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Wiesbadener

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Nr. 48S.

Wiesbaden, Sonntag, S. Oktober IS1V.

88. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

_1. Macht.

Kirchliche Preßausschüsse.

Aus protestantischen Pfarrprkreisen wird uns ge­schrieben:

Während man in den maßgebenden Kreisen der Re­gierung noch immer zögert, der Presse diejenige Beach­tung zu schenken, die ihr bei ihrem Einfluß auf unser gesamtes öffentliches Leben von Rechts wegen zukäme, ist man kirchlicherseits fchon feit langem bemüht, mit der Presse auf guten Fuß zu kommen. Wenn dies auch nicht aus Liebe zur Presse oder aus verständnisvoller Würdigung ihrer Bedeutung geschieht, sondern den Zweck hat, der Kirche in der Presse eine achtungsvollere Behandlung und eine größere Berücksichtigung zu sichern, so liegt in diesen Bestrebungen doch jedenfalls das der Presse nicht unwillkommene Zugeständ­nis, daß man ihre Bedeutung nicht länger ver­kennt. Bei der Zähigkeit, mit der man gerade,in kirch­lichen Kreisen allen von außen kommenden Einflüssen, die den gewohnten Gang der Dinge stören könnten, widersteht, will diese Anerkennung immerhin schon etwas besagen. ^ xr .,

Man hat in zahlreichen ^hnoden und kirchlichen Tagungen über das Verhältnis von Presse und Kirche beraten" und das Resultat war dann stets die Einsetzung eines P r e ß a u s s ch u s s es. Ihm übertrug man die Aufgabe, das Verhältnis zur Presse ständig im Auge zu behalten und Maßregeln zu ergreifen, um der Kirche und kirchlichen Angelegenheiten in der Behandlung der Presse die gebührende Beachtung zu sicheril. Ob man hiermit gerade die Sache beim richtigen Ende an­gefaßt hat, könnte fraglich sein. Jedenfalls liegt die Gefahr recht nahe, baß sich die Preßausschüsse in der Rolle von einer Art Aufsichtsinstanz über die Presse gefallen und die Erörterungen über ihre Stellung zu den Zeitungen könnten leicht einen etwasvon oben herab" klingenden Ton annehmen, der die nötige Achtung vor diesem Faktor unseres öffentlichen LebeitS vermissen ließe. Daß dies der Sache zuträglich wäre, wird man nicht gern behaupten wollen. Und selbst wenn diese naheliegenden Gefahren verniieden würden, wäre immer noch zweifelhaft, ob das Ziel überhaupt erreichbar ist, oder doch, ob das Erreichte im richtigen Verhältnis zu dem Aufwand an Zeit, Geld und Mühe sieht, den man sich auferlegt. Denn es ist mit dem Einflußgewinnen" auf die Presse ein eigen Ding. Ein

kleineres Lokalblatt kann man zur Not in dieser Werse behandeln. Die größere Presse aber ist nicht auf diese Weise zugewinnen". Denn sie ist gewöhnt, ihren eigenen Weg zu gehen und nur das zu beachten, was ihr der Beachtung wert dünkt. Glaubt sich daher die Kirche von ihr zu wenig beachtet und zu stiefmütterlich behandelt, so wird kein Preßausschuß daran etwas ändern können, wenn nicht die Kirche selbst sich ändert und die Presse ihr nun von selbst eine größere Beachtung schenkt. Denn die Nichtbeachtung und Nicht­achtung von seiten der größeren Blätter, über welche die Kirche sich beklagen zu müssen glaubt, kommt doch sicher nicht von ungefähr. Sie hat ihreir Grund auch nicht in mangelnder Berichterstattung und Mitarbeit durch die Kirche selbst. Es' wird doch im Ernst niemand glauben, daß die Presse Nachrichteil aus kirchlichem Ge­biet nicht haben könnte, sobald sie sie zu haben wünschte. Läge den Zeitungen etwas an solchen Nachrichten, so würden sie sic sich schon zu verschaffen wissen. Es herrscht vielmehr auf dieser Seite eine gewisse Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit gegenüber allem, was mit Kirche und kirchlichem Leben züsammenhängt. Und daran ändern auch die paar Notizen und Berichtigungen nichts, welche die Preßausschüsse etwa versenden.

