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Verlag Langgasse 21.

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Wiesbaden, Freitag, D. September LSI«.

88. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

__l. Matt.

KmlservntLuer MLnerlKrieg.

Herr v. Bodmaiiu, der badische Minister des Innern, hat es mit den Konservativen nicht bloß in Baden, son­dern erst recht mit den preußischen Konservativen gründlich verdorben durch seine vielberufcne Äußerung in der Ersten Kannner über die Sozialdemokratie als einegroßartige Arbeiierbewegunq zur Befreiung des vierten Standes". Wenn jetzt die badischen Konzerva- trven eure scharfe Resolution gegen den Minister be­schlossen, wenn sie von einer Verwüstung des monarchi­schen Gewissens unseres Volkes sprechen, so hat man in diesem Vorstoß nicht bloß eine Aktion der an Zahl l,nd Bedeutung ja nicht sonderlich ins Gewicht fallen­den konservativen Partei des Großherzogtums Baden , 51 t erblicken, sondern die Versammlung voni letzten lLonntag hat ersichtlich nur als Werkzeug gehandelt, und hinter ihr stehen stärkere und ernster zu nehmende Gewalten. Wir erinnern daran, daß dieKrcuz- zeitung" schon am 25. August einen überaus heftigen Artikel gegen Herrn v. Bodmann veröffentlichte. In diesem Artikel heißt es u. a.:Wie ein schwerer Alp liegt^cs ans den Gemütern besonnener Patrioten, die es mit Fürst und Volk redlich meinen. Schwer drückt sie daS Bewußtsein, daß in Baden etwas geschehen ist, was man trotz allem Vorangegangmen doch für zu unge­heuerlich hielt, als daß es je geschehen könnte . Tie am 13. \U'ft frou 5cm Sicht ifter be§ Innern toon

5801)0101111 in der ersten badischen Kammer abgegebene Erklärung, daß die Lozialdeinokratie eine großartige Arbeiterbewegung zur Befreiung des vierten Standes sei lastet auf dem Lande wie ein erstickendergiftiger Acbel und wird verheerende Wirkungen erzeugen."

Das ist eine Sprache, deren Bösartigkeit nicht ciu- mal durch die Resolution der Karlsruher Versammlung vom vorigen Sonntag übertroffen werden kann ' Tas ist eme denunziatorische Sprache: ein Uiitermiihlunqs- kainpf soll begonnen werden, und man sieht deutlich ge­nug, worauf das Ganze hinaus soll. Tie Konservät?- von wollen den Großherzog von Baden scharf machen gegen sein eigenes Ministerium, der schwarzblaue Block soll auch in Baden ans Ruder kommen, dem Zentrum sollen soicdcr einmal Schleppträgerdicnste geleistet werden. TieKreuzzeitung" sagt ausdrücklich, daß die Konservativen nicht allein stehen werdenim Kampfe um die höchsten Güter des Volkslebens. Sie werden in diesem Kampfe nicht allein stehen. Nicht

nur die festgeschlossene Zentrumspartei wird in der gleichen Richtung wie sie marschieren, sondern es wer­den auch viele Patrioten, die der konservativen Partei sticht nngehören, sich doch darüber klar werden, daß sie in diesem Kampfe unr^die höchsten Guter nicht zögern dürfen sich auf die Seite derer zu stellen, die der herandrängenden Flut der Umsturzbewegung einen festen Damm entgegensetzen."

Merkt man, wohin die Hetze gegen Herrn v. Bod­mann und die badische Regierung am letzten Ende zielt? Gegen die Liberalen in Baden geht der Feldzug, eine der süddeutschen Burgen, gegen die sich der wilde Zorn der Schwarzblauen bisher vergeblich gerichtet hat, soll erstürmt und verwüstet werden. Aber das Unternehmen wird mit Mitteln versucht, die nur für die W u t der Angreifer und nicht für ihre K l u g heit sprechen. Tas leitende konservative Blatt scheut sich nicht, folgen­den Satz niederzuschreiben:Wie der Führer der badi­schen nationalliberalen Fraktion vor kurzem kundgab» ist es ihr ernstliches Bestreben, die G r o ß b l o ck - i d c e für das ganze Reich zur Durchführung zu bringen. Welchem besonnenen Politiker muß nicht unter diesen Verhältnissen der Gedanke sich aufdrängLg, daß es allerhöchste Zeit sei, dem liberalen Wahnwitz nnt aller Schärfe entgegenzulrelen?"

