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Nr. 4S». Wiesbaden, Mittwoch, 3. Oktober LDS«.
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Morgen - Ausgabe.
_ 1. jSCaff.
Politische Kverficht.
Hansttbnnd und Roichswertxnwnchsstener.
Aus dem Westen wird uns geschrieben: Das Verdienst, den Hansabund von der Unannehmlichkeit der Gegnerschaft gegen die Reichswertzuwachssteuer und des Liebäugeln" mit den Agrariern zu befreien, erwarb sich in einer Versammlung in Dortmund, allerdings recht unfreiwillig, der als Referent auftretende Verbandssyndikus Deutscher Terraininteressenten, Dr. Wühler aus Berlin. Die von 800 Personen besuchte Versammlung war vom Hansabunde, -Ortsgruppe Dortmund, einberufen. Dr. Wühler behandelte von Anfang nn den Hansabund als erklärten Bundesgenossen der städtischen Grundeigentümer. Er erzählte von Berliner Stadtverordneten, die nur Schwarzbrot essen könnten. Das seien die Hausbesitzer, deren Einnahmen zuruct- gingen und deren Steuerleistung sich immerfort erhöhe. Bedeutend besser gehe eschen Mietern, » besten aber den Beamten, dre der Latten diese wirtschaftlichen Argumente schon verblüfft, so schlug das militärische, daß der Referent als pieußi- scher Offizier gewiß den patriotischen Interessen diene, dem Faste vollends den Boden aus. Alle Redner traten Herrn Wühler entgegen, auch Dr. Boldt, der „Vater der Reichswertzuwachssteuer". Vielleicht am wichtigsten aber war, daß der Vorsitzende, Direktor Franke, die Behauptung des Referenten, der Hansabund sei Gegner der Reichswertzuwachssteuer, als durchaus unrichtig bezeichnete. Er sei neutral, und die Versammlung sollte nur einer Aussprache dienen. Eine vor langer Zeit erfolgte, wenig klare Äußerung der Zentralleitung betreffs dieser Steuer gilt als erledigt. Schließlich wurde eine Resolution, bie Herr Wühler mitgebracht hatte, abgelehnt, dagegen eine von Stadtrat Dr. Boldt formulierte zugunsten der Reichswert- zuwaichssteuer mit großer Mehrheit angenommen. Tie beschlossene Resolution hat folgenden Wortlaut: „Tie von etwa 1000 Personen aus allen ständen und Parteien besuchte Versammlung bittet den Reichstag dringend so bald als möglich im Interesse des Reichs und der Gemeinde eine Reichswertzuwachssteuergesetz anzn- nehmen. Tie Steuer ist so zu gestalten, daß mäßige Gewinne, die seßhafte Hausbesitzer und Grundbesitzer nach längerer Eigentumdauer erzielen, in weitgehender Weise geschont werden. Dagegen sind die hohen Gewinne, die von der Terrainspekulation, dem unbebauten Grundbesitz und dem Grundeigentum in G e s ch ä s t s st r a ß e n in aufstrebenden Gemeinden erzielt werden, kräftig zu be-
steuern, damit anderweitige drückende Steuerlasten, die die erwerbstätige Bevölkerung und insbesondere die Minderbemittelten treffen, vermieden werden."
Kevt dev Marxismus «och?
