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Magdeburg.
„Die sozialdemokratische Partei ist heute einiger denn je", rief am Samstaguachmittag der gemütliche radr Parteitagsprästdent seinen Genossen stolz zu 8*m 45* s für diese etwas kühne Behauptimg führte ct ^ e ® J " £ "
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h , Tatsache nicht hinweghelfen, daß die Sozialdemokratie fmi ~ ihrer gegen den Feind (vor den Wahlen), geeinten plackt innerlich nie so uneinig gewesen ist wre rn diesen Tagen. Bedarf es noch eines Beweises? Die Budget -rage hat nicht nur, um in der milden Tonart des Vorsitzenden zu sprechen, scharfe Worte auseinander Platzen lassen, sondern z w e i W e l t a n s ch a u u n g e n— derer, bte sich aus Wn „Flugsand der Konzessionspoliiik" begeben, die sich mit den Liberalen verbünden, um kleine Erfolge zu. erreichen, und derer, die aus das revolutionäre Endziel hinarbeiten die sich mit Abscheu von der „verrotteten bürgerlichen Gesell- sc-ckst" abwenden. Und diese Uneinigkeit hat sich fast über all gezeigt. Sogar in der Wahlrechtsfrage, als Rosa Lmembuvq den politischen Massenstreik znm Entsetzen der Gewerkschaftler baldmöglichst als bestes Mittel zur Erreichung der revolutionären Tat empfahl. Und diese Un Einigkeit hat sich auch bei den Verhandlungen über die Ge nossenschastssrage gezeigt, in der die Radikalen allein erneu revolutionär politischen Schritt sehen, die Revisionisten un Gegensatz dazu einen Beweis für die Richtigkeit der Kata-
strophenpolitik. „ . ,
Innere Uneinigkeit im sozialistischen Lager, wenn sie auch eine Zeitlang durch Verkleisterung äußerlich nicht hervortritt, ist die erste Tatsache, die der Parteitag gezeitigt hat. Die zweite, daß die übergroße Mehrheit in der Partei v an einem Bündnis mit den Liberalen nichts wissen will. „Heraushauen" — das ist alles.
Die „höhnische" Absage an die Liberalen wird für die kommenden politisch bewegten Tage von außerordentlicher politischer Bedeutung sein. Schon auf dem nationallibe- ralen Parteitag in Cassel müssen sich die Wirkungen zeigen Die Jungliberalen werden sich nicht allzuweit herauswagcn dürfen. Der Großblock für Deutschland ist nach Aussprüchen Bassermanms und Bebels Blödsinn, Unsinn. Z e h n i a u
sende von Mitläufern werden wahrscheinlich wieder
zu den bürgerlichen Fahnen zuruckkehren, nachdem ihnen von Magdeburg die Erkenntnis gekommen 'st, daß man in der Verärgerung nicht dre O p p o s r t r o n, sondern die R cv olution fördert. - T .. r . t4tn
Der sozialdemokratische Parteitag ist für d,e Klärung der politischen Verhältnisse im Reich von großem Werr Selbst der greise Bebel kann nicht mehr bremsen. Die Massen in der Sozialdemokratie sind revolutionär Die Süddeutschen trotze,: charakterfest. Aber sie werden sich fügen müssen, wollen sie nicht fliegen. Der Radikalismus ist Sieger geblieben. Das werden die i»genannten „Mrt- läufer'^der^Sozialdemokratie nicht vergessen. Die Folgen werden sich bei der nächsten Wahl zeigen.
*
Der letzte Verhandlungstag.
8chw. Magdeburg, 24. September.
