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Nr. 425.

Wiesbaden, Dienstag, 13. September 1810.

58. 5«ab«aana.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Wlcrtt.

Papstkirche und Modernismus.

Wie das Motu proprio des Papstes gegen den Modernismus auf den deutschen Katholizismus wirken wird, das wird mau erst abzuwarten haben, und wir möchten jedenfalls davor warnen, die Wirkung aus­schließlich nach den Begeisterungsausbrüchen zu beur­teilen- mit denen einige Zentrumsblätter, voran die Germania", diese verhängnisvolle Kundgebung be­grüßen. Wenn der Modernismus nicht eine .Macht wäre» vor der sich der Vatikan zu fürchten hat, dann würde man in Rom nicht ein so extrenies Mittel wie dies Todesurteil über jede freiere geistige Be­wegung im Katholizismus gewählt haben. Gegen eilten schwächlichen, gewissermaßen bloß literarischen Moder­nismus hätte inan sich wohl nicht mit solcher Schroff­heit gewandt. Der Jubel gewisser Zentrumsblätter bedeutet also zunächst nur ein weiteres Zeugnis dafür, welche Beklemmungen das Erwachen kritischen Geistes innerhalb der Papstkirche verursacht hat, und dieser Jubel bedeutet nicht und kann nicht bedeuten, daß der Modernismus sich nun mit zitternder Ergebenheit fügen wird. Aber man muß lesen, was die'Ger­mania", ein Hauptorgan des deutschen Zentrums, ihren Lesern zu bieten wagt, um ganz zu ermessen, welche Kluft zwischen dem versteinerten Klerikalismüs und der modern gerichteten Bewegung besteht, gar nicht erst zu reden von dem weltweiten Gegensatz zwischen dieser Art von dogmatischer Gebundenheit und dem Geiste in dem wir Nichtkatholiken leben und schassen. So schreibt dieGermania":Eine allgemeine Kriti­siersucht hat auch das religiöse Gebiet ergriffen. ES wird allzu, oft übersehen, daß der die Kirche leitende Heilige Geist einen andern Maßstab anlegt als der be­schränkte Menschenverstand, daß die Kirche nicht mit unseren engen Gesichtspunkten, sondern mit der ganzen Welt, mit Jahrtausenden und mit der Ewigkeit rechnet. Ten Katholiken ist bei Konflikten zwischen dem Papst­tum und seinen Widersachern der Platz von selbst ange­wiesen. Tie Überzeugung, daß der Papst der Statt­halter Christi auf Erden ist und seine Lehr- und Hirten- geivalt in dessen Namen und Auftrag ausübt. muß stets über alle rein menschlichen Bedenken und Erwägun­gen den Sieg davontragen. T a s allein i st katho­lisch. Wie ein Mann müssen wir alle deir Schild er­heben, wenn , man dem Statthalter Christi in sein Amt hineinrcden und ihn wegen seiner Verordyungen und Weisungen schmähen will." Jedes weitere Wort zu bicfcu Sätzen dünkt uns überflüssig, aber eine Bemer­kung ist doch noch zu einer bedenklichen Unbesonnenheit zu machen, deren sich dieGerm." in diesem

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Femüeron.

Marie m Mier-WeMch. w AWMrige.

(1830 13. September 1910.)

Bon Dr. Paul Landau.

