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Rr. 487.
Wiesbaden, Mittwoch, 14. September ISIS.
S8. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt. _
SoMlrmMWe Umschau.
— Anfang September. —
Tie Klagen über die Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel sind in der letzten Zeit immer lauter geworden. Und sie sind berechtigt. Das Fleisch ist aber- inals im Preise gestiegen und für unbemittelte Familien kaum noch zu bezahlen. Überhaupt sind fast alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse in die Höhe gegangen. In manchen Orten ist in letzter Zeit auch die Milch teurer geworden; frische Eier haben den ganzen Sommer einen Preis gehabt wie nie zuvor. Auch die Kartoffeln werden im Herbste nicht wohlseil sein, da ihnen das Wetter ungünstig ist. Aus Obst müssen arme Leute fast verzichten, denn schon seit Jahrxu ist der Preis viel zu hoch, ob wir eine gute oder schlechte Obsternte haben, er bleibt sich bei haltbarem Obste für den kleinen Käufer fast immer gleich. Überhaupt kommen gute Ernten heute weit weniger als früher für den Konsumenten im Preise zum Ausdruck. Ter Weg vom Produzenten bis in die Markthalle oder den kleinen Grün- marcnladen, in dem die Arbeiterfrau ihren Küchenbedarf deckt, ist so weit gelnorden, daß für sie von dein Vorteil einer guten Ernte wenig übrig bleibt. Und wo dieser Weg kürz ist, sorgen die Produzenten- und Händlerorganisationen dafür, daß der Preis ein für sie guter bleibt. . Dazu kommen die hohen Eingangszölle für die meisten landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die mit ihrer Ergänzung durch eine fast als Grenzsperre wirkende Seuchengesetzgebung und allerlei andere Erschwerungen der Einfuhr, durch Sporteln und Spesen aller Art sehr wesentlich an der Fleischknappheit schuldig sind. Daß die heimische Landwirtschaft den Fleischbedarf nicht decken kann, ist längst erwiesen. Tie ausländische Landwirtschaft würde natürlich gerne unfern Fleischbedarf ergänzen und ihre Viehzucht entsprechend erweitern, wenn sie die Aussicht für einen günstigen Export nach Deutschland hätte. Aber die Schwierigkeiten, die unsere Gesetzgebung der Fleisch- und Vieheinfuhr bereitet, läßt auch in unseren Nachbarländern keine aus die Ausfuhr nach Deutschland berechnete Viehzucht hochkommen, und so können wir auch in Zeiten der Fleischknappheit von dort nicht ausreichend Schlachtvieh beziehen, weil diese Länder infolge unserer Gesetzgebung nicht genügend auf ein.en Export nach Deutschland vorbereitet sind.
Wir haben überall eine gute Futterernte, doch das Fleisch wird teurer. Das scheint ein Widerspruch, der sich aber leicht erklärt. Der Landwirt ist durch die größeren Futtermengen in der Lage, sein Vieh länger rm Stalle zu halten. Cr bringt kein Schlachtvieh aus den Markt; so steigen die Preise. Sind diese im Kleinhandel erst einmal festgelegt, so sinken sie meistens nicht wieder, selbst wenn der Landwirtschaft geringere Viehpreise gezahlt werden. Tie Erfahrung der letzten Jahre
lehrt das. Als die Schtveine und Rinder vor geraumer Zeit ziemlich wohlfeil waren, blieb. im Kleinverkauf des Fleisches der alte Teuerungspreis. Es geht mit dem Fleisch wie mit dem Brot. Der Preis steigt in ungünstigen Zeiten und er bleibt danfi hoch. Alle diese Preispolitik von Produzenten, Händlern und Gewerbetreibenden mit ihren verschiedensten Organisationen, die mehrfach fast zu einer Ringbildung führte, wird ganz erheblich gefördert und auf Kosten der Konsumenten erst möglich gemacht durch unsere hohen Zölle aus Lebensmittel, zu denen jetzt auch noch von interessierter Seite erhebliche Zölle aus Apfelsinen, Bananen usw. gefordert werden. Wir bauen derartige Früchte zwar nicht in Deutschland, aber sie sind fast zu einem Volksnahrungsmittel geworden, und die dem- schen Obstbauer fürchten, daß sie den Preis ihrer eigenen Erzeugnisse drücken könnten. Es ist leider keine Übertreibung, wenn gesagt wird, daß der deutsche Staatsbürger heute kaum noch einen Bissen zum Munde führen könne, der nicht durch Zölle oder Steirern verteuert sei.
