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Nr. 4SI.
Wiesbaden, Samstag, IO. September 1910.
38. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
l. Matt.
Nachlaßsteuer und Finanzlage.
Tie Konservativen und das Zentrum betreiben immer noch den unnützen Sport, offene Türen einzurennen. indem sie drohend und feierlich erklären, die vermeintliche Absicht einer Wiedereinbringung der erweiterten Erbschaftssteuer wäre eine beleidigende Herausforderung der Neichstagsmehrheit, wäre die Aufrichtung eines kaudinischen Jochs. Aber die Absicht besteht ja gar nicht, und so weiß man gar nicht, wozu der Lärm dienen soll. Die Leute vom schwarz-blauen Block sehen Gespenster. Sie bilden sich ein, dem Reichskanzler sei von liberaler Seite der Gedanke nahegelegt worden, die allgemeine tiefgehende Volkserregung über die Reichsfinanzreform vom Somnrer 1909 dadurch zu beschwichtigen, daß die schwere politische wie moralische Verfehlung der damaligen Mehrheit durch eine große Tat, eben durch nachträgliche Erzwingung der Nachlaßsteuer, gesühnt werde. Die schwarz-blaue Gesellschaft möge den oder die liberalen Politiker nennen, die Herrn v. Bethmann-Hollweg solches angeraten haben. Sie werden aber keine Namen nennen können. Angenommen jedoch, daß derartige Anregungen wirklich erfolgt seien, wie kann man Wohl Vom Herrn v. Bethmann-Hollweg erwarten, daß er sich mit ihnen auch nur für einen Augenblick befreundet haben möchte? Ter Reichskanzler weiß so gut wie jeder andere auch, daß er den Konservativen und dem Zentrum die Bewilligung der Nachlaßsteuer nicht zu- niuten kann, nachdem sich beide Parteien in so verblendeter Weise festgclegt haben, daß er ihnen wenigstens nicht in der gegenwärtigen Legislaturperiode diese Zumutung stellen kann, ohne ihre heftigste Feindschaft zu erregen. Was in der nächsten Legislaturperiode kommen kann, vielmehr unweigerlich kommen muß, das freilich ist eine Frage sür sich. Theoretisch denkbar wäre es ja, wenn die Reichsleitunq die Reichserb- schaftssteucr zum Anlaß eines nützlichen Bruchs mit dem schwarz-blauen Block nehmen und die Ablehnung ihrer Vorlage als willkommene Wahlparole nach vorangegangenec Auflösung des Reichstags verwenden wollte. Aber noch einmal: Traut jemand Herrn von Bethmann-Holliveg eine solche Entschlußkraft zu? Man braucht nicht zu antworten, die Frage beant- wortet sich selber. Im übrigen steht es gar nicht so, daß eine etwaige Bewilligung der Nachlaßsteuer durch den schwarz-blauen Block die erwartete Beruhigung schaffen könnte. Ganz richtig bemerken sogar die konservativ-klerikalen Warner vor der Nachlaßsteuer, daß die anderen Steuern, wegen deren die Nation angeblich
so unzufrieden sei, doch bestehen blieben, daß also gar nichts geändert werden würde. Nun ist aber ein Moment bezeichnend: allen Erörterungen über die
Nachlaßsteuerfrage liegt die stillschweigende Über- zenguirg zugrunde, daß die vom schwarz-blauen Block bewilligten Steuern nicht ausreichen werden und daß schon jetzt Umschau nach neuen Steuern gehalten werden muß. Die. Kläglichkeit der vorjährigen sogenannten Reform» ihre zusammengestoppelte Stümperei und die Leichtfertigkeit ihrer Er- tragsberechnungen könnten wohl nicht besser oder vielmehr schlimmer bewiesen werden, als wenn in der Tat nun wieder die Fehlbetragswirtschaft beginnen müßte. Dagegen hätte eine erweiterte Reichserbschaftssteuer gleichsam unt Naturnotwendigkeit immer höhere Erträge nach Maßgabe des wachsenden Wohlstände? ergeben. Damit ist es nun einstweilen vorbei, aber dcch nur einstweilen.
Politische Übersicht.
Krmhminkrlrrerr.
