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Morgen - Ausgabe.

1. ZSL'crtt. _

W neuer JFel&jus fleflen peiitftftlnnö.

Man erschrecke nicht, es ist nur ein Pressefeldzug gemeint. Eine der gelesensten englischen Zeitungen, dieDaily Mail", hat seit einigen Tagen ihre syste­matische Hetzarbeit gegen Deutschland wieder ausge­nommen. Ein Glück darf man es nennen, wenn die deutsche Presse im allgemeinen diesen Machenschaften kühl bis ans Herz gegenübersteht. Auf der andere:: Seite darf aber der Einfluß nicht unterschätzt werden, den die englischen Zeitungen auf die breite Masse des Volkes drüben ausüben. In auswärtiger Politik ist der Engländer sehr ungebildet, ex folgt der Führung die ihm die Presse gibt, blindlings. Ist es da zu verwundern, wenn er an diefeindliche Absicht" Deutschlands gegen England glaubt, die ihn: systema­tisch von den Zeitungen vorgeredet wird. Und darum ist es nötig, daß auch wir in Deutschland die Macheu- schaften der englischen Presse von Zeit zu Zeit niedriger hängen und nicht gänzlich unwidersprochen in die Welt gehen lassen.

Wenn man den Gründen nachgeht, die dieDaily Mail" veranlassen mögen, systematisch in gleichen Perioden immer wieder gegen Deutschland zu hetzen, so steht man scheinbar vor einem Rätsel. Dessen Lösung finden wir neben dem Neid auf das emporblühende Deutschland in der politischen Richtung der Zeitung. Sie ist konservativ und imperialistisch, ihr Vorgehen ist Mittel zum Zweck/ Parteizweck, cs gilt Stärkung der Partei. Die ruchloseste Hetze gegen Deutschland, die immer wieder den Engländer wachrütteln, auf die von Deutschland drohende Gefahr Hinweisen, deutsche Politik und deutsches Wesen verdächtigen und beschmutzen soll, ist Mittel zum Zweck. Wir sind die Freunde, wir sind die wahren Verteidiger des Vaterlandes, wir halten Englands Weltherrschaft aufrecht, wir geben die Mittel, die diesem Zweck dienen sollen, wir allein er­kennen die politische Lage richtig, das ist das ewige Lied der Jingos, was täglich wiederkehrt. Das maß­volle Verhalten der gegenwärtig liberalen Regierung in politischer Hinsicht Deutschland gegenüber, der Ver­such der Regierung, die Flottenrüstung und Armee­reform mit den vorhandenen Mitteln in Einklang zu halten, wird nicht allein als ungenügend, nein direkt als unvatriotisch, als die Machtstellung Englands ge­fährdend gegeißelt.

Tie maßlosesten bewußten Lügen über Deutschlands Flottenbildung werden in die Welt gesetzt, stets wieder­holt, immer wieder betont, aus daß in England jeder daran glauben möge. Und nun hat die Spionenange-

legenheit in Borkum einen neuen Anstoß gegeben, die Aufmerksamkeit des englischen Patrioten auf diever­ruchten" deutschen Bestrebungen zu richten, England zu bedrohen, einzuschnüren, mit Krieg zu bedrohen.

Einige Ausführungen hierzu aus derDaily Mail" mögen das erläutern.

Am 1. September Leitartikel mit den Überschriften:

Das Geheimnis von Borkum. Deutsche Eingeständnisse.

Stärke der Flotte verdoppelt. Großartiger Schlupfwinkel für Kriegsschiffe. 6 Stunden von England. Das Vorrücken in der Nordsee. Haltung Hollands.

