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Nr. 432.

Wiesbaden, Sonntag, 18. September 1S1V

28. Jahrgang.

!

1. Matt

Papst und Modernismus.

Die Deutschen sind gute, geduldige Leute. Ter Papst hat sie durch die Borromäus-Enzyklika schwer be­leidigt und zu dem Schaden hat er noch den Spott ge­fügt. Er erklärte, ex bedauere, daß sie sich darüber ausgeregt hätten, und dersprach, die Beleidigungen sollten nicht offiziell in Deutschland publiziert werden; sie waren aber längst in dem römischen Amtsblatt veröffentlicht und aus Grund davon in allen ZAturmen Deutschlands abgcdruckt. Gewaltige Resolution,. und Erklärungen sind von hohen und niedrigen protestan­tischen Stellen, von großen Versammlungen und Ver­einen beschlossen, wilde Reden sind gehalten worden. Dabei ist es aber geblieben, geschehen ist nichts, und der Papst und seine jesuitischen Ratgeber haben ge­lacht. Sie wußten, daß das alles nichts zu bedeuten hatte. Der preußische Ministerpräsident hatte sich sogar tewi Papst bedankt.

^ Dieser probiert nun unbeirrt weiter, was er den Deutschen noch bieten kann.

Ter Ultramontanismus ist in Gefahr. In Italien hat die katholische Kirche keine Macht mehr, In Frank­reich hat sich der Staat von ihr losqesagt: in Spanien steht dieselbe Entwicklung bevor. Deutschland ist aber noch das gelobte Land der Papstkirche Seine An­hänger folgen blindlings nicht bloß in kirchlichen, sondern auch in politischen Dingen. Der Zentcums- turm hat alle Stürme siegreich überwunden. Man wagt schon gar nicht mehr ihn anzugreisen. Und die beiden größten deutschen Staaten sind mit Freuden oem Katholizismus dienstbar, sie empsinden ihre Ab­hängigkeit von ihm als eine gottgewollte.

Aber ein böser Feind ist im Katholizismus tätig Er herßt Modernismus. Das ist das Bestreben, den Katholizismus einigermaßen in Einklang zu setzen mit der heutigen Kultur. Das ist das furchtbarste Ver­brechen gegen das ganze Wesen des Katholizismus. Dieses beruht ja auf seiner Unveränderlichkeit, ja nicht bloß, er selbst soll bleiben, wie er, nach seiner Behaup­tung, von Christus begründet ist, genau so und nicht anders, dre ganze Welt, sie soll sich auch heute ihm unterwerfen, wie sie es vor vielen Jahrhunderten gr- tan hatte. Allgemein wagt man das freilich nicht auszusprechen, aber in jedem einzelnen Fall, wo die Interessen der katholischen Kirche mit der heutigen Kultur in Konflikt kommen, wird es mit aller Schärfe geltend gemacht und leider oft genug, auch in Deutsch­land, durchgeseht. Aus diesem Beharren bei dem Alten beruht die Macht des Teiles der katholischen Kirche,

auf den es irach ihren Grundsätzen allein ankommt: die Macht der Geistlichkeit, die von Gott selbst zur Wahrung der von ihm offenbarten unabänderlichen Religion und zur Leitung der Menschheit eingesetzt zu sein behauptet. Tie Laien haben einfach zu glauben und zu tun, was ihnen von ihren geistlichen Hirten be­fohlen wird. So war es in alten Zeiten, so muß es bleiben.

Wenn alles richtig ineinander paßt, so ist die katho­lische Kirche eine gewaltige Organisation!. Deutsch­land hat es schmerzlich genug empfunden, und heute ist der Truck schwerer denn se. Aber jetzt kommt der böse Modernismus, dieses Teufelswcrk, in den Katho­lizismus hinein. Geistliche und Laien steckt es an, und wenn er um sich greift, wenn er vielleicht gar eine ähn­liche Rolle spielt wie Renaissance und Humanismus im sechzehnten Jahrhundert, wenn er die Vorbereitung einer neuen Resormatiottsbewegung wäre, dann wäre es mit dem Katholizismus vorbei, im 20 . Jahrhunderl ginge er durch sie zugrunde.