Es ist traurig, aber wahr: Das Zarenpaar ist auf seiner Reise durch Hcssenland nach Friedberg, der schmucken Kreisstadt, !vo es Ruhe und Erholung suchen wollte, nach Kräwinkel geraten. Wie es heißt, wird der Zar, der sich in Friedberg möglichst zwanglos und inkognito zu bewegen hoffte, auf Schritt und Tritt vom Publikum verfolgt. Als er sich vor einigen Tagen bei einem Spaziergang im Grünen auf einer Bank niederließ, bildete sich sofort eine dichte Menschenmauer um ihn, so daß ihm jede Aussicht versperrt war. Wahrscheinlich ist seine Begleitung einfach machtlos gewesen gegen die Schar der andrängenden Gaffer. Man erlebt ja derartige Vorgänge auch in Berlin häufig genug. Macht dort z. B. ein Mitglieds des Kaiserlichen Hauses oder sonst eine hohe Fürstlichkeit seine Einkäufe, so wird von der anstürmenden Menge zunächst erst einmal die Ladentür verrammelt, und der hinzukommende Schutzmann, muß seine ganze Energie aufwenden, um den Menschenknäuel aufzulösen. Auch in Friedberg wird es an Schutzleuten nicht fehlen. Aber sie scheinen nicht genug ausrichten zu können. Wie es heißt, soll sich der Zar über die Aufdringlichkeit des Publikums beklagt und mit seiner Abreise gedroht haben. Das letztere klingt nicht sehr wahrscheinlich, aber zum ersteren liegt nach allem wahrhaftig genügend Grund vor. Denn das Verhalten dieser unserer Volksgenossen ist ebenso taktols wie unwürdig. Die Neugier ist durchaus im menschlichen Wesen begründet und darum auch verzeihlich, aber wenn sie sich so bekundvt wie in Friedberg, muß sie uns bei allen unseren Nachbaren lächerlich machen. Wir sind es uns selbst und unserer
Stellung in der Welt schuldig, daß wir uns als Volks» ganzes allmählich etwas mehr Form und Haltung cm* eignen.
Zrrm Magdeburger Parteitag.
Kein Zweifel, es wird in Magdeburg heiß her gehen, aber an der Beschaffenheit der sozialdemokratischen Partei wird sich nichts ändern; weder wird die Partei auseinanderfallen noch auch nur nennenswerte Abbröckelungen erleiden. Man kann das sagen, nicht bloß weil das Beispiel früherer Parteitage als bestimmend gelten kann, sondern auch weil es in der Vernunft dev Dinge liegt, daß die Sozialdemokratie ihren inneres und ihren äußeren Zusammenhang wahrt. Man kann; sogar die Frage aufwerfen, ob nicht das Spiel und Gegenspiel zwischen den Radikalen und den Reformisten (wie man jetzt in der Partei statt „Revisionisten" sagt), den Führern auf beiden Seiten als die zuträglichste Bedingung für Gedeihen und Wachstuni der Parier gilt. Beide Richtungen färben naturgemäß auf einander ab, der Revisionismus nützt den: Radikalismus, indem er ihn von sonst etwa möglichen Unbesonnen» heilen zurückhält, und ebenso wird der Revisionismus! oder Reformismus durch das Vorhandensein eines radikalen Flügels davor bewahrt, ans der Bahn dey Kompronüsse bis zu einer Grenze zu gehen, wo sich die Parteigrundsätze vielleicht verwischen könnten. Man; braucht kein abgekartetes Spiel anzunchmen, bei dem, sich die beiden Richtungen wie Augurn anlächeln, wäh-> rend sie verlangen oder voraussetzen, däß die Zuschauer; sie ernster nehmen, als sie selber genommen werden wollen; man kann vielmehr ruhig zugeben» daß dev Tatbestand aus den vorhandenen und der kritischen Prüfung offen vorliegenden Voraussetzungen folgt. In Magdeburg werden die Radikalen vermutlich wieder, eine scharf gefaßte Resolution durchsetzen, aber die süddeutschen Genossen werden sich nicht mundtot machen lassen, und sie werden Wohl wiederum eine Gegenresolution formulieren, wie das in Nürnberg geschehen war, die Radikalen aber werden es leiden müssen. Aus-, geschlossen können die Reformisten doch nicht werden« höchstens könnten sie sich selber ausschließen und eins, süddeutsche Gruppe bilden, aber da man von der Sozial-, demokratie wirklich nicht sagen kann, daß sie taktische; Dummheiten macht, so bleiben beide Möglichkeiten schließlich nur in der Theorie stecken, und die Wirklich-, keil wird weder das eine noch das andere bringen« Braucht man nach alledem nicht auf das praktischeErgcb- nis des Parteitages neugierig zu sein (da dies Ergebnis des Parteitags eben die F o r t d a u er der Einheit der Partei trotz aller Zwistigkeiten bleiben wird)« so wird freilich ein mäßig starkesJnteresse an den wahrscheinlich äußerst gepfefferten Liebenswürdigkeiten haften dürfen, mit denen sich die Genossen gegenseitig bedenken werden. Wenn die Reformisten in Magde-
FcmÄetmr.