Neben der Steigerung der Lebensmittelpreise hat man sich bei uns in den letzten Wochen viel mit der Arbeiterbewegung auf den deutschen Schiffswerften beschäftigt. Die Hamburger Werftarbeiter sind vor einiger Zeit in den Streik eingetreten, weil ihnen Forderungen nach höherem Lohn und einer besseren Regelung der Arbeitszeit nicht bewilligt wurden. Dieser Konflikt hat eine Aussperrung fast sämtlicher Arbeiter auf den großen deutschen Privatwersten zur Folge gehabt. Ein Ende des Streiks ist noch nicht abzusehen, und auch der Vermittlungsvorschlag des Reichsamts des Innern ist ohne Erfolg gewesen. Die schon seit einigen Jahren besonders nach großen Arbeitskämpfen in sozialpolitischen Kreisen erörterte Forderung nach Einrichtung eines Reich seinigungs- a m t s findet auch durch den Kampf auf den deutschen Werften eine wesentliche Unterstützung. Man verlangt bekanntlich ein derartiges Anlt mit Verhandlungs- zwang für beide streitende Parteien und ausgerüstet mit einem Einfluß, der es befähigt, seinen Sprüchen den nötigen Nachdruck zu verleihen. Es scheint bei unserer ganzen sozialpolitischen Entwicklung sicher, daß wir ein derartiges Einigungsamt als Spitze der Organisation des Unternehmer- und Arbeiterstandes bekoin- men werden, aber natürlich ist an die . Lösung dieser Frage mit großer Vorsicht und nicht heranzutreten, ohne daß man reifliche Erfahrungen gesammelt hat. Dann soll man sie aber auch ohne Vorurteil lösen und mit weniger Engherzigkeit als die Frage der Ä r - b e i: s k a m m er n, die nach den Vorschlägen der Regierung jetzt weder den Unternehmern, noch den Arbeitern gefallen.
Ähnliche Engherzigkeit wird auch bei der Ausführung des neuen S t e l l e n v e r m i t t l e r g e s e tz e s geübt. Nach einem Erlaß des preußischen HandelZ- ministers scheint man geradezu Angst zu haben, daß öffentliche mit gemeinnützigen Arbeitsnachweisen verwechselt und daraus heilloses Unglück entstehen könnte. Arbeitsnachweise gemeinnütziger Körperschaften und
Femüe-on.
(Rachdruck verboten.)
SibelotZ.
Berlin, 12. September.
Unter den Linden sind neben den großen Luxusmagazinen kleine exklusive Kausftätten für „Connaisseure". Man möchte sie im Gegensatz zu jenen Ricsen-Schausenster- Architckturen Vitrinen-Handlungen nennen.
Im Haus mit dem wohlriechenden Parterre von Lohse und dem Blumenschmidt weist ein schmaler Glaskasten mit edlen goldgeprägten alten Lederbändcn und illuminierten Miniaturseiten auf das Studio Martin Breslauers, der im zweiten Stork sein Antiquariat kostbarer Drucke mit dem Geschmack einer Aniateur-Libreria — man kann sagen: plan- tinisch — ausgestellt hat.