Ter Papst Pius X. hat dies begriffen, darum tut er allbs, «nt jede selbständige Bewegung zu unter­drücken. Die einzelnen.Übeltäter sind hart gestraft und haben sich löblich unterworfen, aber das Übel wächst weiter. Vor einigen Jahren ist darum schon eine strenge Beaufsichtigung der Geistlichen und Reli- gronslehrer eingeführt, aber auch das hat nicht ge­holfen. Nun wird die Sache von Grund ans ange­griffen. Die Studierenden werden von der Welt völlig abgeschlossen, die Geistlichen administrativer Willkür der Bischöfe unterworfen, jeder, der in irgendeine Ab­hängigkeit von der Kirche kommt, als Geistlicher oder als Laie, soll, ehe er in seine Funktionen eintritt, einen feierlichen Eid leisten, daß er in Glauben und Disziplin unweigerlich der Kirche folgen will. Damit unterwirft er sich auch in weltlichen Dingen, denn die Disziplin umfaßt düs ganze sittliche Gebiet, und dahin rechnet ja der Katholizismus auch die Politik. Man wird viel­leicht erwidern, daß dies schon aus den Lehren des Katholizismus sich ergebe, aber bekannt genug ist, daß die Katholiken sich in gar manchen Fällen darüber hin­wegsetzen, und es ist doch etwas ganz anderes, wenn diese Verpflichtung in allen Einzelheiten förmlich an­erkannt und durch einen feierlichen Eid bekräftigt wird. Wer diesen abgelegt hat, ist kein freier Mann mehr; niemand wird ihm glauben, wenn er dies behaupten sollte. Das feierlichste Bekenntnis besagt ja, daß er völlig unfrei ist, daß er die Entscheidung in allen wich­tigen Dingen anderen überlassen bat.

Dieselbe, vielleicht eine noch stärkere, Unfreiheit be­wirkt in der Erziehung der jungen Geistlichen deren völlige Abschließung von der Außenwelt (ihnen ist jedes Zeitungslesen verboten) und bei den Geistlichen rhre völlige Unterwerfung unter das Ermessen des Bischofs.

Unser ganzes heutiges Leben, privates und ösfent- liches, beruht darauf, daß der Mensch frei ist, sich frei entscheiden kann und für alles, was er tut und läßt, die Verantwortung trägt. Diejenigen, die den Eid leisten, lehnen diese Verantwortung von sich ab und schieben sie einem anderen, an letzter Stelle dem Höchst­entscheidenden, dem römischen Papst, zu. Zur Selbst­verantwortung und zur Möglichkeit, eines eigenen Ur­teils müssen aber doch die Priester erzogen werden. Statt dessen werden sie in der Welt, der sie dienen sollen, völlig abgesondert, geradezu verblödet.

Der Staat kann sich diese völlige Beseitigung seiner wichtigsten Grundlagen für einen sehr wichtigen Teil seiner Bevölkerung, die Katholiken, nicht gefallen lassen. Tenn nicht um die direkt Betroffenen allein handelt cs sich, sondern mn alle Katholiken, die ihrem Einfluß unterworfen werden. Beteiligt sind auch direkte Staatsdiener, die zugleich der Kirche dienen, thelogische Professoren, Religionslehrer; sie sollen künftig aus­schließlich der Kirche gehorchen, auch gegen die Staats­behörden.

Es ist doch auch gar nicht möglich, Leuten, die durch solchen Eid zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet sind. Mandate zu politischen Körperschaften zu übertragen. Abgeordnete müssen ja nach ihrem Gewissen entscheiden und dürfen an Instruktionen nicht gebunden sein, sie müssen also völlig freien Willen haben.

