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Nr. 42».
Wiesbaden, Donnerstag, 15 . September 1910 .
58. Jahrgang
Morgen- klus-gabe.
_ 1 . Mtatt.
Kaiser-ManouLr-AusKlung.
tBon unserem militärischen O. v. H.-Sonderberichterstatter.)
Marienburg, 12. September.
Vor hundert Jahren hat Napoleon auf seinem Zuge nach Rußland über die Wege östlich der Weichsel das verdrießliche Urteil abgegeben, sie „beständen aus drei Gräben, von denen der mittlere der tiefste sei". Cs tjiefee der west- und ostpreußischen Provinzialverwal- tung den Kreistagen und Landräten unrecht tun, wollte man nicht anerkennen, daß es im zwanzigsten Jahrhundert anders geworden ist und die reichen und nlh!?rl en Niederungen südlich vom Hass ein Straßennetz oesttzen, das,^ soweit es sich um Kunstbauten handelt, ^ dev verwöhntesten Chausseure ans
m ^ er Monarchie bildete und dem zahlreichen ^astrrastwagenmaterial guten Resonanzboden gab. sobald aber Mann, Roß, ein Fahrzeug irgend einer Art vom Hochwege sich herunter wagte, da war es in diesen Höhetagen einer herbstlichen Regenperiode uni den allzu Vertrauenden geschehen. Selbst sogenannte „gebesserte Wege", die aus der bunten Wegekarte der Kaisermanöver — im Gegensatz zu den karmoisin-ange- legten Chausseen — gelbbraun ausgesührt sind, glichen gestern Morästen napoleonischer Charakteristik, während zwanzig Galoppsprünge auf einem richtia gehenden Verbindungswege, wie sie allein hier nach vielen Dörfern und Gehöften hinsühren, den schneidigsten Vollblüter erledigten.
Diese durch die Regengüsse der letzten August- und ersten Septembertage verursachten Übelstände haben es zum großen Teil verschuldet, daß trotz der musterhaft einfachen und klaren Anlage der Übn.ngen durch den Großen Generalstab die eigentlich mit diesem Kaisermanöver verbundene Absicht der Darstellung eines langen Stellungskampfes nicht voll zur Ausführung hat kommen können. Die drei Kilo Weichsel-Humus am Marschstiefel der Infanterie, der bis zum Bauch einsinkende Kavalleriegaul und die bis zur Achse im Treck steckenden Geschütze sind adverse Faktoren gewesen, die bei dem Entwurf der Sonderkriegslage für das 1. uub 17. Armeekorps nicht gut von Exzellenz von Moltke und seinen Offizieren haben in Rechnung gestellt werden können. Wenn ein Graudenzer Regiment bei einem nur 22 Kilometer-Marsche in angenehm kühler Witterung von seinen 700 Mann eine Hekatombe im Lehmboden zur Strecke liefern konnte, dann wird es verständlich, daß der Angriff gegen die rote Stellung am Trautenwald sich uni mindestens ein Dutzend Stunden verzögerte, die für einen solchen Angriff not-, wendige gnaue Erkundigung unmöglich wurde und aus dem langen Positionskamps schließlich nur eine einzige eiuigeriuaßen bewegte Nacht mit einem Gegenstoß- und Hurra!-AuskIang zweier kurzer Morgen-
Femlleton.
(Nachdruck verioten.)
Ein Nordes-Paradies»
Von Hugo Wisliceny.
Etwa 15 Kilometer jenseits Cuxhaven, im Wattenmeere zwischen den breit -ausladenden Mündungen der Elbe und der Weser in die Nordsee, liegt ein seltsames Eiland, die Hamburgische Insel Neuwerk: ein
Paradies für den Naturfreund', ein wunderbarer Zufluchtsort für den Nuhebedürftigcn, ein Flecken Erde, der es wahrlich verdiente, daß eine Malerkolonie auf ihm sich niederließe, denn der mannigfachsten Motive, der farbenprächtigsten Bilder gibt es dort übergenug.
