Wiesbadener Tagblatt
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Rr. 423. Wiesbaden. Sonntag, 11. September 1D1V. _ 58, Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
1. Matt._
Das EnIeigmmZsgejrh.
Die Darstellung der „Köln. Volkszcitung", wonach der Kaiser eine ihm in Posen entgegengebrachte Anregung zur Durchführung des Enteignungsgesetzes zurückgewiesen haben soll, wird in verschiedenen Formen dementiert, aber diese Bestreitungen bedürfen nun ihrerseits wieder der Aufklärung. Einstweilen sind sie nämlich nicht gut miteinander vereinbar. Nach der „Köln. Volkszeitung" sollte der Präsident der Ansiedlungskommission versucht haben, dem Kaiser die Not- wendigkeit, mit diesem Gesetz Ernst zu machen, auseinanderzusetzen. Nach einem Breslauer Blatte soll die Geschichte frei erfunden sein, nach Mitteilungen aus Posen dagegen soll der Präsident der Ansiedlungskommission in der Tat in der Lage gewesen sein, dem Kaiser, sogar in einem etwa einstündigen Vortrage, das Bedürfnis der Durchführung jenes Gesetzes zu entwickeln, und bestritten wird in dieser neuesten Darstellung nur das, worauf die „Köln. Volkszeitung" das Hauptgewicht gelegt hat: bestritten wird also die Behauptung, düst der Kaiser diese Erörterungen schnell abgebrochen habe. Man sieht, dast die Versicheruttßcn, es handle sich um eine freie Erfindung des klerikalen Blattes, und die Angaben aus Posen keinen Zusammenklang ergeben wollen. Ta die „Köln. Volkszeitung" wie die Posener Berichtigung in einem wichtigen Punkte dasselbe aussagen, nämlich daß der Geheimrat und Präsident Gramsch zum Kaiser über das Enteignungsgesetz sprechen durfte und konnte, so wird man sich schließlich trotz des Breslauer Dementis au diese Feststellung halten dürfen, und es käme alsdann nur noch in Frage, ob der Kaiser den Vortrag des Herrn Gramsch aufmerksam angehört hat oder ihn, wie das rheinische Blatt berichtet, nicht hat anhören wollen. So wichtig es selbstverständlich wäre, zu erfahren, wie sich der Kaiser zu den Ausführungen des Ansied'lungspräsidenten verhalten hat, so dünkt es uns aber nicht weniger wichtig, der Frage nachzugehen, wie Herr Gramsch dazu gekommen ist, sich in dieser Weise an den Kaiser zu wenden. Wir haben den verstimmenden Eindruck, daß der Präsident hiermit über den Rahmen seiner Befugnisse lveit hinausgegangen ist. Es ist nicht seine Sache, sondern die des verantwortlichen S t a a t s m i n i st e r i u m s . eine Entscheidung darüber zu treffen oder dürch einen Vortrag beim Monarchen herbeizuführen, ob das Enteignungsgesetz ausgeführt werden soll. Wenn Herr Gramsch es fertig
FemUeton.
(Nachdruck verboten.)
vox!
Eine Hnnbetragödic von Hermann Wenzel.
„Nur keinen Box!" sagte Frau Anna, „diese Viecher sehen ja geradezu scheußlich aus."
