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Nr. 436.
Wiesbaden. Montag, LN. September INI«.
58. Jahrgang.
Kbenö -Ausgabe.
I. _
Das „Programm" des Reichskanzlers.
Wenn es auf die gute Meinung des Reichskanzlers, auf den Privatmenschen in ihm, auf den Mann von Kultur und Streben nach Kultur allein ankäme, dann brauchte man ja nicht fo unzufrieden zu fein: aber der Privatmann Bethmann-Holliveg und der Rerchskanz- ler, der Liefen Namen trägt, lassen sich nun emmal nicht trennen, und der Reichskanzler, der nicht kann, wie er möchte, stellt somit den wohlmeinenden Kulturmenschen einfach kalt. In der „N. A. Z." läßt der Reichskanzler in einer Auslassung, die wir unten wiedergeben, die Darstellung der „Franks. Zig. zurückweisen, wonach er die Sammlung der bürgerlichen Parteien rmter dem Schlagworte durchführen, wolle' daß der Schutz der nationalen Arbeit gefährdet fei. Diese Zurückweisung war lelbstverstaiO sich Auch wenn die Angaben des süddeutschen Blatte» zuträfen. hätte sie Herr v. Bethmann-Hollweg bestrerten müssen. Seine Bestreitung verdient jedoch Glauben, obwohl sie, wie gesagt, unter allen Umstanden zu erwarten war. Sic verdient Glauben, weil es eine ganz untaugliche Wahlparole wäre, die der Kanzler Qngebltch ergrübelt haben soll, und durchaus zustimmen kann man dem Satze in dem Artikel der „N. A. Z.", es lasse sich mit Wahlparolen, die sich nicht aus der Natur der Dinge ergeben, mit künstlichen Schlagworten dem zu beklagenden Übel überhaupt nicht beikommen. Das ist so richtig, daß man Herrn v. Bethmann-Holllveg keine Anerkennung dafür auszusprechen braucht, wenn auch er, wie jeder andere verständige Mensch, diese billige Wahrheit einsieht. Nun aber fährt der Reichskanzler (denn es ist ja schließlich seine p e r s ö n l i ch e Antwort auf den ihm zugemuteten Lchachzug) also fort: „Der Reichskanzler hält es für feine Hauptaufgabe, die RetchZgeschäfte so zu führen, daß das der Nation zum Gedeihen ihres Erwerbslebens ebenso wie zu ihrem militärischen Schutz Nötige gesichert und ihre stetige kulturelle Entwicklung gewahrt werde. Es ist daher ein im einseitigsten radikalen Parteiinteresse genährter Aberglaube! daß irgendetwas, einer geistigen oder wirtschaftlichen Reaktion Ähnliches im Werk sei. Eine solche Absicht liegt allen maßgebenden Faktoren des Reiches fern." Diese Sätze machen dem Charakter wie dem trefflichen Willen des verantwortlichen Staatsmannes alle Ehre, und darum eben fühlten wir uns gedrungen, dem Privatmann in ihm zu geben, was ihm zukommt und ihm verdiente Anerkennung auszusprechen. Wird der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg auch leisten können, was seine nichtbeamtete Seele erstrebt? Solange der f ch w a r z - b l a u e Block mächtig ist. solange die Reichsleitung nicht den Mut und die Kraft findet, sich von seiner Umklammerung zu befreien, solange bleibt die Gefahr unmittelbar drohend, daß „etwas einer geistigen oder wirtschaftlichen Reaktion Ähnliches" doch kommen wird, nicht etwa, weil Herr v. Bethmann-Hollweg solches will, sondern, weil man sich nicht ungestraft mit Parteien der Reaktion einläßt. Immerhin aber ist es ein Wort, an das man sich halten möchte, wenn der Reichskanzler versichert, daß reaktionäre Absichten „allen maßgebenden Faktoren des Reichs fernltegen". Dies „allen" ist ersichtlich mit Bedacht gewählt. Es schließt auch den Kaiser mit ein. Es wirkt wie eine nachträgliche und nochmalige Beruhigung über die sachliche Bedeutung der Königsberger Rede. Nimmt man nun aber alles in allem, so zeigt die jüngste Kundgebung des Kanzlers wiederum, daß er keinen Ausweg weiß, daß er immer noch keine Möglichkeit gefunden hat, die gegeneinander tobenden Fluten des politischen Lebens in ein geordnetes Bett zu lenken. Er läßt die Tinge an sich herankommen. und wenn cs auch richtig sein mag. daß heute noch nicht entschieden werden kann, welche einzelne Frage bei den nächsten Wahlen in den Vordergrund zu rücken wäre, so wird man den Argwohn nicht los, daß der Reichskanzler seinerseits die helfende Parole von irgendeinem, ihm noch unbekannten Ereignis erwartet, statt selber die verworrene Lage meistern zu tvollcn.