Die Insel ist weit größer als das vielbesuchte de- nachbartc Helgoland. Was Neuwerk indessen vor allem auszeichnet, ist die ursprüngliche Natur, die es sich ungeachtet des nahe vorbeiflutenden Stromes modernen Kulturlebens zu bewahren gewußt hat. Flut und Ebbe, die zerstörenden und wieder aufbauenden Kräfte, die der Nordsee ihre herbe Frische geben im Verein mit den kräftig wehenden Westwinden herrschen zumal im Bereiche dieses Nordsee-Eilandes. ' Es wogt und wiegt und wallt hier ohne Unterbrechung: bald sind's die Wasser, die vom mächtigen Elbstrom 'heranspülen, _ bald die der nicht minder imposanten Weserrnündung, bald sind's bei Hochwasser zur Flutzeit die salzigen Wellen der Nordsee, die langsamer oder schneller andringend die Insel bald völlig um- kreifcu, so daß sie dann vom Festland gänzlich abge
stunden wurde. Hätte General v. Mackensen seine drei Divisionen anstatt um 4 Uhr nachmittags schon uin 3 Uhr morgens, am zweiten Tage, bis Kanthen. Schönfeld und Pr.-Holland heran gehabt, so wäre anders und interessanter von dem letzten Wochenende zu berichten. Am guten Willen dazu hat's diesem vortrefflichen Führer und Soldaten, den seine Westpreutzen in guter Charakterisierung liebend ihren Blücher und Marschall Vorwärts nennen, wahrlich nicht gefehlt. Als aber am Abend des 8. September der Kaiser zur Schonung der Truppen das Beziehen von Notquartieren — anstelle der befohlenen Biwaks — anordnete, da war es mit den sonst möglichen frühen Aufbruchszeiten und dem Heraneilen an den roten Feind endgültig aus. Es blieben nur wenige Abendstunden und eine Nacht für den Kampf übrig.
Die besten Absichten der blauen Führung mußten somit zu Stückwerk, Fragmenten werden.
Alle diese Momente, die gegen die Möglichkeit eines blauen Erfolges sprachen, kamen dem Genral von Kluck und der roten Partei zunutze. Sieht man ab von den besonderen Anforderungen, die nach dem Gefechts- zweck am ersten Tage an das kleine Detachement Elbing, an allen drei Tagen an die vorzügliche 73. Jnfanterie- brigade gestellt wurden, so hat das 1. Armeekorps bis auf einige Buddelei wirklich nichts auszustehen gehabt. An die in Reserve gehaltene 2. Division unter dem Württemberger von Hügel sind außer einem ganz kleinen Anmarsch am ersten Manövertage und dem kurzen Vorstoß, der eine Stunde vor Manöverschluß begann, überhaupt keine Anforderungen herangetreten. Ter Entschluß des roten Generals, die 2. Division hinter seiner rechten Flanke zu belassen, war dazu nur selbstverständlich, denn links sind die Ostpreußen an die (supponierte) rote Armee angolehnt gewesen, brauchten also keine Umgehung zu fürchten.
Unter diesen Verhältnissen verkürzter und gehemmter Marschier- und Gefechtsbetätigung ist weniger denn früher Wohl über die Einzelleistungen der drei Hauptwaffen, ja selbst der Spezialwaffen, zu sagen, trotzdem gerade ihnen diesmal ganz besondere Aufgaben zugewiesen waren.
