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Nr. 44».
Wiesbaden, Freitag, 52 ». September 1910 .
58. Jahrgang.
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Werlag des Wiesbadener Tagölatts.
Die neue MUilarrwrlage.
Über die neue Militärvorlage brachte kürzlich eins Korrespondenz Mitteilungen, die sich den Anschein tiefen Eingeweihtseins gaben. Man hatte den Eindruck, als solle damit nebenher noch der Zweck verfolgt werden, „beruhigend" auf die öffentliche Meinung zu wrrten: wurde doch im Hinblick auf Pressemeldungen über beabsichtigte Jnfanterievermehrungen und Änderungen mr Etat der Kavallerie abgewiegelt. Nun aber wird von anderer Seite erklärt, daß diese Mitteilungen rn vieler Beziehung durchaus unzutreffend seren, daß es um- haupt verfrüht sei. schon jetzt mit Angaben aus der -war in ihren Grundzügen bereits aufgestellten, vom Bundesrat jedoch noch gar nicht durchbecatenen Vorlage hervorzutreten. Also wird man sich noch in Geduld zu fassen haben, ehe man erfahren kann, wie ihr Inhalt tatsächlich beschaffen ist. Vielleicht deuten doch die vielbemerkte Äußerung des Kaisers in seiner Königsberger Rede, daß wir unsere Rüstung lückenlos erhalten müssen, sowie die Wendung in der jüngsten Wahlparolen-Kundoebung des Reichskanzlers von der Sicherung des zum militärischen Schütz der Nation Nötioen darauf hin, daß die Vorlage möglicherweise weniger harmlos aussehen könnte, als man mancher- orten jetzt glauben machen möchte. Aber das muß, wie gesagt, abgewartet werden.
Inzwischen scheint man es jedenfalls in den^Krepen. £ie ber Ansicht sind, daß wir nie genug Soldaten haben können, für die Aufgabe zu halten, noch in letzter Stunde scharf zu machen, auf daß die Mehr- sorderungen der neuen Militärvorlage nur ja nicht zu knapp bemessen würden. Tafür zeugt ein vom „Tag" veröffentlichter Artikel, in dem sich General K e t m mit dem Ausbau unserer Wehrmacht beschäftigt. Man kennt die Bestrebungen, die hier zu Worte kommen, seit langer Zeit. Die bedenklichste Lücke, Hecht es, besteht auf dem Gebiet der allgemeinen. Wehrpflicht: wir
hätten, so wird geklagt, die allgemeine Wehrpflicht nur noch auf dem Papier, da nach Ausweis der letzten Aus-
hebungsergebnisse lediglich 60 Prozent der drensttaug- lichen Wehrpflichtigen hätten in das Heer eingestellt werden können. Und man drängt eben O-^f r.
vollständige Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht hin, daß auf eine gewaltige V e r m e h r u n a >. er Kopfzahl unserer Armee. Vermutlich wurde man vorläufig geneigt sein, sich mit einer anständigen Abschlagszahlung zu begnügen, ohne deshalb das tim GU 5 dem Auge zu verlieren. Geiieral Keini cxcmplt- fiziert was einigermaßen überraschend ist. auf die französischen Heeresverhältnisse, die man für gewöhnlich doch in einem anderen Licht zu sehen gewohnt ist. Man weiß ia, mit welchen Schwierigkeiten dm sranzoststhe Heeresverwaltung zu kämpfen hat, unt bte &apf?>cq der Armee auf der Höhe zu halten, und zu welchen fragwürdigen Experimenten sie bereits ihre Zusluch genommen hat: aber Herr Keim will alle solche Emwande nicht gelten lassen und stellt Frankreich uns zum Muster hin ktnter allen Umstanden wird es sich empfehlen, Bestrebungen der gekennzeichneten Art aufmerksam zu verfolgen. .