Drüben auf der anderen Seite, neben dem Ministerium des Inneren, ist in einem alt-berliner Patrizierhaus die Werkstatt des Goldschmieds Emil LcttrS, der wie ein Klcin- meistcr der Vergangenheit hier sein Edelmetall klopft und hämmert, und seltenes Gestein und rares Zierwerk, geschnittene Bergkristalle, Gemmen, Barockperlen zu lebendig- gcsügtem Schmuck bindet. Zu diesen Kunstkammcrn kam jetzt ein sehr kultiviertes graphisches Kabinett von Charles de Burlet. In einem kleinen Laden des Hotel Adlon ist es etabliert, und Hermann Muthesius hat den inneren architektonischen Rahmen mit sicherem Fetngesühl komponiert.
Schon von außen gibt sich das Intime und Distinguierte dieses Lagers kund. Das Schaufenster ist als schmale Vitrine ausgebildet. Dunkeltoniger Holz-Hintergrund hebt nur ein delikates Blatt, vielleicht einen farbigen englischen oder französischen Stich hervor.
Auf den Seitenwänden steht in Tiemannschen Lettern — mattgold auf braunem Holz — der Inhalt der Burletschen Mappen angegeben, ihr modernes und retrospektives Repertoire.
Diese praktische Ankündigung wirkt in dem künstlerischen Zug der Schrift zugleich schmackhaft, als ein Ornament, und ihre Form ist stilverwandt dem Stofs, den sie ausspricht; denn diese geschwungene, schwebende Kursiv und diese steile Antiqua stammt aus der Familie der artistischen Gravier-Unterschristen alter Kupfer.
Zweck und Zierat zugleich vereint auch das Namensschild. Es ist eine schmale Bronzeleiste, die als eine Supraporte, als Abschlußsries der Vitrine aus der Glasscheibe angebracht ist. Der Name, von gerolltem Vignettcn- tverk eingefaßt, ist ausgeschnitten und wird grundiert durch elektrisch beleuchtetes Milchglas: email translucide.
Der Jnnenraum ist als echter Nahmen d"r Graphik ganz in lichtem Holz gefüttert. Der ehemals hohe Raum hat eine niedrigere Decke bekommen. Sie ist aus dem Raum trapezförmig entwickelt, mit quadratischer Sprossentcilung, die Füllungen mit rotem Krisselwerk ausgemalt, und Kristall, lampions schweben herab. Ein reizend hcitcrhelles Gehaus entstand so und wohl abgewogen stehen darin die tieferen Farben: das Schwarz der Mapponschränke, die
Vereine soll man selbst dann nicht als öffentliche an- sehen, wenn sie aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden. Statt öffentliche Arbeitsnachweise sollte mach lieber sagen „amtliche", da weiß jeder deutlich, mit welcher Art Einrichtung er es zu tun hat. Der Erlaß des Handelsministers gestattet, daß bei der Durchführung des Stellenvermittlergesetzos Wünsche und Gutachten der gemeinnützigen Arbeitsnachweise berücksichtigt werden können. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, wenn diese Stellen Praktische Vorschläge zu machen haben, denn auf ihrer Seite liegt die größere Erfahrung. Das Stellenvermittlergesetz sollte nur Hand in Hand mit derartigen Arbeitsnachweisen durchgeführt werden.