Wollte man cs wagen, von dem wundersamen Geschick unserer Altmeifterin deutscher Dichtung tu der Parabelform zu erzählen, die sic selbst so unnachahmlich edel und schön ausgcbildct, dann könnte man wohl folgendermaßen das Märchen ihres Lebens" berichten: Es war cinnial eine stolze kleine Koniteß, die fand wenig Freude an dein, was ihrer Genossinnen Herz erfüllte, als da sind Tanzen, Reiten und Jagen, sondern in ihrer starken Seele loderte ein heiliger hoher Wunsch: sie wollte eine Dichterin werden und ewigen Ruhm gewinnen unter den Künstlern aller Zeiten; einen üppigen grünen Kranz ewig frischen Lor­beers wollte sie sich um die hübsche glatte Stirn flechten. Da machte sich unser Komtcßchcn auf den Weg, empor zu dem mächtigen Berg, auf dem in ernster strenger Pracht der Lorbecrhain der Unsterblichkeit ragte. Und sie begann zu steigen und zu klettern, soweit nur ihre Kräfte reichten, Domen zerstachen ihr das Kleid und ritzten ihr die Haut blutig; niedriges Schlinggewächs wand sich um ihren Fuß und ließ ihn straucheln und gleiten. Mit erlahmender An­strengung und verzwerseltem Herzen keuchte sie durch das Dickicht, doch in dem dämmerigen Düster des Gestrüpps leuchtete unendlich fern, in der sonncnumgoldetcn Höhe ihr Ziel, der Lorbeerhain, drohend und starr in abweisender Majestät. Da fühlte das Komteßchen, wie ihr alle Hoff­nung den Abhang hinuntergleiten wollte; sw setzte' sich nieder am Wege und weinte bitterlich. Aber mitten in ihrem Herzensjammer fiel ihr Blick plötzlich aus einen kleinen versteckten Nebenpsad, der nicht stolz und steil, wie sie es gewollt, auf die Spitze führte, sondern in sanften Wellen­linien sich langsam am Abhang hinschlängeltc. Traurig

gen Aufsatz schuldig macht. Das Blatt kommt nämlich ans die Borromäus-Enzyklika zurück, um dem Papst das gute Recht zu einem historischen Urteil über Männer zuzusprechen,an denen et als Träger des Papsttums schon deshalb Kritik üben durste, weil sie eben diesem Papsttum unterstellt waren und sich von ihm losgerissen hatten, also als ehemalige Katholiken für ihn in Betracht kommen". Tas will sagen: Tas Zentrumsorgan eignet sich nochmals die abscheulichen Schmähungen am mit denen die Borromäus-Gnzyklika die Männer der Reformation überhäuft hatte, und es ist hiernach erneut erwiesen, daß es nur heuchlerische Taktik war, wenn im Zentrum so getan wurde, als hätten denn doch Bedenken gegen die Enzyklika be­standen und als wären sie nur aus schuldiger Ehrfurcht vor dem Heiligen Stuhl nicht geäußert worden. '

Politische Mersicht.

Frrtt/err v. Scharlemrr.

L. Berlin, 10. September.

Tie Ernennung des Landwirtschastsministers Frei- hcrrn v Schorlemer zum Vizepräsidenten des Staats- ministeriums soll, wie in politischen Kreisen verlautet, in Aussicht genommen sein. Der Vorgang wäre, wenn diese Gerüchte zutreffen, was sich ja bald ergeben wird, von erheblichem Interesse. Zunächst ist es schon be­merkenswert, daß der seit dem Amtsantritt des jetzigen Reichskanzlers unbesetzt gewesene Posten eines Vize­präsidenten wieder besetzt werden soll. Tie Absichten und Auffassungen, die mehr als ein Jahr lang dahin gewirkt hatten, daß diese Stelle keinen Inhaber hatte, sind denn also mit dem Rücktritt des Freiherrn von Rheinbaben naturgemäß hinfällig geworden. Man weiß doch, daß der frühere Finanzmsnister den Posten lebhaft erstrebt hatte, daß Herr v. Bethmann-Hollweg aber ebensowenig wie vor ihm Fürst Bülow die Neigung verspürte, gerade Frciherrn v. Rheinbaben zum Vize­präsidenten des Staatsministeriums zu machen, und da Rheinbaben füglich nicht übergangen werden konnte, so blieb die Stelle eben unbesetzt. Soll jetzt Freiherr v. Schorlemer Vizepräsident deZ Staasministexiums werden, so bedeutet das also, daß der wichtige Posten dem Manne des besonderen Vertrauens sowohl des Kaisers wie des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten übertragen wird. Herr v. Schorlemer muß hiernach mit der Politik des leitenden Staatsmannes in be­sonders enger Solidarität stehen, in einer engeren noch als Herr v. Dallwitz, der als Minister des Innern, also als Chef einer dem Landwirtschaftsministerium weit überlegenen Provinz der Staatsverwaltung, ai: und für sich einen bevorzugten Anspruch auf das Vize- präsidium gehabt hätte. Überwiegend bisher war denn auch diese Stellung mit der des Ministers des Innern

