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Nr. 455.
Wiesbaden, Freitag, 30. September 1910.
58. Jahrgang.
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Morgen - Ausgabe.
1. Matt. _
§für öcrs 4 . gmctrfaC 1910
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Unsere RMKwöiOkii io der FliisstziMrt.
Die Überflügelung Deutschlands in derLiist- und Flugschiffahrt durch die Franzosen ist eine Tatsache, dre sich durch ihre Eindringlichkeit von selbst außerhalb jeder Anzweiflung stellt, deren Bedeutung ater vom militärischen Standpunkt aus.anscheinend nicht überall genügend gewürdigt wird, wenigstens nicht in der Öffentlichkeit. Tie militärischen Kreise freilich werden wohl wissen, wie e8 steht, und den Vorsprung der westlichen Nachbarn mit berechtigter Sorge betrachten. Jetzt veröffentlicht der Syndikus des deutschen Luftschisferverbandes, Justizrat Eschenbach in Berlin, im Oktoberheft der „Preutz. Jahrbücher" (das uns schon vor Erscheinen zugestellt worden ist) ein „eindringliches Mahnworr" zur Sache, und man kann nur wünschen, daß die inhalt- reichen Darlegungen verdiente Beachtung finden. Au ihrer Weiterverbreitung beizutragen, dünkt uns Pflicht. Ter Verfasser weist darauf hin, daß die notwendigen Organisationen zur Ausbildung der Technik der Flugmaschine mit derartig großen Kosten verknüpft sind, daß es vollständig ausgeschlossen erscheint, auch nur einigermaßen an die Spitze zu kommen, wenn die Aufbringung der Mittel einzig und allein dauernd nur der Privatinitiative überlassen bleiben sollte. Die von Privatpersonen in opferwilliger Weise für die Schaffung des Flugplatzes Johannisthal und die großen sür Deutschland grundlegenden Vorführungen des vergangenen Herbstes aufgewendeten Mittel sind solche, daß sie unmöglich wiederholt und auf die Tauer getragen werden können. Mußten doch allein, um die französischen Vorbilder im Herbst 1909 nach Berlin zu bekommen, rund 400 000 Mark bare Mittel ausgewendet werden, während die Beihilfen, welche, nachträglich staatlicherseits gegeben wurden, sich in den denkbar bescheidensten Grenzen hielten. Ter Schatz
sekretär wird weiterhin getadelt, daß er sich auch den b e s ch e i d e n st e n Anträgen gegenüber außerordentlich schwierig gezeigt hat. In den betreffenden Kreisen sei hierüber Bitterkeit und Entmutigung laut geworden, und es sei nur auf das dringendste zu hoffen, daß durch das Beispiel und die Erfolge Frankreichs gründlich Wandel geschaffen werden möge. Die Reichs- und Staatsbehörden, so lassen sich, die „Preußischen Jahrbücher" vernehmen, müßten finanziell ungleich mehr tun als bisher. „Tenn das bislang Geleistete ist leider in gewisser Beziehung gleich Null. Daß hier schleunigst und gründlichst das Notwendige nachgeholt werden inus; bedarf keiner weiteren Darlegung. Verfügt doch beispielsweise Frankreich schon heute (September 1910) schätzungsweise über hundert vollständig s l u g fertige Maschinen mit einer entsprechenden Anzahl ausgebildeter Führer. Wie gewaltig die Fortschritt-, speziell unter dem Gesichtspunkt der Verwendung für militärische Zwecke in Frankreich Uiid auch sonst im Auslande seitdem gewesen sind, dafür bedarf es nur des Hinweises atrf den im August stattgehakten „Rundflng gen Osten", dessen stark, chauvinistischer Charakter und Inhalt wohl so bald nicht aus, den politischen Erwägungen der maßgebenden deutschen Kreise ausscheiden dürfte. Es genügt, in dieser Beziehung auf die symbolische Handlung der Überflieg un g der deutschen Grenze nach Meldungen bezw. Illustrationen durch, einen hohen französischen Offizier hinzuweisen. Es,ist aber weiter heute schon eine Tatsache, daß Frankreich auch bereits . über