Diese Überschriften an sich sind bezeichnend genug, dann aber die Ausführungen: 1. Die Emsmündung

wird Kriegshafen 1. Klasse, 2. Borkum wird befestigt zur Verteidigung der Emsmündung, 3. die neue Bahn Malmedy-Stavelot eröffnet Deutschland eine neue Einfallpforte nach Belgien, 4. die neuen Nordseebe­festigungen bringen die deutsche Seemacht 100 Meilen näher an Großbritannien. Die deutschen Zeitungen haben es cingestanden, daß diese Veranstaltungen die Stärke der Marine verdoppeln (sie!) und die deutschen Torpedoboote auf 6 Stunden der britischen Küste näher bringen. Und dann geht es über die deutsche Presse iher:Die Publizisten des deutschen Vaterlandes

nehmen ihre Zuflucht zu einem Strom giftiger Schmäh­worte, gegen Mr. Maxwell, den Verfasser der Artikel, und dieDaily Mail" gerichtet, wie es un­möglich wäre bei einer Presse mit einem höheren Standpunkt guter Manieren, als man gewöhnt ist, vom deutschen Journalismus zu erwarten." Tann ist der Fortschritt beschrieben, den die deutsche Küstenver- teidigung in der Nordsee macht, wie an der belgischen Grenze eine Armee flankiert wird, die von Frankreich kommt, und dann ist die Lage Hollands besprochen, wo­bei das alte Märchen die Hauptrolle spielt (Brief des Kaisers an die Königin von Holland), Deutschland ivolle Holland zwingen, die Häfen zu befestigen. Tie Rolle Hollands wird besprochen, die dieses im zukünftigen Kriege spielen würde, den Vorteil, den Deutschland aus Neutralitätsbruch ziehen müßte usw. usw.

Die Voraussetzung dabei ist immer Krieg Deutsch­lands mit England. Die Insinuationen gegen Deutsch­land sind dabei ganz infamer Natur.

Am 2. -September setztDaily Mail" den Feldzug fort:

Deutscher Fortschritt in der Nordsee. Neues Gibraltar.

Die Insel-Forts. 100 Meilen England näher. Warnung an Frankreich und Britannien. Belgien und die Bedrohung.

Helgoland ist zu einem Gibraltar der Nord­see geworden, die Befestigung Borkums schließt den Kranz in eisenstarrenden Inseln. Belgien kennt die Gefahr und hat darum Antwerpen und Lidge befestigt. Die Haltung der deutschen Presse erregt den Zorn der Daily Mail", weil sie meint, die Angriffe der eng­lischen Presse seien vom Ärger darüber eingegeben, daß , Deutschland zur See immer unangreifbarer wird. Die Tatsache sei nicht aus der Welt zu schaffen, daß Holland

auf Befehl Deutschlands seine Küstenbefestigung au«, bauen müsse, der Kaiser habe das durch seine Drohun­gen erreicht. Die Neutralität Belgiens würde im Fall eines Krieges von Deutschland gebrochen werden. Unter diesem Gesichtspunkte werde das Eisenbahnnetz Deutsch« lands ausgebaut.

Sehr amüsant ist es dabei, daß die Unwrfsen- heit des Verfassers soweit geht, den Truppenübungs­platz Elsenborn als Konzentrationslager zu bezeichnen, das Belgien bedrohe. Er kennt nicht einmal den Zweck» dem ein Truppenübungsplatz dient.

Am 3. September geht es so weitert

Deutsche Fortschritte. Das Problem der Nordsee-Be­festigungen. Großbritannien als Ziel. Hollands gefährliche Lage. Einige Verdrehungen und die Antwort.

Die deutsche Presse muß dann wieder herhalten, weil sie nicht antwortet, sondern nur schimpft. England habe keinerlei aggressive Absichten, aber in England fei das Gefühl weit verbreitet, daß Deutschland von feindlichen Gefühlen gegen England erfüllt fei. Die Verteidigung der Handelsinteressen Deutschlands sei nur Vorwand: die überseeischen Besitzungen seien so

unbedeutend, die Handelsflotte im Verhältnis zu der englischen so klein, daß dieses die ungeheure Ver­mehrung der Flottenrüstung nicht rechtfertigen könne. In den Enthüllungen der englischen Presse erblickten die Deutschen nur den Versuch, auf Belgien und Holland zu drücken (sic!), daß diese ein Bündnis mit England und Frankreich suchten. Holland verdeutsche mehr und mehr, Amsterdam sei beinahe eine deutsche Stadt geworden.

