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Nr. 445.
Wiesbaden, Samstag, 24. September 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Wtcrtt.
Iüv öcrs 4. GucrvtcrL 1910
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Der Zusammenbruch.
Die Toten reiten schnell. Mas die Opposition dvraussagte, daß die letzte Finanzrewrni einen Reinsall bedeuten würde — das hat sich mir Blitzesschnelle erfüllt. Schon heute pfeifen es alle Spatzen von den Dächern des Reichsschatzamts: Der Schatzsekretär mag noch so viele Abstriche in den einzelnen Etats durchgedrückt haben, es langt nicht hin und nicht her. Ein großes Loch bleibt. Herr v. Kiderlen hat sogar auf die für so notwendig erachtete Reform des Auswärtigen Amtes verzichtet, die lumpige 500 000 M. kosten sollte. Wie hoch das Defizit ist, wagt man gar nicht zu sagen.
Wie steht die Regierung nun da, die seinerzeit sich in die Brust warf und erklärte: Die nächsten Jahre kommen wir nicht wieder mit neuen Steuern I Regie- rungsprophezeiungen haben niemals hoch im Kurs gestanden. Man hat sie meist als die schlechtesten Aktien bezeichnet, auf die nur ein paar Ganzgutgläubige hereingefallen sind. Aber mit solchem Donnergepolter sind doch selten Hoffnungen zusaminengebrochen. Rur einer hat damals am Regierungstische den Brandgeruch gewittert — der Fürst Bülow, der es kühn den Agrariern ins Gesicht schleuderte: Bei Philippi sehen wir uns wieder!
Bei indirekten Steuern kann man fast 10 gegen 1 wetten, daß die Pessimisten recht behalten und daß die Erfolge fast stets hinter den Erwartungen Zurückbleiben. Fast alle Steuern, die aus Tabak, Spiritus, Bier, Beleuchtungskörper, sie alle haben weniger eingebracht. Ter Konsum ist eben wandelbar und das Publikum launisch. Es schlägt leicht dem Steuerfiskus ein Schnippchen, wie die Sozialdemokratie das mit dem Schnapsboykott getan hat.
Und nun noch eine neue Militärvorlage! Man traut sich auch hier nicht, den Kostenpunkt zu nennen. Tie Geheimniskrämerei hat gute Tage. Man sagt nun, die ersten Jahre kostet sie nicht so viel wie später. Aber
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Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Arles ans den srallsWM MMmmern.
Einquartierung. — Das Thema des „deutschen" Landungs- Heeres. — Die „vierte Waffe" und die Schiedsrichter. — Kricgs- neuheiten. — Der französische „troupier". — Manövcrbantetts.
Grandvilliers (Hauptquartier).
Im Städtchen Noailles, wo Ihr „Kriegskorrcspondent" die Ferien beschloß, trommelte der Gemeindctambour mit verdoppeltem Schneid seinen Wirbel: er verlas mit dröhnender Stimme die bürgermeisterliche Ankündigung, daß das 123. Jnsankeric-Regiment folgenden Tags bei der Bürgerschaft Quartier beziehen werde. Und da die antimili- tarrstische Kampagne des Demagogen Gustave Hervö eine unglaubliche Verwüstung in der patriotischen Gesinnung der Republikaner angerichtet hat, steckten die wackeren Bürger von Noailles sofort ihre sämtlichen Fahnen heraus, schlachteten ihre Hühner und stellten einige gute Flaschen bereit — alles zu Ehren der hcranziehenden Vaterlands- Verteidiger. Der Herr Maire bedachte auch mein gemietetes Landhaus mit einer tleinen Besatzung. Als um die Mittagsstunde das Regiment über die Nationalstraße nach kurzem Etappenmarsch heranrückte und sich nach dem Fahnensalut in die verschiedenen Gassen auslöste, läuteten zwei bestaubte Musiker an meiner Tür. Man sah es ihren Hautbois nicht an, daß sie zwei „Premiers prix au Conser- vatoire" waren, dem Opernorchcster angehörten und mit noch drei anderen „Ersten Preisen" der "bekannten Musikhochschule den Ruhm der 128. Regimentskapelle ausmachten. Nachdem die beiden Kavaliere in den roten Hosen sich gebürstet hatten, kam noch eine Extra-Einquartierung von 25 Mann, denen es drüben auf der Farm zu eng geworden und die um den Heuboden baten. Trotzdem sie bald im Hof beim Kartoffclschälen saßen, schienen auch diese Fünf- nndzwansia lauter Kavaliere zu sein. Sie erhoben sich,
wenn auch. Es ist doch nur bei den unsolidesten Kaufleuten Mode, ins Blaue hinein Ausgaben zu machen, wenn dem keine Aktiva gegenüberstehen.