Die Reihen der Delegierten sind stark gelichtet Sehr viele sind schon mit den Morgeuzugen hermgefahren. IN Rücksicht daraus hält Molkenbuhr nach Beendigung der Di.- kussion über die Genossenschaftsfrage, in der allgemein mehr sozialistischer Geist in den Konsumvereinen gefordert wurde, nur ein recht kurzes Referat über die Reichsverilcherungs- ordnung. Eine Diskussion schließt sich nicht an. Aus dem K-aPitel „Verschiedene Anträge" ist bemerkenswert, daß der Ort für die nächstjährige Tagung nicht festgelegt wurde, da tu den außerordentlich bewegten politischen Zeiten ein außerordentlicher Parteitag notwendig werden wird'. Die Vorstandswahl ergibt Wiederwahl von Bebel, Singer, Gerisch, Ebcri, Molkenbuhr, Müller, Pfamikuch Frau Zrey Die allgemeine Unruhe weicht allgemeiner Aufmerlsamkeit, als Dich das sorgfältig ausgearbeitete Schlußwort verliest. Er dankt zunächst den Magdeburgern, Parteitag habe diesmal mehr als sonst die Aufmerksamkeit aller politischen Parteien erregt. Was die Konservativen und Zentrum sagen, ließe die Partei kühl. Je wehr sie schimpfen, desto mehr wisse sie sich auf dem rechten Weg. Die Libc- ralen hofften auf eine Erfüllung, die nie Erfüllung werden kann. Der Verlauf der Tagung stand unter dem Szepter strenger Sachlichkeit. Daß auch harte Worte fielen, läge im Prinzip der Meinungsfreiheit. „Kern Delegierter aber scheidet mit bitterem Gefühl". Der Vorsitzende laßt dre Beratungen Revue passieren. Die Budgetsrage fei Partei- genössisch erledigt worden. Trotz scharfer zZvrte sei die Einigkeit, wie die Erklärungen der Süddeutschen bewiesen haben, in der Partei heute größer denn je. Wa» alle bewege, sei die preußische Wahlrechtsfrage. Emen Handel mit den Liberalen lehnen wir ab. Wir wollen sie aber gegen die Reaktion herauKhaucn. Die Zukunft Deutschlands liegt in der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Mit brausenden Hochs und dem Absingen der Arbeitermarselllarse schließt der Parteitag.
Heil des Liberalismus liege. Sicherlich sei es den sozialdemokratischen Führern mit Rücksicht auf dre nächsten Wahlen nicht unerwünscht gewesen, daß dw prinzipiellen Gegensätze zu der bürgerlichen Opposition in den Hintergrund gestellt wurden. Ihre Anhänger seien von den bürgerlichen Demokraten nicht zu gewinnen; sie durften dagegen immer hoffen, daß im Verkehr mit den bürgerlichen Grenzelementen viel mehr der radikalere Teil der uberiegene sei. Deswegen hätten sie es offenbar gern gesehen, wenn sich glich die Situation in Baden vorläufig noch rn emer^ gewissen Zweideutigkeit hätte erhalten lassen. Für diese Feinheiten der Taktik hätten nun aber die grober organisierten Genossen keinen Sinn gehabt, übrigens werden dre Herren aus Baden Mittel und Wege finden, dem Pariel- spruch zu genügen; sie dächten gar mcht daran, sich von der radikaler scheinenden Freunden zu treimen. Sre hätten nach beendigter Auseinandersetzung Seite an Serie mit ihnen weiter verhandelt, als wenn nichts geschehen wäre. So seien auch diesmal wieder die Erwartungen all absurdum geführt worden, die von den gelegentlichen Eigenmächtigkeiten der Revisionisten jedesmal eme neue Ara in der Entwicklung der Partei datierten.
Die „Norddeutsche" über die Revisionisten, w. Berlin, 24. September. In Besprechung der Vorgänge auf dem sozialdemokratischen Parteitag tn Magdeburg hebt die „Norddeutsche Allgemeine Zertung hervor: Der Verlauf des Parteitags räume gründlich mit der än= acht auf, daß die revisionistische Intelligenz
aus dem Wege sei, die Sozialdemokratie zu emer verbau dlnn gssäh igen Gegenwartspariei um zubilden, und daß im Paktieren mit dieser Richtung das
Die IrrenhMLWre des Prof.leliKMN'Kchenber^.
s. u. II.' Weimar, 24. September.
