn,. Neuen Freien Presse". Der Knabe ist ein Phänomen. Nicht etwa, weil er in seinem Alter schon komponiert. Das tun viele andere Wunderkinder auch. Das Unfaßbare an ihm ist der Charakter seiner Musik. Darin liegt nichts Kindisches, wie­wohl manch kindlicher Einfall, nichts Nachempfundenes, kerne Nachahmung gehörter oder erlernter Musik. Es ist ern eigenartig starkes Talent, das seinen eigenen Weg geht, un­bekümmert um eincngeiHde Schulmeisterei, die ihm gar manches dabei verbieten möchte. Seine Harmonik befrem­det im ersten Augenblick, sieht man aber näher zu, dann meist man eine unbedingt zwingende Logik, die das ganze Gebäude errichtet. Allch von einer Alterserscheinung an dem Kinde kann man nicht sprechen, denn nicht einzelne Würfe glücken ihm auf diesem Wege, ein konsequenter Ent­wicklungsgang tritt in seinem Schaffen zutage. Von seinem letzten Werke einem Trio für Klavier, Violine und Violon- ce« das soeben in derUniversal-Edition" erschienen ist, liegen die ersten Kenne, wie auch schon in der Pantomime Der Schneemann", die heute in der Hofoper ihre Urauf­führung erlebte. DerSchneemann" ist schon vor mehreren Fahren geschrieben, also einJugendwerk" des kleinen Komponisten. Auk eiaentümliche Weise ist er entstanden.

Die Phantasie des kleinen Erich lebt in Musik. Äußere Vorgänge, Stimmungen gewinnen in ihm musikalischen Ausdruck; was ihn innerlich anrogt, malt er phantasierend am Klavier Da gab ihm einst ein Freund der Familie die Aufgabe, eine Schncclandschaft musikalisch zu schildern, darin Kinder einen Schneemann bauen. Diese Vorstellung ließ nun den Kleinen nicht mehr los. Der Gedanke wuchs, spann sich weiter aus, nahm immer festere Formen an, dieser und jener gab ihm einen guten Rai zur szenischen Ausge­staltung, und so entstand parallel Handlung und Musik der Pantomime: Pierrot, der arme Musiker, liebt Colombine, das Mündel seines Onkels Pankalon, der selbst ein Auge auf das Mädchen geworfen hat. In seiner Verzweiflung verkleidet er sich als Schneemann, platzt so in das Hans des erschreckten Oheims und neckt diesen in seiner Herzensangst durch tolle Sprünge. Selbst die zu Hilfe gerufene Diener­schaft nimmt entsetzt Reißaus, der Onkel fällt in Ohnmacht, und diesen Augenblick benutzt das verliebte Paar zur Flucht. Der alte Pantalon hat das Nachsehen. Dies ist der Grundgedanke der mit viel mimischem und choreo­graphischem Beiwerk versehenen Handlung, die unverkenn- bar den Einfluß Erwachsener zeigt. Ganz allein gehört aber dem kleinen Erich die Musik. Graziös, charakteristisch in ihrer Zeichnung der Personen und Szenen, dabei ver­blüffend in ihrer technischen Reife. Die Instrumentation stammt allerdings von seinem Lehrer, dem Kapellmeister der 5wfoper, Alexander v. Zemlinsky, doch hätte auch die-,der kleine Tausendkünstler zuwege gebracht, er hat das Studium der Orchestration bei seinem Lehrer schon beendet doch, die Eltern ließen cs nicht zu, daß der Knabe mit dieser schwie­rigen Arbeit seine Ferien verbringe und t,

dessen zur Erholung an den Lido. Run hat das Werk der Kleine war bei allen Proben anwesend und saß sewst am Klavier - mit Franz Schalk am DirigentenpultcFrk WopalcnZky und Kerrn Godlewsky m den Hauptrollen i.i , ansgeLeichnerer Wiedergabe an der Hofoder seine Uriauj-

