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Nr. 412.

Wiesbaden, Mittwoch, 7 . September 1910.

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88. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_ I. Matt. _

Friedrich ilaumann Mer üie kaiserliche Politik.

Demokratie und Kaisertum glaubte der Abgeordnete Naumann ehedem vereinigen zu können. Er setzte großes Vertrauen auf Wilhelm II. Jetzt hat er in Stuttgart eine Rede gehalten, über die berichtet wird:

Friedrich Naumann, der sich gegenwärtig auf einer Reise vurch Württemberg befindet, sprach dieser Tage in Stuttgart in einer von der Fortschrittlichen Volkspartei einberufenen öffentlichen Versammlung über Kaiser Wilhelm II. und das deutsche Volk. Er warf einen Rückblick auf die Novem­bertage des Jahres 1908. Bei den damaligen Ausein­andersetzungen haben, so führte er dazu ans, alle Parteien im gleichen Sinne gesprochen, auch di- Vertreter der Konser­vativen und des Zentrums. Fürst Bülow erklärte, daß auch die verbündeten Regierungen hinter ihm ständen. Es wurde einheitlich ausgesprochen, daß die Zurückhaltung des Kaisers eine politische Notwendigkeit sei. Jene Auf­regung vom November 1903 war der Abschluß der ersten 20 Jahre der Regierung Kaiser Wilhelms II. Es war bei ihm ein sehr schul er zli che r Abschluß. Die Auf­regung war nicht nur sür den Kaiser tragisch und schmerzlich, sondern auch für viele, die in früheren Jahren lebhafte Hoffnungen ans ihn gesetzt hatten. Wenn wir uns er­innern, wie der Kaiser begrüßt worden ist, wie seine poli­tischen Anfänge gewesen sind, so werden wir ein Gefühl des Bedauerns und der persönlichen und politischen Wehmut iiicht unterdrücken können. In seiner ersten Zeit wurde das Sozialistengesetz beseitigt, der Widerstand gegen den Arb eit er schütz wurde überwunden, es gab jene kürze aber fruchtbare Jahre sozialpolitischer Gesetzgebung, es gab die handelspolitischen Veränderungen unter C a p r i v i, die von dem Kaiser alsrettende Tat" be­zeichnet wurden, der Kaiser gab unserer auswärtigen Politik neue Elastizität mit dem Blick auf Kolonien und See, Dieser Kaiser verband sich (?) mit dem altliberalen Gedanken vom Jahre 1843 von der deutschen Staats- und Reichsgewalt. Wenn er bei jener schwersten Auseinandersetzung, die er in seinem Leben gehabt hat, bei der Auseinandersetzung mit Bismarck, starke Worte gebrauchte, so hat man verstanden, daß hier eine der schiversten Lasten aus einen Menschen durch die Geschichte gewälzt war, und man wird nicht mit ihm rechten um die einzelnen Worte. Die Hoffnung, cs würde zwischen diesem Kaiser und der demokratischen Menge des Volkes eine gewisse Verständigung möglich sein, hat damals eine ganze Reihe von politisch denkenden Männern beschäftigt. Denn jener Ausspruch:Die Sozial­demokratie überlassen Sie mir", hat doch nur einen Sinn, wenn er den Versuch machen wollte (?), sich mit der demo­kratischen Richtung auf praktischem Boden a u s e i n a n d e r- zusetzen. Es wäre dabei ungefähr das herausgekommen, was wir in England praktisch vor uns sehen, und das wäre ein berechtigtes Ideal für Deutschland, Hierzu ge­