Der Verlaus der Prozeßverhandlung grgen Professor Lehmann-Hohenberg in Wcimar hat weit über die Grenzen Thüringens hinaus Aufsehen und dre größte Beunruhigung erregt und eine Reihe von Kundgebungen gezeitigt, die durchweg erkennen lassen, daß niemand von den engeren und weiteren Bekannten des früheren Kieler Universitätsprosessors diesen für irgendwie geistig anorma hält. Professor Lehmann-Hohenberg veröffentlicht fetzt ciue Reihe solcher Kundgebungen.
Exzellenz Professor Dt. Ha eckel-Jena schreibt au» München: „Herr Professor Lehmann-Hohenberg der m c Wissenschaft als Forscher Hervorragendes Selchtet hat, ist mir seit dem Jahre 1904 persönlich bekamit. ich ha^ mehrere seiner Vorträge im großen Saale, des Volks Hauffs in Fcna qchört und ihn oft eingehend gesprochen. Es kann g«; keine Rede davon sein, in ihm einen Geisteskranken sehen zu wollen. Seine Bestrebungen verdienen vielmehr die allerernsteste Beachtung. In unseren staatlichen Einrichtungen findet sich noch so viel Unkultur und Barbarei, namentlich auf dem Gebiete res Recht»- wesens daß es mit Freude begrüßt werden muß, wenn ein * naturwissenschaftlich unterrichteter Mann es unternimmt hier gründlich mit allem Rückständigen und Natirr-
SS« «- na« und »--»
Strebenden sollten hier mithelfen. ,
Geh. Rat Professor Du. O stw a ld- n
„Sehr geehrter Herr Kollege! Ich verfolge Ihre WM« Bemühungen um die Verbesserung unsnes s h -
liegenden Rechtswesens mit ebhafter JLtximm, *a a,
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stärken." ^„,,-rmsrat Dr Konrad Küster-Berlin,
KemUeton»
Das fransöftsche Muftkfest in München.
(18. bis 20. September.)
München, 22. September.
Es war gewiß ein glücklicher Gedanke der musikalischen Leitung der Ausstellung München 1910 dre „Soomts frangaise des amis de la musique" zu eurem Milsttsest ut- ruladen. Die hochangesehene Pariser Musikvcremigung hat, indem sie dem Münchener Rufe Folge leistete, damit ihre künstlerische Tätigkeit zum ersten Male außerhalb der Grenze Frankreichs verlegt. Daraus, daß der Präsident der Revublik das Proteltorat über das Münchener »eit, übernahm, darf man schließen, daß die französische Regierung diesem friedlichen Wettstreit der Künste aus deutschem Boden ihr Wohlwollen entgegenbringt. Ohne diese Tarsache zu überschätzen, wird man der Deutschlandsfahrt der framösischen Musiker somit auch eine gewisse politische Bedeutung nicht absprechen dürfen. Die Stadt München empfing die sranzösischen Gäste, unter denen kaum einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten Frankreichs fehlte mit großer Herzlichkeit. Das offizielle Willkommen im Prachtsaale des Münchener Rathauses vollzog sich in den sympathischsten Formen. Unser Bürgermeister (Geh. Hofrat Pr Philipp von Brunner; Oberbürgermeister von Bor,cht befindet sich noch im Urlaub) hielt die Begrüßungsrede rn deutscher Sprache, und Graf Chandon de Briailles, der Präsident der Gesellschaft der Pariser Kunstfreunde,' erwiderte französisch. Das machte sich gut und entsprach der nationalen Würde der Gastgeber wie der Gäste. Was beim
Empfang beide Herren sagten, klang verbindlich, liebenswürdig, ohne irgend welche politische „Zukunstsmupl gU
