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Nr. 437.
Wiesbaden, Dienstcrg, LV. September 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
_ 1. Wkcrtt.
«Aierrehn Jahre Miu1\
Im zweiten Bande seines also betitelten im Verlag von Breitkopf u. Härtel in Leipzig erschienenen Werkes erzählt Graf Paul v. Hoensbroech manche interessanten Tinge. Vor allem die Art, wie es verhindert wurde, daß er nach seinem Austritt aus dem Jesuitenorden und aus der katholischen Kirche in den Staatsdienst kam. Im Sommer 1894, erzählt er, ging Graf Finken- stein-Madlitz zum Reichskanzler Caprivi und ersuchte ihn, dem Grafen Hoensbroech, der vor seinein Eintritt in den Orden das j u r i st i s ch e Examen für den Staatsdienst abgelegt hatte, einen Posten im Staatsdienst zu geben. Caprivi gab mit allen Zeichen des Schreckens die Antwort: „Was würde der heilige Vater in Rom und das Zentrum sagen, wenn wir den Grafen Hoensbroech im Staatsdienst beschäftigen würden!" Im Februar 1895 erhielt Hoensbroech plötzlich „auf Allerhöchsten Befehl" eine Einladung zuni Hosball, da der Kaiser ihn kennen zu lernen wünsche. „Über eine halbe Stunde", so erzählt Hoensbroech. „unterhielt sich am Abeird des 13. Februar der Kaiser mit mir im „weißen Saale des Berliner Schlosses. Auf die Frage des Kaisers, was ich anzufangen gedenke, erwiderte ich, es sei mein Wunsch, wieder in den Staatsdienst zu treten. Tabei berichtete ich die Äußerung Caprivis. Einen Schritt trat der Kaiser zurück, griff an die Degenkoppel und sagte erregt: „Was, das hat Caprivi Ihnen gesagt?" — Jawohl, Majestät." — Run, mein lieber Graf, dann versichere ich Ihnen, daß ich von jetzt an Ihre Angelegenheit in meine Finger nehmen werde."
Hoensbroech sollte dann noch eine Privataudienz beim Kaiser haken, aber er wartete vergebens auf die Einladung. Aus Anfragen bei Lucanus kamen ausweichende Antworten. Erst am Anfang des folgenden Jahres.wurde er vom Kaiser empfangen, der ihm sagte: „Ich habe Sie zu mir gebeten, um Ihre Ansicht zu hören über das Verhalten meiner Regierung zum Zentrum." Die Unterredung dauerte über eine Stunde, aber von Persönlicheuk. von Staatsanstellung war nicht mehr die Rede. Hoensbroech vernahm dann später von einem Eingeweihten, das Zentrum habe dem Kriegsminister erklärt: Falls Hoensbroech eine Staatsstellung erhielt, werde es geschlossen gegen die nächste Marinevorlage stimmen. Und als der Minister dies dem Kaiser berichtete, fiel das Wort: „Wenn die Sache so steht, lasse ich den Mann fallen. Ähnliche Erfahrungen machte Hoensbroech bei seinen Bemühungen, um in die akademische Laufbahn eintreten zu können. Ter Kultusminister Dr. Bosse empfing ihn mit überfließender Liebenswürdigkeit: Das wäre eine ausgezeichnete Idee, aber die notwendig zu nehmende Rücksicht auf das mächtige Zentrum mache die Aus-
KemUetsn.
Der NauariSKVSgel-
Von Joseph Kainz.
Der schwer krank darniederliegende Künstler schrieb diesen amüsanten Artikel gelegentlich einer unter der Spitzmarke „Mein erster Durchfall" veranstalteten Rundfrage vor vier Jahren für das „Wiener Extrablatt".