Besser wäre es schon, wenn diese Ausschüsse sich die Frage vorlegten, woher denn diese Gleichgültigkeit komme. Sie würden dann bald entdecken, daß sie ihren Grund iw dem rückschrittlichen, e n g h e r z i = g en Geist hat, der sich in allen Verhandlungen,über kirchliche Dinge so maßlos breit macht. Von diesem Geiste aber mag im allgemeinen das Publikum heutzu­tage nichts mehr wissen; es fürchtet ihn und flüchtet vor ihm; er ist ihm langweilig und unausstehlich. Ten Geist der Zeit aber versteht die Kirche nicht und wo sie ihn antrifft, sucht sie ihm auszuweichen oder ihn aus- zutreiben. Damit stellt sie sich aber abseits von . der allgemeinen Zeltströmung und wenn sie sich in dieser Stellung auch vielleicht ganz gesichert und behaglich vorkommt, so sollte sie sich nicht darüber beklagen, daß man von ihr weiter keine Notiz nimmt. Und gerade in der Presse ist der Puls schlag des öffent­lichen Lebens am d e u t l i ch st e n fühlbar. Und wciln die Kirche an dieseni Leben mit Willen und Be­wußtsein nicht teilnimmt, dann zerschneidet sie selbst alle Fäden, die sich zwischen ihr und der, Presse etwa anspinnen könnten.

Hierüber nachzudenken, wäre weit zweckdienlicher, als mit Berichten und Berichtigungen der Kirche eine Beachtung im öffentlichen Leben erzwingen wollen, die ihr die Presse, wie die Tinge jetzt liegen, nicht gewähren

kann. Eine Kirche, die ein lebendiger Kultur­saktor ist, die am gesamten öffentlichen Leben teil­nimmt und es beeinflußt, die sich keinerlei Anregungen, die ans dem Strom dieses Lebens ihr zufließen, ver­schließt, die sich nicht unter erbitterten Kämpfen erst jeden kleinsten Fortschritt mühsam abzwingen läßt -- man denke an die Feuerbestattung!, sondern die frei­willig. allen vorall, den Schritt, vorwärts tut, wird sich nie über Nichtachtung von seiten der Presse zu be­klagen haben. Denn sie wird ein wichtiger, nicht über­sehbarer Teil des öffentlichen Lebens sein und sich mit ihr zu beschäftigen wird die Presse nicht erst durch synodale Preßausschüsse sich nötigen lassen müssen.

Trotzdem bleibt für diese Ausschüsse noch ein reiches Arbeitsfeld und sie werden aus ihm ihre Kräfte um so besser und ungehinderter entfalten können, je weniger sie sich mit Versuchen abmühen, die nicht zum Ziel führen köilnen. Ter von unserer Wiesbadener

BezirkssynodeeingesetztePreßaus schuß

scheiilt sich dieser naheliegenden Erkenntnis nicht ver­schlossen zu haben. Neben einer Organisation der Kolportage, d. h. des Vertriebs guter Literatur be­sonders unter der Landbevölkerung, hat. er besonders der Begründung ki r ch l i ch e r Ge m e i n d e- u n d Synodalblätter seine Aufmerksamkeit _zugc- wendet. Hier liegt unleugbar eine sehr schöne, wichtige und dankbare Aufgabe, auch iin Sinne_ von Volks­bildung und Aufklärung. Tenn wenn diese Aufgabe gelingen soll, darf sie um keinen Preis engherzig und weltabgewandt aufgefaßt werden. Und tvenn sich diese Kleinpresse im Rahmen dessen hält, was ihr als einer, kirchlich geleiteten Ernrichtung zusteht, wenn sie sich von aller, auch versteckter politischen Beeinflussung der Leser mit Bewußtsein und Entschiedenheit frei- h ä l t, wird die politische Presse in ihr kein Konkurrenz­unternehmen zu sehen brauchen und sie gern willkom- men heißen. Umgekehrt dient diese deutliche Abgren­zung der Arbeitsgebiete auch dazu, ^ daß die kirchliche Lokalpresse neben der politischen Presse genügend Raum findet und auf eine interessierte Leserschaft rechnen darf.