Flugmaschinen und Flugzeugführer verfügt, welche Hunderte von Kilometern ununterbrochen , mit beobachtenden Generalstabsofsizieren zurück- lcgeii (— vergleiche auch die Festungs- und Belage- rungsübungen von Verdun —), daß Frankreich ferner bereits Flugzeugführer besitzt, welche über den Kopf der Belagerer hinweg die Verbindung der belagerten Festung und der Außenwelt Herstellen , können, daß französische Offiziere in der Flugmaschine schoii vollständige Kundschafter- und Vorpostendienste zu leisten vermögen usw. usw." Diesen Ausführungen , de8 Justizrats Eschenbach kann man füglich nicht widersprechen. Der Verfasser macht darauf aufmerksam, was es zu bedeuten hat, daß für den Wert eines e nt,« z i g en P a nz er schis f s schon heute bei der Fabrikation im großen mindesten z e h n t a u s e n d Flua- maschinen hergestcllt werden können, daß also ein der Küste sich näherndes Geschwader mit einem H a^g, ei von Sprenaaeschossen überschüttet werden, kann. Sind doch schon Flugleistungen aufzuweisen, bei denen außer dem Führer noch fünf Personen als Passagiere mlt- aenommen wurden. In der Tat sind es sehr ernste Fragen, die hier von den „Preußischen Jahrbüchern" aufgeworfen werden. Wir müssen aus dem Hintertreffen heraus, wir müssen in die vorderste Reihe rücken.
FemlleLorr.
§l!e neue m\W Meilum der MMsMlng.
Brüssel, 27. September.
Die neue englische Abteilung aus der Brüsseler Weltausstellung, die durch den belgischen König Albert eröffnet wurde, bedarf einer ganz besonderen Berücksichtigung, da sie wohl aus dem Ausstellungsgebiete als einzig dastehend bezeichnet werden kann. Gewiß ist sie nicht so umfangreich wie ihre am 14. August zerstörte Schwester ^ und Vorgängerin, berat sie umfaßt nur etwa 4000 Quadratmeter; aber was sie bringt, darf als eine klare Widerspiegelung dessen, was die englische Industrie leisten kann, angesehen werden. In vier Wochen ist diese Ausstellung ansgebaut worden; es blieb also keine Zeit, sogenannte Schaustücke herzustellen, die nur dazu bestimmt sind, in einer Vitrine „gute Figur" zu machen. Als am Morgen nach dem großen Brand, noch im Angesicht der brennenden Trümmerhaufen, der englische Generalkommissar Winiour dem Exckutiv-Komitce der Ausstellung die offizielle Mitteilung mackte, daß die englische Regierung beschlossen habe, in einem Zeitraum von vier Wochen die vernichtete Abteilung zu rekonstruieren, da glaubte niemand, daß eine derartige Parsorcetour möglich wäre. Und doch, sie ist gelungen!
Die neue englische Sektion rp m bem ehemaligen großen Festsaal untergebracht; sic liegt also rechts vom Hauvteingang, etwas vor den französischen Kolonien und umfaßt das ganze Parterre des umfangreichen Gebäudes, in dessen erstem Stock die verschiedenen Kongresse, die jetzt zu Dutzenden hier abgehalten werden, zu tagen pflegen.
Schon die erste englische Abteilung hob sich durch ihre innere Ausstattung von den anderen ausländischen Sektionen wirkungsvoll ab. Man hatte damals eine blaß
blaue Innendekoration geschaffen, die außerordentlich belebend wirkte/ Jetzt hat man in der neuen Ausstellung nach oben hin mit blendendem Weiß gearbeitet und auch dieses Mal wieder die Ausstellungsstände nur in einer einzigen Farbe und in einem einzigen Modell gehalten. Der Fußboden ist zum Teil mit roten Teppichen belegt, so daß also ein vornehmer Eindruck erzielt wird. Wenn eine Ausstellung durch ein widriges Geschick aus den vierten Teil reduziert wird, dann muß es natürlich die Aufgabe des Ausstellungsleiters sein, sorgfältige Dispositionen zu treffen, damit die vcffchiedenen Industriezweige je nach ihrer Bedeutung, die sie sür das ansstellende Land haben, auch berücksichtigt werden können.