*
Die Erklärung der „Norddeutschen Allgcm. Zeitung".
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Angeregt durch einen Artikel der „Frankfurter Zeitung", hat sich die Taoesprefse vielfach mit einer Wa hl Parole oder einem Wahlprogramm der Negierung beschäftigt. Solche Erörterungen finden einen günstigen Boden in der Besorgnis, von der die besten Kräfte der Nation im Hinblick aus die Verbitterung unter den bürgerlichen Parteien und ans die sozialdemokratischen Erfolge bei den Nachwahlen zum Reichstag' erfüllt sind. Ohne Zweifel hat jene
Verbitterung bei diesen Erfolgen mitgewirkt. Was der Reichskanzler in seiner Reichskagsrede vom 9. Dezember 1909 in bezug aus ausgezeichnete Geschäfte des RadUatrs- mus vorausgesehen hat, tritt leider mehr und mehr m Wirklichkeit. Es ist auch richtig, daß diese Voraussicht nrcht von der Pflicht entbindet, nach Möglichkeit Vorsorge dagegen zu treffen, daß nicht ein blinder Mißmut, eine ungestüme politische Verhetzung des Volkes eine gefährliche Lage schaffe. Wir können aber versichern, daß an der obersten verantwortlichen Stelle nicht nach Schlagworten gesucht, noch heute schon entschieden wird, welche einzelne Frage bei den nächsten allgemeinen Wahlen zum Reichstag in den Vordergrund zu rücken wäre. Mit Wahlparolen, die sich nicht aus der Natur der Dinge ergeben, mit künstlichen Schlagworten läßt sich dem Übel, das wir beklagen, überhaupt nicht beikommen. Leistet das deutsche Volk in der praltischen Arbeit fortwährend Großes, so wird es sich auch in seiner politischen Betätigung und Kultur der Herrswast der Phrase entwöhnen und seine Geschicke so wenig nach übler Laune wie nach einseitigen Klaffen- odcr Jnteressentenwünschen bestimmen müssen. Der Reichskanzler hält für seine Hauptaufgabe, die Reichsgeschäste so zu führen, daß das der Nation zum Gedeihen des Erwerbslebens ebenso wie zu ihrem militärischen Schutze Nötige gesichert und ihre stetige kulturelle Einwicklung gewahrt werde.
Es ist daher ein im einseitigsten radikalen Parteiinteresse genährter Aberglaube, daß irgend etwas einer geistigen oder wirtschaftlichen Reaktion Ähnliches im Werke sei. Eine solche Absicht liegt allen maßgebenden Faktoren des Reiches fern.
DeRtsches Reich.
* Freiherr b. Starck f. Der hessische Staatsmmister a. D. Dt. Julius Ninck Freiherr v. Starck ist im Atter von fast 85 Jahren gestorben. Am 12. September 1872 wurde Freiherr v. Starck, nachdem er vorherMimsterial- direktor gewesen war, Vorstand des Ministeriums des Innern, am i. Juli 1876 Präsident des Gesamtministeriums und als solcher Mitglied des„ Bundcsrat. 1878 übernahm er zu seinen bisherigen Ämtern auch das Justizministerium. Am 1. Juli 1884 trat Freiherr von Starck anläßlich der morganatische n Eheschließung des Großherzogs Ludwig IV.- zurück und lebte seitdem als Pensionär in Darmstadt.