und resigniert schlug sie dies bescheidene Weglein ein, fest überzeugt, daß er wieder in die verhaßten Niederungen der Mittelmäßigkeit herabführe. Doch je weiter sic ging, desto lustiger wurde es und einladender. Da dehnten sich bunte Wiesen aus und das Komteßchen pflückte sich einen Feld­blumenstrauß, den es ganz glücklich in der Hand hielt. Und nun zog es sie mit einer süßen Gewalt immer dahin auf dem dürftigen Pfad, von dem sie nicht wußte, wohin er führe, der kein Ende zu haben schien. Die Hoffnung, zu dem Lorbecrhain ihrer Kindersehnsucht zu kommen, hatte sie auf- gegeben. So schritt sie rüstig vorwärts, der inneren Stimme folgend; auch hier gab cs der Mühen und Plagen genug: Steine versperrten den Weg; durch öde Sandstrecken ging es, über zähe Sümpfe, durch trübe Bäche. Aus dem wilden tollen Springinsfeld war eine ernste Wanderin ge­worden, die mit nie ermüdender Geduld alle Widrigkeiten und Nöte überwand. Und sie wurde reich belohnt: immer köstlichere Blumen blühten an ihrem Pfade und boten sich ihr dar, süße reife Früchte konnte sie pflücken; immer klarer ward die Luft, immer Heller das Licht, die sie umspielten. Sie fühlte, wie die Welt tiefer und tiefer unter ihr lag, wie sie freier und leichter stieg, ivie ein reicher Friede und ein dankbarer Glaube ihr die Brust weiteten. Und auf einmal nach dem langen langen Gehen, als sic aus einem glück­lichen Traum aufblickte, da sah sie den Lorbecrhain ganz nahe vor sich: Scharen feiner lichter Genien kamen ihr ent­gegen, wandcn einen schweren vollen Kranz und drückten ihn ihr nun aus die gefurchte Stirn. Eine Greisin war sie geworden ans der weiten Wanderung; ganz erfüllt war ihr Geschick, und wie eine milde leb c Vision erschienen ihr nun Ruhm und Unsterblichkeit, die das Mädchenherz so unge­stüm begehrt. Leise und verworren drang zu ihr der Lärm der Welt und der Menschen hastig Treiben, nnd mit einem freundlich gütigen Lächeln lauschte die Gekrönte, die stille Siegerin hernieder aus der Höhe. ...

Ja, als eine ganz reife, vollendete und abgeklärte Be­herrscherin der Welt blickt Marie von Ebner-Eschenbach an ihrem 80. Geburtstag aus die Unzäbligcn, die sie mit Glück­

verknüpft. .Jedenfalls hat man in Herrn v. Schorlemer den Mann zu sehen, der noch nicht bis an das Ende seiner Laufbahn gelangt ist, der aber diese Bahn ge­ebnet findet. Seine Ernennung zum Vizepräsidenten des Staatsministeriums wäre von gesteigertem Inter­esse noch darum, weil Herr v. Schorlemer in der doppel­ten Eigenschaft des Vizepräsidenten und des Land­wirtschastsministers eine erhöhte Verantwortung für die Wetterführung der Ostmarkenpolitik und in erster Linie für die Stellungnahme der Staatsregierung zur Enteignungsfrage tragen würde.

UolMscher Sekt.

Der Hansabund veröffentlicht, wie wir schon mitteiiten, wieder eine Reihe von Fällen, die Kunde von der planmäßigen Boykottierung der Mitglieder des Hansa- bundes durch den Bund der Landwirte geben. Daß es sich nicht um Bohkottrerungsversuche einzelner Personen, son­dern um eine Aktion des Bundes der Landwirte handelt, geht aus einer Korrespondenz des Bundes der Landwirte hervor, in der es heißt: Der Hansabirnd wird es noch so weit bringen, daß jeder Landwirt jetzt wirklich anfängt, sich zu überlegen, ob er so dumm sein soll, seine Groschen zu solchen Händlern zu tragen, die ihre Erspar­nisse dazu verwenden, den Bund der Landwirte mit Hilfe des Hansabundes zu erwürgen. Von den verschiedenen Fällen wollen wir hier einen wiedergeben, der gewisser Komik nicht entbehrt. In Nenhaldensleben hatte ein Essen von Reserveoffizieren stattgesunden, zu dem viele ländliche Teilnehmer erschienen waren. Zwei von ihnen schlossen eine nächtliche Scktrcffe an und landeten am anderen Vor­mittag in einem bei Nenhaldensleben gelegenen Ausflugs­lokal. Ehe sie bestellten, besaßen sie immerhin, trotz der durchzechten Rächt, noch agrarischen Instinkt genug, um den Wirt durch die Frage zu brüskieren, er sei doch nicht etwa Mitglied des Hansabundes? Der Wirt verneinte wahrheits­gemäß, worauf prompt die Antwort erfolgte:Sonst hätten wir auch bei Ihnen nichts verzehrt! Na, da bringen S?e mal ein paar Pullen Sekt!" Es sei hier hinzugefügt, daß ein bekannter Domänenpächter aus der Proviilz Posen er­klärt hat, cs sei aus der Landwirtschaftlichen Woche in Hamburg, der er selbst beigewohnt habe, beschlossen wor­den, die Hansabunds-Mitglieder zu boykottieren.