Zu erwähnen ist noch, daß im Reichsamt desJnnern noch keine Entschließungen über die gesetzliche Neuregelung der 'S o n n t a g s r u h e im Gandelsgewerbe getroffen sind. Überhaupt sind im kaufmännischen Gewerbe die Verhältnisse der Angestellten noch sehr verbesserungsbedürftig. Es ist daher gutzuheißen, daß wenigstens die Bestimmung über die Anwendung der K o n k n r r e n z k l a u s e l endlich zeitgemäß nach sozialen Gesichtspunkten gesetzlich geregelt werden sollen. Die Reichsregicrung will dem Reichstag Vorschlägen, einen Ausgleich auf dem Grundsätze der bezahlten Karenz zu treffen. Es soll dem Angestellten für die Beschränkung, die ihm das Konkurrenzverbot auferlegt, eine angemessene Entschädigung zugestanden werden. Diese soll so bemessen werden, daß dem Angestellten für das erste Jahr nach seiner Entlassung mindestens ein Viertel, für das zweite ein Drittel und das folgende Jahr das volle zuletzt bezogene Gehalt gezahlt wird. Für die Entschädigung in voller Höhe des Gehalts soll aber das Einkommen aus einer neuen Stellung in Anrechnung gebracht werden. Für Kausmanns- gehilfen ist das Konkurrenzverbot aus drei Jahre beschränkt, für technische Angestellte ist keine Zeit festgesetzt. Künftig soll auch die Gültigkeit der Konkurreuz- klauscl von gerichtlicher oder notarieller Beurkundung abhängig sein. Über diese Vorschläge sollen aber noch die Handelskammern und Kaufmannsgerichte gehört werden.
In Rußland hat die zuständige Kommission der Reichsduma ein Gesetz zur Bekänrpfung der Trunksucht vorgeschlagen. Die Bestimmungen desselben wären schon geeignet, das russische Nationallaster einzudämmen, aber selbst wenn sie Gesetz werden, bleiben sie voraussichtlich leider nur auf dem Papier stehen.
.. . . . |, J L V 1 -
Deutsches Dsich.
* Hof- und PcrsiMlil-Nachrichtcn. Der König von Württemberg ist leicht erkrankt, doch ist bereits eine Besserung eingetreten, wodurch der König, der das Bett hütet, kurze Zeit sich auf der Schloßterrasse aufhalten konnte.
* Zur Frage der Zusammenkunft zwischen Zar und Kaiser, über die Frage einer Zusammenkunft zwischen dem Zaren und Kaiser Wilhelm ist dem Berichterstatter des „B. L.--A." in Friedbcrg von zuständiger Seite folgendes erklärt worden: „Es muß daran festgehalten werden, daß
klingenden Scidensansarcn der Stoffe, der Portieren und der fülligen Polstersessel, deren Harmonie ein weiches Himbecrrot mit schwarzem und weißem Rankenwerk durchzogen ist.
An den Wänden hängen jetzt zu einer kleinen Ausstellung vereinigt Blätter von Max S l e v o g t. Vor allem frappante Ticrstudien, aus der vie intime der großen Katzen, von samtigem Schmelz des tupfig braunschwarzen Pclzwcrks und von frappantem Griff der Beweguirg, des Kauernden, Lauernden, des federnden, weich elastischen Wiegeschritts, wie auf Tennissohlen. Dazu Affen- und Eisbär-Impressionen, eine vibrierende Studie vom 5-Tage- renncn, die irr zucktgem Strich und der drrmpsen, geballten Farbe das Fluidum der Fiederspannung suggestiv ausspricht; ferner Originale aus dem Ali-Baba-Bilderbuch*), die eine neue Möglichkeit stofflicher und dabei doch künstlerischer Illustration erweisen, voll phantasievollen. Fabu- lierens mit Farben und Gestalten.
Ehe man dieses Kabinett verläßt, blickt man noch auf die dunkle Bronze, die sich von der grauen Wand abhebt. Ein Torso ist's, ein Frauenakt ochne Arme und Kopf, voll Pulsierendstem Kör-Perleben. Der Radierer Legros ist ihr Schöpfer. Antikisch wirkt dieses Weib in ihrer herrischen Leiblichkeit, und sie ist vom Stamme jenes syrakusanischen Venusleibes, vor dessen enthaupteter Schönheit Maupaffant — aus seiner Jacht „Bel-Ami" im Mittelmeer kreuzend — seinen sinnlichsten Traum geträumt. T. P.
*) Bei Paul Cassirer erschienen.