. Wir wollen uns das Wort vomliberalen Wahn­witz" merken, Tie Kluft, die sich zwischen rechts und links auftut, kann nicht besser als durch solche be­sinnungslosen Ausbrüche des Hass es deutlich gemacht werden. _ Und' da gibt es immer noch wohlmeinende Leute, die uns vonSammlung" reden, die uns zu­muten. gemeinsame Sache mit einer Partei zu machen, ans die wirklich das einstmals für die Bourbonen ge­brauchte Wort paßt, daß sie nichts gelernt und nichts vergessen haben. Tie konservativen Anstrengungen zur Entwurzelung der badischen Regierung werden freilich vergeblich bleiben. Dessen mindestens darf man gewiß sein, daß Gesinnungen und Forderungen, wie sie die Kienzzcitung" in ihrem Artikel vom 25. August auS- sprach, in Baden höchstens von dem Häuflein der dorti­gen Konservativen verstanden und gebilligt werden können, aber nicht einmal von den badischen Klerikalen, die sich solche Hilfe selbstverständlich gern gefallen lassen mögen, nur daß sie sich hüten werden, ihre konservativen Helfer öffentlich so zu titulieren, wie sie sie im stillen ge­wiß benennen und bewerten. Eines freilich dünkt uns nötig, nämlich, daß sich die badische Negierung solche Ungezogenheiten (man kann es kaum anders nennen), wie sie sich die preußischen Konservativen und auf deren Geheiß die badischen Konservativen geleistet haben nicht stillschweigend gefallen lasseii darf. Auf einen Klotz sollte doch ein uni so größerer Keil gehören.

Dir Urreinigrerr Staate» und der Uanamakarml.

Ein diplomatischer Mitarbeiter schreibt uns: Die neu. lichen Äußerungen Theodor Roosevelts über die Befestigung des Panamakanals haben allenthalben großes Aufsehen er­regt. Dieses war insofern berechtigt, als die Worte des Er- präsidenten, obwohl sie ja nur eine persönliche Kundgebung Roosevelts darstellten, ohne Zweifel doch die Meinung der überwiegenden Mehrheit des amerikanischen Volkes aus- sprachen. Andererseits braucht man sich, wenn man Re Geschichte des Panamakanals einigermaßen kennt, über deren Inhalt keineswegs stark zu verwundern, denn die von Rooscvelt geäußerten Gedanken sind nichts anderes als die logische Konsequenz des Verhaltens, das die Vereinigten Staaten bisher in dieser Frage beobachtet haben. 'Die Revolution von Columbien, die von der Union aus genährt wurde, die Unabhängigmachung der Republik Panama und endlich die Land- und Rechtserwerbungen am Kanal waren doch nur Schritte aus dem Wege zu dem Ziel, das Roosevelt in seiner Rede gekennzeichnet hat. Vom Stand­punkt der im heutigen Sinne erweiterten Monroedoktrin aus läßt sich dagegen natürlich nichts einwenden. Eine andere Frage freilich ist die, wie sich die internationale Diplomatie zu der Rooscveltschen Ansicht stellt. Die schon im Jahre 1850 stipulierte Neutralität des Panamakanals ist auch in dein Vertrag von 1901 anerkannt worden mit der Einschränkung, daß den Vereinigten Staaten ein Polizei- recht eingeräumt wurde. Seither hat sich die Situation insofern verändert, als die Union inzwischen die Ufer des Kanals erworben und sich das Recht gesichert hat, dort Befestigungen zu errichten. Durch diese Tatsache glauben die Amerikaner die Bestimmungen des erwähnten Ver­trages von 1901 hinfällig gemacht zu haben. Sie stehen indes mit ihrer Ansicht ziemlich vereinzelt da, indem man außerhalb der Union der Meinung ist, daß jener Vertrag mit dem in ihm festgelegten Prinzip der Neutralität des Panamakanals auch heute noch in Kraft steht. Obwohl cs sich im Augenblick, wie bereits erwähnt, vorläufig nur um eine persönliche Äußerung Roosevelts handelt, so'wird man doch gut tun, für allfällige kommende Ereignisse von weittragender Bedeutung den gekennzeichneten Gegensatz im Auge zu behalten.

