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Wiesbaden, Donnerstag, 6. Oktober 1910»
58. Jahrgang.
Morgen-Ausgabe.
1. Wkcrtt. __—
PrLval-MädchenjchuLen.
Es gibt eine ganze Berufsschichte die im stillen leidet, von deren Leiden wenigstens bisher dre Öffentlichkeit nur wenig gehört hat, und das sind die Lehrer und Lehrerinnen an den Privatmädchenschulen. über es ist Zeit, daß den argen Mißständen auf diesem nicht einmal engbegrenzten, sondern im ganzen Staate waht- nehmbaren Gebiete abgeholfen werde. Das Privatmädchenschulwesen entbehrt immer noch jeder gesetzlichen Regelung. Für die Inhaber der Privatschnten ergibt sich daraus die Folge, daß der Zustand a o s o- luter Rechtlosigkeit häufig in wirtschaftlicher Beziehung geradezu verheerend wirkt. Es „ fehlt „„ an jeder gesetzlichen Bestimmung in bezug auf die Gehälter der Lehrkräfte, auf Alters-, Kranken- und Jnvalidttäls- versicherung. Diese Klagen, Beschwerden und entsprechenden Forderungen wurden wieder einmal laut auf der dritten Hauptversammlung des Bundes privater deutscher Mädchenschulen in Breslau, ^n d n Besprechungen wurde mrt Recht betont, daß dre Durch führung der Reform des höheren Madchenschulwesen- in Vreußen die Privatschulen und vor allen Dingen deren Lehrkräfte auf das empfindlichste trifft ohne daß die Betroffenen irgendwelchen gesetzlichen Rechtsschutz anrufen können. Es wurde besonders daran erinnert, däß die Privatschulen die weitaus größte Zahl unserer heutigen Frauen und Mütter unterrichtet haben und noch bis auf diesen Tag für den Unterricht von m e h r als 100000 Mädchen sorgen. Also wäre es. abgesehen von der moralischen Dankesschuld, ein schwerer, wirtschaftlicher Mißgriff, die in den bestehenden Prrvat- schuleinrichtungen vorhandenen Werte zu vernichten, zumal dürch diese Privatmädchenschulen dem Staate und den Gemeinden Millionen erspart werden. Abgeholfen kann aber nur werden durch gesetzlichen Schutz und ausreichende Unterstützung e n. Tie Nöte des Privatmädchenschulwefens werden^ im übrigen ja auch von der Regierung anerkannt. Schon der frühere Kultusminister v. Zedlitz hatte die Vorarbeiten für eine gesetzliche Regelung der Materie angeordnet- in der Budgetkommisffon des Abgeordnetenhauses ist die Frage wiederholt behandelt worden, und man kann ja nicht gerade von unfreundlicher Ablehnung seitens der Regierung wie auch der Palleten sprechen, sondern nur von Lauheit und Langsamkeit, was denn freilich schon hinreicht, um einen offenbaren Notstand über Gebühr zu verschleppen. Wenn dre hier behandelte Frage doch nicht ganz versumpft rst, so gebührt ein Verdienst hieran dem Abgeordneten Gyß- l i n g - Königsberg, der immer wieder und vor allem gestützt auf ein reiches statistisches Materral auf dre Regelung des Privatmädchenschulwefens hmdrangi. Auch an der Breslauer Versammlung nahm Gytzlm^ teil, um die von ihm entworfenen Leitsätze zur gesetzlichen Ordnung der Privatmädchenschulen zu begrün-
den. Alles, was da gefordert wird, ist so selbstverständlich und zugleich so maßvoll, daß bei entsprechendenr guten Willen von Regierung und Landtag der herrschende Notstand schnell und leicht beseitigt werden könnte. Die Versammlung kam den bei der staats- regicrung voranszufetzenden wie den schon geäußerten Bedingungen in jeder Hinsicht entgegen, selbstverständlich soll die Gründung von Prwatfchulen der Erlaubnis der Staatsbehörden bedürfen; diese Erlaubnis soll aber nur im Falle eines B ed ür f ni s f es erteilt werden, wobei konfessionelle und nationale Gesichts- punkte nicht außer acht gelassen werden sollen. Bei der Übernahme von Privatlehrer und -lehrerrnne ,n öffentliche Schulen soll die Zmt der, privaten Leht- tätigkeit angerechnet werden: die Privatlehrer sollen
staatlich wegen Krankheit. Invalidität und Alter unter Gewährung von S t a a t s z u s ch u s s e n versichert werden: gegen die Versagung und Entziehung der Erlaubnis mr Leitung von Privatschulen sollen durch. Gesetz Rechtsmittel iiti Verwaltungsgerichtsverfahren cecieBen werden: endlich soll der Staat durch Gesetz zur Gewährung von Zuschüssen an die Privatschulen mindestens insoweit verpflichtet werden, als dasSchulbednrs- nis durch die öffentlichen Schulen nicht befriedigt wird. Ties sind im wesentlichen die in Breslau geäußerten Wünsche. Wir wollen hoffen, daß die Frage des Vri- vatmädchenschulwesens nunmehr auf Grund solcher gut formulierter Ansprüche endlich, in geordnete Bahnen ko mmen möge. ^ _
|lt AgW Mt WeMmtr in MW.
