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Nr. 4«v.
Wiesbaden. Montag, 3. Oktober 1910.
58. Jahrgang.
Kbenü -Kusgabe.
1 . WLcrtt.
Zum rmlimmiliberlüen Parleilllg.
Die V e r h an d l u ug ett des ersten Tages.
Schn. Cassel, 1. Oktober.
Fast 1000 Delegierte füllen Kopf an Kopf den mit Fahnentuch reich geschmückten Soul. In der aufgeregten, laut diskutierenden Menge sieht man fast alle Abgc- etbnetcit der s ,Partei. Bassermann geht vor der Rednertribüne aufgeregt aus und ab. Er ist noch immer nicht ganz aus dem Posten. Seine Begrüßungsrede im Namen des Parteivorstandes ist kurz und freundlich. Schnell geht die Vorstaud-swahl vor sich. Ein aktiver Vizepräsident, Herr I>-\ Krause aus dem preußischen Abgeordnetenhaus, wird erster Vorsitzender, ein ehemaliger Vizepräsident, Professor Paasche aus dem Reichstag, zweiter. Herr Dr. Krause, von Berus Geheimer Justizrat, ist ein sehr gewandter Redner und Versammlungsleiter. Seine Bitte, die Verhandlungen unter das Merkwort: „Duldung und Disziplin" zu stellen, wirkt überzeugend. Das Wort hat Herr Bassermann.
Baffermanns Rede.
Endloser, stürmischer Jubel empfängt ihn. Endlich kamt er beginnen. Geschickt beginnt er mit einem Rückblick auf die Geschichte der nationalliberalen Partei, um 3 U der Nutzanwendung zu kommen, nur Einigkeit macht stark. Ehe Bassermann sich der unerquicklichen Gegenwart zuwendet, erinnert er beredt an die Blockäva des Fürsten Bülow. Es war eine hochgemute Zeit. . . Fürst Bülow hat dem Liberalismus einen Platz an der Sonne gegönnt. Jubel im konservativen Lager bis zu Payer ob der Erlösung vom Druck des Zentrums. Heute wiederum die alte Misere. Alles ist Vertan und vergessen. Allenthalben Unzufriedenheit ob „der ungerechten, verunglückten Reichsfinanzreform". D:r Regierung hatte sich nicht unterwerfen dürfen, sie hätte den Reichstag a u f l ö s e n müssen, dann wären wir nicht in dieses politische Elend hiNeingekommen. Der preußische Wahlrechtsresormausgaryg hat das Heer der Unzufriedenen verstärkt. Die Quellen der Unzufriedenheit fließen reichlich. Das Volk glaubt, die Regierung sei nur das auMhvende Organ dos schwarzblauen Blocks. Unter wachsender'Spannung des Auditoriums, das kein Auge von denr Redner läßt, wirft Dassermann die Frage in die Versammlung hinein: „Wären die für die Sozialdemokraten siegreichen Nachwahlen anders ausgefallen, wenn ivir mit fliegenden Fahnen ins schwarzblaue Lager übergegangen wären?" „Reinl" schallt donnernd die Antwort. Wir können nur bedauern, daß der Sturm der Verdrossenheit über uns hinweggegangen ist, wir können nur hoffen, daß das Heer der Mitläufer sich besinnt.
Der neue Reichskanzler. . . Alles horcht doppelt gespannt aus. Herr v. Bethmann ist gar kein solcher Reaktio
när, als welcher er verschrieen ist. Es fehlt nur an festen Entschlüssen, z>: Taten zu kommen. Parolen nutzen nichts. Es muß zum System des Fürsten Bülow zurückgegriffen werden.
Baffermann läßt die einzelnen Parteien Revue passieren. Der G r o ß b l o ck für das Reich sei unsinnig, die alte Gegnerschaft zur Sozialdemokratie dauere unverändert fort. Auf den Osten könne die nakionalliberale Partei nicht verzichten. Aber sie sei bereit, mit den Konservativen den Streit zu beenden, wenn der Liberalismus ein völlig gleichberechtigter Faktor würde. Der Gedanke, die National- liberalen müßten mit Sack und Pack ins schwarzblaue Lager übergehen, sei — herzlich dumm. — Zum Zentrum müsse man in alter Kampfstellung bleiben, mit dem Freisinn da, wo es möglich ist, sich einigen. Die Rettung aus der heutigen Misere ist nur möglich durch Zusammenwirken aller Konservativen und aller Liberalen.
