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Aernsprecher-RNfr

T.gblatt^Haus" Nr. 6650-53. Son 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends.

Verlag Langgaffe 21»

Tagbllltt-Haus".

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Nr. 457

Wiesbaden, Samstag, I. Oktober 1910.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

__1. Mtcl-tt.

giüv öcrs 4. gmarfaC 1910

auf Vas

Wiesbadener Tagblatt"

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im UrriagTagdlatt-Sanv" Lanayaff« Kl, in der Zweigstelle Kism nrckring 29, in den Ausgabestellen der Stadt nnd Nachbarorte, und zum Bezugspreis von I U lk, viertel jährlich bei sämtlichen deutschen Rrichspostanstalte«.

Em lgzilllpslLlijches IubUäum.

An diesem 1. Oktober sind es 26 Jahre, daß die Berussgenossenschaften ihre Tätigkeit aufgenomnien habeil und aus Anlaß dieses Ereignisses findet in der Reichshanptstadt eine große festliche Feier statt. Und mit Recht, denn eine segensreiche Tätigkeit ist in diesen langen Jahren entfaltet worden, deren man sich freuen darf. Als Sonddrinstitution durch. die soziale Gesetzgebung der 80er Jahre geschaffen, haben die Berufsgenossenschaften sich zu prächtiger Blüte ent­faltet und mit den übrigen VersichcrungSzweigen zum Wohls der deutschen Arbeiterschaft gewirkt. Trotz alle dem wird man auch jetzt in dem Festtrubel nicht ver­gessen dürfen, daß auch auf diesem Gebiete der deut­schen Versicherungsgesetzgebung noch manches recht U n- zu I ä n g l i ch e besteht nnd daß es an der Zeit ist, auch hier mit Reformen vorzugehen. Es ist ja richtig, daß wir hinsichtlich der sozialen Gesetzgebung auf der gan­zen Welt an erster Stelle stehen, daß beispielsweise England und Amerika heute kaum aus den ersten Ver­suchen heraus sind. Andererseits aber darf uns der Hochstand dieser sozialen Gesetzgebung daran nicht hin­dern, da, wo es notwendig ist, die bessernde Hand anzu­legen. Es wird viel über den Bureaukratis- m u s geklagt, der in der berufsgcnossenschaftlichen Ver­waltung herrscht, man gehr auch meist nach der Schab­lone vor und vor allem ist der Gang der Abfertigung der bei den Berufsgenossenschaften eingegangenen Ge­suche e'ntc viel zu langsame. Man darf nicht vergessen, daß gerade in solchen Fallen, wo die Berufsgenossen­schaft einzuschreiten hat, der schöne Satz gilt:Doppelt gibt, wer schnell gibt." Tie Abwicklung der Geschäfte müßte beschleunigt werden, und das ließe sich doch sicherlich ohne große Mühe einrichten.

Nicht minder geklagt wird über den in den Berufs­genossenschaften herrschenden F i s k a l i s nt u s ,. man läßt sich sozusagen jeden Groschen a b k n a p s e n, und es ist ja zur Genüge bekannt, daß in einem^ganz be­deutenden Prozentsatz der zu behandelnden Fälle die

Aus Kunst und LrLsu»

Im Motorboot durch die Stromfchnellcn des Niagara.