Was tun? sprach Zeus. Die Welt ist weggegebeu. Ter Sport, das Bier, der Tabak ist versteuert. Es gibt keinen Winkel mehr, wo der Steuerbesen noch ein paar Millionen zusammenfegen könnte. Schon bei der letzten Steuerreform hatte man den letzten Kehraus gehalten. Und zu direkten Steuern kann sich die Re- gierung bei den jetzigen Mehrheitsverhältnisten ebensowenig entschließen, wie zur Wiederaufnahme der Erbschaftssteuer.
Herr Erzberger nimmt in seinen Publikationen seine Zuflucht zur Erhöhung der Matrikularbeiträge. Aber diese sind noch durch einen früheren Beschluß auf 80 Pf. pro Kopf festgesetzt worden. Und nach Bismarck- schem Grundsatz ist es immer die schlechteste Politik des Reichs gewesen, als Kostgänger den Einzelstaaten lästig zu werden.
Dazu noch die Reichstagswahlen vor der Tür! Wahlen, die so schon stark belastet sind, wo der Steuerzahler einmal die Majestät im Volke bildet. Ja, man kann es verstehen, wenn man nicht in der Haut dieser Regierung stecken möchte. Es spielt sich alles auf den Zusammenbruch des jetzigen Systems hinaus.
Deutsches Reich.
* Selbst ist der Mann! rufen die „Münch. Neuest. Nachr." der Wählerschaft zu. Ter jetzige Reichskanzler ser ungeeignet, dem deutschen Volk Pfadweiser zu sein: „Ter gute Wille, der lautere Charakter, die abgeklärte Persönlichkeit, nichts sei ihm bestritten', er hat auch wertvolle Gedanken geäußert. Aber er hat weder Wege gewiesen, iroch Mißmut zerstreut, noch zu öffentlicher Mitarbeit zu begeistern verinocht. Der Glaube, daß er uns aus der Misere der Parteizerrissenheit, des staatsbürgerlichen M i ß m u t s herausreißen werde, ist zur Stunde gleich N u l l. _ Ist die Regierung müßig und tatenlos und lethargisch, dann muß eben die politische Einsicht und die politische En er g i e i n der Wählerschaft, in den Parteiorgan i- sationen selbst sich rühren. Dann müssen die Parteiorganisationen selbst die Werbung für ein wärincres Interesse am Staatsleben in die Hand nehmen, das sich nicht nur durch Teilnahme an politischer Tätigkeit in Schrift und Wort zu bekunden braucht, sondern auch durch Zuwendung von G e I d m i t t e In, die zu diesen nützlichen Zwecken von der geeigneten «teile berwenöet werden können. Tann sollen die berufenen Parter- ffihrsr einmal mutig an Persönlichkeiten_ herantreren, die nach Verinögensverhältnissen und Einsicht und poli- tlichcr Bildung geeignet sind, öffentlich hervorzinreien als Führer und Bekenner. Vor allen Dingen aber kann der eigenen, insbesondere der liberalen Wäbler-
wenn eine Dame den Hof betrat und grüßten sehr wohlerzogen. Sie leerten nur genau so viele Flaschen Rotlvein, wie gebildete Leute mit einigem Durst bei der Mahlzeit zu sich zu nehmen pflegen, promenierten im Garten, ohne den Blumen etwas zu Leide zu tun, während das Orchester aus dem Hauptplatz ein Nachmittagskonzert gab, der Gastfreundschaft zum Dank, und schrieben lausend Ansichtskarten. Die Offiziere kamen und gingen, prüften die Suppe, die in der „buanderie" brodelte und inspizierten den Heuboden. Um 9 Uhr lagen alle in Morpheus Armen. Als meine Einquartierung in größter Morgenfrühe in Reih und Glied trat, um wciterzuziehen, hatte sic fein säuberlich den Hof von Kartoffelschalen freigekehrt, das Stroh auf dem Heuboden wieder hübsch aufgeschichtet und als