Gin AdUFeiv öder' den Ade!.

Oberstleutnant v. Sonnenseld m Weimar eröffne! die Nummer 35 desGrenzboten" mit einem Aufsatz, der ich in bcmcrkenswc-rt vorurteilsfreier Weise über den Adel in der Armee und den Adel überhaupt ausspricht. Er nimmt zunächst sehr entschieden Stellung gegen den Kastengeist im Heer:

Ein Vaterlandssrcund kann sich für die Beibehaltung der adligen Regimenter doch nur dann ins Zeug legen,

(Nachdruck verboten.)

Die Frau auf der Drüjseler Mellausjleliuiig.

Der wiedererstchcndc Phönix. Künstliche Seide als Brand­stifter. Brüsseler, sächsische und benetianischc Spitzcnwunder. Pariser Toiletten und belgische. Englische Klage. Die «rutsche Strickmaschine. Bijoux und Parfüms. Im Pavillon der Frauenarbeit.

Brussel, 3. September.

Die Leiden sind gestillt, das Fest dauert fort. N ganz drei Wochen nach dem größten pyrotechnischen Sch> spiel, das je in einer Weltausstellung zu sehen war, n dem nächtlichen Feuerzaubcr, der sich beim Tagesgrar als eine Katastrophe herausstellte, ist der Phönix aus Asche wicdcrcrstandcn. Beinahe so schön wie zuvor. N hämmert, zimmert und pinselt das Arbeiterheer, noch si die verbogenen Eisen-, die geschwärzten Schuttreste ni bis auf die letzte Spur beseitigt, aber man steht schon, t ber neue Jllusionspalast werden soll, der die Stelle i untcrgegangenen Grand-Palais einnchmen wird. T Brandmal wird künstlich weggeschmiirkt. Architekt Ac M über Brettern eine Fassade pinseln, die beinahe w schöner ist wre die verschwundene korinthisch-jonische, l M ihrer Viertelkilometer-Länge etwas langwierig und ei "«mutete. Freilich verdecken die neuen relicfar, gema tcn Bogen und Friese mit aufgepflanzten Fahnen n em riesiges Loch, das vom Flammenmeer in den .Laui komplex der Ausstellung gerissen wurde; doch schaffen dem Gesamtbild wieder seine Harmonie, bi? Ster be

ÄS^ i ? ? f ? T,Wr-^ tf rt s toar - Was int Jnne U £ rf Ä 6 «T b <t r 'irische Statuette tuaut Italiens, die Textilindustrie Frankreichs das Amt,

Böhmens und die Bronzen Wiens, die Schweizer ufm dje amerikanischen Nähmaschinen, das Porzellan -tava,

NiS.»-- «* ,md Me«- .-«-in S" sSSS und hübsche Zugänge vom großen Blumenparterre und d vEatne Dubois aus. Die beliebte Kcrmesse, der i .Restaurant der Bucsligen" Glück bringen sollte, ersteht v.

neuem aus leichtgcfügtem Holz, weniger poetisch und mittelalterlich, aber nicht minder amüsant. Daß die Bostock-Menagerie und der Lunapark von dem Feuer nicht verschont wurden, bemerken die Vergnügungslustigen kaum, da die eigentlicheAttraktionscbene" ganz erhalten blieb; sie liegt noch weiter abseits von der Brandstelle wie die deutsche Stadt, die jetzt wahrhaft der Mittelpunkt der Aus­stellung ist. Man rühmt heute sehr die kluge Voraussicht Deutschlands, und der französische Kommissär Chapsal er­klärte, Frankreich werde sich zukünftig nur noch dann an L.xpozitions Universelles beteiligen, wenn ihm der ge­sonderte Aufbau 6 ii bloc" nach dem diesjährigen deutschen Beispiel gestattet wäre. Das Gedränge in allen von Pro­fessor Seidl erbauten Hallen ist stets sehr groß, viele Ver­käufe werden verzeichnet, das Unglück der einen ist das Glück der anderen. Die bayerischen Restaurants die schon vorher nicht dem Andrang genügen konnten, haben nach dem Untergang der französischen einen verdoppelten Ansturm auszuhalten. Denn der Besuch Brüssels hat kaum nachge­lassen, wenn er vielleicht auch Ende August ohne das Feuer noch gewaltiger gewesen wäre. Jedenfalls aber haben die Belgier rasch ihren ersten Schrecken und ihre Trauer über­wunden; sie sind zu energisch, fleißig und festfreudig, um sich von einem Unheil untcrkricgen zu lasten. Wenn sie für eine bessere Feuerwehrorganisation gesorgt haben werden, verdienen sie die höchsten Glückwünsche.