hört aber, daß von beiden Seiten das geübt wird, was Fürst Bülow so ausdrückte: Zurückhaltung, die eine poli­tische Notwendigkeit ist. Und das ist es, was bei dem Monarchen mehr gefehlt hat als bei den Vertretern der Demokratie, Denn diese waren in dem, was sie sagen wollten, immer einigermaßen gebunden, der Kaiser aber war durch ähnliche Rücksichten nicht gebunden. So sind von der einen Stelle Ausdrücke gebraucht worden, auf die dann von der anderen Seite ohne viele Worte mit dem Stimm­zettel geantwortet wurde. Es scheint, daß wir darin noch nicht am Ende stehen. Die Reden wurden all­mählich sür die innere und äußere Politik eine Last, und so entstanden die November-Auseinandersetzungen als eine vaterländische Notwendigkeit. Das, was in Königsberg ge- . sprachen worden ist, gehört nicht in bas Gebiet der not­wendigen Repräsentation des Kaisers. Diese Rede enthält fast alle diejenigen Dinge, über die man sich bei früheren .Kaiserreden beklagt hat. Der Kaiser setzt sich mit dem Fürsten Bülow auseinander, wenn er erklärt, er gehe seinen Weg, so kann das nur heißen, er gedenke nicht weiter den Weg zu gehen, den er am 17. November 1908 mit dem Fürsten Bülow vereinbaren mußte. Wenn er erklärt, daß er die Bindung von jenen Rovembertagen nicht mehr als vorhanden betrachten will und das kann nur der innere psychologische Inhalt dieser Rede sein so ist das, als wenn eine Art Kontrakt von der einen Seite gekün­digt wird. Dann sind auch die Voraussetzungen jener Abmachungen für die andere Seite erloschen. Dann be­ginnt der Zustand wieder, der eben durch jene Abmachung des Fürsten Bülow beseitigt worden ist, der Zustand eines nicht mehr zn verheimlichenden Konflikts zwischen der kaiserlichen Methode, die Politik führen zu wollen, und der überwältigenden Meinung des Volkes. Wenn der alte König Wilhelm sich in Versailles die Kaiserkrone aufgesetzt hat, so ist das nichts anderes als der S ch l n ß a k t d e r g e - wattigen Anstrengungen eines ganzen Volkes. (Stürmischer Beifall.) Das Wort vom Gottesgnadentum hat keine Bedeutung mehr. Es hatte in der Geschichte Be- dcutung, etwa zur Zeit des Wiener Kongresses. Die Kronen von dazumal etablierten sich im alten, deutschen Bund als ein Syndikat zu Erhaltung der politischen Mittelmäßigkeit. Von Österreich und Preußen an bis zu Lippe-Detmold und Greiz gehörten sie alle zu dem vereinigten Syndikat des Gottesgnadentums. Später kamen dann die Jahre, in denen diese Legende vom Gottesgnadentum zerstört wurde, und zwar nicht etwa durch Revolutionäre, sondern durch den König von Preußen. Es geschah jenes Aufräumen mit dem Gottesgnadentum, das Bismarck in Hannover, in Hessen-Cassel, in Nassau besorgte und zu dem ihm König Wilhelm in preußischem Selbstgefühl gern seine Zustim­mung gab. Wilhelm II. geht jetzt rückwärts zu dem Bruder seines Großvaters, zu jenem König, der noch in der alten Welt lebte. Keiner, auch der Gesestigste nicht, kann sagen, der Himmel arbeite sozusagen direkt durch ihn. Wilhelm der Zweite ist übrigens nicht immer seinen Weg gegangen, wie er ihn beschrieben hat, ohne Rücksicht auf Tages- mei-gtungen. Wie war es beim Kanal, wie bei der Züchthausvorlage, wie bei der Caprivischen Handelspolitik?

Und wie war es bei dem Zentrum? Der Kaiser ist lange mit dem Zentrum gegangen, und dann kamen Zeiten, wo er durchaus kein Zentrumskaiser sein wollte. Jetzt ist Bülow weg, und der Weg ist wieder anders geworden. Heute gibt es keine wärmeren Verteidiger der Königsberger Rede als gerade die Zentrumsleute, denn heute haben sie das schöne Gefühl: da kehrt einer wieder' So geht der Weg. Man soll menschliche Dinge menschlich ansehen und soll nicht so tun, als könnten wir heute eine mystische, über­irdische Herrlichkeit haben. Jeder Minister, jeder Reichs­kanzler wird sich um Tagesmeinungen und Tagesanstchten kümmern müssen. Es wird auch alles so gehen müssen, als ob der Kaiser und König in Königsberg nicht geredet hätte. Aber die Worte wirken über den Regierungsapparat hinaus störend, und wenn der Kaiser nicht aufhört, Ideen dieser Art zu vertreten, so wird auch die Bevölkerung sagen: Wir gehen unseren eigenen Weg, unbekümmert um die kaiserlichen Worte.