Es smd gerade dreißig Jahre her, da betrat ich zum ersten Male die Bühne des Leipziger Stadttheaters und fiel durch. Du. August Förster hatte eben die Direktion übernommen und aus Wien eine Menge „dramatisches Jungvieh" — wie man zu sagen pflegt — mitgebracht, auf dessen Entwicklung er große Hoffnungen fetzte; darunter war auch ich. Förster hatte die Absicht, mich in der Eröffnungsvorstellung den Ferdinand in „Kabale und Liebe" spielen zu lassen, aber sein guter Wille brach sich an meiner technischen Unbcholfenheit, und er nahm mir die Rolle schon nach der dritten Probe wieder ab. Dafür gab er mir das Versprechen, mich an einer weniger exponierten Stelle zum ■ uen Male dem Leipziger Publikum zu präsentieren. Ich sollte in einem seichteren Wasser schwimmen lernen; das bekam uns beiden übel. Der Edmond von Varennes, ein junger Advokat in „Kameraderie", einem fünsaktrgen Lustspiel, das er aus dem Französischen übersetzt hatte, sollte mir die Gelegenheit geben, von einem sestgeschlossenen Eirsemble umringt, vor dem Feinde zu erscheinen. Das war ein schwerer strategischer Fehler. Schiller trägt. Scribe will getragen werden. Perücke und Federhut, Uniform, Degen und Reiterstiefel machen Figur. Der Gehrock und der Zylinder sind für einen jungen Anfänger immer
sühruttg des schönen Planes leider unmöglich. „Welcher: Sturm würde das Zentrum nicht im Abgeordnetenhause erregen, wenn ich in Ihre Anstellung als Privatdozent cinwilligen oder sie gar befürworten würde. Diese Angstmeierei ließ Hoensbroech die Galle überlaufen. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Exzellenz, ich habe es bis heute nicht für möglich gehalten, daß ein Minister des paritätischen Preußen sich so beugt vor der Truppe Roms!"
Über das Verhältnis des Zentrums zu den Jesuiten berichtet Hoensbroech,:
Seit Gründung dex Zentrumspartei bestand zwischen ihr und dem Jesuitenorden stets eine e n g e V erbt ndung. Theologen der deutschen Ordensprovinz wurden von Zentrumsparlamentariern oft zu Rate gezogen. Ter Zentrumssührer Lieber war häufiger Gast in den deutschen Jcsuitenkollegien längs der holländischen Grenze. Zu wichtigen Besprechungen mit Windt- horst fuhr der Provinzralobere Jakob Ratgeb wiederholt nach Hannover. Im Jahre 1889 wurden auf Wunsch Windthorsts zwei Jesuiten unter dem Vorwände des Studiums und der Seelsorge nach Berlin geschickt zu ständigem Aufenthalt. Einer der beiden war Hoensbroech, der andere Fäh, der frühere Rektor voi: Feldkirch und Chefredakteur der „Stimmen von Maria Laach". Bei Beratung des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches spielte der bekannte Jesuit L e h m k u h l als Zentrum sinspirator eine große Rolle. Dieser Jesuit Lehmkuhl schreibt in seiner Moralthco- logie folgendes: „Es ist offenbar, daß ein auf bürgerliche Gesetze und Konstitutionen abgegebener Eid n i e- mals verbindlich sein rann in bezug auf Gesetze, die dem göttlichen oder kirchlichen Recht zuwider sind. Ja, wenn zur Zeit, da der Eid gefordert wird, zwischen Staat und Kirche Streit besteht und Stacstsgcsetze erlassen oder betont werden, die gegen Gott und die Kirche gerichtet sind, so ist cs nicht erlaubt, ohne hin- zugesügtc Vcrwahrr:ng und Ausschließung dieser Gesetze zu schwören. Die Verpflichtung des Eides kann unmittelbar g e l ö st werden durch die kirchliche Autorität, nämlich durch die Gewalt des Papstes und . der Bischöfe und durch andere gemäß dem päpstlichen Willen rechtmäßig Delegierte."