Es steht heute fest, daß der Brand im Grand-Palais, und zwar in dem schönen Einbau der künstlichen Seide Tubize entstanden war; ich sehe noch die prächtigen Stoffe und Toiletten, mit denen die Firma den Nachweis erbrachte, daß die Seidenraupe nichts Besseres zu leisten vermag; ich sehe auch noch das junge Fräulein, das inmitten eines Kreises von Neugierigen eine elektrisch betriebene Webe­maschine bediente und die gelben künstlichen Seidesädcn durcheinandersurren ließ. Eine geniale Erfindung zur Be­friedigung weiblicher Eitelkeit, ein komplizierter Apparat, dem eine kleine Hand zu kommandieren vermag, während der knisternde Seidcnstoff schnell und wunderbar aus den Fäden entsteht. Und am 14. August, abends ck Uhr. stellte me kleine Hand den Hebel des elektrischen Antriebs ab; das Maschinchen hörte zu surren auf. aber hinter der Bretter­

wand sprühten Funken aus den Kupserdrähten, leckten Flammen empor. Das junge Fräulein setzte ruhig seinen Federhut auf und verließ mit dem anderen Personal die schon vom Publiftlm geräumten Hallen; mit einfachem Hebeldruck, der den Kurzschluß erzeugte, hatte die Demoiselle künstlicher Seide einen Riesenbrand entfacht, der siebzig Millionen verschlang.

Hatte das Feuer in der belgischen Textilabteilung be­gonnen, so zerstörte es doch nur deren geringsten Teil. Wie sehr hatte man den Verlust der Brüsseler Spitzenwunder, der Pariser Toiletten befürchtet! Aber ein fast unbegreif­licher Zufall wollte, daß die Flammen, die sich nickst an das frou-frou wagten, ihren Weg ringsherum und nach der englischen Abteilung nahmen, um dort, weil nicht nach ihrem Geschmack, die schwerfälligen Panoramas mit britisch kostümierten WachsmisseZ und WachSgcntlemen nebst allem übrigen zu zerstören. DaS große Angstgcschrci das sich um die auch geretteten Juwelen erhob, war nicht mehr berechtigt, wie die Sorge aller Freunde kunstvoller Frauenarbeit um die duftigen Schätze, die von den fleißigen flandrischen Klöpplerinnen und Brüsseler Nadel­artisten in jahrelangen Mühen speziell für die Heerschau von 1910 geschaffen witrden. Man redet mitunter von einer Dekadenz der Brüsseler Spitze, und die Fachleute be­haupten, daß die Konkurrenz (besonder? die Plauener) und die Mode diesen belgischen Industriezweig tatsächlich eine Welle niedergedrückt hatten. Die große Anstrengung, die jetzt von der Hauptstadt Brabants, von Gent Brügge tourbc, dürfte dem Point de Bruxelles in ber Welt seine Liebhaber zurückgewinnen. Diese ganz mit der Nadel gefertigte Robe aus Rosenguirlanden, diese andereon »pplientio"--. de Bruxelles" aus Klementinen» dazu viele "stücke, Nachbildungen berühmter Gemälde usw. das war ein ganzer Berg von dünnen Fadengewcben, der keine hundert Kilogramm wog und mehrere Millionen wert war. Das Feuer strich über die Glasschreine hin, tat ihnen aber nichts und hielt in seinem wahnsinnigen Lauf inne, bevor nur ein Stücklein Spitze versengt war! Mit demselben Respekt hielt das auf einem Umweg zur italienischen Abteilung gelangte Flammen­meer dicht vor dem hohen Glasschrank inne. der die alten