Na ja, das Aussehen, der vorgeschobene Unterkiefer, die kurze, gedrungene, wenig elegante Gestalt — das sind alles Eigenschaften, die wenig geeignet jind, diese Spezies unserer treuesten Hausfreunde besonders als Schoßhündchen zu qualifizieren. Jeder Dackel, Foxterrier oder Pinscher erregte Annas Entzücken. Nur der brave Box erregte ihr Entsetzen, und beileibe hätte sic ein solches Vieh nicht angerührt. Frau Anna hatte sich schon immer einen hübschen Hausfreund gewünscht — einen vierbeinigen nämlich —, denn Männe, — in diesem Fall der zweibeinige Männe —, ihr gestrenger Herr Gemahl, mußte sein Frauchen viel allein lassen, und ihre Ehe war kinderlos. Karl reiste viel für sein Geschäft, und da war Frau Anna oft tage- und nächtelang ohne Schutz. Und — gräßlich — seit drei Wochen wohnten sie gar zu ebener Erde. Er hatte beim diesmaligen Wohnungswechsel eine hübsche Villa entdeckt und darin ein paar Zimmer mit allem Zubehör und Komfort gefunden, so daß Frau Anna schon zufrieden sein konnte. Von der geräuschvollen Hauptstraße im Herzen des Geschäftsviertels der Großstadt waren sie in die stille Vorstadt gezogen. Ein einstöckiges Landhaus, mit der Aussicht ins Grüne, in den herrlichen Park, der jetzt in aller Pracht des Frühsommers prangte. Frau Anna hatte, als sie ihr neues Heim das erste Mal besichtigte, fast gar nichts auszusetzen . gehabt. Hier hatte sie keine trampelnden Hausgenossen über sich, „die mit Stiefeln an den Füßen schlafen zu gehen schienen''. Tenn in der vorigen Wohnung hatten sie -über sich eine Partei, die. wie Frau Anna oft entrüstet klagte, zu
brächte, den Kaiser unmittelbar und mit ü b e r - gehungder verfassungsmäßig verantwortlichen Instanzen zu einer Willenskundgebung in der Richtung zu bringen, daß das Gesetz aus der Rüstkammer der Möglichkeiten, wo es nun schon jahrelang ruht, herausgeholt und durchgeführt werden könnte, und wenn der Kaiser mit solcher Willensmeinung wohlerwogenen Ansichlen und Absichten namentlich des Herrn v. Bethmann-Hollweg durchkreuzen würde, so hätten wir einen Zustand, der sich von den zu fordernden Bedingungen eines strengen Konstitut i o n a l i s m u s wieder einnral bedauerlich West entfernen würde. Man weiß doch, daß Herr v. Bcth- mann-Hollweg die triftigsten Bedenken hat, das Enteignungsgesetz zu handhaben. Man weiß, daß der frühere Landwrrtschaftsminister v. Arnim, weil er anderer Meinung war, in einen Konflikt mit den: Reichskanzler und Ministerpräsidenten geriet und daß er in diesem Konflikt unterlag; er mußte gehen. Es kann nicht die Sache des Ansiedlungspräsidenten sein, aus rein ressortmäßigen Erwägungen heraus den Anstoß zu einer Maßregel zu geben, die mit dem Organismus unserer gesamten inneren wie äußeren Politik in unheilvollen Geqensatz ckretcn könnte und von der gerade deshalb das Staatsministerium bisher Abstand genommen hat.
Augenscheinlich liegt cs nicht in der Richtung der Bethmannschen Politik, die Polcnfrage gegenwärtig in schroffer und herausfordernder Weise 51 t behandeln. Zwar merkt man nichts von cinein Ein lenken in dem Sinne, wie die Polen und das Zentrum es wünschen, auch nichts von einer Umkehr, wie sie uns allen, die wir im Hakatismus ein Verderben sehen, notwendig und zuletzt doch einmal unvermeidlich erscheint, aber inan kann zugeben, daß die Regierung jedenfalls nicht Öl ins Feuer gießen niöchte. Gerade weil sic daZ nicht will, hat sie das Enteignungsgesetz bis zur Stunde nur als eine Drohung behandelt, von der sie ja glaubt, es könne die Kampfeslust der Polen bereits hinreichend dämpfen, wenn sie unter ein Damoklesschwert gestellt worden sind. Wie kommt . nun Herr Gramsch dazu, so fragen wir noch einmal, sich über den Kopf des Staatsministeriums hinweg in einer so bedeutsamen Frage an ^en Kaiser und König zu wenden? Das einzige Dementi, das wir erwarten und fordern müssen, ist nicht das, aus dem etwa folgte, daß der Kaiser den Vortrag des Ansiedlungspräsidenten wohlwollend cntgegengenommen hat, sondern jenes andere, das uns sagt, Herr Gramsch habe einen solchen Vortrag überhaupt nicht gehalten. Hoffentlich kommt diese Bestreitung noch; sie ist notwendig im Interesse der Einheitlichkeit der Staatsleitung.