Bei allen deutschen Korps ist in diesem Sommer das Verhalten der Truppe bei nächtlichen Unternehmungen Gegenstand besonderer Übung gewesen, und neben den beiden kaisermanövrierenden Armeekorps haben das 15., die Elsässer, und das 3., die Brandenburger, an je zwei Manövertagen um befestigte Feldstellungen auch bei Nacht gekämpft. Tie Forderung des Exerzierreglements: „Sorgfältige, straffe Einzel
ausbildung ist die Grundlage der gesamten Ausbildung. Nur durch gründliche Ausbildung des einzelnen ist das nötige Zusammenwirken vieler zu erlangen." — Diese Forderung ist überall das Leitmotiv eines großen Teils dtzr sommerlich-feldmäßigen Ausbildung in der Gruppe, im Zuge, der Kompagnie, dem Bataillon, im Regiment', in der Jnfanteriebrigade gewesen. Vom Kompaß bis zur Meldekette, von der Signallaterne' bis zum geflüsterten Befehl, vom gewöhnlichen Marsch in der
schnitten ist und selbst die riesige Wattenfläche unter» tauchen muß. Im ewigen Wechsel geht das so auf und ab, hin und her; etwa 6V 2 'stunden Ebbe, 5 y s Stunden Flut. Daß diese immerwährende Bewegung des Meerwassers gerade an dieser Stelle der Anlaß ist zu den wunderbarsten Natureffekten, ist erklärlich aus der güicklichen Lage der Insel. Ta die Entfernung vom Festlande (dem Badeorte Duhnen bei Cuxhaven) nur 9 Kilometer beträgt, bleibt zur Zeit der Ebbe die Verbindung, wenn auch nur primitiver Art, mit dem Festland erhalten, während zur Flutzeit die Insel von einer mächtigen See umspült und umbrandet wird.
Überaus reizvoll ist schon die Wagenfahrt durch das Watt zur Insel, eine Fahrt von etwa l^stündiger Dauer. Von Duhnen aus ist diese Überquerung des Wattenmeeres, die sich natürlich genau nach der'„Tide", der Tauer der Ebbezeit, richtet und für Unkundige nicht ohne Gefahr ist, bequem auszuführen. Aber der erfahrenen Leitung der Wattenpost darf man sich unbesorgt anvertrauen. Auf einer durch festverankerte Reisigbüsche bezeichneten Route geht die fröhliche Wagenfahrt — oft bis zu zehn Wagen hintereinander — hinüber nach der Insel, von der man bei Harem Wetter vom Festlande aus nichts als die wuchtigen Umrisse des Leuchtturmes erblickt. Noch interessanter ist der etwa zweistündige Fußmarsch zur Insel; allein nian hat dabei nicht nur Stiefel und Strümpfe, sondern auch die — — Hose abzulegen, die durch ein Miniatur- Höschen, das das Individuum masculini generis sonst nur zu Badezweckcu anlegt, ersetzt wird. Rock, Weste und ein Hut, der den Sonnenbrand dämpft, bilden dann die einzigen Bekleidunasltücke, alles andere wcm-
Dunkelheit bis zum Ausheben nächtlicher Schützengräben haben die Vorübungen alle denkbaren und zum schlietzlichen Erfolge notwendigen Details umfaßt, jo daß der Infanterie-Angriff des 17. Korps in allen seinen technischen Einzelheiten eine Musterfache war.
Tie Kavallerie ist, was an ihrer Leistung Wohl das bemerkenswerteste war, erstaunlich schnell zur Gewöhnung an ihre, im langen Karabiner ausgedrückte, neue Aufgabe gekommen. Der früher so stolze und attackcn- lustige Reitersmann ist jetzt gar oft und fix von seinem Zoßen herunter. Fast ist man versucht, das Wort von der einen Kavalleriegattung aus die ganze Waffe zu übertragen: „Dragoner sind nicht Mensch noch Vieh — aufs Pferd gesetzte Infanterie". Nur von einer kleinen, partiellen Attacke, die von Teilen der blauen Kavallerie- Division bei Roqehnen geritten wurde, ist zu berichten, wobei allerdings nicht unerwähnt bleiben darf, daß die von festen Stacheldrahtzäunen umhegten FoUenkoppel der Pr.-Holländer Gegend jeder größeren Waffen- entfaltunq der Reiterei ein urmehmbares Hindernis entgegenstellen. Der letzte Tag fand die sechs Regimenter der blauen Division von Rauch zum Teil sogar in einer eingegrabeuen Tefensivstellung nördlich dem rechten roten Flügel, was denn doch am Ende mehr infanteristischem Notbehelf als kavalleristischer Flankenbeunruhigung entspricht.