einzige Spur ihrer Gegenwart einen halben Sack Kartoffeln und Soldatenbrote der Köchin zurückgelasscn, erkenntlich für die Aufbesserung ihres Menüs. Der fast familiäre Verkehr der Offiziere mit ihren Leuten schadet also der Manneszucht nicht; ohne Befehl führten die Soldaten sich sehr anständig aus. Es ist wahr, daß meine 25 Mann die besonders intelligente Gruppe der Mitraillcuse waren — der Gegenstand der höchsten Spionagefurcht unter dem Dach eines Deutschen! Ich Wage zu sagen, daß wir beide bei einander gut aufgehoben waren. Das französische Vaterland brauchte nicht zu zittern. Die Mitraillenscnmänner sind meist ausgebildete bessere Mechaniker; aber das gesamte Regiment ließ nur gute Erinnerungen zurück; bei dem ganzen, gewaltigen Truppenzusammcnzug waren die Fälle von Disziplinlosigkeit und gar Kriminalität nur Ausnahmen. Wer sie als Regel im französischen Heer hinstellen möchte, gibt sich einer Täuschung hin.
In den folgenden Tagen kamen Artillerie und Kavallerie durch: immer das gleiche angenehme Bild. Die Nähe des Manöverterrains der Picardie machte sich für das wirt- schastliche Leben kaum fühlbar Bald zogen die LcnlbavonS und Aeroplane über Noailles hin, das auf dem direkten Wege nach Briot, dem Aviationszentrum, lag. Der Zeitpunkt zur Fahrt nach dem Hauptauartier Grandvilliers
schuft nicht deutlich genug jeden Tag gesagt werde», daß es eine Torheit ohnegleichen ist, zu der 'trifft ichen Untätigkeit und dein aus jeder, auch aus der pol.tffch-n Faulheit erwachsenden Mißmut und Verzagtheit auch noch sich in die Idee hineiubriugen zu lassen, daß n u r der s v z i a l d e m o k r a t i s che Stimmzettel_ steil- s a ui und vernürfftw sei. N u n er st recht ! i d er a l, und erst recht treu zur Partei und durch die Partei uneigennützig und werktätig sich eingesetzt für unsere schöne große Volksgemeinschaft, das Deutsche Reich! Und erst recht, wenn so energielos und gedankenarm von oben regiert wird." Das ist ganz unsere Meinung und gilt für alle Liberalen ebenso wie für die national- liberale Partei, an die sich die Mahnung der „Münch. Neuest. Nachr." in erster Reihe wendet.
x Ein Ministerialerlass über Erhaltung des Landschaftsbildes. Ter Eisenbahnminister hat den Königlichen Eisenbahndirektionen einen Erlaß zugehen lassen, in dem er darauf hinweist, daß die Klagen über die ungünstige Beeinflussung des Landschaftsbildes in schönen Gegenden durch hohe Eisenbahn däm m e, deren Böschungen kahl gehalten sind, berechtigt sind. Tie Direktionen sollen in Zukunft in erhöhtem Maße der Beseitigung dieses Übelstandes ihre Aufmerksam- keit zuwenden, wobei zu berücksichtigen fft, daß sich eine geeignete Bepflanzung der Böschungen der Dämme meist ohne kostspielige Maßnahmen erreichen läßt. Hierbei gehen selbstverständlich die Rücksichten auf die Betriebssicherheit vor, die in der Forderung auf möglichste Trockenhaltung des Bahnkörpers, aus Erhaltung der Übersichtlichkeit der Strecke und auf Sicherung der Geleise und Telegraphenlinien gegen Baumbruch zur Geltung kommen. Der Minister bringt auch die Beachtung der Erlasse in Erinnerung, die früher bereits ,im Interesse der B i e n e n z u ch t. der O b st b a u m p f l e g e und ztmi Schutz der heimischen Vogelwelt über die Bepflanzung der Böschungen gegeben wurden.