jeder Tages- und Nachtstunde in Stiefeln irmherstapste. Ein Klavier hatten sie auch noch, und die Partei unten auch, und in jeder Familie waren halbwüchsige Töchter, die den ansgeschlagenen Tag von früh bis spät an der Drahtkommode saßen uiid sich bei jedem Takt dreimal verspielten. Und wenn nun oben oder unten gar mal ein Geburtstag oder eine andere Festlichkeit war — und das kam sehr oft vor —, dann ging das Geklimper sogar noch über die kontraktliche Polizeistunde hinaus weiter, und Frau Anna, die ein bißchen nervös war — welche kleine Frau ist nicht nervös? —. konnte die ganze Nacht vor Ärger kein Auge mehr schließen und stand dann an: frühen Morgen verdrießlich und „wie gerädert" auf.
Karl hatte einen gesunden Schlaf. Wenn er von seiner Reise kam und die Klagen seiner Gattin mkt vielen Worten des Bedauerns und der Entrüstung über die rücksichtslose Nachbarschaft quittiert hatte, dann legte er sich aufs Ohr und schlief wie ein Murmeltier. Frau Anna konnte aus Ärger darüber wieder die ganze Nacht kein Auge zumachen. Solch verständnisloser Mann! Aber freilich, die Männer haben ja keine Nerven! Aber Karl hatte doch sein kleines Frauchen herzlich lieb, und ihr zuliebe kündigte er die in geschäsl- licher Beziehung für ihn sehr bequeme Wohnung. Er hatte sich fest vorgcnommen, ein ruhiges Nestchen für Frau Anna zu suchen. Und nach vieler Mühe hatte er es gefunden. Sie war entzückt über alles, — bis auf das eine, daß die Wohnung parterre lag. ,
„Wenn nun aber mal einer bei uns einsteigt? meinte sie ängstlich. „Denn du bist doch immer gerade dann nicht da, wenn etwas Unangenehmes passiert.
„Aber. Kind", lachte er, „dn tust ja gerade, cus wohntest du ganz allein! Es sind doch Nachbarn da.
„Abm des Nachts?"
„Ich kaufe dir einen Revolver", scherzte Karl. _
„Nein, nein, damit richte ich vielleicht in merner Angst ein Malheur an."
«Na. na, du wirst doch nickt!"
Deutsches Reich.
* Der Kaiser und die Kriegervercinc. Auf ein Huk- digungstelegramm «der 11. Vertreterversammlung des Kyff- häuser-Bundes der deutschen Landes-Kriegerverbände au den Kaiser ist von diesem die folgende Antwort eingetroffen: „Ich spreche dem Vertretertag des Kyffhäuser- Bundcs für die freundliche Begrüßung meinen wärmsten Dank aus. Der hervorragenden Verdienste des verewigten ersten Vorsitzenden, Generals der Infanterie v. Spitz, um die Entwicklung des deutschen Kriegervereinswesens gern gedenkend, vertraue ich, daß der Kyffhäuser-Bund mit den in ihnr vereinten deutschen Landes-Kricgerverbänden und Kriegervereinigungen cs auch ferner als seine vornehmste Ausgabe ansehen wird, unter seinen Mitgliedern neben der Kameradschaft die unerschütterliche Treue zu Kaiser und Reich zu pflegen zum Heile des deuffchen Vaterlandes. Wilhelm, K~"
* Gegen die Zulassung der fakultativen Feuerbestattung in Preußen wendet sich die „Kreuzzeitung" in ihrer Freitag- Abendnummer. Sie spricht die Hoffnung aus, daß sich die Rachricht von der beabsichtigten Vorlage eines Gesetzentwurfs, der die Feuerbestattung in Preußen zuläßt, nicht bewahrheiten werde; der letzte Beschluß des Abgeordnetenhauses, der sich für die fakultative Leichenverbrennung aussprach, sei lediglich einer Zufallsmehrheit zuzuschreibcn. — Während sich die evangelische Kirche bereits bekehrt und ihren Widerstand aufgegebcn hat, bleibt die „Kreuzztg." ans dem starren Ublehnungsstandpunkt stehen. Die Generalsynode hat die Feuerbestattung für vereinbar mit dem christlichen Bekenntnis erklärt. Wir hoffen deshalb, daß die angekündigte Vorlage trotz dem Widerspruch der übcr- orthodoxen kommen wird.