Ein Punkt der Keimschen Ausführungen sei noch kervorgehoben. Es wird nämlich bemerkt, man dürfe nicht übersehen, daß Deutschland sich durch das Qmn- guennat anderen Staaten gegenüber, die ihre Heeres- stärke jährlich festsetzen. im Nachteil befinde: insofern wir uns, was organisatorische Maßnahmen, teilweise auch technische Neuerungen angehe, fünf Jahre lang gleichsam im Beharrungszustande bewegten. Ja. wesbalb hat man sich bei uns denn so gegen die jährliche Festsetzung gesträubt, als würde damit der Untergang des Reichs besiegelt! Auch Herr Keim wird sich daran erinnern, welche Kämpfe um diese Sache emjt ausgesochten worden sind.
Uolitikche Merfichi.
Wichtige N-rschiedrmser».
L. Berlin. 21. September.
Die Angelegenheit der neuen türkischen ^Anleihe erregt in hohem Maße Interesse. Wenn Sir Ernest Cassel die von Hakki-Pascha gestellten Forderungen annahm, was er doch gewiß nicht ohne Fühlungnahme mit der britischen Regierung getan haben wird dann sollte man meinen, daß die französischen Geldgeber ebenfalls nicht auf den strenaen Bur^sa^af.en Zu be- stehen brauchten, die von der Pfortenregierung w hartnäckig verweigert wurden. Glaubte man aber ttt Paris, ohne diese Bürgschaften das Geschäft Nicht machen zu können, so sollte man doch eigentlich zufrieden damit sein, um dies für so gewagt ei klarte Unternehmen ohne weitere Verluste und unter Vermeidung jedes Risikos für die Zukunft herum zukomnien.
Statt dessen herrscht an der Seine (wie auch die unken wiedergegebene letzte Pariser Preßübersicht ergibt) starke Verstimmung, also muß die türkische Untethe doch wohl ein Geschäft sein, auf das sich auch die Franzosen ganz gern und sogar unter den von Ernest Cassel bewilligteil Bedingungen eingelassen hatten, Mit anderen Worten: für die üble Behandlung Hatti- Paschas waren ersichtlich politische und nicht etwa finanzpolitische Erwägungen bestimmend. Was kann es nun bedeuten, daß man in London so schneit zngns,. selbst auf die Gefahr hin, darüber in einen scharfen Gegensatz zu den französischen Freunden zu geiaien-. Die Auskunft ans diese Frage werden unsere westlichen Nachbarn selber zu geben haben, und man darf immerhin etwas neugierig auf die Dialoge sein, die sich nunmehr wohl zwischen Paris und London entspinnen werden. Jedenfalls ist die Lage ganz ungewöhnlich: die Vorgänge wollen sich nicht in die herkömmliche Auf- faffunsl eingliedern lassen, nach der das englrsch-frati- Mische Verhältnis auch in bezug auf die Behandlung der Orient fragen reibungslos arbeitet. ~afe aber nicht alles in diesem Verhältnis stimmt, romwe man doch schon in der letzten Zeit wahrnehmen. De Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Pforte, der m Paris einige Unruhe hervorrief, ist in London wesentlich kühler aufgenoinmen worden. Ter Grund die:es Unterschiedes ist leicht festzustellen. In F r a n r r e i ch segelt inan Wohl oder übel im russischen Fahrwasser, in London hat man nach dieser Richtung hin trotz der beflissenen Pflege guter Beziehungen zum Zarenreiche doch freiere Hand. Tie Kräftigung der Türket zur See kann den Russen nicht gefallen, und da die russische Diplomatie gerade neuerdings an der Seine mit vermehrtem Druck arbeitet, so sah und sieht man in Paris diese deutschen Schiffsverkäufe um den Augen des östlichen Verbündete;'.. *m. -Dagegen kann den britischen Interessen eine Stärkung der türkischen Seestreitkräfte nur recht sein. Die wgeiliche Annahme der französischen Regierung, daß die neue Anleihe zum Teil für den Erwerb weiterer deutscher Kriegsschiffe verwendet werden soll, hat für England nichts Schreckhaftes, und da der Geldgeber mit einigem Recht verlangen kann, bei solchen Käufen fortan auch berücksichtigt zu werden, so Wird inan tu London schon auf die Kosten kommen. Wir Deutsche dürfen diesem Spiel und Gegenspiel um so ruhiger zuiehen, je besser es am Ende ist, daß nicht wir.vor die Frage gestellt worden sind, ob sich die, neue türkische, Anleihe nicht in Berlin unterbringen lassen könnte, me Frage hätte sich aus diplomatischen Gründen wahrscheinlich nicht verneinen lassen, aber, wie gesagt, angenehmer ist es schon, daß sie gar nicht erst gestellt wurde. Wir treten aus dem Vordergrund zuruck und können, wenn es sich für uns empfehlenswert erweist, doch alle Vor-
Feuilleton.