Von Interesse ist auch, was Hoensbroech über die Rolle der Jesuiten in Frankreich zur Zeit des Bonlangismus erzählt. Während er in den Jahren 1883 bis 1887 als Jesuitenscholastiker zu Tittou-Hall in England Theologie studierte, wurde, er einiae Male nach dem Kontinent geschickt. Auf einer dieser Reiscn übernachtete er im Jesuitcnkollegium zu Canterbury, wo sich ein Teil der aus Frankreich ausgew'.esenen französischen Jesuiten angesicdelt hatte. Rektor war dort der vielgenannte Jesuit du Lac. Er zeigte sich sehr offenherzig gegen Hoensbroech und erzählte ihn:, wie eifrig tätig er in Frankreich für den General Bon- langer sei. Große Geldsummen, habe er für den „Retter Frankreichs" von legitimst stischen Adelsfamilien gesammelt: La sale et impie Kdpublique müßte
gefährliche Requisiten. Besagter Rock war noch dazu nach dem neuesten Wiener Schnitt, nach einer Mode, die in Leipzig völlig unbekannt war. Ich hatte zwei solcher Röcke; einen gelben und einen schwarzen. Mit dem gelben machte ich schon auf der Straße täglich Fiasko. Eng um die Taille schließend, fielen seine langen Schöße beinahe bis aus die Knöchel nieder. Ich sah darin aus wie ein wandelnder Faberstist, und die liebe Straßenjugend Leipzigs gab mir auf meinem Wege durch die Stadt stets ein nicht sehr ehrenvoll zu nennendes Geleite. Aber auch Studenten und Spießer blieben stehen und „fexierten" bei meinem Anblick, und der anmutige sächsische Volkswitz übte sich täglich an dem „langschwänzigen Kanarienvogel".
Der schwarze Rock war von demselben Schnitt, und mit ihm bekleidet betrat ich eines Abends die damals gerade besonders heißen Bretter auf dem Augustusplatz. In schreiendem Widerspruch mit dem modischen Kleide stand meine Haartracht. Als Künstler glaubte ich das Recht auf ungekürzte Locken zu haben. Förster hatte mir zwar schon energisch angedeutet, daß ich nicht den Simson darzustellcn habe, aber erstens wagte ich mich mit dem „Gelben" nicht recht in einen Friseurladen, und zweitens hatte ich meinen besonderen Geschmack. Und weil nun der junge Advokat, den ich spielte, das für damals noch unerreichbare Alter von achtundzwanzig Jahren hatte, so ließ ich mir einen dichten schwarzen Vollbart ins Gesicht kleben, und betrat so ausgestattet den Salon der Madame Soundso — ich weiß nicht mehr, wie sie heißt —, einer gefeierten Schönheit von Geist und Temperament, die den um eine Deputiertenstelle aspirierenden jungen Mann besonders bevorzugt.
Meeresbrandung! Ohrcnbrausen wie Meeresbrandung! Funken und Flocken tanzten vor den Augen. Trockene Zunge, wie gepökelt; dann plötzlich durch die Mceresbrandung und das Ohrensausen ein Gelächter; jedenfalls ans dem Zu- s.chauerraume. Dann ein Gefühl völliger Blutleere und
durch Boulanger, den Gott.auserwählt habe, umgestürzt und le drapeau blanc royal wieder aufgerichtet worden. — Hier wird bestätigt, was man schon lange vermutet hat: daß Boulanger mit klerikalem Geld unterstützt wurde.
Detttsches Deich»
* Eine freisinnige ReichStagskanditatur in Eisleben- Mansfeld. Gegen den freikonservativen Reichstagsabgeordneten Du. Ährend hat die Freisinnige Volkspartei für Eisleben-Mansseld den Pastor Fritze in Klein-Kayna aufzustcllen beschlossen, der im Mansfeldcr Kreise als einziger evangelischer Pfarrer öffentlich für die Streikenden und für ihr Koalitionsrecht cintrat.
* Professor Schnitzer über die neuesten päpstlichen Er
lasse. In dem Münchener liberalen Wochenblatt „Fortschritt" nimmt Professor Dr. Schnitzer zu den neuesten päpstlichen Erlassen -gegen die Modernisten, über die Absetzbarkeit der Pfarrer nsw. eine scharf bestimmte Stellung ein. Von höchster praktischer Bedeutung ist nach Schnitzer die Verfügung, welche die Absetzbarkeit der Pfarrer ansspricht. Nach dem Trientiner Konzil hätte an den alten kirchlichen Grundsätzen sestgehalten werden müssen, daß die Pfarrei auf Lebenszeit übertragen und deren Inhaber gegen seinen Willen nur dann sollte entzogen werden, wenn er sich eines schweren, vom kirchlichen Rechte mit Absetzung bedrohten Vergehens schuldig machte, das ihn: überdies im Wege eines geregelten prozessualen Verfahrens nachge- wiesen sein müßte. Der Pfarrer sei durch den Erlaß jedenfalls vollständig dem Bischof a ns g e l i c f c r t. Ferner schreibt Professor Schnitzer: „Größtes Aussehen erregte
namentlich auch in den Laienkreisen die neueste Bestimmung des Papstes, daß fortan die Kinder schon mit dem 7. Lebensjahr, wenn nicht schon früher, zur Kommunion zugelassen werden, ja, sogar angehalten werden sollen, sie öfter im Jahre, wenn möglich täglich zu empfangen. So begreiflich diese Anordnung vom italienisch-orientalischen Standpunkt aus sein möge, so befremdend erscheine sie im Lichts unserer deutschen Verhältnisse und Anschauungen." Sie werde daher, das ist das Urteil des angesehenen Theologen, am gesunden Sinne unserer Bevölkerung scheitern, die nun einmal von einer Verlegung des Altars in 'die K i n d e r st u b e nichts wissen wolle.