II.
Die gestrige Versammlung führte, da die Rcichs- wcrtzuwachssteuer auf der Tagesordnung stand, einen uock> stärkeren Zustrom von Gästeii herbei ais der erste Tag. Zunächst nahm das Wort Reichstagsabgeordneler B e h r e n s, der christlich-nationale Arbeitersekretar, zu dem Thema „Tie Stellung der deutschen Aiöer.er- schast zur Wertzuwachssteuer". Nach, ihm ist diese tlivey Prinzips wegen eine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Tat von nationaler Bedeutung, deren volün Wert erst kommende Geschlechter erkennen werden Es gibt kaum eine andere Angelegenheit, die die Arbeiter derart interessieren muß, wie diese Steuer. >zede -whw erhöhung wird zum größten Teil von der:J?J? öen , reute wieder aufgezehrt. Der gewerkschaftliche und genossenschaftliche Weg allein und das Pochen aus den Hukunftsstaat führt die Arbeiter nicht zum sondern in die Verzweiflung. Angesichts dieser Tatsache haben die Arbeiter ein Interesse daran, daß, das Gesetz in der ursprünglichen Gestalt, die die Regwrungsvar- laae aufwies, angenonnnen wird, denn es bietet ctne der wichtigsten Möglichkeiten, die Zuwachs reute für die Gesamtheit zurückzugcwinnen, und ist zugleich ein Mittel zur Gesundung der Boden- und Wohnungsfrage. — Professor Koppe-Marburg nimmt hierauf das Wort: Ter Engländer stuart
M i I l hat den Begriff des unverdienten Zuwachses geschaffen, und die ganze wissensch aftliche Welt hat um
aufqegriffen, in Deutschland vor allem L i s z t. Tie Gemeinden hätten nie einen solchen Aufschwung genoni- men. wenn nicht das Reich die Grundlage geichaffen hätte. Deshalb solle es auch an dem Gewinn beteiligt sein. Die Wertzuwachssteuer erregt jetzt die ONent- l-chkeit und wird sie in den nächsten Monaten beschasu- gen. In der K o m m i s s i o n s f a,s s u n g wird aber das Gesetz das beabsichtigte Ziel nicht erreichen, es muß Verwahrung dagegen eingelegt werden, daß diese Vorlage der Auffassung der Bodenreform entspreche. Alle abschwächenden Zusätze gaben ,, der Vorlage vas Bild eines Löwen, dem man die Zahne ausgebrochca habe Soll richtig gewertet werden, so muß dem Er- werbspreise der Verkaufspreis entgegengestellt werden ohne Anrechnung der Gebäudcabnutzung und dergleichen. Es ist die Zurücksührung der Vorlage am den klaren Gedanken der Bodenreform notwendig wenn das Gesetz seinen Zweck erfüllen soll. Bei der Vorlage sei die Rcgieruiig in einer Zwangslage gewesen. -rech die Ablehnung der Erb sch as t s si. e n e war cm«
