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Nr. 433.

Wiesbaden, Samstag, 17. September 1910.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Mott.

Die Politik der Woche.

Die Geschichte des Luftschiffes ist eine Geschichte der Katastrophen, und insbesondere die Zeppelins, auf die stolz zu seinDeutschland alleUrsache hat, scheinen vom Unglück verfolgt zu sein, sei es, daß. wie in den meisten früheren Fällen, die das Gebild von Menschenhand hastenden Elemente oder aber, wie bei der Vernich­tung desL. Z. 6", menschliche Unzulängllchkerten die Schuld tragen. Auch angesichts der Katastrophe von Oos ist wieder die alte Streitfrage,starr, halbstarr, unstarr" aufgerollt worden, aber sehr zu un- rechter Zeit am Unrechten Ort, denn wenn es auch rich­tig ist, daß bisher kein Luftschiff vom Parsevalschen oder Großschen Typ ein Raub der Flammen wurde, ;o zeigen doch gerade die Erfahrungen des Auslandes, daß kein System Sicherheit gegen die Feinde in mannig­facher Gestalt bietet, mit denen die Luftschisfahrt zu

kämpfen hat. ' <. t s,.;

Starr, unstarr oder halbstarr welches dieser drei Systeme werden die Verbündeten Regierungen gegen­über den immer stärker ertönenden Klagen über die F l e i sch t e u e r u n g und den Forderungen linch Abhilsemaßnabmen anwenden? Nach der Ausnahme, welche die Abordnung des deutschen Fleischerverbandes beim preußischen Landwirtschaftsminister Freiherrn v. Schar lemer-Lieser gefunden hat, scheinen die leitenden Kreise sich diesen Klagen und Beschwer­den gegenüber nicht völlig starr zu verhalten, .sondern sich wenigstens dem Halbstarren System zuiieigen zu wollen. Freiherr v. Schorlemer hat immerhinwohl­wollende Erwägung" zugesagt und erklärt, daß, wenn wider Erwarten ein Rückgang der gegenwärtigen Vreh- und Flcischpreise nicht eintreten und der Marktauf­trieb dauernd Nachlassen sollte, er sich der Verpflichtung nicht entziehen werde,weitere Maßnahmen zur Siche­rung der Fleischversorgung ins Auge zu fassen", wobei zu bemerken ist. daß die Betonung derweiteren" Maß­nahmen deshalb Erstaunen erregt, weil von den vor­hergehenden Maßnahmen bisher nichts bekannt ge-

worden W- e - ne Wohlwollende Erwägung" gewesen ist die zur Kaltstellung des bisherigen deutschen Bot­schafters in Paris geführt hat? Fürst Rädolin selbst ist offenbar nicht dieser Meinung, denn er hat ver dem ihm zu Ehren veranstalteten Festmahl der Pariser deutschen Kolonie niit erstaun­licher Offenherzigkeitverraten", was alle Welt wußte, daß er etwas jäh und unsanft von fernem Posterr ab- berufen worden ist. um Platz für Herrn v. S ch o e n zu schaffen, den man wiederum aus dem Auswärtigen Amt weggelobt hat, um Raum für Herrn v. K i d e r l e n-

Wächter zu schaffen. Man muß zugeben, daß der letztere ein reiches Arbeitsfeld vorgefunden hat. denn in diesem Sommer des Mißvergnügens haben die^ Er­eignisse auf dem Gebiet der Weltpolitik einander förm­lich überstürzt, und insbesondere die Balkansrage, an der Deutschland zwar seit seinem zusammen mit Österreich-Ungarn erfolgten Ausscheiden aus dem Kon­zert der Schutzmächte nicht direkt, aber desto stärker in­direkt beteiligt ist, scheint ihrer Lösung noch immer nicht näher zu rücken.