Mit atemloser Spannung verfolgte eine Mengc^wn fast 40 009 Menschen das verwegene Wagnis, das am Sonntag der Kapitän Klaus Larsen aus Cleveland, Ohio, unternahm; mit seinem kleinen Motorboote, einem schlankgebauten, schnellen Fahrzeug, wollte er es vollbringen, die tosenden Stromschnellen des Niagara zu durchfahren. Den Kennern des Stromes und seiner Tücken mußte dieser Plan wie eine Wahnsinnsidee erscheinen, und in der Tat hat nur eine günstige Fügung des Zufalls den kühnen Steuermann der fauchenden kleinen Nußschale vor einem tragischen Ende be­wahrt, Am Nachmittag die Uhr zeigte 4 Uhr 46 Min. trat Kapitän Larsen seine abenteuerliche Fahrt an. Un­mittelbar unter den Fällen, dort, wo die Wogen zwischen brausenden Wirbeln zu ungestümen Wasserpyramiden sich auftürmen, suchte Larsen fein Boot, das den NamenFerro" führt, in die Mitte dcS Stromes zu steuern. Das Fahr­zeug arbeitete mit Volldampf, der Motor keuchte, aber das Knattern der Räder und Maschinenteile, das sonst schon von weither das Nahen eines Motorbootes verkündet, wurde von dem Brausen des Wassers verschlungen. Gleich zu Beginn der Fahrt zeigte sich die Unmöglichkeit, gegen die Mächte der Stromschnellen mit dem Steuer anzukämpfen. Gewaltige Kaskaden packten das Book und schleuderten es hin und her wie einen leichten Ball. Als das Fahrzeug sich den großen Wellen, der Mitte der Stromschnellen, näherte, nahm sein Lauf eine schwindelerregende Schnellig­keit an. Und dann gab es einen einzigartigen Anblick; vorn User ans konnte man sehen, wie das Boot von der Macht

höhere Instanz angerufen werden muß. An und für sich ist es ja ganz gut, wenn die Verwaltung sparsam wirtschaftet, indessen darf dies doch unter keinen Um­ständen zu ungunsteu der Versicherten geschehen. Hoffentlich wird die im Gange befindliche Reform unserer gesamten Reichsversicherungsordnung in dieser Hinsicht zweckmäßige Änderungen herbeiführen, da sich nicht so bald wieddr eine günstige Gelegenheit bieten wird. An der Reichsversicherungsordnung selbst wird ja in der Kommission wieder fleißig gearbeitet und er­freulicherweise hat in dieser Woche in einer Sitzung Staatssekretär Delbrück gelegentlich der Debatte über den Reservefonds derBerufsgenossenschaften sich grund­sätzlich über die allgemeine Bedeutung, die hauptsäch­lichsten Ziele Erweiterung der Krankenversicherung, Einführung der Hinter bliebenenversicherung. Verein­heitlichung' der Verwaltung und die Schwierigkeiten der Reichsversicherungsordnung ausgesprocheir. Gegen­über neuerdings mehrfach verbreiteten irrtümlichen Mitteilungen gab er hierbei mit aller Deutlichkeit die Erklärung ab, daß die Verbündeten Regierungen nach wie vor auf das Zustandekommen der ganzen Reichsversicherungsordnung uitd ihre Verabschiedung durch den Reichstag noch in diesem Winter den größten Wert legen. Sie würden unter keinen Um­ständen darin willigen, daß einzelne Teile, etwa die Ausdehnung der Krankenversicherung oder der Hinter- blicbenenversicherung aus der Neichsversicherungsocd- nung herausgerissen und als besondere Gesetze erledigt werden. Solche Worte wird man gern hören, denn es wäre in hohem Maße bedauerlich, wenn die wichtige Frage der Versicherungsreform nicht bis zum Schluß des Reichstags erledigt werden würde. Sollte das nicht der Fall sein, dann wäre die ganze Reform wieder auf Jahre hinaus vertagt und man müßte wieder von vorn anfangen. Und doch herrscht die all­gemeine Überzeugung vor, daß unsere Versicherungs­ordnung eben dieser Reform dringend bedarf, um Übelstände und Schwächen zu beseitigen und sie auf einer zeitgemäßen Höhe zu erhalten.

Das Kchttldkoulo der Kazialdemokralie an den Moabiter Kramallen

behandelt in beachtenswerter Weise auch die Berliner L i b e r a le Korrespondenz". In ihr schreibt ein Augenzeuge am Donnerstagabend:

Gegenüber den Tumulten in Moabit hat jetzt der Vorwärts" nicht nur nicht einen dicken Trennungs­strich zwischen der Sozialdemokratie und den dortigen Ereignissen gezogen, sondern er hat in höchst bedenk­licher Weise die Leidenschaften geschürt durch einen langen Artikel, in dem er die Schuld überwiegend auf die Polizei abschiebt. Ec stellt es so dar, als wenn die Darstellungen der Presse von den Pöbelhaftigköiten der Masse übertrieben seien, als wenn die Polizei eigent­lich ohne ausreichenden Grund gehauen und geschossen hätte. Nun wollen wir zugeben, daß die Polizei in der

des donnernden Wassers ersaßt und in die Lust emporge­schleudert wurde. Unter dem Druck eines heftigen Stoßes schnellte das Boot empor, und es kam ein etwa 7 Meter langer Sprung, während dessen dieFerro" das Wasser überhaupt nicht berührte und wie eine Fluginaschine oder ein fliegender Fisch durch die Lüfte glitt. Zum Glück packte die zischende Woge, die das Fahrzeug aus den Wassern ge­stoßen hatte, das Boot wieder am Kiel, so daß cs nicht kcnterte und unterging. DieFerro" richtete sich wieder auf und trieb mit rasender Geschwindigkeit am Rande des großen Wirbels vorbei; am Ufer atmete man erleichtert auf; diese größte Gefahr war also glücklich überwunden. Ms der Wirbel hinter derFerro" lag und der Steuermann seine Lage überblicken konnte, mußte er die verhängnisvolle Feststellung machen, daß in dem Kampfe mit dem ersten Hindernisse die Maschine zerstört war. Das Boot trieb nun mitten in den tosenden Fluten umher, ein wehrloses Opfer der Wirbel, denn die Strecke, die noch vor ihm lag und der nicht mehr auszuweichen war, barg nicht geringere Gefahren als die schon überwundenen. Die Möglichkeit, mit dem Steuer die zornigen Launen der Wogen zu über­listen, war geschwunden. Das kleine Fahrzeug wurde regel­los umhergeschleudert, verschwand zwischen den Wasser­bergen, zweimal war cs überhaupt nicht mehr zu sehen, und man besürchieie bereits das Schlimmste. Aber immer wieder tauchte es zwischen den Fluten auf. Eine hastig heran- stürmcnde Woge drehte dieFerro" wie einen Kreisel, eine zweite packte sie an der Breitseite; dann kam die dritte, und -als ob das Spiel zu ernst geworden wäre, richtete sie das Boot wieder auf. Kapitän Larsen hatte inzwischen eine schmerzliche Verletzung des linken Beines erlitten. Nur mit Mühe konnte er sich an seinem Sitze fesiklantnrern. Im wirren ZickzacKurs trieb die Strömung das Boot dem amerikanischen Ufer entgegen. Hier türmen sich die Felsen aus; wenn nicht der Zufall Rettung bringt, müssen Mann

Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag tatsächlich mehr­fach in einer Meise vorgegangen ist, die sich aus den äußeren Umständen nicht rechtfertigen läßt, und die böses Blut machen konnte. Wir denken dabei nicht nur an die Verletzung der vier englischen Journalisten, sondern auch an andere Szenen, deren Augen­zeuge wir waren. Aber derVorwärts" hatte, . als er seinen Artikel schrieb, von diesem Abend und seinen Vorgängen noch gar keine Kunde, und es ist nur zu be­greiflich, daß die Polizisten durch die Vorgänge der vor­herigen Nächte übermäßig gereizt und nervös gemacht waren, so daß sich ihr Vorgehen jetzt menschlich erklären läßt wenn es auch wünschens­wert wäre, daß Exekutivbeamte in allen Situationen ihre überlegene Ruhe bewahren. Tie Nächte zum Dienstag und Mittwoch waren aber nach dem über­einstimmenden Urteil aller, auch der objektivsten Be­obachter, so schlimm, daß sich da die Polizei nicht gut anders verhalten konnte, als sie sich verhalten hat. Die Ausrechterhaliung der öffentlichen Ordnung mußte gewährleistet werden, und scharfe Mittel waren ange­sichts des Verhalteiis der Exzedenten leider unver­meidlich. Und derVorwärts" hat völlig unrecht, wenn er glaubt, daß die Empörung der Bevölkerung ilber die Polizei durch die Ereignisse dieser Tage ins Maßlose gestiegen sei. In der anständigen Bevölkerung brachte man in diesen Tagen der Polizei Sym­pathien entgegen, die sie sich nur durch feste, aber gerechte Haltung auch fernerhin erhalten sollte. Wir glauben auch nicht, daß die Sozialdemokratie durch diese Skandalaffärenwieder Hunderttausende neuer An­hänger" gewinnen wird, wie derVorwärts" triumphierend verkündet. Im Gegenteil: es wird doch manchen ein Grauen beschleichen, wenn er bedenkt, w o h i n die Politik einer Partei führt, die aus schwäch­licher Nachgiebigkeit gegenüber dunklen Stimmungen die Revolutionsspielerei zum mindesten indirekt b e g ü n st i g t. Es ist eine furchtbare Verantwortung, die hier die Sozialdemokratie über­nommen hat.