Lebt der Marxismus noch? Mit dieser Frage, die oft verneint wird, beschäftigt sich in einem eingehenden Aufsätze die „Leipziger Volkszeitung". Sie gibt den bürgerlichen Verneinern der Frage entschieden unrecht, aber sie läßt im Grunde nur drei lebende Personen als schaffende Marxisten gelten: Karl Kautsky, Franz Mehring und Rosa Luxemburg. Wenigstens nennt sie von Schriften, die den Marxismus entweder theoretisch weiter entwickelt oder sriichtbar auf bestimmte GesichW- oebiete angewandt haben, nur solche aus der F.ed^r dieser drei. Man hat früher über die „heilige Fannlle Marx gespottet; und nun soll es der überlebenden Ein- geweihten auch nur obige drei geben! <^ehr schlimm für den Marxismus, diese kleine Zahl der Fortsetzer des Marxischen Werks! Aber das radikale Leipziger Blatt schöpft seinen Trost aus der (kühn behaupteten, aber schwer zu beweisenden) Tatsache, daß das Verständnis für die Marxische Gedankenwelt in die weitesten Schichten des Proletariats gedrungen sei. Auch mit der Behauptung, die produktiven Marxisten seien aus jene drei zusamniengeschrumpft, hat das Blatt gewiß unrecht. Es gibt Dutzende von sozialistischen ilnd halbsozialistischen Schriftstellern, die auf dem Boden des Marxismus, insbesondere des historischen Materialismus stehen. Aber hier erhebt sich schon die Frage: Was ist Marxismus? Und ist der Geschichtsmaterialismus das Wesentlichste an ihm? Oder ist es der Klassenkampf? Oder die Vevelendungstheorie und die Auffassung, daß mit der Masse des Elends und der Zahl der Elenden attch die Macht der Elenden wachse, so daß sie doch nur die dünne kapitalistische Hülle der bereits gesellschaftlich gewordenen Produktion zu sprengen brauchen, damit sich die Gesellschaft als sozialistische entpuppt? Je nachdem, wird die Antwort auf die Frage: „Lebt der Marxismus noch?" eine sehr ver
schiedene Beantwortung erfahren. Das radikale Leipziger Blatt ist auf diesen tiefen Sinn der Frage gar nicht eingegangen.
Die Uevsch-rndelirirg Helgolands.
Ich weiß nicht, wie die Insel ausgesehen hat, so wird dem „Berl. Tagebl." geschrieben, als sie noch in englischem Besitz war. Aber daß sie nicht soviel beleidigend geschmacklose Gebäude auszuweisen hatte, wie jetzt, wo sie zum Deutschen Reich gehört, das kann man aus den alten Abbildungen ohne weiteres ersehen.
Steinrechtecke wie das Warmbadehaus, das Hotel Zum deutschen Kaiser, das Kurhaus gehören zuin schlimmsten Kitsch, den ein Berliner Vorortbaumeister zu schassen imstande ist, und stehen in krassem Gegen- satz zu den anmutigen Holzhäuschen der Helgoländer
38. Iahxgang.
Fischer, die — Gott sei Tank! — noch in der Mehrzahl
vorhanden sind. ^ „ ,
Daß das Oberland durch die Befestigungsanlagen und die Telegraphenstation nicht an Schönheit gewonnen hat, wird ebenfalls jeder zugeben. Ein Jammer ist es daß an den prächtigen, grotesken Felswänden geschmacklose Abflußrohre frei, unverdeckt zum Meere
hinabstreben! . m
Ilnd nun der neue Kriegshasen! Krane und Bagg.n- niaschinen machen einen Heidenlärm, Schlote rauchen, auf dem Oberland rattert eine Eisenbahn, und auf den! Wiesen, auf denen sonst Lämmer friedlich grasten, liegen haushohe Steintrümmerhaufen, so daL man mrs einem Berliner Abbruchsplatz fein glaubt. ^^
Wege, die durch häßliche Drahtzaune abgegrenzt sind, werden immer schmäler, so daß jetzt knapp zwei Pei- sonen nebeneinander gehen können. . .
Kurz und gut: ein in seiner Art einziges Felgen, eiland ist in bedauerlicher Weise verschandelt worden.
Die Bevölkerung befürchtet mit Recht ein Nachlaßen des Fremdenverkehrs, auf den sie doch schließlich angewiesen ist. t _ . , .