Ängstliche Gemüter befürchten sogar von dem am Mittwoch erfolgten Zusammentritt der griechischen Nationalversammlung eine wertere Zu­spitzung der Lage einmal aus Besorgnis, daß die radi­kalen Elemente, welche geneigt sind, die Kammer in eine Eonstituante nach berüchtigtem französischen Muster zu verwandeln, die Oberhand gewinnen konn­ten, und zweitens weil die Chauvinisten unter den Griechen die Nationalversammlung gern zum Werk­zeug für eine aktive Kretapolitik machen mochten. König Georg freilich ist anderer Meinung oder er gibt wenigstens vor, es zu sein. Und so hat er denn bei der Eröffnung der Nationalversammlung feierlich behauptet, daß dieüberaus friedliche Weise, in welcher die Wähler von ihrem höchsten politischen Recht . Ge­brauch gemacht haben, von neuem die Reife des griechi­schen Volkes" bewiesen habe.

Es wäre dringend wünschenswert, daß die Griechen ein zugkräftigeres Reifezeugnis beibrächten und daß auf die Kreter das gleiche zuträfe, denn das gleich­zeitig mit der Eröffnung der Nationalversammlungen Konstantinopel abgehaltene _ griechische T r utzm eeting Hai aufs neue gezeigt, daß man trotz aller Friedensbeschwörungen des Kabinetts Tragunns noch mit starken Untcrströmungen tm Grrechenvolke rechnen muß. wie andererseits die Kreter nach dem Ausscheiden des mäßigenden Venizelos aus ihrer Regierung wieder stärkere Neigung ?, m£ L r passiven Resistenz zeigen. Ta aber auch in der -r u r k e r, deren andauernde Pumpversuche jetzt endlich den ersehnten Erfolg zu versprechen scheinen, der Geduldfaden ars aufs äußerste gespannt ist. so erscheint dre Lage auf dem Balkan noch immer als besorgniserregend.

Und dies umso mehr, da auch bie Demission i cS bulgarischen Kabinetts Malrnow euren recht unerfreulichen Beitrag zu den Balkanfragen darstellt. Handelt es sich doch hierbei in letzter Lune um dw Intrigen der bulgarischen Chauvinisten gegen die friedliche Politik des Kriegsministers P a p r r k o w. der unter allen Umständen einen Konflikt mit der Tür­kei wegen der mazedonischen Reibereien vermeiden wollte. Angesichts dieser unerfreulichen Wendung der Tinge in Bulgarien haben die s ch u tz m ä ch l e doppelt Anlaß, das Postkutschentempo ihrer Be­rn h i g u n g s a k t i o n etwas mehr den modernen Verkehrsmitteln anzupassen. _

Uolittsche Übersicht.

Ismotskis Stellung.

g. St. Petersburg, 15. September.

Es ist wieder einmal die Rede davon, daß der russi­sche Minister des Äußern Jswolski gehen soll Bisher wurde bekanntlich als Haupthindernis für dessen Rück­tritt der Umstand betrachtet, daß man niemand wußle, der als sein Nachfolger imstande gewesen wäre, das von ihm bekleidete Ressort mit Erfolg zu verwalten. So fragwürdig auch das Geschick war, mit dem Jswolski zuweilen operierte, so zog man es dennoch vor ihn gewissermaßen gezwungen, zu behalten, als den' Sprung ins Ungewisse zu wagen. Nun will man plötzlich in der Person feines bisherigen , Mm.ster- gehilfen einen geeigneten Ersatz sür Jswolski gefnuo^n haben, der dann als russischer Botschafter nach London, gehen soll, während der bisherige diplomatische Ver­treter des Zarenreiches in der britischen H mptstadt, Graf Benckendorft, nach Berlin übersiedeln wird. 2 . Äswolski selbst nicht aus den zuletzt genannten Posten kommen kann, ist natürlich, da WwZ gewniermatzen einen Affront gegenüber dem Grafen Aehrenthal bil­den tvürde mit dem er, Wie man Welf;, nuf dem dent- bar schlechtesten Fuß steht. Ist also die Tatsache eines solchen Schubes an sich nicht unwahrscheinlich, so durfte sic sich doch schwerlich gerade in diesem Moment ver­wirklichen. wo Jswolski selbst sich ans einer Kur reise befindet, der Premierminister Stolypin, der bei einem so wichtigen Wechsel doch auch ein Wort mitznreden batte, in Sibirien weilt, und überhaupt sozusagen alle übrigen Kabinettsmitglieder voii Petersburg abwesend sind. Tie Nachricht von einer solchen Änderung auf dem Gebiete der höchsten Staatsämter und der Diplo­matie Rußlands dürfte also zum mindesten verfrüht secw

Dir türkischen Armeemausr-er.