Natürlich wären die ersten sich zu wehren die Katho­liken; sie werden es nicht tun, sie sind gewohnt, der Autorität des Papstes , sich ohne Widerrede zu beugen; einzelne mögen Opposition machen, aber vergeblich.

^ Darum ist es an erster Stelle Sache des Staates, die nötigen Abwehrmaßregeln zu treffen. Freilich der Papst wird, wenn er recht höflich inter­pelliert wird, ähnlich wie bei der Enzyklika antworten und. Herr v. Bethmann wird sich dafür bedanken. Aber er hätte die Macht .einzuschreiten, er braucht nicht zuzu­lassen, daß die theologischen. Studenten in der beab­sichtigten Weise beschränkt werden, er könnte Senii- narien, in denen dies geschieht, schließen, er könnte den Bischöfen verbieten, den Eid, der Geistliche und Kirchen­diener zu unbedingtem Gehorsam in allen Dingen gegen die Kirche verpflichtet, abzunehmen, denn dieser Eid ist unverträglich mit deni bestehenden Recht.

Wenn der Staat eingreifen würde, so ist das nicht gegen den deutschen Katholizismus oder die deutschen Katholiken gerichtet, sondern geschieht zur Verteidigung der Diener gegen völlige Knechtschaft und ohne irgend­wie in die Religion oder deren Übung cinzugreifen, und zur Verteidigung des Staates gegen ungehörige ausländische Beeinflussung.

Ter Staat würde nur das tun, was einigermaßen unabhängig denkende Katholiken tun sollten und viel­leicht möchten!

Feuilleton.

Nachdruck verboten.)

Ein Märchen von Alfred Mmms-Bremen.

Das alte siebzigjährige Fräulein mit den gütigen Augen und den weißen Haaren saß in ihrem bequemen Liegestuhl und träumte. Sie hatte den Mädchen aus­getragen, sie nicht zu stören, denn heute war der Jahres­tag von Düppel, sein Todestag; der heutige Tag ge­hörte ganz der Erinnerung an ihr kurzes Glück, und ihren langen, langen Schmerz.

Vor ihr auf dem Tisch lagen die greifbaren Zeichen seiner Liebe, seines Daseins und seines Todes. Es lag dort der sorgfältig konservierte Blumenstrauß, seine erste Gabe, d§n sie nur an seinem Geburts- und Sterbetag aus dem sicheren Kästchen hervorholte; dann sein Verlobungsring, den man zu ihrem Kummer dem Toten vom Finger _ gezogen hatte, und daneben der eigene Verlobungsring und ein Tiamantring mit einem Diamanten, sein Braut-Geschenk. Tic drei Ringe waren die Zeugen der seligsten Stunde ihres Lebens. Der vierte Gegenstand war das Portepee des Ver­storbenen, und endlich stand dort sein Bild, umrahmt von einem Kranz aus Männertreu und Immergrün.

Es war eine stille, glückliche Feier, die das" alte Fräulein hier beging; die Jahre wilden Schmerzes waren längst vorüber, die milde Hand des Alters hatte das unruhige Sehnen und Verlangen beschwichtigt. Lange hatte das arme Herz nichts von Trost wissen wollen, aber schließlich war es doch zur Ruhe gekommen.

Das alte Fräulein lächelte.

Wer ihr vor dreißig Jahren gesagt hätte, daß sie noch einmal in der Erinnerung so glücklich, sein würde! vm. ihr ganzes und einziges Glück war diese Erinne­rung an ihre reine Liebe; und io rein und schön wie

ihre Liebe stand auch das Bild des Geliebten vor ihrer Seele.

So dachte und fühlte das alte Fräulein, und als die Nachmittagssonne ihre schrägen Strahlen ins Zim­mer warf, da fielen ihr die Augen zu, sie schlief.

Tie Geister der Reliquien, durch ihre Herrin zum Leben erweckt, bekamen jetzt Sprache.

So ein bißchen Luft tut doch gut", meinte der Blumenstrauß,man wird förmlich wieder jung und frisch; freilich, wie damals an meinem Glanztage weroe ich wohl nie wieder werden", fuhr er resigniert seufzend fort.Übrigens, ich wünsche den Heepen einen guten Abend."