Bon einem Linksabinarsch kann nicht die Rede sein. Wir beharren bei unserer vollständigen Selbstständigkeit nach rechts und links. Und dann meint er bedeutungsvoll: Der heutige Parteitag wird unseren Gegnern zeigen, daß die nationalliberale Partei in schweren politischen Zeiten den festen Willen zur Einigkeit hat. Ausführlich beschäftigt sich Baffermann mit dem Programm der Partei und verteidigt scharf die Haltung seiner Freunde gegenüber der Schulpolitik. Dem Hansabund wünscht er Blühen und Gedeihen. Die liberale Weltanschauung dürfe nie zurückgcdrängt werden.
Wer das Reichstagswahlrecht antastet, stellt sich außerhalb der Partei.
Nach fast zweistündiger Rede kommt Baffermann zum Schluß. Nochmals mahnt er zur Einigkeit. Hader in eigenen Reihen önnge den Untergang. Er glaube unerschütterlich an die Zukunft des Liberalismus. Die Zeit werde bald kommen, wo sich das Volk zurücksehne nach großen Idealen. Taten der Gerechtigkeit und des Fortschritts werden Herr werden der sozialdemokratischen Utopien, der klerikalen Rückständigkeit, der konservativen Bevormundung. Lassen Sic uns tapfer und mutig in den Kampf gehen.
Spontan erhebt sich die Menge und jauchzt Baffermann zu. Ohrenbetäubender, minutenlanger Beifall, Händeklatschen, Trampeln, Tücherschwenken von den Tribünen. Bassermann steht gerührt und erschöpft vor der Rednertribüne. Als Präsident Krause in seinem Dank von einmütigem Vertrauen zu Baffermann spricht, setzen die Kundgebungen aufs neue ein. Und immer wieder ivird die Begeisterung entfacht, als ein Antrag vorschlägt, Basser- manns Rede als Flugblatt drucken zu lassen, als Prinz von Schönaich-Carolath bittet, angesichts der glänzenden Wirkung der Bassermannschen Rede von einer Resolution ab- zu sehen.
Die Diskussion verläuft zeitweilig recht st ü r m i s ch. Gleich der erste Redner, Herr Haarmann aus Westfalen, ein recht sstehender Delegierter, wird mit Beifall und Zischen
empfangen. Er will nichts gegen Baffermann sagen, da er fcitft für seine körperliche Sicherheit fürchtet. Er freut sich über das Bekenntnis Baffermanns zur Bismarckschen Wirtschaftspolitik. Stürme durchbraufen den Saal, als der badische Abgeordnete Rebmann unter starkem Beifall das Bündnis mit der S o z ia ld em ok r ati e in Baden verteidigt. Großen Eindruck macht die Rede des Führers der Liberalen in Bayern, Casselmann. Er ist nicht für Bündnisse mit den Sozialdemokraten, gibt aber unter stürmischem Hört! hört! der Badenser zu, daß auch in Bayern, wo man unter dem Joch des Zentrums seufze, ein taktisches Z u s a m m e n g e h e n mit den Sozialdemokraten notwendig werden könne. Scharfe Zusammenstöße zwischen rechts und links gibt cs, als ein Freund dos Freiherrn v. Hcyl zu Herrnsheim, Dr. Winkler ans Hessen, die Badenser, die die Liebe blind mache, ob ihrer Freundschaft zur Sozialdemokratie scharf tadelt. Auch Dr. Stresemann bedauert sehr das Zusammengehen mit Frank, dem Führer der antimili--. tärifchen Jugendgarde. Mit scharfen Hieben gegen die Sozialdemokratie schließt Dr. Beumer den Reigen der Diskussionsredner. Ohne Resolution wird das Referat Baffermanns cntgegengenommen. Unter dem Jubel der Versammlung konstatiert Dr. Krause, die Partei sei selbständig, einig, fest und treu. In großer Begeisterung geht man auseinander.
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Zweiter T a g.