* Zur Fleischnot. Tie „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" veröffentlicht die amtlichen Unterlagen zur Stellung des preußischen Landwirtschaftsministers in der Fleischnotfrage der Deputation des Flerscherver- bandes gegenüber. Das Blatt berechnet in langen Statistiken Schlachtviehangebot. Fleischkonsum, Vieh- preise in Berlin, Cöln, Dresden, Frankfurt a. M. und München, die alle zusammen eine Gefährdung der Volksernährung nicht darstellten, und sucht dann zu beweisen, daß sür die Steigerung der Fleischpreise die Marktpreise längst nicht so ausschlaggebend seien als vielfach angenommen werde, sondern mehr die steigenden Unkosten des F lei sch er gewe rb es Schuld an der Steigerung der Fleischpreise trügen. Das offiziöse Organ kommt dann zu dem Schlüsse, daß nicht die weitere Öffnung der Grenzen das geeignete Mittel zur Verbilligung der Fleischversorgung sei, sondern die Sicherung der F l e i sch e r z e u g u n g im Inland.
* Zur Jahrhundertfeier Chiles. Tie „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" legt an leitender Stelle in einem Artikel zur Zentenarfeier Chiles die geschichlliche Entwicklung Chiles dar, besonders die Arbeit des verstorbenen Präsidenten Montt, und schließt, daß viel deutsche Arbeit bei den mannigfachen Werken mitgeholfen habe, die bestimmt waren, Chile unter die modernen Kulturstaaten! einzureihen. Insbesondere hals die deutsche Energie ein bedeutsames Werk im Süden Chiles schaffen, wo große, unwirtliche Gebiete, die noch um 1859 wilden Urwald darstellten, in ertragreiche Kolonien umgewandelt wurden. So kann Deutschland dem Freistaat zu seiner Selbständigkeit von Herzen Glück wünschen. Bei der zähen Ausdauer und der unbeugsamen Tatkraft des chilenischen Volkes wird es ihm zweifellos gelingen, das Land weiterem, Gedeihen entgegenzuführen und neue Schätze aus Chiles kostbarem Boden zu heben. Tie Chilenen dürfen gewiß sein, daß das Deutsche Reich ihre Fortschritte mit lebhafter Anteilnahme begleitet und vom Wunsche durch drungen bleibt, daß die freundlichen Beziehungen zwischen'Deutschland und Chile sich auch fernerhin beiden " eilen als fruchtbar erweisen.
* Ein späteres Zusammentreten des Reichstags'. Bekanntlich sollte der Reichstag am 8. November wieder zusammentreten. Es scheint aber, als ob eine Verschiebung der Eröffnung um einige Tage notwendig werden würde. Die vielfach offiziös bedienten „Bert. Pol Nachr." melden: Tie Kommission des Reichstags zur Vorberatung der Reichsversicherungsordnuna wird
am 20. September ihre Arbeiten wieder aufnehmen. Ta es auch bei angestrengter Tätigkeit voraussichtlich nicht möglich sein wird, die Vorberatung des ganzen gesetzgeberischen Werkes bis zum 8. Noveniber zum Abschluß zu bringen, so wird erwogen,, ob der Beginn der Plenarberatungen des Reichstags nicht noch um einige Zeit, wenigstens bis Mitte November, sich verschieben lassen wird.
* Em Orden sür Herrn Bassermann. Dem Reichs» tagsabgeordneten Ernst Bassermann wurde vom Groß- Herzog'von Baden das Kommandeurkreuz zweiter Ktasie des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen.
