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Nr. 4«L.
Wiesbaden. Dienstag. 4. Oktober 191«.
58. Jahrgang.
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58. Jahrgang
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Das „Wiesbadener Tagblakk"» daswöckzenk- lich zwölfmal erscheint, ist nicht nur die älteste und beliebteste Zeitung Wiesbadens, es ist auch das grösste, führende tibrrale Blatt Nassaus.
Der Vergleich mit allen anderen naffauischen Zeitungen macht es jedeni urteilsfähigen Leser deutlich, daß das „Wiesbadener Tagblakt" nicht nur von den besten Mitarbeitern, Korrespondenzen und Telegraphen-Bureaus auf das pünktlichste bedient wird, sondern daß es auch die weitaus nnrfang- rrirlxstc und vieileitrgste Zeitung Nassaus ist, daß sein politischer Teil der ausgedehnteste und reichhalligste ist, daß seine Parlamenksberichte die eingehendsten sind, daß sein Feuilleton den meisten unterhaltenden und aktuellen Lesestoff bringt und im lokalen und provinziellen Teil über alle beachtenswerten Vorgänge in Stadt und Land schnell und ausgiebig berichtet wird. Auch Handel »ud Volkswirtschaft, Gerichlssaal und Spiel und Sport werden eingehend bearbeitet. Die Hausfrauen finden besonders viel Unterhaltendes und'Nützliches in seinen Spalten, so alle Woche eine ausführliche H aue-wirtschaftliche Rundschau, ferner Modeberichte, Artikel zur ffrauen- srage rc. Ls dürfte kaum ein zweites Blatt in Deutschland geben, welches für einen gleichen Abonnementsxreis so viel Lesestoff bietet wie das „Wiesbadener Tagblatt".
Das „Wiesbadener Tagblatt" hat 12 unentgeltliche Sonder-Beilagen, und zwar: Die tägliche Beilage „Der Roman", die Beilage „Amk- *' ze Anzeigen", die jeden Samstag-Abend cr- ijeinende volkstümliche Beilage „Der Landbote", otc Sonntags-Beilage „Wiesbadener Knrleben", die „Vrrlosnngsliste", die „Hauswirkschsfl- tiche Rundschau", die zwei ,4 tägigen Beilagen „Unterhaltende Blätter;' „Illustrierte Kinderzeitung", die monatliche Beilage „All-Naffau", ferner den „Tagblatt-Fahrplan" (Sommer- und wintcr-Ausgabe) und den schmucken „Tagblatt- Kalender".
Das,, Wiesbadener Tagblatt" veröffentlicht die ausführlichen Kurse der Frankfurter Börse in Tor ' Morgen-Ausgabe des folgenden, die wichtigsten Kurse der Berliner Börse noch in der Adrnd-Ausgabe desselben Tages.
Als Anzeigenblatt ist das „Wiesbadener Tagblatt" durch seine weite Verbreitung und textliche Reichhaltigkeit von anerkannt erfolgreichster Wirkung und deshalb auch von jeher das bevorzugteste Veröffentlichungsmittel Wiesbadens und seiner Umgebung.
Der Vrrlag.
Kis MN MrWültsn?
Sieben Wochen dauert jetzt bereits der Arbeit? kainpt iin Sck'.iffsbaugewerbe, der — diese wichtige Tatsache darf nicht vertuscht werden! — von den Arbeitern angefangen wurde, und zwar angefangen zu einer Zeit, wo ihnen die Position der Arbeitgeber als ungünstig erschien, so daß sie ihnen ihreForderung diktieren zu können meinten. Hierin freilich haben sich dieArbeiter, die von der ioLialdemokratischen Theorie beherrscht sind,
daß ihnen der freie Blick für die wirtschaftliche Konjunktur versperrt ist, arg getäuscht. Das schisssbaic- gewcrbo hat infolge der Überproduktion, die vor etwa einem Jahrzehnt durch den verschärften internationalen Wettbewerb einfetzte, so , gelitten, daß die Tivideiwen unserer größten Reedereien in d>en letzten Jahren auf den Gefrierpunkt sanken. Seit etwa einem Jahre aber hatte eine immer noch sehr bescheidene Besserung eingesetzt. welche die Arbeiter alsbald zur Geltendmachung weitgehender Forderungen» wie die Lohnerhöhung uni 10 Prozent, Herabsetzung der wöchentlichen Arbeitszeit von 57 auf 63 Stunden und dergleichen mehr, benutzen zik können meinten. Die Schiffsbanwerften lehnten diese Forderung ab und mußten sie ablehnen, wenn sie nicht die ohnehin schwache Rentabilität ihrer Betriebe gefährden wollten. Darauf erklärten die Hamburger Werftarbeiter den Krieg mit der ausgegebenen Absicht, in der Form des Einzelkampfes, der den Kämpfenden die Streikunterstützung der andercii beschäftigten Arbeiter sichert, l'ie Arbeitgeber portionsweise lahm- znlegen. Allein auch diese haben von der modernen Strategie der Arbeiter gelernt, und so setzten sie jenen die gleiche Taktik entgegen, indem sie auf den Streik mit der Aussperrung antworteten, die im Umfang von 60 Prozent sämtlicher im Schiffsbau, beschäftigter Arbeiter erfolgte, worauf auch die übrigen 10 Prozent die Arbeit niederlegten.