Auch heute ist der Besuch des Parteitags recht stark. Das innere große Interesse ist nach denr gestrigen Triumphzug Baffermanns natürlich geschwunden. Baffermann, dem man gestern abeüd- iiberall, wo er sich blicken ließ, begeisterte Ovationen darbrachtc, sieht heute, im Gegensatz zu gestern, recht frisch aus. Seine Rede wird auch heute noch vor Beginn der Sitzung in dem dicht gefüllten Saal eifrig beifällig besprochen.
Bevor Landesrat Dr. Schröder-Cassel sein Referat über
Mittelstandspolitik
halt, gibt der badische Führer der Nationalliberalen eine geharnischte Erklärung gegen Dr. Beumer ab, der vom „Genossen" Rebmann gesprochen hat.
Dr. Schröder fuhrt aus: Eine Definition des Mittelstandes kann nicht gefunden werden. Schon daraus ergibt sich, daß man kein Allheilmittel für den Mittelstand finden kann. Die wirtschaftliche Hebung des bäuerlichen Mittelstandes ist auch eine Bildungsfrago In erster Linie müssen besonders im Osten neue Bauerngüter, nicht neuer Großgrundbesitz geschaffen werden. (Lebhafter Beifall.) Die Bcamtengchaltsreform hat im allgemeinen wohltuend gewirkt und kann als abgeschlossen betrachtet werden-. Der PrivatbeamtcnversicheMngKentwurf ist im Reichsamt des Innern bereits ansgearbeitet. «Schröder beleuchtet diese schwierige Materie. Die Kleinhandelkammern sollen- die Interessen der Kleinhändler gegenüber der Industrie wahr- nchmen. Die Frage der Warenhäuser ist das umstrittenste Gebiet unseres Wirtschaftslebens. Das erste Warenhaus
Femlletou.
MachdruL verboten.)
Schilükrmtt im Pariete.
Berlin, 1. Oktober.
Die Nachricht, daß Schildkraut zum Variete geht, wurde vielfach falsch ausgefaßt. Es handelt sich hier nicht um einen dauernden Frontwechsel. Der Künstler, den die Last der Hamburger Konventionalstrafen drückt, will durch diesen Schritt vom Wege sich von hemmenden Ketten srei- machen und dann als ein Neuer wieder zu der alten Stätte seiner Menschengestaltung zurückkehren. Der Gedanke einer rein mimischen Produktion, zu der er sich jetzt der Spezia- litätenbühne verschrieben hat, lag bei der Schikdkrautschen Art nahe. In Frcksas „Sumurün" hatte er itn stummen Spiel der Züge und der Glieder Dämonien und Grotesken zu packender Wirkung beschworen. Nun schrieb ihm Melchior Leng y el eine Pantomime, und im Apollo- theatcr hat sie Schildkraut unter großem Beifall vergegenwärtigt.
Der geschickte Mann des Taisun-Ersolgcs machte sich dabei die Sache freilich leicht. Sein Situations-Libretto, betitelt der Schatten, deutet nur ein paar weite Umrisse an. Motiv: ein Mimcnschicksal; ein Schauspieler wird in einer Rolle wirklich vom Schicksal dieser Rolle am eigenen Leibe ereilt. Er mutz den Wahnsinn darstellen und verfällt ihm, der schon wühlend in ihm -lauert, dabei selbst.
Schildkraut entwickelte vor allem frappante Masken. Ein bildnerischer Reiz voll schauernder Spannung ging von Liesen wechselnden Verwandlungen aus, die alle Variationen des Themas Entsetzen abspielten.
Und die Bewegungsserien der Figur im Raum unter dem kreidigen Gespensterlicht der Scheinwerfer waren in ihren Einzelmomenten von impressionistischer schlagender Wucht und im Zusammenschluß von einer steigerungsvollen Rhythmik: Furioso d-ct Gehetztheit; peitschende Geißeln des Grauens; ein Menscheuwild, Verzweiflung im Blick und Todcsüarre um den Mund.
Schildkraut brachte die würgende Lebensangst von etwas Unbekanntem, Unsichtbarem, das fühlbar in der Luft schwebt, das Grauen vor dem Jntrnse leibhaftig in die Erscheinung. Und wäre nicht die szenische Aufmachung des Apollotempels so knallig gewesen, so hätte man in einigen Augenblicken, für die Melchior Lengyel nichts konnte, glauben können, das wären mimisch - phhsiognomische Studien eines psychologischen Schauspielers zu Maeterlinck.