* Die „Jungfrau von Portsmouth" nur ein Lock
spitzel. Die „Rheim-Wests. Ztg." veröffentlicht zum Fall des Pionierleutnants H e l m einen ihr ^von unterrichteter, dem Verhafteten nahestehender «eite zugegangenen Brief, in dem es heißt: „Miß Hannah
Woodhouse ist in England als „Patriotin und .Flottenfreundin" sattsam bekannt. Es ist zwar nicht richtig, sie als bezahlte Agentin hinzustellen, immerhin hat sie es verstanden, den Leutnant Helm zu ver a n - lassen, in einen im Buchladen gekauften Ports- mouther Plan einige nichtssagende Skrzzrerungen einzutragen mit der nachweisbaren Absicht, einen G r u n d zu seiner Verhaftung und ein Kompensatronsobsekt für die in Borkum festgenommenen Engländer zu schaffen. Dies geht schon aus dem Umstande hervor, daß sie den jungen Offizier, dessen Adresse sie von einem ihr bekannten Herrn des 8. Pionierbataillons in Coblenz erfahren hatte, drängte, von London nach Portsmouth zu fahren. Leutnant Helm hatte früher niemals in persönlichen oder brieflichen Beziehungen zu dem Fräulein gestanden."
* Zum Fall Gagcru. In der Affäre des Generals v Gagern erläßt das Breslauer Landgericht eine öffentliche Zustellung. Sie betrifft dm Ehescheidungsklage des Oberstleutnants Mers- mann gegen seine Ehefrau Marie, geh'. Müller, mrbe- kannten Aufenthalts wegen Ehebruchs.
* Die Hauptversammlung des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands wurde in D r e s d e n abgehalien. Den Beratungen wohnten u. a. als Gäste bei: Staatsminister Graf Vitzthum v. Eckstaedt, Oberbürgermeister Dt. Beutler, der Rektor der Technischen Hochschule. De. Helm, der Vorsitzende der Dresdener Handelskammer, Kommerzienrat Collenbusch: ferner zahlreiche Vertreter der chemischen Jndustie und befreundeter Vereine. Nach , Begrüßung der Gäste durch den Vorsitzenden. Geheimen Regierungsrat Dt. v. Boettinger-Elberfeld, trat man in die Tagesordnung ein, die außer dem ausführlichen Jahresbericht u. a. folgende Beratungsgegenstande umfaßt- Regelung der Konkurrenzklausel: Beteiligung der chemischen Industrie an der nationalen Ausstellung in Turin 1911, die Frage der Tarifverträge zwischen Arbeitgebern und Arbeitern und den Anschluß des Deutschen Reicks an das Madrider Abkommen, betreffend iüe internationale Markeneintragung, den die Rea-eruna einstimmig befürwortete. Den Schluß der Referate bildete der Bericht über die Wirkung der Handelsverträge.
jgj csv und Flotte.
Anschluß an den Borkumer Spionagcfall
Volten einige Blätter die Meldung gebracht, die Marine werd^ infolge der Spionageaffäre die Inseln, Helgo- sonv Borkum uni) Wangeroog teilweise völlig a b - s v e'r r e n. Hierzu wird der „Wilhelmshavener rieitung" von maßgebender Seite mitgeteilt, daß dies aus der Luft gegriffen ist. Tie Marine beabsichtige liickts derartiges. Ter heutige Charakter der Seebäder solle in keiner Weise durch Absperrungen beeinträchtigt
werden. _ . _>
Ausland.
© sterverch-Ungaim.
Die Jagden in Bellyc. Die Jagd des deutschen Kaisers war bisher von schönstem Erfolg begleitet. Der Kaiser befindet sich denn auch in ausgezeichneter Stimmung und bildet die Seele der ganzen Jagdgesellschaft.
Der EisenbahncrauSstand. Ein Communiqus der Generaldirektion der Südbahn stellt fest, daß die Lage im ganzen Verkehrsgebiet der Südbahn wesentlich sich gebessert habe; auch der Güterzugsverkehr wickle sich nahezu normal ab.
gvunkvtifir.
Maßregeln gegen die Antimilitaristen. Ossiziös wird gemeldet: Im Hinblick auf die Absicht der Revolutionäre, den bevorstehenden Abmarsch der Rekrutenkontingente auch diesmal zu antimilitärischen Straßenkundgebungen und Aufreizungen zu benutzen, bat die Regierung energische