Zaures spricht!
Von Rena Schickelc-Paris.
Da ist James! Ein massiger Körper, darauf ein viereckiger Schädel. Er setzt sich an den Tisch ^kleinen Bühne und wischt den Schweis; aus dem roten Besicht. Dann zupft er nervös und mechanisch im krausen Nothaar, die kleinen Augen lächeln g-utmütig in die Menge.
Auf der Bühne sind etwa 40 Menschen versammelt. Sie parlamentieren heftig, drängeln durcheinander, schmven Menschen vor und andere zurück, und schließlich geschieht etwas, was nach einer gemeinsamen Anstrengung aussieht: ans dem Knäuel lösen sich, während die andern vor und neben ihnen sich vorsichtig zurückwindcn, drei Männer. Zwei lassen sich am Tisch nieder, der Dritte bleibt stehen und giot zu erkennen, daß er sprechen will. Er ist der Vorsitzende des Bureaus, der nach eifrigem Rotieren des Chaos dort oben hervorkroch. Seine Beisitzer heißen . . . Und er stottert eine Einleitung, aus die niemand hört. „Die sozialistische Sckmle" . - - »Der Professor Jaurtzs ..." .
James erhebt sich. Er sagt, die kollektivistischen Studenten hätten ihn gebeten, die Kurse ihrer Schule mit einem Vortrag zu eröffnen. Obwohl er sehr müde fet . . . Stbet der Gedanke scheine ihm ausgezeichnet. Er entwickelt ein Arbeitsprogramm...
Jaurös ist eine Fanfare. Sn schmettert mit merr- dionalem Klang. Ihr Ton ist weich wie golden. Sw kann zögern, sie kann stocken, sie wird spielerisch, sie briast Mi ab und verliert nie, in keiner Sekunde, ihre warme Sonorr- tät das Strömende, Leuchtende einer südlichen ®u|u. Beim ersten Satz ist man verwundert, einen großen Redner mit starkem Akzent sprechen zu hören. Beim zehnten Satz lauscht man dem Akzent, wie dem ganzen persönlichen Reiz der Stimme, wie ihrer innersten Musik. ,
Die Geberden sind voll, wie die Stimme, und noch rn der größten Aufregung von einer dumpsdröhnendcn Ge-
traaenheit. Sie zerslattern nicht, und keine Leidenscha.t macht sie irre. Sie entwickeln Gedanken von großartiger Allgemeinheit, und manchmal zittert so ein Gedanke auf der Geberde wie ein Zug ans einer weitgespannten Brücke. Der ganze Mensch und sein Wort und seine Geberden haben das weitschattende Schweben, das lastende, aber so mühelose Getragensein großer Vögel, den gewaltig beschwingten Flug schwerer Körper.
Balzac und Viktor Hugo waren von diesem Schlag. Große Esser, die Hufeisen verdauten, ganze Maschinen, die, wenn sie sich in Bewegung setzten, die Umgebung ntit ihrer Aktivität zu betäuben drohten, ein sehr gallisches Geschlecht, dem Rabelais ein prähistorisches Denkmal gesetzt hat.