Erbitterung geschaffen, wre sie seit Begründung des Reiches noch nie bestanden. Um nun,aber volkstumlme Sienern fttt schaffen, I)abe man btc^c Vorlage •< 0 bracht, deren Wiederherstellung in ihrer ursprünglichen Gestalt nötig sei zum Segen ei,res auf freiem Boden stehenden Geschlechtes. (Starker Veisall.) — Wirkliche' Geheimer Rat Professor Dt. Wagner nnnmt darauf das Wort zu seinem Korreferat, tu welchem er utt wesentlichen seinem Vorredner zustnmmt., Auch er erklärt es für notwendig, daß das Reich, die Quelle von Recht und Sicherheit, die Steuer erhält. Wenn man einem öffentlichen Körper das Recht zuspricht, an dem durch ihn geschaffenen Gewinn teilzunehmen, so, ist oas ausschließlich das Reich, das alleiii in der Lage isr, diese Frage einheitlich zu regeln. Es liegt nun gewt.set- maßen ein Widerspruch dariii, daß wohl der .nnmooi- liarbesih. nicht aber der mobile getroffen werden soll An Beispielen weist er die Schwierigkeiten der letz-er«n nach und stellt die Forderung auf, daß wenn dre erste * Sleuerart zur Einführung gelangt, diese mrt mogbü.st vielen Ergänzungen versehen werden muß Der Redner b e d au e r t. daß die E r b s cki a st s st c uct mcht cingeführt ist. Es ist das ein Fehler, der sich schon l-tzt bemerkbar macht. Mit beu Mitteln, die die Wertzuwachssteuer dem Reich zusühren soll, können andere- Steuern vermieden oder erleichtert werden. Er fchnetzt mit den Worten: üoffe, das; Freihändler, Katheder-
lind Staatssozialisten voii dem Gedanken ausgliigen. für des Reiches und Volkes Wohl zu arbeiten, wie Wissenschaft aber darf die Führung noch immer beanspruchen!" — Aus der sich anschließenden Debatte sind besonders interessant die Ausführungen des Vertre er der Landwirtschaft, des Rittergutsbesitzers v. schwerln aus Obersteinbach. Er sprach aus, daß ut.ehr -.1 b durch Verkauf als durch Erbgang in andere Hände „übergeht Ten Vorteil hiervon haben die Guterschlaaster. Deshalb kann die Landwirtschaft der Vorlage nur sympathisch gegenüberstehen. — Z" Beginn der vtach- niittagssitzung bringt der Vorsitzende lolgende R c , o lution eins die einstimmig angenommen wird: „Ter.
Femlletmr.
(Nachdruck »erboten.)
3m Paraöles öer Tiere.
Von Erich Köhrcr.
Seit langen Jahren hat keine Neuerscheinung ans dem Büchernrarkt solches Aufsehen erregt wie das Werk, in dem im vergangenen Herbst Karl Hagenbeckden Extrakt seines Lebens und Schaffens der Ossentlrchtett unterbreitete. Unter dem anspruchslosen Titel ^»Von Menschen und Tieren" ließ dieses auch an dieser stelle schon besprochene Buch Einblicke in ein Menschenleben tun, das von unermüdlichem Vorwärtsdrängen, von rastloser Arbeit und heißer Schöpferkraft, von eherner Energie und unbeugsamer Tatkraft erfüllt war. Mit ungewöhnlich plastischer Lebendigkeit schildert Hagen- beck den allmählichen Ausbau und die Entwickelung des gewaltigen Werkes, das sein Tierpark bei Hamburg bedeutet " Seine Darstellung spannt das Interesse aufs höchste und gibt ein anschauliches Bild von Art und Absicht seiner Schöpfung.