Schönen guten Abend", sagte der Herrenring,mir kommt da ein Gedanke; sehen Sie, wir leben Hier wenn ich mich so ausdrücken darf, in unfreiwilliger Wahl­verwandtschaft, und eigentlich kennen wir von unseren gegenseitigen Vergangenheiten recht wenig. Wie wärst-, wenn wir uns ein bißchen aus unserem Leben er­zählten?"

Mit diesem Vorschlag waren alle einverstanden, und der Blumenstrauß, der als der Älteste galt, begann:

Ich bin im Laden des Blumenhändlers Pötter ge­boren, und ein junges, übrigens recht niedliches Fräu­lein, hm, ja, die setzte michiaus.meinen einzelnen Be­standteilen zu dem harmonischen Ganzen zusammen, das ich geworden bin, wie Sie ohne . weiteres zuge­stehen werden. Ich wäre ganz gern noch ein wenig bei dem hübschen Kinde geblieben; doch Sie wissen ja, man hat Aufgaben und Pflichten, kurz, ich nahm das Engage­ment des jungen Offiziers an, der. bald darauf erschien. Ich müßte übrigens lügen, wenn ich behaupten wollte, daß der junge Mann mich sehr liebevoll behandelt hätte, nur vorsichtig, sehr vorsichtig, aber liebevoll?, nein. Das wurde erst anders, als wir in dem großen Hanse anlangten und als dann unsere Freundin hier, damals ein sehr hübsches Mädchen, mich in Me $0110 bekam. Ich füfille sofort, daß ich hier nach

meinem Wert geschätzt wurde. Etwas ungestüm ve- nahm sie sich allerdings, als sie und ich in ihrem Schlaf­zimmer allein waren sehen Sie: Tie Bruchstellen an den beiden Rosen hier sind ein Beweis dafür. Nun, das schmerzte zwar, aber dieser Schmerz schloß gleich den Trost in sich; sah ich doch daraus, wie sehr sie uns liebte. Acht Tage habe ich in einer kostbaren Vase in ihrer Kammer gestanden, dann legte unsere Freundin mich behutsam in das Kästchen, das ich noch heute be­wohne. Oft hat sie mich besehen und . eines Tages fielen aus ihren Augen Tautropfen auf mich. Werter habe ich eigentlich nichts zu erzählen, denn seit der Zeit sehen wir uns ja alle Jahre regelmäßig zweimal hier versammelt. Meine Geschichte ist kurz, aber poetisch." Er war immer noch ein ganz klein' wenig eitel, der Blumenstrauß.

Nun nahm der Herrenring das Wort; bedeutend weniger gefühlvoll war seine Sprache:Mich und

meinen kleinen Bruder kaufte der junge Mann den der Rahmen da in seinen vier.Armen hält, bei de-': Juwelier, den: wir unser wohlproportioniertes ^assin verdanken. Wir wurden in ein Schächtelchen gelegt und einen ^ag darauf sah ich unser Fräulein Zuerst- tat öie uns Bedielt beiradjtei! zch ÄÄ tmi- getrennt, mein Bruder und ich, der Kleine kam an ihren Finger und mich steckte der junge Männ an Wie ich von meinem Bruder höre, mit dem sch st!si wiewer

^ Fräulein sehr zart und k'bevvll behandelt. So gut habe ich es nicht gehabt.

mir 6 ? G « rr ld,t daß dvr junge Mann

hr 5 -eAte Aufmerksamkeit erwiesen hätte; nun.

weiter verwunderlich, ein Soldat Pflegt GW,,,/ ?/U i enttmci «Ql zu sein. Bevor wir beide in den w nAÄ' nnl)meit toi t- Abschied, er von dem Fräu-

Ar s ^ tw.si meinem Bruder; recht blaß und trau- y n A faulem aus. viel trauriger als der Mann, dann ging s hinaus, und dann kam die