Möglich, daß nach Vollendung des Hasenbaue»
Helgoland wieder ein etwas freundlicheres Aussehen gewinnt, möglich, daß man die ungeheuren ^.runnner- Haufen aus dem ^berlande Mieder entsernr, ^möglich auch, daß man geschmacklose Gebäude am llnterlande, — vor allen Dingen das Kurhaiis — später einmal durch würdigere, mehr in das Milieu passende ersetzt, daß man die scheußliche Bedürfnisanstalt unmittelbar an der Landungsbrücke beseitigt — zurzeit ist Helgoland gerade für den, welcher das Felseneiland seiner Naturschönheit wegen aussucht, ein wenig erfreulicher Aufenthaltsort. y
Deutsches Reich»
* Der Gegenbesuch des deutschen Kaiserpaares am belgischen Hose ist jetzt auf Ende Oktober angesetzt worden. Die Ankunft des Kaiserpaares in Brüssel erfolgt nach den bisherigen Anordnungen am 25. Oktober. Die Prinzessin Viktoria Luise wird ihre Eltern auf dieser Reise begleiten.
X Neuer Etat und Denkschrift der Eisenbahnverwaltung. Gleichzeitig mit dem neuen Etat wird dem Landtag eine Denkschrift der Eisenbahnverwaltung zugehen, die gegenwärtig der Fertigstellung entgegengeht. In der Denkschrift wird eine Darlegung der Grundsätze enthalten sein, nach denen bei Ausstellung des Betriebsetats verfahren wird. Insbesondere wird sich die Denkschrift darüber äußern, nach welchen Grundsätzen die Ausgaben für Bauausführungen mib Beschaffungen auf das Ordinarium und ans das Extraordinarium des Etats übernommen werden. Was die Aufstellung des Etats selbst arrbetrifft, so wurde bierzu eine Resolution im Abgcordnetcnhause angenommen, in der gefordert wurde, daß der Eiscnbahnetat
Feuilleton.
(Nachdruck »erbaten.)
§allenöe Blätter.
Novellette von Paul Blitz.
Frau Melanie saß auf der Veranda ihres Sommer- Häuschens und sah mit leiser Wehmut dem Tanz der gelben Blätter zu; die Stickerei, an der sie so lange .gearbeitet hatte, war ihr in den Schoß gefallen, und nmr blickte Frau Melanie nachdenklich in die Helle, durchsichtig blaue Hervst- luft und dachte an die Zukunft und baute Lustschlösser.
„Tantchen! Tantchen!" klang es da vom Park her.
Frau Melanie fuhr aus ihren Träumen aus. „Na, was gibt es denn wieder?" fragte sie mit leichtem Un- willen über die Störung.
Lächelnd und mit erhobenen Händen trat Lotte, die Nichte der Witwe, näher. „Ja, weißt du denn, was ich habe? Ein Telegramm habe ich!"
„Ach, gewiß von Karl!" rief Frau Melanie und griff danach. Mit einem Male war sic wie umgowandelt; erregt und voll herzlicher Freude und zitternd riß sie das Papier auf und überflog die paar Zeilen. „Er kommt! In einer Stunde kommt er schon!" jubelte sie und war ganz rot im Gesicht vor Aufregung, so daß Lotte sie erstaunt ansah. Nun begann ein neues Leben in dem Sommerhäuschen.
Die Gastzimmer wurden in Ordnung gebracht, in der Küche wurde gebacken und gebraten, aus dem Keller wurden die besten Weine heranfgeholt, und was man an Blumen und Grün noch fand, wurde abgeschnittcn und zu Kränzen und Girlanden gewunden.
Mit gespannter Aufmerksamkeit übersah Frau Melanie alles, bald war sie hier, bald dort, ordnete an und verbesserte und hatte für alles einen offenen Blick und konnte sich nicht genug tun, um den Empfang des Gastes so festlich als Möglich zu gestalten.
Lotte sah ihr schweigend zu. So hatte sie die Tante ja noch nie gesehen. Sie fand keine Erklärung dafür, mochte aber auch nicht danach fragen.
Endlich aber sing Minna, die alte Magd, an zu sprechen; auch sie hatte sich lange im stillen über die Erregtheit der gnädigen Frau gewundert, nun ertrug sie es nicht länger, nun machte sich die Wissbegierde Lust. —
„Fräulein Lotte", begann sie, „ich glaube — aber nein, fast , möchte ich es garnicht sagen."