* Der Vorwurf der Steuerhinterziehung gegm den Abgeordneten Frhrn. v. Richthofen, der bekanntlich von dem früheren Wirtschaftsinspektor des Freiherrn gegen ihn erhoben wurde, sich aber bald als völlig aus der Luft gegriffen erwies, wird nun ein gerichtliches Nachspiel haben. Jener Wirtschaftsinspektor namens Kasten richtete an den Gutsbesitzer Göpel, auf dessen Veranlassung der Kreistag in Liegnitz dem Frhrn. v. Richthofen ein Vertrauensvotum ausstellte, ein Schreiben, in welchem er dagegen protestierte, daß vor Abschluß des Verfahrens eine Behörde, wie der Kreistag, Stellung zur Sache nehme. Wendungen dieses Briefes, die Herrn v. Richthofen betrafen, haben diesen nun veranlaßt, Strafantrag wegen Beleidigung gegen Kasten zu stellen.
LO. Keine leitenden Stellen für weibliches Lehrpersonal. Wie wir erfahren, hat aus eine Eingabe des preußischen Lehrcrinnenverbandes der Kultusminister setzt die ausdrückliche Erklärung erlassen, daß die von ihm erlassenen Vorschriften über Anstellung und Di-nsteinlommcn von Leitern öffentlicher (nicht privater) Schulen mit sechs oder mehr aufsteigenden Klassen lediglich männlrche
was war nicht aufrichtig von Frau Anna, — sie hatte nämlich schon einen Revolver, seit vorgestern; 7 Mark 50 Pfennig hatte er gekostet, die sie sich von ihrem Wirtschaftsgeld abgeknapst hatte. „Für alle Fälle", hatte sie sich gesagt. In der alten Wohnung waren ein paar Mal sehr zudnnglrche Bettler gewesen. Und sie war doch immer allein, denn die Aufwartefrau — ein Mädchen hatten sie nicht — kam nur vormittags und ein paar Stunden am Nachmittag,
Nun dann werde ich dir erneu Hund mitbrmgen'. schlug Karl vor. Ta hatte er Frau Anna an ihrer
schwachen Seite gefaßt .
' Ach ja, einen Hund", juMie ste, „ctnen recht hübschen, so ein Tackelchen oder einen Terrier oder ein Pinscherchen, ganz egal, ivenn er nur niedlich ist. Aber bringe nicht etwa einen Box, urn Gotteswillen nur keinen Box!"
„Aber Kind", stritt er, „ich mernte gerade, daß du dir "als Schutz keinen vortrefflicheren Hund wünschen könntest: ein Box ist kräftig und sehr treu."
„Nein, nein, ich fürchte mich davor; bringe mir um Himmelswillen nur kein solch scheußliches Vieh mit nach Hause! Warum denn keinen Dackel?" (Für Tacke' schwärmte Frau Anna ganz besonders.)
„Ten du erst wecken mutzt, wenn dir etwas zustößt", scherzte er.
„Nun, dann einen anderen", sch'.nollte Frau Anna, „aber nicht wahr, recht niedlich muß er sein?"
„Ich bringe dir vor allen Dingen einen treuen und wachsamen Beschützer mit", wich er aus, „dir wirst schon mit ihm zufrieden sein."
Eines Abends kam er nach Hause und brachte wirklich einen Hund mit. Frau Anna erwartete ihren Galten; sie hörte ihn die Korridortür aüfschließen. „Komm schön her!" hörte sie ihn draußen sagen und mit der Zunge schnalzen. Ihr Herz klopfte voll Erwartung und Entzücken. Sie blieb auf ihrem Platz vor dem gedeckten Tisch, aus dem das leckere Abendbrot schon bereit stand, sitzen. Sie wollte die Freude voll auskosteu.