DeEches Deich»

g. Monarchenbcgcgnungen. Ein englisches Matt ver­breitet die Nachricht, daß der Kaiser zum Besuch des belgi­schen Hofes Ende Oktober aus einem Kriegsschiff Antwerpen anlausen und sich von dort nach Brüssel begeben werde. Wie dieInf." erfährt, steht bis jetzt fest, daß das Kaiserpaar in der zweiten Hälfte des Oktober zum Besuch des Königs Albert und seiner Gemahlin in Belgien einzutrcff-n gedenkt. Nähere Dispositionen sind noch nicht getroffen worden, über eine Begegnung des Kaisers mit dein Zaren war verbreitet worden, daß der Monarch als Gast des Zaren zu den Jagden in Stiernewice Ende Oktober eintresfen

wünschen umdrängen, die ihr Lob singen und ihre Kunst preisen. Sie gedentt vielleicht llicht so der endlichen Freu­den als der unendlichen Leiden, die ihr die Dichtcrgabe gebracht, der dunkle Drang nach Schönheit, nach Formen nnd Gestalten des Lebens, der ihr in die Wiege gelegt war. Was ist ihr, der Kämpferin, der Ruhm?Berühmt möchte ich sein", sagst du und weißt nicht, was du redest", spricht sie in einem ihrer letzten Bücher der Weisheit.Berühmt sein, heißt, mit nackten Füßen über ausgestrcute Glasscherben dahinschrciten." Wie schwer hat's der Künstlerin gerade ihre aristokratische Abkunft, die hohe Stellung, die sie ohne !,r Zutun in der Gesellschaft einnahm, gemacht, sich zu dem eigentlichen Berus und Inhalt ihres Seins durchzuringen. Und was für verführerische Irrlichter lockten zum raschen Aufstieg: das große Drama nach Schillers und Grillparzers Vorbild, der stolze Atem der Geschichte, das hohe Pathos des Verses! Wie berauschend war es für die schlichte Marie Ebner, sich in ihre Heldinnen, zwei historische Marien, die unglückliche Schottenkönigin und Madame Roland, zu versenken und ihre großen Schicksale zu durchleben! Aber es war nur eine Kette von Enttäuschungen, die sich lastend um die Reihe ihrer Dramen legte; ihr Leben schien ihr damalsein einziger unterdrückter Schrei"! Statt der ersehnten Lorbecrzweige ward ihr ein dorniger Kranz von Agaven zuteil, den Stachelblumen, die sie später noch, sstck, Ruhmes Höhe, zum. Symbol für ihr letztes künstlerisches Bekenntnis, ihren Renaissance - Roman Agave", verwendete. An ihren Freund Eduard Devricnt, der mit ihr so fest an ihre dramatische Begabung geglaubt hatte, schrieb sie mit 45 Jahren:Mein Talent hat nicht gehalten, was Sie und ich uns einst davon versprachen; u« Ungunst der Verhältnisse war größer als meine Fähig- f c, sie zu überwinden. Es ist eine schmale Ernte, die ich zctzt so ziemlich am Ende meiner Laufbahn angelangt einheimse..."

, . -iber dieseschmale Ernte", die sie als kärgliche Frucht chre^ heißen dichterischen Bemühens traurig-resigniert dem ^.rnck überantwortete, sie war erst der herrliche Beginn ihrer