Wie aber verblaßt die Erinnerung an diese Lektüre vor der prachtvollen Wirklichkeit. In endlos scheinender Fahrt führte mich jüngst die elektrische Straßenbahn durch die Hamburger Vorstädte, durch Gegenden, auf denen der Schatten des Elends lag, an unbebauten Feldern und öden Sandwüsten vorbei, hinaus nach Stellingen. In den leichten pxlaum des ^vühlrngs- morgens wuchsen dann plötzlich phantastische Gebilde
hinein, allerhand exotische Trere seltsam verschnörkelte Bauten Felskuppen, die in der Flachhert der norddeutschen Tiefebene verblüfften und merkwürdige Banl'.ch- keiten, deren Zweck zunächst nicht einleuchtete
Als ich eine halbe Stunde spater zwstwen den beiden strammen Gestalten des vom Alter noch nicht im mindesten gebeugten Karl Hagenbeck und seines soyncs Lorenz die Wege des Parkes durchwanderte, gewatin ich erst den richtigen Überblick darüber, was für eme starke Individualität der Mann sein muß. der diew^ Werk aus dem Nichts geschaffen hat ^n kaum orer Jahren ist hier ein Tierpark entstanden, dessen landschaftliche Schönheiten nicht minder entzücken wie die verblüffende Fülle und Maiinigfaltigkeit seines zoologischen Inhalts. Man wird dabei unwillkürlich an die Geschichte'vom Ei des Columbus erinnert. Jetzt, nach der Ausführung erscheint der Grundgedanke, ans dem das Ganze basiert, so selbstverständlich und klar, daß man nicht begreift, warum es so lange dauern mußte, bis einer ihn verwirklichte. Hagenbeck ist bei der An- laae seines Gartens von dem Grundsatz ausgegangeu, dem Publikum von einem bestimmten Punkt aus m diesem Fall vom Restaurationsplatz aus, ern möglichst umfassendes Bild der gesamten Tierwelt zu geben, u> ,d zwar möglichst in der Werse, daß der Beschauer, dre Gitter und Gräben, durch die die, Tiere getrennt und nicht sehen kanii. Tatsächlich gewinnt man von d.e u. Platz aus den Eindruck, daß sämtliche Trere W gezwungener Freiheit bewegen. und durcheinander tummeln. Der alte Traum von einem Paradies scheut erfüllt, in dem Vögel,. Schafe. Löwen m bem und Bären friedlich Miteinander verkehrten. De. imct
auf dies. Tierparadies gehört zu den stärksten Eindrücken die ich je gewonnen habe. Und daber ist das. Geheimnis dieser verblüffenden Darbietung 11 , Öfen Tie Wege zwischen dem Vogelieich, dem Heu- sresseraeheqe, der Löwenschlucht und dem Alpinum sind so tief angelegt, daß der Beschauer, der vor dem Vogel- teich steht, diese Wege und das auf ihnen befindliche Publikum nicht sehen kaiin, sondern glauben tnuß, ernte einzig-- zusammenhängende Anlage vor sich zu haben. Allerdings sind tatsächlich im Vogelteich wie im Heu- sressergehege eine Menge Tiere miternander „ver- eimat die man sonst in den üblichen zoologischen Gartew streng voneinander zu trennen pflegt. Es ist sehr nwfssant M beobachten, wie diese verschiedenartigen- Twre miteinander spielen. Damit das Publikuni ernennen kaiin, welche Tiere es vor sich hat, sind an den Gehegen Abbildungen angebracht, die es leicht ermög-j lichem die einzelnen Bewohner herauszusuchen und zst- erkennen.
Ein wichtiges Prinzip Hagenbecks besteht daun, den Tieren möglichst viel frische Luft zu geben und sie, so-, weit irgend angängig, nicht in geheizten Räumen zw halten. So hat er Känguruhs, Cervicapra-Autilopen/ Weißschwanzgnus, neuerdings auch Weißbartgnus-. Wasserbockantilopen, Elenantilopen Sommer und Winter im Freien gehalten. Bei starker Kälte, Sturm und Regen stehen den Tieren kleine Schutzhäuser zur Verfügung, die aber nicht geheizt werden.
Besonderen Erfolg hat Hagenbeck in der Tierzucht zu verzeichnen. Im letzten Jahre wurden sieben prächtige Tiger und nicht weniger als 27 Löwen, in seinem Tierpark geboren. Erst vor kurzem hat „eine Löwm