„Na, was denn, Minna?" fragte Lotte, indem sie emsig an dem grünen Kranz wickelte und wand.
„Ich glaube, Fräulein Lotte, unsere gnädige Frau wird noch mal heiraten."
Lotte sah erstaunt auf.
„Ja, ich glaube es, Fräulein", sagte dre alte Dienerin, „und der alte Johann hat es auch gemeint."
„Aber, wie kommen Sie denn nur darauf, Minna?"
„Du lieber Gott, ich bin nun schon zwölf Jahre hier im Hanse, und da weih man nachgerade — nämlich der Herr Karl Walter, der jetzt kommen soll —". Sie zögerte.
„Nun, was ist mit ihm?" fragte Lotte begierig.
„Der wird es wohl werden."
„Aber, Minna!"
„Wenn ich Ihnen sage, Fräulein, der wird es, passen Sie auf, daß ich recht habe!"
Beide schwiegen, da die gnädige Frau kam und zur Eile antrieb. Dann nahm sic Lotte mit ins Eßzimmer, wo gedeckt werden sollte.
Lotte dachte noch immer an die Wone der alten Minna, und^o unglaublich ihr die Neuigkeit a»ch zuerst vorqc- konimen war, nach und nach war sie schon mehr geneigt, dock -daran ernsthafter zu denken, und die Aufregung der Tante sprach auch nur noch mehr dafür, daß dre aue Dienerin recht haben konnte. „
Während sie den Tisch deckte, dachte sie noch immer daran. Es siel ihr ein, daß die Tante schon Tausende geopfert hatte, um die Ausbildung des jungen Maler-- Karl Walter zu ermöglichen, daß sie ihm dw Mittel gegeben,
- mit denen er seine grossen Kunstretsen zur Pollenoung »
seiner Studien machen komrte, und unwillkürlich dachte i>e jetzt daß die Tante bei alledem auch eine Absicht gehabt haben konnte; sie war Witwe, war reich und unabhängig, jung und lebensfroh war sie auch noch, und er war jetzt ern berühmter Mann. Also unmöglich war es za nicht, dass diese Freundschaft mit einer Heirat enden komrte, wre oie alte Minna so genau wissen wollte.
Aber zu längerem Nachdenken blieb ihr keine Zeit, denn nach wenigen Minuten kam die Tante schon wieder, die noch neue Arbeit für sie hatte.
Eine Stunde später kam Karl Walker an.
Frau Melanie begrüßte ihn wie einen alten Freund und führte ihn stolz am Arm durch all die Blumen und
Laubgewinde. .^
Mer meine verehrte, gnädige Frau, sagte er. „Sie bereiten mir ja einen Empfang, als sei ich ein Fürst."
Ja" antwortete sie lächelnd, „wir wissen, was wir, einem so'berühmten und gefeierten Künstler schuldig sind."
Mit herzlicher Freude dankte er für alles. Dann begrüßte er die alte Minna und den Johann, und schließlich stand er vor Lotte.
Fräulein Lotte Bergemann", stellte Frau Melanie vor, meine Nichte, eine Waise, der ich die Heimat ersetzen will." " Lotte knixte; als er ihr die Hand gab und sie ansah, fühlte sie, das; sie rot wurde.
Als sie später bei Tisch saßen, war Lottes Platz dem Gast gegenüber. Die Tante saß neben, ihm. Er sprach viel von seinen Reisen und Abenteuern, erklärte seine neuen Pläne über Bilder und Ausstellungen und war bei bester Laune; aber wenn schon er fast immer nur zu Tante gewendet sprach, Lotte merkte es doch, daß er in jedem freien Augenblick den Blick auf sie richtete.
Nach dem Essen sprach er sodann zum ersten Male aus- schließlich mit ihr. Die Tante war ein paar Minuten abgerufen, und so waren sie beide allein. Er sprach von ganz gleichgültigen Dingen, aber unausglesetzt sah er sie dabei an, und so tief und prüfend, als wolle er im Grunde ihrer Seele lesen.
Zuerst war sie befangen und verlegen, schließlich aber