Besonders stark ist die Keramik vertreten, die schon das letzte Mal ausgefallen ist. Wir finden wirkliche Kunstwerke. Dabei hat eine Vase ganz, aktuelle Bedeutung; sie nimmt nämlich Bezug aus den großen Ausstellungsbrand vom 14. August. Man findet hier die lateinische Inschrift: „Quod ignis dedit inoendium abstulit", und gleichzeitig eine allegorische Darstellung der Feucrsbrunst. Eine andere Vase stellt Großbritannien und Belgien brüderlich vereint dar, wie beide sich wieder für den großen friedlichen Wettstreit rüsten. Neben diesen Aktualitäten findet man Fayencen von großem künstlerischen Wert. Auch geschmackvolle Glaswaren in gediegener, seiner Arbeit sind ausgestellt. Einen breiten Raum nimmt die Textilindustrie ein. Namentlich seidene Damaste, Baumwollcngewebe, Sammete und gewebte Spitzen werden gezeigt. Die seidenen Damaste sind es vor allen Dingen, die den Fachmann interessieren werden, weil die Dessins mit einer Feinheit ausgeführt sind, die es ermöglicht, selbst die subtilsten Effekte zum wirkungsvollsten Ausdruck zu bringen. Auch Stoffe sür den kirchlichen Gebrauch, namentlich sür den katholischen Ritus, sind vorhanden und eigenartige Möbelstoffe, die in ihrer Art m Deutschland wohl kaum bekannt sein dürsten. Die englische Konfektion ist gut vertreten, durch gediegene Sportkleidung wie durch wasserdichte Stoffe, für deren Fabrikation ja (inaland schon von jeher maßgebend war.
Politische Kversrcht.
Instirrnt Kollo xirm VrnrMKehmann-Hohenberg.
Auf Veranlassung des „B. T." hat sich der bekannte Berliner Rechtsanwalt Justizrat Seilo zu dem Weimarer Gerichtsbeschluß, betreffend Überführung des Professors Lehmann-Hohenberg in die Irrenanstalt zu Jena, geäußert. Wie der hervorragende Jurrst aus- fsihrte, ist es außer Frage, daß dem Amtsgericht in Weimar die f o r m a l e B e s u g n r s zustand, die Internierung des Herrn Professors Lehmann-Hohenberg in der Irrenanstalt zu .JeM anzuordmen. Nach dem 8 81 der Strafprozeßordnunq kann das Gericht auf Antrag eines Sachverständigen anordnen, daß der Angeschuldigte — zur Vorbereitung eines Gutachtens, über seinen Geisteszustand — in eine öffentlrche Irrenanstalt aebracht und dort beobachtet werbe. Die Auswahl der zuzuzichenden Sachverständigen aber erfolgt, wie der § 73 der Strafprozeßordnung bestimmt, durch den Richter. Wenn Herr Professor Lehmann-Hohenberg und sein Verteidiger beantragt haben, Professor Krae- pelin als Sachverständigen zur Untersuchung heranzuziehen, so braucht das Gericht diesem Antrag also keine Folge zu geben. Nun gibt es zwar noch eine Möglichkeit, Zeugen und Sachverständige, die der Angeklagte wünscht, laden zu lassen, nämlich durch den Gerichtsvollzieher. Nach § 244 Absatz 2 der Strafprozeßordnung ist aber eine solche Ladung durch den Gerichtsvollzieher in dem Verfahren vor dem Schöffengericht unzulässig.