Und in dieser Tonart ist es schon Wahnsinn, hat es doch Methode geht es fort und fort ad infinitum. Und dann wird dem Ganzen die Krone aufgesetzt durch Mr. Blatchfords Ansichten, des bekanrlten Tentschen- hetzers, der dieBriefe eines Engländers" verfaßt hat. Er entblödet sich nicht, glatt zu behaupten, Deutschland beabsichtige, Holland und Belgien zu annektieren, alle Vorkehrungen Deutschlands ließen keinen Zweifel an dieser Absicht aufkommen. Er führt ferner aus, daß England mit feinen gegenwärtigen militärischen Vor­bereitungen das nicht verhindern könne, dieselben seien durchaus ungenügend, also Flottenvermehrung und allgemeine Dienstpflicht. In einem Schlutzartikel am 5. September wird dann das Recht Deutschlands nicht bestritten, seine Rüstung zu verstärken. Tie Be­hauptungen und Verdächtigungen werden aufrecht­erhalten, England gewarnt und' ausgeführt, daß mit dieser Warnung die Presse ihre Pflicht erfüllt habe.

Leider hat es dieKreuzzeitung" unternommen, in langer Ausführung das englische Blatt zu tuiderlegcn. Es erübrigt, darauf näher einzugehen, denn , für uns liegt die Sachlage klar vor Augen. Daß die Ems- mündung geschützt werden mußte, ist einleuchtend, Daß dieser Schutz nicht wesentlich in die Wagschale fällt und

Feuilleton.

Mme§.

Von A. de Lancy-Paris.

Nunes ist eine alte Römerkolonie, die um 121 v. Ehr. von den Römern erobert wurde und dann eine der Haupt­städte in Gallien bildete. Eigentlich ist es noch heute eine reine Römerstadt, die so absolut den Charakter römischen Baustils und antiken Lebens behalten hat, daß der moderne Mensch dort wie ein Nomade in dem Römerban lebt und sich die Stadt eigentlich gar nicht assimiliert hat. Alte Schlöffer und Tcutpel, die Arena, die gewaltigen Bauten der Badeanlagen und Fontänen, alles das ist erhalten, und die Stadt liegt wie ein Dornröschen im Schlaf in seinem uralten Schloß. Nach der großen römischen Kolonie und skultnr ist Rimes nie mehr Wer seine Maliern hirtausge­wachsen, so daß es ihn: in seinen Ruinen niemals zn eng wurde. Die Stadt liegt male-risch au c-iner Hügelreihe, die die Ausläufer der Cevenm-en ist, und ihre Gärten und Tempel ziehen sich an diesen Gürten empor. Sie ist die ar römischen Antiken reichste Stadt Frankreichs, und nirgends kommt man so unter den starken Eindruck dieser Römer- kultur wie hier. Die Römer bauten hier ein Kapitol, die Tempel des Augnstus, des Apollo, der Diana, Forts, eine Basilika, ein Theater, einen Zirkus, ein Amphitheater, die Thermen, Aquädukte med eine -gewaltige Brücke, große Be­festigungen und ein Forum. Alles dies ist geblieben wie die Straßen und Wohnhäuser, Paläste und Villen, in denen sich die nachfolgenden Generationen so gut und so schlecht eingerichtet haben, wie e-s eben ging. Unter den Vandalen und Westgoten, den Sarazenen hatte Rimes viel z-u leiden, und dann wurde es von deiri Grafen von Toulouse erobert. Es ist ein altes Heim der Reformation und noch heute eine Zentrale des CalvinisMus, dreiviertel seiner Einwohner sind Calvististcn, die auch hier ihr Konsistorium besitzen: Dadurch hatte die Stadt vielfache Schicksale bei den Neli-

gionskriegen zu erdulden, besonders nach Aufhebung des Edikts von Nantes. Während der Revolution war Rimes ein Hauptzentrum derer, die für die geistige Befreiung kämpften, und 1815 hatte die Stadt unter der Reaktion zu leiden, und die Reaktion schuf hier viele Märtyrer. Seit­dem ist Rimes eine der leidenschaftlichsten Punkte der Revo­lution und ein Zentrum -aller str-eicheitlichcn Bewegungen geblieben, die Hauptstütze des republikanischen Gedankens, und manche Emeute, mancher blutige Wahlkampf werden hier noch heute aus-gefochten. Hier ist das Temperament des Provenya-lcu jeden Augenblick in ungebrochener Leiden­schaftlichkeit für alle religiösen und potilsichen Fragen ent­flammt. Der berühmteste seiner Söhne ist Alphouse Daudet, dem die Stadt in einem stillen Götterhain neben der belebten Straße, die zum Bahnhof führt, ein feines und schönes Denkmal aufgcsührt hat.