Allein wenn die zwischen dem Gesamtverbande der deutschen Metallindustrie und den beim Werftarberier- strcik beteiligten Arbeiterorganisationen eingeleiteten Verhandlungen, die in Hamburg wieder ausgenommen werden, nicht zum Ziele führen, dann wird der Kampf ans eine noch viel breitere Grundlage gestellt werden. Ta angesichts der umfassenden Unterstützung, welche die Schisfsarkeiter vom deutschen Metallarbeiter- verband erhalten, ein Ende des Kampfes im Schiffsbaugewerbe überhaupt nicht abzusehen ist, haben die Arbeitgeber in der Erkenntnis, daß, wenn sie diesmal unterliegen, sie den sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen ans Gnade und Ungnade ausgeliefert sind, sich entschlossen, den von den, Arbeitern er- öffneten Krieg auf der ganzen Linie zu führen, da sie nur so den Gegner niederzuringen hoffen dürfen. Der Ausschuß des Gesamtverbandcs der deutschen Metallindustriellcn hat infolgedessen bekanntlich le- schlossen, am 8, Oktober 60 Prozent aller in der Metallindustrie beschäftigten Arbeiter — das wären , etwa 400 000 — so lange auszusperren, bis die ’ö cfj t f f e- b a»arbeiter 'die Arbeit wieder ausgenommen haben. Ter Zentralverband der Metallarbeiter , ver- füate zu Beginn des Jahres über mehr als 6 Millionen Mark, von denen aber ein Teil schon für die streikenden Werftarbeiter ausgegeben worden ist. Tritt die Aussperrung der 400 000 Metallarbeiter in Kraft, dann langen die Mittel des Verbandes nicht für mehr als eine Woche, und wenn anch die sozialdemokratischen Gewerkschaften, die über ein Vermögen von mehr als 40 Millionen Mark verfügen, den Metallarbeitern b e i s p r i n g e n werden und auch aus dem Auslande Unterstützung zu erwarten ist, so dürfte sich doch zum Schluß auch bei dieser Gelegenheit zeigen, daß das Kapital einen längeren Atem hat als die Arbeiterorganisationen.
400 000 ausgesperrte Arbeiter bedeuten weit über eine Million U N t e r st ü tz u n g s b e d ü r f t i g c, und eigentlich sollten auch die Arbeiterorganisationen einsehen, daß sie bei einer solchen Ausdehnung der Scblachtlinie auf die Tauer den kürzeren ziehen müssen. Ten Arbeitgebern aber wird es kein gerecht Urteilender verdenken, wenn sie dem Schrecken 0 h n e E n d c„ dem sie durch die plangemäß betriebene Hinaus schraubung der Arbeiterforderungen ausgesetzt sind, enr Ende ohne Schrecken vorziehen. Wird es dazu kommen? Werden die Gewerkschaften, deren Leiter sich bisher als nüchternere Rechner erwiesen als die Führer der Sozialdemokratie, wirklich, wie es in der sozialdemokratischen Presse prahlerisch angekündigt wird, den Kampf bis zum Weißbluten führen oder werden sie doch Bedenken trage», die „Arbeitergroschen" für eine in letzter Linie nicht wirtschaftliche, sondern politische Machtprobe aufs Spiel zu setzen, J\e- einen Versuch mit untauglichen Mitteln darstellt? Seit auf dem Magdeburger Parteitag die revolutionäre über die revisionistische Richtung den Sieg davon getragen hat, muß immerhin mit der verschärften Kampfstimmung der von den sozialdemokratpchen Lehren beherrschten Arbeiterschaft gerechnet werden die ia schon wiederholt mit dem Gedanken dev Massenstreiks gespielt hat. Sollten, was wir immer noch nicht glauben möchten, die cn Hamburg wieder ausgenommenen Verhandlungen scheitern. ^ w könnte es, wie bedauerlich auch dieser drohende Rreien- kampf für unser Wirtschastsleben wäre, doch zu einer
Reinigung der Atmosphäre führe», wenn der Teufel des wiederholt angedrohten Generalstreiks, Mit dem Beelzebub der Generalaussperrung perlrieben würde.
Volitische Merstcht.
Heydetnmrrdsche Taktik.