* Pfarrer und Papst. In einem bayerischen Blatt findet ein katholischer Pfarrer aus Schwaben kräftige Worte der Abwehr gegen die römische Auslassung, in dem er u. a. schreibt: „Der römische Stuhl erläßt eine Verordnung schärfer als die andere, alle mit der nämlichen Absicht, den Modernismus aus der Geistlichkeit auszutreiben. Diese soll ein Körper mit einem Kopse sein. Das Recht der Persönlichkeit gilt in Rom offenbar nichts . . . Gedanken-, Geistes-, Gewissens-, Forscher-, Rede- und Preßfreiheit werden nur mehr die außerhalb der Kirche stehenden Leute genießen. Der römische Viktor setzt den Galgen daneben, an dem die Geistlichen bammeln werden, welch: über den römischen Eichstrich hinausragen. Und da in jeder Diözest Spitzel und Polizeihunde zur Bcscbnüffelung der Geistlichen aufgestellt sind, so kann es nicht fehlen, daß jeder
eine unheimliche Schärfung aller Sinne; und dann eine leise Stimme aus den ersten Parkettreihen: „Der Kcmarien- voael ist in die Tinte gefallen." Ich war in der Tinte! Wie die fünf Alte zu Ende gingen, weiß ich nicht; so zwischen Traum und Nachtwandeln, allenfalls unterbrochen von pädagogisch wohlgemeinten Ehrenbeleidigungen meines Direktors. Aber das weiß ich, ich habe in jener Vorstellung „Haare gelassen". Ich werd' cs nie vergessen.
Am anderen Abend stand ich wieder im Parterre, ganz hinten, wo die überspringende Brüstung des ersten Ranges einen 'wohltuenden Schatten auf die Darunterstehenden warf, lauter nichtbeschäftigte Kollegen und Leidcnsgenossen. So mancher unter ihnen war schon vor mir „gerichtet". Man hüllt sich mir und meinem Debüt gegenüber in chevalcrcskes Schweigen. Aber der Sohn unseres ersten Komikers — er gehörte nicht zu den Engagierten, wir hatten uns bisher nur in der Dämmerung dieses Stehparierres kennen gelernt, und die Namen waren uns auch noch nicht allen geläufig — dieser Sohn begrüßte mich an diesem Abend besonders freundlich.
„Wo waren Sie denn gestern abend?" Gezwungen scherzend erwiderte ich: „Ich habe mir di- Haare schneiden und den Welshertszahn wachsen lassen." „Das ist schade", entgegnete der Ahnungslose. „Gestern haben Sie viel ver- ;aumt. Es ist wieder ein Neuer dran gewesen da oben." „So. Wer denn?" „Ich weeß nicht, wie er hieß. Kunze odcr so was. Ich sage Ihnen, das wäre sowas für Ihr Amüsement gewesen. Ganz schwarz, gar keen Gesicht, nur Haare; und er ging wie'n Storch aufm Vogelbein! Mir Yam köstlich gelacht! Der reene Boomaffe!"
Betretenes Schweigen ringsum. „Schade, daß ich nicht oaber war!" Mein Kollege Rub nur knirschte zwischen den Zahnen hervor: „Rindvieh!" „Ach Gott, nee!" sagte der Soyn des Komikers, „bloß 'n armes Luder!"