Seht' ihn an, wie er dasteht: Jaurtzs. Seine Dickleibigkeit regieren unermüdliche Muskeln. Die Schultern sind breit wie die Schultern eines Steinricsen unter einem Berliner Balkon. Fast kein Hals. Gleich sitzt der Kopf ans den Schultern, breit in den Kiefern, vollbackig. und dann verjüngt er sich den Schläfen zu, kleinen, blanken Sckläfen zu Seiten einer geraden, nicht großen, aber schar, gezeichneten Stirn, die unter der kurzgeschnittcnen Burströtlicher Haare fast niedlich wirkt. Das ist der „Spender der großen Maschine, diese Stirn! Das ist die Stelle, wo in einem plumpen, fast plebejischen Körper, dem Körper eines von den Geschäften zurückgezogenen Fleischermeisters
das Genie einschlug. ,,,
Jetzt, da Jaurtzs spricht, scheint die breite Gestalt zu
dröhnen. Die Hände schieben Kulissen. Sic ziehen Mhe- tische Landschaften herauf, kleine witzige Interieur», eine Bauernkilbe. Darin bewegen sich die Gedanken wre Menschen, sie schreiten aus, machen wilde Geberden, stellen lebende Bilder, sehen uns einen Augenblick in ine Augen und - ratsch! - flimmern sic fort, und eine andere S°e wackelt wie ein Stück Leinwand, bevor sie wie das Lobe, selber glüht. James hat die Gabe der Vielleicht ist die Gestaltung künstlerisch nicht stB wettvoll. Aber sie ist sicher, rasch und abwechslungsreich — von - Präzision eines gut geschmierten Klnematographen. o . manchmal, in den Augenblicken der Ekstase, er,ch m ‘ der ganze Jaurös einfach als ein Triumph der modernen
Technik der lebende Kicntopp, ein männliches Seite,istück zur „neuen Eva", die Villiers de l'Jsle-Adam von Edison
Der Apparat schwitzt in Strömen. Von Zeit zu Zeit zieht er ein rotes Taschentuch vom Umfang eines Klndrr- bettlakens hervor und fährt sich damit gewaltig ubers Gesicht und dreimal über den Kopf. Die libcrschwemmun- gcn seiner Poren stören ihn nicht. Höchstens wickelt er sich, bei ganz gewaltigen Anlässen, in wollene Halstücher cm. Er svricht vier, fünf Stunden, ohne zu ermüden. ^ Man hat auÄgerecknet, daß, wenn jeder Abgeordnete so viel spräche wie^Jaurös die jetzige Kammer statt der vier ^ahre ihrer Gesetzlichen Dauer über 30 Jahre brauchte, um mrt ihrer ölrwit fertig zu werden; daß die Reden, die Jaurös rn der- w ben Kammer gehalten hat, im Druck des „Journal Officiel" aneinandergesetzt, den Montblanc um 700 Meter iiberraaen Aber er spricht noch viel mehr IN Voiksoer- »niinlunaen. er verfaßt Werke von 1200 Seiten und leitet L HumanitL", für die er täglich einen Artikel schreibt.
Volksversammlungen und Kammcrsttzungen haben ern Ende die Ausdauer von Jaurös scheint grenzenlos. Er spricht so lange er Menschen um sich hat, auch während er Heitlingen liest, auch wenn er ißt. . .
Wir sind 1000 Menschen in dem verwitterten Rokoko- saal.^ Die Spiegel leuchten in schwerflüssige Tastakwolken, die sich leise, wie vom Atem der Menschen, bewegen. Dir Gesichter sind Masken: alle zum Äußersten ihrer Ausdrucks- fähigkeit gespannt, ob sie fasziniert nach der Bühne starren, ob sie abgewandt zu Boden blicken oder einsam in die Lust stehen. Sie scheinen bereit, in eine letzte Grimasse auszu- brechen. Das eine Gesicht scheint aus das Entsetzen zu warten, das andere ist dafür bestimmt, von der Raserei gesprengt zu werden. Mein Nachbar, ein starker, geschmeidiger Arbeiter, schwankt, als ob er vor einer Ohnmacht stände. Sein intelligentes Gesicht steht weit offen. ^ Hinter der braunen Haut schwimmt Bläffe, die Augen brennen feucht. Ein Dionys. Andere sind Statuen der Entschlon-n- heit, und dort hält mir einer ein dumpf verzehrtes Gesicht hin, in dem die Muskeln zittern. Er ist gut gekleidet, rn der rechten Hand hält er seine Glacshandschuhe zusammen-