Es gibt Leute, die in der merkwürdigen Abschwenkung "der „Krei'.zzeitung" vom antisemitischen Passus des konservativen Parteiprogramms die Hand de« Herrn v. Heydebrand spüren wollen. Nach der Am- sassung dieser Beurteiler möchte der konservative Führer mit solcher Taktik die Kräfte des liberalen Ansturms gegen die Rechts zu mildern suchen, und zwar, weil er von wachsender Sorge wegen der nächsten Reichstagswahlen erfüllt ist. Das wäre denn^freilich ein sonderbares Mittel, sich eine günstigere Stellung zu verschaffen, ein Mittel von solcher llntaugli >,.) - fett, daß man diese spitzfindige Berechnung nicht ei», mal dem Mann zntrauen möchte, der seine Partei in den Sumpf geführt hat, und der gleichwohl in den Augen mancher merkwürdig anspriichslosen Betrachcer. auch ans liberaler Seite immer noch als staatsmäimi- sches Talent gilt. Indessen scheint es, als werde die von der „Kreuizeitung" aiisgegcbene Parole in den konservativen Reihen verschiedentlich wirklich m dem angedeuteten Sinne verstanden. Tie kleineren konservativen Blätter unterlassen es zuin mindesten, sich gegen die unKwohnten Freundlichkeiten» die das leitende Parteiblatt plötzlich für unsere jüdischen Mitbürger bereit hält, ernstlich zu wenden.. Im Anfang äußerten sie wobt, begreiflicherweise übrigens, ihr Erstaunen über die von der „Kreuzzeitung" unternommene Wendung, aber dann wurde es wieder still, und. es ist still geblieben. Immerhin wollen wir doch ?u- sehen, wie weit der Einfluß des Herrn von Hehdebrand reicht. Es wäre ganz pikant, wenn die von der „Krcuz- zeirnna" gegebenen Anregungen einen verständnisvollen'Widerhall an politischen, Stellen fänden und trenn wir demnächst wohl gar jüdische R e s e r v e- 0 ffizier e erlebten. Wer kann sagen, was nicht noch alles geschieht! Gerade weil Preußen nach Bebels Wort ein Land „einzig in seiner Art" ist. gerade deshalb können sich hier Wandlungen vollziehen, die dem sonstigen Charakter des Staatswesens widersprechen. Das Gesetz des Kontrastes wirkt nirgends so stark als dort, wo eine bestimmte Richtung zugespitzt bis zum äußersten ist.
Eine Strafaudrolrirrrs auf offener Postkarte,
Die Königlichen Bernsteinwerke in Königsberg können nicht gerade den Anspruch erheben, wegen ihrer Höflichkeit besonders gerühmt zu werden, vielmehr scheint in ihrer Korrespondenz, ein militärischer Ton der bcleibicjcnb roirft. ,-^rt i^t'
Tanziger Zeitung" lesen wir ein Beispiel amtlichen Bernssstils, das überall unwilliges Erstaunen Hervorrufen wird.
Ein Tanziger Beamter hatte im Laufe dieses Som- mers bei seinen Spaziergängen am Ostseestrand wiederholt Bernstein in kleinen Stücken mit der ausgesprochenen Absicht aufgehoben, diesen Bernstein am Schluß des Sommers an die Königlichen Bernsteinwerke in Königsberg abzuliefern. Für die wirklich vorhandene gute Absicht dieses Herrn zeugt es, daß er bereits vor zwei Jahren den damals von ihm gefundenen Bernstcrn bei der Ablieferungsstelle in Adlershorst abgab. Da der Sommer nunmehr zu Ende ging, richtete der oe- tresfende Herr vor einigen Tagen, an die Konigltchen Bernsteinwerke in Königsberg die schriftliche.Mitteilung er habe 340 Gramm Bernstein an der Ostsee- Gesunden: nun bitte er um Nachricht, ob auch in ^anzia eine Ablieferungsstelle bestehe. Darauf wurde Um von seiten der Bernsteinwerke auf offener Postkarte folgende Antwort zuteil:
Könialicko Bernsteinwerke.
J.-Nr. 2916 B.
Königsberg t. Pr., 24. September 1810.
Ans die Anfrage vom 21. d. M. erwidern wir Ihnen, daß sämtlicher an der dortigen Ostseeküste gewonnene Bernstein Eigentum des Preußischen Staates ist und datz Sie sich durch Einsammeln des Bernsteins nach dem Gesetz vom 22. Februar 1867 strafbar gemacht haben. Wir wollen ausnahmsweise von einem Strafantrag absehen, wenn Sic den gefundenen Bernstein sofort an unsere Geschäftsstelle dortselbst, Grolathstraße 8, abliefern. Im Weigerungsfälle würden wir gegen Sie Strafantrag stellen und Anzeige bei Ihrer Vorgesetzten Dienstbehörde erstatten., Eine Fundprämie kann Ihnen mit Rücksicht auf die geringfügige Menge nicht gewährt werden."
Die Bernsteinwerke beantworten dis höfliche Anfrage also mit der Drohung einer Denunziation. War das nötig?