Die Artillerie hat sich völlig in die Wesensart der verdieckten Stellungen eingelebt. Die Beobachtungswagen, die sie Heuer zum ersten Male mitsührte, sind für diese beinahe ausschließlich gepflogene' Kampsart ein wichtiger Helfer geworden. Auch bei ihr zeigten verschiedene in der Nacht vom 9. zum 10. ausgeführte Stellunswechsel, daß in den Batterie- und Abteilungs- Verbänden den Sommer über energische Dunkelstudien gemacht worden sein müssest. Dank dem vorzüglichen Pserdematerial der Regimenter 35, 36, 71, 72 und 73 konnten selbst Geschütze, für die bis zu vier Pferde als außer Gefecht gesetzt bezeichnet waren, sicher, wenn auch langsam weiter nach vorn gebracht werden. Die Kaltblüter der „schweren Artillerie des Feldheeres" standen dem leichteren Zugmaterial der Feldkanonen in der Leistungsfähigkeit nicht nach. Ter — militärisch — schlechteste Boden hat nirgends verhindert, daß die vier, zur Erschütterung der roten Stellung so notwendigen Mörserbatterien völlig berechnungsgemäß in ihren Positionen eintrasen. In . die Kategorie der schweren Bombe wird auch der neue Typ °des Ballongeschützes zu rechnen sein, von denen es zwei automontierte Vertreter gab. Außer mit starken Panzer- schilden waren diese Kanonen noch durch die Mitgabe von — Kriminalbeamten in Zivil geschütz, die unnach- sichtlich jede Platte konfiszierten, auf der sie einen Amateur-Snapshot der streng geheimgehaltenen Konstruktionen vermuteten. Nur ihr Schuß war nicht zu verdecken. Auf bis viele hundert Meter zeichnete sich seine Naketenbahn am Himmel ab.
Die beiden Ballons selbst haben nach Angabe der Oberleitung „voll befriedigt". Besonders hat sich General v. Mackensen, nach anfänglich weniger guter
dert in den Rucksack. Diese Entblößung der unteren Hälfte der menschlichen Länge ist nämlich unerläßlich Wegen der zahlreichen Priele, die das Watt durchqueren und die selbst bei tiefster Ebbe so viel Seewasser enthalten, daß die Wagen bis an die Räderachsen ein- tauchen und die Wattenläufer bis über die Knie im Wasser waten. Den vor die Wattcnposten gespannten Pferden bereitet im heißen Sommer dieses kühlende Fußbad offenbar dasselbe Vergnügen wie den hindürch- watenden Menschen, und die auf den Wagen sitzenden Wattreisenden haben besonders an der Passage' durch die Priele, die bis zu 10 Meter breit sind, ihr Vergnügen. sonst ist das Watt ziemlich gleichförmig aufgebaut aus Sand und Seeschlick; die Oberfläche zeigt deutlich die Linien der spielenden Wasserfluten Besonders höher gelegene Stellen, flache und langgezogene stücke trocknen zur Ebbezeit und bet genügendem Sonnenbrand oft ziemlich aus, so daß sie sich durch ihre hellere Färbung von dem tiefer liegenden, immer feuchten Watt deutlich unterscheiden. Zuweilen findet man auf derartigen Banken große Kolonien von gelb- gefärbten Muschel- und ähnlichen Schaltieren, doch ch. ks ine gelungen, die Auster hier heimisch zu machen, sie Flora des Watts ist recht durstig, über einioe Salz- graser kommt sie. kaum hinaus. 'Die Tierwelt des Watts ist schon reichhaltiger. Tie Möve findet hiev reiche Nahrung, und der Kampf um Sein oder Nichtsein wird kaum sonstwo erbitterter ansgesochten alz lner zwischen Tieren, die die Flut herangeschwemmt ha., und die den Abgang derselben versäumt haben und nun im flachen, nur wenige Zentimeter oder Millimeter messenden WaslerüairdK liegen bleiben