machen^ ^ tnei) - ten beachtete Persönlichkeit unter den Pariser Gästen ist Camille Saint-Saäns. Der 75jährige Meister ist schon lange in Deutschland aus das beste akkreditiert. Fast jede Opernbühne von Rang hat im Repertoire seine im schönsten Sinne wirksame Oper „Samson und Dalila", deren Erstausführung nicht in der Heimat des Komponisten sondern im deutschen Weimar stattgcsundcn hat und sich von dort erst ihren Ruhmesweg bahnte. Trotzdem hat Saint-Saens sich lange Zeit deutschem Wesen gegenüber ablehnend verhalten und Richard Wagner in Pari» Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Wenn neusranzöstsche Komponisten, wie Vincent d'Jndh, sich als Wagnergegner bekennen, so läßt sich dies dadurch erklären, daß die,e Künstler instinktiv den mächtigen Einfluß von Wagners Genie fürchten, der sie, wie auch manche Deutsche, zu fruchtlosem Epigonentum sührew-könnte. Allein für Camille Saint-Saäns, diesen strengen Formalisten der alteren Schule, lag keine Gefahr vor, ins Schlepptau des Großen von Bayreuth zu geraten. Wir haben Saint-Saäns, den Künstler, niemals in Deutschland seine Haltung in ver Wagnersache fühlen lassen, und heute, da er selbst zu uns kommt, ist kein Grund, ihm die Vergangenheit nawzu- tragen. Der alte persönlich überaus liebenswürdige Herr war von Anfang an der gefeiertste unserer Pariser Gast-. Schmr bei den gesellschaftlichen Veranstaltungen, dre zu Ehreit der Looiste des amis de la musique von ÖCT wie von den deutschen Protektoren des Festes, dem Prinzen Heinrich, einem Enkel, und dem Prinzen Ludwig Ferdlnan einem Neffen unseres Prmzregenten Luitpold von Bayern, übernommen wurden, hatte man Geleaenherü den V
—„ vMUn su hören. Saint-Saöns ist undstebzlgiahrigen sM.^^e^. Meister des Klaviers; seinem noch heute er ) ^ temperamentvollen Anschlag ent»
ruhigen, aber @t £cn „ t Jeilie Ermüdung und
m ° w en -.E^ wr beste Interpret seiner vornehm-eleganten MuMtück/ die neben eminentem Formgefühl immer mehr Mäüiakeit r>nd fernsten Klangreiz als den heißen ^ ^^Empsindung erkennen lassen. Münchener Ver- " Kammermusik von erstem Range assistierten dem treter der K ,„stcns. Diese Stücke wurden uns rm
l'Stlnl« geboten, das ein geradezu ideales Hans ^ ©mimternnt|l J ist. Sehr glücklich fügten sich dem mabmen des Musikfestes auch altsranzösische Werke ein. ZL.S-L-. d» H--°))s«°b-> Rameous »NX
ZzrLret der Societe des coneerts pour anciens instrumenta firMt sicherlich Wahlverwandtschaft zur alten Kunst. Frau Wanda Laudowska, die auch schriftstellerisch auf dem Gebiete der alten Musik tätig ist, spielte uns aus dem Cembalo Stücke von Rameau und Couperin vor. Wir bewunderten ihre Technik und ihr feines Stilgefühl, ohne daß uns die dünnen Töne tiefer berührten. Saint-Saiins als Sinfonieschöpfer vermittelte uns Rhmö-Baton, den ausgezeichneten Pariser Kapellmeister, unter dessen Führung das namhaft verstärkte Münchener Tonkünstler-Orchester aufs glänzendste sich bewährte. Tie Bläserpartim, die früher manchmal zu nicht unberechtigten Beanstandungen Anlaß gaben, erwiesen sich jetzt als tadellos. Rhene-Baton ist ein Dirigent von seltener Begabung, der den Jnstrumentalkörper durch eine ruhige Kraft, der nötigenfalls auch das Temperament nicht fehlt, seinen Absichten bis zur kleinsten Nuance dienstbar zu machen weiß. Äußerlich hat der breitschultrige Mann mehr germanischen als französischen Typus. Gabriel Faure, der zrim Dirigenten seiner eigenen Werke ausersehen war,