Parfüms.
Von Di. Friedrich Spree».
„Guck in die Schränkchen nur hinein.
Weiß Gott, was du da schaust!
Du glaubst, beim Apotheker zu sein.
Vor den Flaschen und Fläschchen dir graust.
Mach sie nicht etwa alle auf!
Du wirst betäubt und krank vom Duft.
Denn wo die Frau nach Schönheit sucht.
Ist Teufelswerk, verlaß dich drauf!"
Der schaudernde Blick, den hier der alte französische Dichier Martin Lefranc in seinem „Champion des Dames* in ein Toilettenzimmer wirft, wird auch heute noch von der Männerwelt verstanden werden, wenn sie auch nicht gleich in den Flaschen und Büchsen ausströmendes Gift und sündhaftes Zauberwescn wittert, wie der biedere apostolische Protonotar des 15. Jahrhunderts. Einem vollbesetzten Apothekerladen oder noch besser dem mit geheimnisvollen Phiolen erfüllten Laboratorium eines Alchimisten gleicht der Ankleidcraum einer modernen Dame, in dem undefinierbare Wohlgerüche eine magische Atmosphäre verbreiten und die Heere feingcschlifsener Flacons, die Büchsen, Töpfchen, Necessaires und Etuis rätselhaft-verlockend in den hohen Spiegeln blitzen und schimmern. Jetzt mit dem Beginn der Saison ist auch wieder die Zeit da, wo die Frau von Welt in dieser ihrer Werkstatt die mühseligen Vorbereitungen zu ihren Triuniphcn in der Gesellschaft trifft. Nun ist auch in den engen Flaschen die Fülle des Wohlgeruchs eingefangen, die die Blumenfelder des Sommers ausströmten Grund genug also, um uns ein wenig mit einem der wichtigsten Schönheitsmittel der Frau, dem Parfüm, und seiner Geschichte zu beschäftigen.
Wohlgerüchc sind seit den ältesten Zeiten im Orient heimisch gewesen. In Arabien war, wie schon Hcrodst erzählt, die Vorliebe sür keines Räucherwerk und starke Düfte
allgemein verbreitet. Auch in der Bibel begegnet man dieser Sympathie sür Wohlgerüche; das „hohe Lied" ist ganz durchduftet von den Narden und Myrrhen, mit denen die des Geliebteir harrende Braut „geschmückt" ist. In dem Buch Esther wird berichtet, daß die für den Harem des Königs bestimmten Schönen ein ganzes Jahr lang mit Wohlgerüchen balsamiert wurden, sechs Monate mit Myrrhen und Balsam und sechs Monate mit „guten Spezereien". In Griechenland spielten schön duftende Salben und Essenzen ebenfalls beim Schmuck der Frau eine große Rolle; aber ein wohltuendes Maß ward in der Verwendung solcher Kosmetika anbefohlen, und übertriebener Luxus mit Parfüms trat erst in der römischen Kaiserzeit auf. Plinius schilt auf die Römerinnen, die so stark dufteten, daß die Anwesenheit einer Frau sich aus den den; Haar und den Kleidern entströmenden Parsümwolken der Nase viel deutlicher und stärker bemerkbar machte als den Augen. Besonders töricht findet er diesen teuer bezahlten Luxus, der sich so leicht verflüchtige und zudem anderen viel mehr Annehmlichkeit und Freude bereite als dem, der ihn an sich trägt. Kostbare Parfüms waren die Sehnsucht jeder eleganten Frau. Marttal überlegt sich in einem seiner Epigramme, ob er seiner Phyllis lieber als praktisches Geschenk „zehn Gelbe aus des Kaisers Münze" (210 M.) oder 1 Pfund l— 20 Lot) Parfüm aus den Läden der damals berühmtesten Essenzenhändler Cosmus und Niceros überreichen sollte. Daß die Wohlgerüche im alten Rom wirklich etwas kosteten, das geht aus den Riesenpreiscn hervor, die für duftende Ole und Säfte gezahlt wurden; so kostete ein Pfund Malaüathrumöl 400 Denar (348 M.), ein Pfund Zimtsaft 1500 Denar (1305 Mark). Zimt und Balsam waren die Lieblingsparsüms der Männer, die davon nicht selten einen übermäßigen Gebrauch machten. Des Domitian Günstling Crispinns duftete am Morgen, nach Juvcnal, „stärker als zwei Leichenbegängnisse." Bei Begräbnissen, bei denen schon in Ägypten der Balsam - eine so große Rolle gespielt hatte, wurde nämlich m der Zeit der Cäsaren die größte Verschwendung mit Parfüms getrieben. Nach der Berechnung FriodläUders in seiner „Sittengeschichte Roms" verbrauchte man bei einer vor»
aus den Scheiterhaufen bei Verbrennung oder auf die Leiche geschüttet wurden. Bei dem Begräbnis der Poppäa ließ Nero mehr Wohlgerüche verbrennen, „als Arabien in einem Jahre erzeugt", und bei der Bestattung der Annia Pris- cilla, der Frau eines Sekretärs von Domitian, ..erfüllten die Ernten Arabiens und Ciliciens, der Sabäer und Inder, sowie Safran und Myrrhen und der Balsam von Jericho mit ihren Düsten die Lust."
Doch diese Üppigkeit des römischen Weltreiches war ttut eine gelegentliche und blieb den höchsten und reichsten Kreisen Vorbehalten. In dem Heimatlande des Wohlgeruchs, in Arabien, erfüllte der Kult kräftiger Parfüms das ganze Volksleben und ward in der Blütezeit der Kalifen zu einem Höhepunkt gesteigert, der in europäischen Ländern nie erreicht worden ist. Hatte doch der Prophet durch sein Beispiel gezeigt, daß außer Frauen Wohlgerüche den stärksten Reiz aus dieSinne desMannes ausübten, und so besprengten sich auch die strengen Muftis und Koran-Gelehrten ihre Gewänder auf das reichlichste mit duftenden Essenzen Aus der Tafel durste schwüles Räucherwerk nicht fehlen- man beugte den Körper vor und nach dem Essen über die schwelenden Pfannen, aus denen die betäubenden Duftwolken aufstiegen. Die Kleider wurden direkt in Wohlaeruch ge-> rauchcrt den Gemächern reicher Araber standen stets ?roße Gefäße mit Moschus oder Kampfer, mit Ambra oder Zloet; Aloeholz wurde verbrannt oder persisches Rosenwasscr gesprengt. Mrt der niaurischen Kultur kam diese Parfüm- Mame zuerst nach Spanien und gewann hier zunächst aus europäischem Boden einige Geltung. Noch mehr trügen dis dazu bei, orientalische Wohlgerüche in die höfische Gesellschaft des Mittelalters einzuführen.
- Allzu ausgedehnt war der Gebrauch noch nicht, den die Rrttcr und ihre Damen von Wohlgerüchen machten. Bei Festen kamen allerdings hie und da „alle Wunder des Orients" zur Anwendung, Roftn- und Veilchenwasscr. Ambra, Kampfer, Cardamuni. Zimt, Nelken »sw. Vor- nehme Frauen trugen Wohl auch etwas Parfüm in Täschchen am Gürtel. Die Wandteppiche wurden parfümiert, vor