F. P.
Rescken^TlMtrr.
Samstag, 1 . Oktober: „Die goldene Ritterzeit." (When knights were bold.) Burlesker Schwank in drei Akten von Charles M a r l o w c. Ins Deutsche übertragen von Siegfried V. Lutz. — Spielleitung: Ernst Bertram.
„When knights were bold" — das Stück hat in den letzten Jahren in England Furore gemacht. Zwei Jahre hielt cs sich in London unentwegt auf dem Spielplan. Nun ist es auch zu uns herübergekommen. Es enthält viel Groteskes, die Schauspieler wachsen sich zu Akrobaten aus. Und das sind Eigenschaften, die den Engländern -außerordentlich gefallen. Unser Publikum war sichtlich verblüfft über -den furchtbaren Unsinn, und viele, die unter Lachen das Stück verdammten, haben Wohl doch nicht überlegt, wie witzig und echt der zweite Akt mit seinem wirren Traum eigentlich ist.
Sir Guy de Vere, ein ausgelassener junger Mensch, hat kürzlich Schloß und Titel seiner Eltern geerbt. Seine Verwandten Wersen ihm immer wieder sein unmännliches Wesen vor und predigen ihm von seinen Ahnen, von deren mutigen Taten. Auch seine Cousine Rowena, die er liebt und heiraten will, ist — wie Sir Guy ihr selber sagt — ganz „verdreht" geworden. Sie schwärmt nur noch von der alten Zeit, von Rittern und Knappen, und liest in dicken alten Büchern die Geschichte des Schlosses nach. Sir Guy, ermüdet und erkältet von der Jagd-, schläft auf dem großen Ledcrsosa im Rauchzimmer ein, während die Verwandten zum „dinner" gegangen sind. In seinen Obren klingen noch
die Lehren und Predigten, die er soeben anhören mußte. Er nimmt sie mit hinüber in seine Träume. Er befindet sich auf seiner Burg, 700 Jahre früher, im modernen G-esell- schaftsanzug, während Dienerschaft und Angehörige im Kostünr der damaligen- Zeit -erscheinen. Ihm träumt, er kämpfe mit Sir Bryan — einem Abenteurer, der aus dem Schlosse zu Besuch weilt und sich um Rowena bemüht — um seine Cousine. Er siegt, und -bei seinem Erwachen reift der Plan in ihm, sich zu verstellen und in einem Wahnsinnsanfall den Ritter zu spielen. Mit dem Schwert in der Faust tritt er den Verwandten entgegen, spricht in der blumenreichen Sprache der alten Ritter und versetzt alle in Angst und Schrecken. Dann bekennt er, daß alles nur Komödie war, entlarvt Sir Bryan als einen großsprecherischen Feigling und gewinnt Rowena ganz für sich. Die Verwandten haben genug von der „goldenen Ritterzeit" und sind froh, ihren Guy wieder so lustig zu sehen wie früher.
Die Rolle des Sir Guy war Herrn T a u H zugefallen. Er kam den ganzen Abend nicht von der Bühne herunter und kaum vom Boden heraus! Nicht einen Augenblick ließen die Kräfte des Künstlers nach. „Spielend" überwand- er die Anstrengungen der Rolle und ließ seinem Humor die Zügel schießen. Herr De gen er charakterisierte den Finanzier Jsaaksohn scharf und treffend, Herr Nessel- träger war ein würdiger Dekan. Die blanken Verse im zweiten Akt gaben Herrn Winter Gelegenheit, fern schönes Organ zur Geltung zu bringen, wie er denn überhaupt recht frisch spielte. Die Herren T ach au er und Hager entledigten sich mit vielem Geschick ihrer kleinen Aufgaben. Frl. H a m m e r war eine schwärmerische Rowena, ihre Tante Waldegrave (Frau Schenk) vornehm und gemessen. Zu erwähnen wären noch die Damen Bischofs, W u t t k e, W a l l o t und M ö d l i n g e r< Herr Miltner-Schönau als Sir Bryan blieb seiner Rolle einiges schuldig, und Frl. v. Arloff als Tochter Jsaaksohns fast — — alles! Aber sie war wieder sehr hübsch anzuschen.
Die Regie sorgte für farbenfrohe Bilder, geschickte Gruppierung und ein flottes Tempo. B. p,