Die scharfe politische Frage des Augenblicks,das Recht zu leben", das man von hier aus Proklamiert, und das in allen Wahlen eine so giroße Rolle spielt und die Aufstände der Weinbauern ver-anlaßte, ist die große wirt­schaftliche Frage, die sich hier konzentriert. Die Preise für Wetn und Gemüse entsprechen heute nicht mehr den übrigen Preisen deS wirtschaftlichen Lebens. Weingüter und große landschaftliche Besitzungen in dieser Gegend, auch Bauern­güter, rentieren sich heute nicht mehr, und die wirisch-ast- liche Frage ist ein wirtschaMcher Notstand für den ganzen Midi von Frankreich geworden. Die Arbeitslöhne sind hoch, und die Kolonien, insbesondere Algier, übcrschwem- men das Land mit ihren reichen Produkten an Wein, Obst und Gemüse, mit denen der französische Bauer nicht konkur­rieren kann. Die französischen Kolonisten, die man in Algier ansiedeltc, betriebsam, sparsam und- fleißig, haben dort dem Boden einen ungeheuren Ertrag abgerungen, wäh­rend die fortschrc'te-nde Entwaldung und ein Mangel an genügendem Anschluß an die Hauptstadt die Provence finanziell geschädigt hat. Man hat diesem Notstand abzu- hclfcn gesucht durch die Züchung von Primeurs, den ersten zarten Gemüsen, die di« Sottmt in bet Provence schon im

Januar sprießen läßt, und die geerntet werden, ehe der scharfe Wind im März und April den Boden austrocknct. Aber Um allgemeinen ist doch das Volk von Rimes ziemlich arm, und man hat das Gefühl, in eine Provinzstadt zu kommen, die ihre große Zeit hinter sich hat, wie etwa ein pensionierter Geheimrat.

Rimes liegt zwischen dem Rhone und dem Gare und eineu>. Quellennetz, aus dem die Römer die raffiniertesten und entzückendsten Badeanlagen und Fontän-en zwischen großen Gälten angelegt haben, die ^da-s 18. Jahrhundert wieder instand fetzte, über dieser entzückenden Parkland- schast mit ihren Teichen, Kaskaden und Terrassen liegt der Tempel der Diana. Von dem Elarien der Fontäne aus zieht sich dor gewaltige Boulevard de la Republique als eine Riesenallee quer durch die Stadt.

Die Arenen sind etwas kleiner als die von Verona und Arles, aber die am besten erhaltenen und besitzen sogar noch fast alle ihre Monumente. Sie sind aus großen K allster ir- quadern errichtet. Von außen bauen sie sich mit 60 pracht­vollen Arkaden auf, über denen oben 120 Fenster sich öffnen, die früher durch das große Zeltdach verbunden waren. 24 000 Personen können in der Arena Platz nehmen, und sie ist so gebaut, daß alle diese Menschen sic ohne jede Ge­fahr in wcni-gen Minuten verlassen können. Ganz wunder­voll i-st besonders die Konstruktion Keiner Aquädukte, die das Regenwasser abfließen lassen und Bne überschwem- mung der Arena und ihrer Keller verhindern. Im Mitte'- alter hat man aus diesen Arenen eine Festung gemacht, die indessen im Laufe der Adelskämpfe die Ginwohner der Stadt erstürmten. Men gibt jetzt in Rimes in diesen Arenen jodet: Sonntag Stierkämpfe, sowohl provengalische wie auch spanische, bei denen dann der Preis der Plätze bis zu 20 Fr-a- steigt; mehrfach hat man diese Arenen auch jetzt zn Freiluftihe-atern benutzt, indem man eine Knliflcn- wand und ein Podium emfchob.

Das Nlaisen-CarrLe ist einer der schönsten römischen Tempel, die heute noch eristieren und fast unverändert er­halten. Dreißig kornÄhffche Säulen schmücken den Ei«-