An Stoffmangel braucht sie ,licht zu leiden, auch wenn sie die Behandlung politischer Fragen konsequent ausschließt. Allein schon das weite Gebiet unserer kirchlichen Geschichte bietet Stoff in Hülle lind Fülle. Denn int großen und ganzen ist diese Geschichte ur unserer Bevölkerung so gut wie unbekannt. Was sie in der Schule etwa, lernt, ist wenig itub auch dies Wenige wird bald vergessen. Man darf sich gerade ^ hierin keinen zu , großen Illusionen hingeben. Ein köstliches Geschichtchen, das den Vorzug, hat, wahr zu seich ncag

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Um 5!e Grenze.

Bauernskizze von E. Rethlaw.

Als Kinder hatten sie schon miteinander gespielt, der Hannes vom Erlenhof und der Jub vom Uhlenloch. Sie waren zusammen in die nahe Dorfschule gewandert, hatten sich bald gehörig durchgebläut, bald in schönster Eintracht die herrlichsten Streiche ausgeheckt. Sie waren stets zusammen, denn ihrer Väter Äcker grenzten aneinander.

Das war jetzt alles mit einem Schlag anders. Ter Erlenhofbauer hatte nämlich aus alten Papieren her­ausgeklaubt, daß der Grenzpfahl zwischen den bcnach- bartcn Äckern verrückt^worden sei, und zwar unerhör- terweise nach seiner Seite hin. Ta fand. auch _ der Uhlenlochbauer plötzlich alte Schriftstücke, die bewiesen, daß die Grenze allerdings verrückt sei, doch nach seinem Acker zu. So kam's zum Prozeß und mit der Freund­schaft der beiden Bauernsöhne war's auf strengsten Befehl dtzr Väter alis.

Schon mehrere. Jahre währte der Prozeß, da fand ein Knecht des Uhlcnlochbaucrn einige große Schlacken beiin Pflügen im Acker, nahe der Grenze.Toar ward woll de Grenzpoal wesen sin, den hebben se jümmer mit Slackens festmoaken", sagte er dem Bauern.

Doch der fuhr ihn heftig an:Dumm Snack. Die Grenze is doar nich wesen, 't ward een Kohlenfür Wesen sin, bi 't Kartuffel utmoaken, oder süs Wat, Wal weet ick."

Kohlenfür up 't Feld?" Der Knecht kratzte sich be­denklich 'hinter'm Ohr, wann war^denn das Sitte?Un so dees unner der Erde un die Slackens all tohop an een Plaatz? Ick hebb süs noch keen sunnen, up 't ganze Feld nich."

Un wenn doar de Grenzpoal wesen is, doar hell'n all een Swinegel doarhen broacht; in 'n Anfang woar he drüben, dat steiht in min Aktens. Basta! Un du hältst bin Mul mit jon Snack."

Aber die Teern des Knechtes war als Magd aus dem Erlenhof und so kam dem Erlenhofbauer bald die Scklackengeschichte zu Ohren. Ja er erfuhr sogar von der durch allerlei Versprechungen zum Aushorchen be­stochenen Magd die Stelle, wo die Schlacken waren, und daß tiefer in der Erde noch mehr sein müßten. Ta erhielt der Sachverständige des Prozesses eines Tages einen Brief, der ihn veranlaßte, auf dem Uhlenloch- acker an einer ganz bestimmten Stelle, nahe der Grenze, nachgraben zu lassen. Richtig, da wurden noch eine Menge Schlacken zutage gefördert. Das war doch end­lich einmal ein handgreiflicher Beweis.

Und dieser Beweis verhalf dem Erlenhofbauer zum Gewinn des Prozesses und der, Bäuerin zu einer merk­würdigen großen Brosche, eine in Gold gefaßre Schlacke, mit der sie aus jeder Festlichkeit im Torfe paradierte und jedem, der sie hören wollte, die Geschichte dieser Brosche erzählte.