DerVorwärts" sieht aber selbst ein, daß die Sozialdemokratie eigentlich gegen den Aufruhr etwas hätte tun müsse n. Zwar schreibt er:Die Sozlal- demokratie hat nicht einmal Ursache, an ihre Partei­genossen eine besondere Warnung zu richten, weil sie sicher ist, daß ihre Anhänger sich selbst durch die stärk­sten polizeilichen Provokationen nicht zn Unbesonnen­heiten Hinreißen lassen." Aber er fährt doch dann gleich fort:Wohl aber würden sich auch die Organisationen des klassenbewußten Proletariats nicht geweigert haben, an der sofortigen Wiederherstellung der Ruhe m i t- zuarbeiten und mit ganz anderem Erfolge als die Polizei!, wenn sie von den Behörden darum er­sucht worden wären."

Hier wird also offen zugestandew daß die Sozial­demokratie in der Lage gewesen wäre, die. Ruhe wiederherzustellen die also doch erheblich gestört sein mußte!: aber die Sozialdemokratie hat sich dieser Pflicht und Schuldigkeit entzogen, weil die Behörden,

und Fahrzeug an den starren Klippen zerschellen. Larsen steht dis Gefahr, aber er ist völlig hilflos und kann nur !varten, was auch kommen mag. Er treibt gerade aus eine flache Klippe zn, die einige zivanzig Meter vom User ent­fernt aus den Wellen auftaucht. Doch das Schicksal ist ihm günstig, man hatte -den verwegenen Bootssührer bereits verloren gegeben, als eine gütige Woge dieFerro" packt und sie mit einem Rucke über das Verderben hinwegträgt. Der Ruck war so heftig, daß das Boot mit wilder Gewalt an die dahinter liegenden Felsen geschleudert wird und zwischen zwei Klippen wie in einer Klammer festfitzt. Larsen wird durch den Stoß vorwärts geschlendert, doch er rafft sich auf und versucht vergeblich, sein Fahrzeug wieder klar zu machen. Er ist noch etwa 18 Meter vom rettenden Ufer entfernt. Aber keine Möglichkeit, ihm Hilfe zu bringen! Da, als schon alle Hoffnung geschwunden, stürmt eine zweite mächtige Woge heran, hebt das kleine Boot hoch empor und führt es mit sich wieder in den Strom hinaits. Bet Dead Mans Eddy kommt es auf Grund, ein Mann watet ins Wasser und wirst Larsen ein Tan zu, an dem er ans Land gezogen wird. DieFerro" war leck, ihr Bug zer­trümmert, die Maschine gebrochen, Kapitän Larsen am Arm und Bein verletzt aber er erholte sich schnell und kann bald die Fahrt zum nrzte antreten. Sein Abenteuer in den Stromschnellen hatte genau 45 Minuten gedauert.

L Vom Vau des Lötschbergtmmels. Das gewaltig» Werk dci -^Durchbohrung des Lötschbergs, an dem nun bereits seit Zähren eifrig gearbeitet wird, nähert sich der Vollendung: im kommenden Frühjahr bereits wird der Durchsttch vollendet sein. Die Chronik des Baus hat viel dustere Geschichten zu verzeichnen; gleich bei der Arbeit an den ersten zwei Meilen sielen 25 Menschenleben mit einem Silage dem trotzigen Berge zum Opfer. Seitdem haben sich noch umnche tragische Unfälle zugetrageu. Nus der