I. K o n st a n t i n o p e l. 14. September.

Der Sultan hat sich nun definitiv dazir entschlossen, den diesjährigen großen Herbstmanövern der türkischen Armee PeizuWodnen. Tiefer lakonifche Bericht deia^t für die Türkei in doppelter Hinsicht etwas Ungewöhn­liches. Schon die Tatsache, daß überhaupt Manöver in größerem Umfange abgehalten werden, ist hrer durchaus nichts Selbstverständliches. Bekanntlich durften unter Abd ul Hamid keinerlei Truppenubnn- in I)öt)6xrctt Verbänden ftottfinden, Weil er sich jeder größeren Ansammlung bewaffneter Mannschaften fürchtete. Nun sollen in der Gegend von Adrranopel Kräfte von zusammen 30 000 Mann zusammengezogen werden! Daß jetzt aber der Sultan selbst den Manövern beiwohnen Null und einen etwa achttägigen Aufenthalt auf dem Operationsfelde vorgesehen hat, das bedeutet erst recht einen völligen Bruch mrt den bisherigen Traditionen, die der praktischen Ausbildung des türkischen Heeres keineswegs förderlich sein koiinten.

KrmUeton.

(Nachdruck verboten.)

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindenberg.

Es geht los! Weltstadtlehen. Die Berlinerinnen und Frau Mode. Von Lichtbildern, was sie bringen und mcht bringen! Die Romane der Weltstadt. Die falsche Hof- daore und die unechte Kommerzicnrätin. Gimpelfang. - Der geheimnisvolle Schreibsekretär. Joseph Kamz. ~ cr

Künstler und der Mensch.

Nun g eht's wieder los bei uns, und zwar gleich in flottestem Tempo! Diese Herbstwochen sind ja mit die anregendsten und unterhaltendsten im Jahreswechsel der Reichshauptstadt. Alles ist frisch u,id untcrnchmungs- lustig, noch verspürt man nirgends eine Ermüdung, man erwartet viel von der nahenderr Saison und schmiedet auf ihr Konto hin die weitgehendsten Pläne. Viele derer, die es sonst nicht nötig hätten, sind diesmal infolge der un­günstigen Witterung früher nach Berlin zurückgekehrt und freuen sich des mit lauten Schalmeien einsetzcnden welt­städtischen Orchesters. Nach des trüben Sommers trüben Monaten ist der Vergnügungshunger doppelt stark und ver­mag große Portionen zu vertragen. An der mannigfal­tigsten Kost dafür fehlt'.? ja nicht, mit jedem Tage wird die Auswahl dieser unterhaltenden Speisekarte größer, auch für originelle Bereicherungen derselben ist gesorgt. In unseren Theatern hat bereits die Premicrenflut begonnen, Zirkus Schumann und Zirkus Busch haben ihre Pforten geöffnet, über die glitzernde Fläche des Eispalastes gleiten graziöse Gestalten und entwickelt sich abends das froh­sinnigste Getriebe, draußen auf demgrünen Rasen" im Grunewald wird emsig dem Sport gehuldigt, nirgends fchlt's an Gelegenheit sür unsere Damen, in günstigster Beleuchtung ihre neuesten Toiletten zur Schau zu stellen.

Ach, und welche Karikaturen erblickt man darunter! Es ist ja ein altes Lied, daß sich im allgemeinen die Berlinerin nicht geschmackvoll zu kleiden versteht und, um diesen Mangel zu vertuschen, mit erstaunlichem Nachahmungstrieb fremden Modelauncn, vor allem jenen von der Seine zu uns gebrachten, huldigt. Aber es scheint nie so schlimm gewesen zu sein wie gegenwärtig, wovon man sich bei den Rennen und in L'en Theatern am besten überzeugen lann. Schon vor hundert Jahren machte sich der bekannte Welt­reisende George Förster über diese sklavische Abhängigkeit vom französischen Geschmack lustig und stellte die dadurch hervorgerufene Lächerlichkeit,die niemandem so komisch aussällt wie dem leichtsinnigen Volke, dessen Tracht und Manieren man ungeschickt nachahmen will", an den Pranger.Selten", bemerkte er,wird ein Franzose sich die Zeit nehmen, den eigentümlichen Wert des deutschen Nationalcharakters auszusorschen und auzuerkennen: kein