Ter Haß zwischen den beiden Höfen ward aber immer wütender. Man wühlte sich mit einer wahren Inbrunst immer tiefer hinein. Nur Hannes litt dar­unter. Er war von Natur ein stiller Mensch, dem es jedoch Wohltat, oft durch den wilden Freuiid aus seinem Ernst aufgerüttclt zu werden. So sehnte er sich sehr nach dem Jub. Oft ging er am Uhlenloch sehnsüchtig suchenden Blicks vorüber, dem Befehl des Vaters trotzend. Aber da war einmal der Uhlenlochbauer ge­kommen und hatte ihn höhnend sortgejagt. Seitdem ging er diesen Weg nicht wieder und vergrub sich mehr und mehr in die Bücher, von jeher seine heimlichen Freunde.

Seine heimlichen Freunde, denn der Bauer schimpfte stets, wenii er ihn bei den Büchern traf, die er vom Lehrer und Pfarrer bekam, da sie beide ihn sür geistig sehr begabt hielten, und so mußte er sie vor dem Valer verstecken.Wat bloß in den Jung sin Kopp 'rum- spöken deiht", war seine stete Frage. Er hätte gern einen tüchtigen Bauer aus seinem Ältesten , gemacht. Doch der zeigte wenig Neigung fürs Land; ja es ge­schah das Unerhörte, der Hannes bezog, von der Mutter unterstützt, die Universität und wurde spater ein gar gelehrter Herr, der sich hauptsächlich mit Atter­

turmsforschung beschäftigte und in der nahen Residenz eine gute Anstellung bekam. Er kam, so oft es seine Zeit erlaubte, nach Hause, aber stets lastete der Haß der beiden benachbarren Höfe wie ein Alp auf ihm, und noch immer fehlte ihm der Freund. Tie Bauernschwer­fälligkeit, die ihm noch immer aiihaftete, hatte ihn in der Stadt keinen Ersatz sür den Jub finden lassen, ob­gleich er viele Bewunderer hatte.

Eines Tages fand man auf dem Erlenhof, gerade in dem durch den Prozeß gewonnenen Stück Land, dum Stein mit einer merkwürdigen Inschrift. Den schickte man dem Hannes, Von scheinbar ungeübter Hand war ein Kreuz und darauf eine Inschrift in lateinischen Lettc'-n in den Stein eingemeißelt. Unten am Fuß des Kreuzes war ein Stück abgesprungen, und am rech­ten Querbalken des Kreuzes war die Schrift zum Teck, an- linken gänzlich unkenntlich geworden. Jedenfalls machte die Inschrift dem Hannes viel Kopfzerbrechen; dow'tand er des Rätsels Lösung nicht, sie mußte in den fehlenden Buchstaben liegen.

Ter Uhlenlochbauer war gestorben, und als Hannes das nächste Mal nach Hause kam, war sein erster Gang imdi dem Nachbarhof hinüber, dem Jub seine Teil­nahme anszudrücken und ihm die Hand zur Ver­söhnung anzubieten. Jetzt, da der Vater tot war, würde er der Freundschaft, der alten Kindheitsfreundschaft, eher zugänglich sein und cs konnte endlich, endlich Frie­den werden zwischen den Nachbarn, besonders da auf dem Erlenhcst der Haß im Gefühl des erlangten Rechts allmählich abgeflaut war. Doch Jüb hatte mit der Scholle auch den wütenden Haß des Vaters als Erbe übernommen, er sah trotzig an dem Hannes vorüber und antwortete kalt und ablehnend auf dessen freund­liches Werben. So mußte er wieder unverrichteter Sache und bedrückten Herzens heimgehen. Er hätte viel, viel um den Frieden des Hauses und die Freund­schaft^ des Jub gegeben, selbst sein Recht, denn er war ja kein Bauer, wenn ihn dessen Schwerfälligkeit im Verkehr mit den Städtern auch hemmte.

Tann starb auch sein Vater und der Erlenhof ging auf den zweiten Sohn über, während Hannes wieder zu feinen Altertümern zucückkehrte. Eines Tages