Zeitpuukt stattfindm sollen. Das sozialdemokratische Blatt schrieb kürzlich, die Regierung wolle mogl.äsit bald einen Reichstag haben, mit dem ste^ihre ..'cilltai- nnb Marinevorlage wie ihre neuen steuern und namentlich deii neuen Zolltarif zustandebringen könne, und deshalb eben solle aufgelöst werden. Heute w.eder- holt derVorwärts" seine Mitteilung. Trotz der Be­stimmtheit dieser Versicherungen hat man es selbstvei. ständisch nur mit einem Fühler zu tun TerBsr. wärts" kann unmöglich wissen, was wahrscheinlich Herr v. Bethmann-Hollweg selber noch mcht weiß und auch wenii sich der Reichskanzler schon über den Wahl^ termin schlüssig gemacht hätte,, würde er den .vor­wärts" vermutlich nicht in seine Absichten emgewTyt haben. Andererseits jedoch ist es nicht erlaubt, über! die Behauptung desVorwärts" leicht hinwegzugehen. Denn warum sollte nicht wahr werden tonnen wa- heute allerdings noch nicht wahr serokann, weil man eben nur von einer zukünftigen Möglichkeit sprechen! kann? Jedenfalls sind die Parteien ledoch gerüstet. Keine von ihnen würde durch eine vorzeitige Auflösung überrascht werden, und gar so vorzeitig Ware die An­beraumung von Neuwahlen ja auch nicht einmal, lvenst sie in: nächsten Frühjahr statt erst rm Herbst erfolgte. Zuletzt indessen muß nran fragen, wtzshalb der Wahl- tcrmin so weit zurückgerückt werden soll: denn m der bevorstehenden Session wird, schwerlich, ero arutc^ Er-- eigiti§ eintreteu. ciuf dn§ t)in der 97cuf}f>fun^ler c-.tte verfrühte Auflösung beschließen sollte. Seine Militär­vorlage wird er vermutlich bewilligt bekommen, und sonstige Aufgaben von politischer Sprengkraft wird der Reichstag kaum zu bewältigen haben. Erng Auslösung im Frühjahr würde überdies bedingen, daß , der Reichstag verfassungsmäßig innerhalb einesZeit­raums von neunzig Tagen nach erfolgter Auflojung zusannncntreten ,mißte. Welchem Zweck aber konnte eine Session im Hochsommer dienen? Es kommt hinzu, daß die Regierung wohl ganz gern wieder, einen Wahltermin bestimmen wird, an dem die l ä n d 11 ch e n Wähler leicht an die Urne zu bringen waren, wie das ja bei den letzten Wahlen in der für die Landwirtichast Verhältnismäßig belanglosen Winterszeit möglich ge­wesen ist Dieser Umstand dürfte dafür sprechen, dag die Wahlen vielleicht aar erst ziemlich s p a t nn nächstes Jahre stattsmden werden.

Politische Begriffsbestimniungen sind wie ein« Münze die durch fortdauernden Gebrauch an Wert ver­liert. 'Man kann gewisse, nun einmal geprägte Be­griffe freilich schlecht entbehren; sie erleichtern die ^us- einanüerfetzung zwischen den Parteien, enthebest

namentlich die Presse aller Parteien der Muhejedes­mal aufs neue und mit erst noch zu suchenden Worbst das zu sagen, was gesagt werden soll. Zu dreien -^e- griffsmünzen nun, wie wir sie nennen mochten, gehört auch dss Wort mm dm,bür»-Ii«°n P»rt-.°n-. gegenwärtig wird von bürgerlichen Parteien rm Gegen-

Hifmma erlebt eine Tatsache, die allein schon den Fall weit über das Alltägliche emporhebt. Und diese Uraufführung batte einen Rie'cnerfolg, immer wieder wurden die Mrt- wirkenden gerufen. Auch das belgische Komgspaar war bei dem musikalischen Triumph des Drerzehwahrigcn an-

wesend. .

* Eine Ausstellung gegen die Schundliteratur.D»v Ausstellung gegen die Schundliteratur, die gegenwärtig von der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Strftung m Ham­burg im Patriotischen Gebäude veranstaltet wird, zerfällt, tok Ö uns ans Hamburg geschrieben wird in ziver Hanpt- aruvven' typische Beispiele und Gegenbeispiele guter Volk». 3 t Litemtur in billigen Ausgaben. Die Gruppe der Beck viele die grundsätzlich ans die eigentliche Schund­literatur beschränkt ist, veranschaulicht in zahlreichen Probest die bewen Hauptformen, unter denen heute die Schund­literatur awftritt; Kolportagcromane tn Fortsetzungen, deren ^auvtbelden immer noch die unendlich edlen und tapferen änberbauptlente Rinaldo Rinaldinischen Gepräges ,rnd, und die Sammlungen äußerlich in sich abgeschlossener 16- und 20-Pfennighefte, die man nach der größten und ver-, breitetsten Sammlung als Nick-Eartcr-Hefle zu bezeichnen pflegt. Verherrlichen jene den romantischen Verbrecher aus verlorener eigener oder fremder Ehre, so schildern diese das; moderne Verbrechen und seine Verfolgung durch den Aller­weltsdetektiv. Geben sich die beiden Hauptformen dev Schundlliteratur gegenseitig an Blödsinnigkeit des In­halts und Gemeinheit der Form kaum etwas nach,, so wird man doch die sogenannten Rick-Earter-Sammlungen nicht allein wegen ihrer Erscheinungsweise in Einzekheflen, son­dern vor allem au.ch wegen der sensationellen Darstellung des gemeinen Verbrechertums fiir die weitaus gefährlicher« Art der Schundliteratur erklären müssen. Mit der Ein­führung dieser Verbrecherliteratur, hauptfäHüch aus Eng­land und Amerika, hat auch erst die heutige,Hochflut der , Schundliteratur ist Deutschland eingesetzt. Die Folgest der