Wunder also, wenn ihm auf den ersten Blick die meisten fremden Gesellschaften eine Ähnlichkeit mit einem ab- deritischen Maskenball zu verraten scheinen, wo niemand Talent und Geschmeidigkeit genug besitzt, um dem ge­wählten Charakter gemäß seine Rolle zu spielen, sondern jeder treuherzig den ganzen Scherz darin sucht, hinter einer Larve sein Gesicht zu verstecken!" .

Paßt durchaus noch heute, aber wer wird bestimmten Modedamen und solchen, die es zu sein glauben, klar machen können, wie sie sich selbst cntstellei, in der wahllosen Annahme der törichtsten Pariser Modeschöpfungen! Das glauben sie immer nur von den anderen Evaschwestern, über die sie spöttisch die Lippen kräuseln, wenn sie dieselben m der Wirklichkeit oder im flimmernden Spiel der Licht­bilder betrachten, welch letztere uns ja, sei es im Mozart­saal, sei es an anderen Stellen, getreueste Abschnitte aus dem modernsicn Lebeii vor Augen führen. Es ist favrlyast, wie rasch in dieser Beziehung jetzt der Photographin ar­beiten versteht! Was gestern sich ereignete, wird uns schon am nächsten Abend in scharf umrissmer Darstellung genau gezeigt. Eine illustrierte Zeitchronik ist's, wie man sie sich

nicht charakteristischer denken kann. Freilich, dies und jenes und zwar gerade das Fesselndste und Eigenartigste kommt doch nicht auf die blitzschnell arbeitenden Films, da muß man es schon der eigenen Phantasie überlassen, es sich charakteristisch auszumalen. Beispielsweise allerhand Romane der Weltstadt, wie sie sich Tag für Tag ereignen, und wie sie viele gewiß gern mit erleben möchten, das beißt nur in der Wiedergabe auf dem Hellen Hintergrund der Bühne, während sic selbst in aller Sicherheit bequem in ihren Sesseln die Zuschauer spielen. s

Sehr amüsant müßten sich da die kecken Streiche jenes bossnungsvollen achtzehnjährigen Jünglings ausnehmen, der kürzlich als elegant gekleidete Hofdame der Kaiserin unter dem Namen einer Gräfin von Arnim in Potsdam Dienerschaft, Soldateska und Polizei in At-m hielt, um dann von eineni nacheilenden Kriminal- beamten in einem Juweliergeschäst, in welchem die männ­liche Komtesse sich gerade allerhand Schmucksachen auswählte, abgesaßt zu werden. Recht nett müßte sich auch die Szene machen, in welcher der jetzt in St. Petersburg verhaftete sogenannteP s e u d o k a v a li e r" Margoljn einem hiesigen Notar seine tiefverschleierte Geliebte zusührte und diese als eine sehr reiche, schon über den Schneider ge­langte Kommerzicnrätin vorstellte, die sich ihren Namens­zug unter der Beglaubigung eines recht stattlichen Wechsels bescheinigen ließ. Da diese paar Minuten den hübschen Gewinn von 20 000 Mark abgcworfen, so lohnte sich wenige Wochen später eine Wiederholung, genau nach demselben Muster, nur daß diesmal das Pärchen 50 000 Mark ein­heimste, worauf beim dritten Male eine Steigerung ans die doppelte Summe erfolgte! 170 009 Mark für drei kurze Visiten in einem Anwaltszimmer, das war selbst für jenen geriebenen Gauner und sein Kabarett-Liebchen ein hübscher Prosit. Natürlich hatte er diese wohlschmeckenden Kastanien nur für sich aus dem Feuer geholt, und der, der den Namen zu allem hergegeben, der famoseGraf" de la Rammöe, der Schwiegersohn jener Kommerzienrätin, scheint leer aus­gegangen zu sein. Auch diese Blüte eines vom Mond hcrge-