Nun hat bekanntlich Rechtsanwalt v-r. v. Pannwitz gegen den Beschluß des Gerichts aus Internierung in der Irrenanstalt in Jena Beschwerde eingelegt.. Es rst jedoch zweifelhaft, ob eine solche Beschwerde juristisch zulässig ist. Im 8 347 der Strafprozeßordnung heißt es ausdrücklich: „Entscheidungen der erkennenden Gerichte, welche der Urteilsfällung vorausgehen, unter-- liegen nicht der Beschwerde." Eine Beschwerde dieser Art ist nach 8 81 nur zulässig, wenn es sich um eure Borverhandlung handelt. Das Reichsgericht hat deyn auch in einem Fall entschieden, daß dem Verteidiger das Recht auf Beschwerde nicht zusteht. Verschiedene Ober, landesgerichte aber haben sich, anscheinend weil es, sich hierbei um einen Eingriff in die persönliche Freiheit handelt, aus einen anderen Standpunkt gestellt und die Beschwerde audi gegen Entscheidung der erkennenden Gerichte zugelassen. Der Verteidiger des Herrn Leh- manii-Hohenberg muß also die, Beschwerde an das Landgericht richten, und cs bleibt ybzuwarten, ans welchen Standpunkt sich dieses Gericht stellen Wird. Wie aber auch, immer seine Entscheidung aussallen wird, sie ist. weil es sich nicht um eine Verhaftung handelt, u n w i d e r r u f l i ch. Gibt also das Landgen<;t der Beschwerde nicht statt, dann kann vom Verterdiger nichts weiter dagegen unternommen werden.
So viel über die Rechtslage. Es nnterlregt kernein
Eine Gruppe, die eine besondere Berücksichtigung her- dient, ist die der englischen Möbelindustrie. In einigen Nischen des Vorraumes sind Zimmereinrichtungen untergebracht, die sich vor allem durch eine gediegene, saubere Ausführung auszeichneu. Der Stil, in dem die Einrichtungen gehalten sind, ist der in England bekannte. Die, Tische und Stühle sind schwer gehalten, und auch die Kamine und Lüster fügen sich dem Massiven wirkungsvoll an. Die Dekorationen die zur Verwendung kamen, sind ebenfalls in dem bekannten Stil, und wenn ein näheres Eingehen auf die Tendenzen dieses Kunstgewerbes vermieden wird, so licat^cs eben daran, daß der beschränkte Raum zu einer Mäkiauna zwang, die Vergleiche mit den Darbietungen anderer Nationen auf dem gleichen Gebiet ausschließt. Wie ans der ersten Ausstellung, so ist auch diesmal wieder die Optik recht umfangreich vertreten, und wir möchten auch olcicl«eiiia auf die chemisch-pharmazeutischen Produkte Hinweisen die zu sehen sind. Selbstverständlich wurden auch Lebensmittel besonders die bekanirten englischen Warme- laden und die englischen Biere, ausgestellt. Die Druckerei- branche ist ebenfalls vertreten und trotz der großen Verluste, die die englischen Sammler erlitten haben, hat man es auch diesmal wieder gewagt, alte Drucke zur Ausstelltmg zu bringen. Die Druckerei der Universität von Oxford ist es, die sehr wertvolle Altertümer vorführt. Die Druckerei der Universität dürfte wohl das einzige Institut der Welt sein, das in der Lage ist, eine zuverlässige Auskunft über alles das zu geben, was in dem ungeheuren Zeitraum von 325 Jahren in England veröffentlicht würde. Das erste Werk, das dieses Institut erstellte, ist ein lateinischer Kommentar zur Apostelgeschichte, der im Jahre 1468 verfaßt wurde. Jetzt kann man die erste Folioausgabe Shake- spoarischer Dramen vom Jahre 1623 bewundern, und auch eine ziemlich gut erhaltene Ausgabe seiner Sonette, deren Herstellungsjahr ebenfalls in das 17. Jahrhundert fällt. Die Druckerei führt auch Reproduktionen der ältesten Werke vor, die in ihrer Offizin hergestcllt wurden. Daneben interessieren natürlich die Erzeugnisse des modernen Buchge-