* Ein neues Bahnprojckt im Rheinland. Die Eisenbahnverwaltung hat Vermessungen für eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen Cöln-Lolingen-Rem- scheid-Lennep ungeordnet. Die geplante Strecke bezweckt eine Entlastung des Bahnhofs Ohligs.
* Sozialdemokratische Praktiken. Vor einiger Zeit war in den „Mitteilungen des Bundes deutscher Redakteure" der Vertrag, wie ihn die Firma Gemoll u. Komp, in Essen mit den Redakteuren der in ihrem Verlage erscheinenden „Arbeiter-Zeitung" abgeschlossen hat, abgedruckt. Der Kontrakt besagt u. a.: „Herr X. tritt als Redakteur der „Arbeiter-Zeitung" ein. Er hat Anspruch auf einen jährlichen Urlaub von drei Wochen. An Gehalt erhält Herr T. 1500 M., auszahlbar in monatlichen Raten von 125 Di. So lange Herr X. in Diensten der Firma Gemoll u. Komp, verbleibt, verpflichtet sich diese Firma, der Ehefrau des Herrn K. jährlich 1200 M., vom 1. November INI ab jährlich 1400 M. und vom 1. November 1913 ab 1500 M. in
war für Ihren „Kriegskorrespondcntcn" gekommen, der Landfricde von Noailles fand sein Ende. Ein geeigneteres Manövergebict wie das diesmal gewählte hätte man schwerlich finden können; hügeliges Land, kleine Wäldchen, gerade abgelegte Felder, vortreffliche Chausseen, viele Dörfer: dazu ein kühles Marschwetter. Das von dem in letzter Stunde erkrankten Generalissimus TrSmcau ausgedachte und Von seinem Stellvertreter Michel durchgcftihrte Manbvcrthema war „aufregend" genug, um dem Kriegsspiel ein wenig den Charakter von Kriegsernst zu geben. Man denke sich: ein feindliches Heer ist an den Küsten der Normandie gelandet und bereits bis Rouen Vorgedrungen! Wer errät bei einem solchen Thema nicht sofort, daß es sich um ein deutsches £ecr handelt, das mit der neuen starken Kriegsflotte und den Riesendampfern Hamburgs und Bremens herandampfte! Ties feindliche Heer, sagt das Thema weiter, sendet ein ganzes Armeekorps in nordöstlicher Richtung aus, gegen Beauvais und Amiens, um die schon in der Champagne und in Flandern gegen feindliche („deutsche") Korps kämpfenden französischen Truppenteile an einer Konzentration zu verhindern. Diese Truppenteile erhalten vom Hauptkommando den Befehl, dem neuen Angrcisu ent- gegenzutrcten, um gemeinsam mit einer von Paris kommenden Armee die Landungstruppen wieder „ins Meer zu werfen". Das französische rote Heer (2. Korvs) wurde von General Picquart, den, Exkriegsminister Clemenceaus und Exobcrstleutnant der Dreyfusaffäre, das feindliche blaue (g. Korps) von General Meunicr, einem Artillerie-Spezia» listen, befehligt. Im Grunde handelte cs sich um eine Nachahmung der deutschen Kaisermanöver von 1907 mit staffel- weisem Aufmarsch. Der Wert des Terrains, die strategische Aufgabe, einen eilig und selbst nicht geschlossen vorrückenden Feind zurückzudrängen, waren die Hauptsache. Vom 12.
14. September lagen, bte einzelnen Teile der gegnerischen Korps weit auseinander; die Kunst der Führer bestand darin, weithin Rekognoszierungen vorzunehmen, sich gut die Flanken und den Rücken zu decken und dabei so schnell wie möglich Verstärkungen nach den bedrohtesten Punkten