Es wurde dann ohne Widerspruch der in der Abend­ausgabe schon mitgeteilte Beschluß gefaßt.

Deutsches Reich.

* Wie es zwischen den Reichsämtern hergeht. Zu einer zielbcwnßten Initiative der gegenwärtigen Reichsregierung ist nach einer Berliner, anscheinend gut unterrichteten Kreisen entstammenden Zuschrift an denHannov. Kurier" leider so gut wie gar keine Aussicht. Dem genannten Blatt wird geschrieben:Mohr als ein ängstliches Vegetieren von einem Tag zum andern ist schon um deswillen nicht zu erwarten, weil innerhalb dieses Konzerns eine Uneinigkeit herrscht, wie sie seit der Gründung des Reiches noch nicht dagewesen ist obgleich wir doch seither einiges erlebt haben. Im Mittelpunkt der Kämpfe, die, ohne daß die Öffentlichkeit bisher davon erfahren hat, in den schroffsten und ungewöhnlichsten Formen sich abspielen, steht der Staatssekretär Mer­muth mit seiner Unerbittlichen Sparpolitik. Der Reichssäckelmeister scheut bei der Aufftcllung des neuen Reichshaushalts auch von der Beschneidung von Posten nicht zurück, die sich schon seit Jahren eines festen Bürger­rechts erfreuen. Die Ressorts wehren sich natürlich mit Er­bitterung und sehen in manchem, das von ihnen verlangt wird, ganz unerfüllbare Zumutungen. Wo Recht und Unrecht liegt, insbesondere ob das Reichsschatzamt bei manchen Forderungen nicht wirklich zu weit geht, ist bei diesen Käurpfen hinter den Kulissen natürlich nicht zu er­kennen. Jedenfalls ist das Verhältnis zwischen den Reichs­ämtern seit einiger Zeit in einer Weise gestört, die mit einem gleichmäßigen Gang der Reichsmaschine für die Dauer nicht verträglich ist. Ohne bedeutsame Personab Veränderungen kann es gar nicht mehr abgehen."

* Volk und Herrscher. Daß die Königsbcrger Bekennt­nisse des Kaisers über seine persönliche Hcrrscheranfsassung die Verständigung zwischen Volk und Herrscher außerordent­lich erschweren, glaubt auch G. Hirth in derJugend"

Feuilleton.

(Nachdruck verboten,

NuckbliÄle.

(Für dasWiesbadener Tagblatt".s Von Jnlins Rosenthal.

Noch immer tönt es fort und fort,

Das Königsbergcr Kaiserwort Mit allem, was daran und drum Von hohem Gottesguadentum,

Von Frauentugend Wichtigkeit,

Moderner Jugend Nichtigkeit,

Von Glaubensgegner Ruppigkeit Und Tag csme inung sschnu pp i gleit,

Von Rüstungs-Uncnibehrlichketr

Und Freiheitsdrangs-Gefährlichkeit.

Dies alles, was inan da vernimmt,

Klingt so entschieden, so bestimmt,

Ms riese man von irgendwo:

Klo volo und sic jubeo".

Aus !) ei freut Himmel dieser Blitzt

£,u was das fragt man war er nütz?

Denn niemand, der sich selber ehrt,

Wird durch ein tönend Wort bekehrt,

Die Welt zu sehn, wie nicht sie ist.

Wo wäre der wohl, der nicht wüßt',

Daß durch der Tage Freud' und Leid Stets vorwärts rollt das Rad der Zeit.

Des Freien ungetrübter Blick Sieht nur diesVorwärts", keinZurück", Doch, wem in Inhalt, Stil und Ziel Die Rede äußerst tvohkgefiel,

Das ist der tiesschwarz-blaue Bund,

Der uns verkündet StuNd' um Stund',

S o müsse und nur s o allein Ein Kaiser-Wort gesprochen sein.

Pfaff hat u>Nd Junker hoch entzückt Sich zu der Red' die Hand gedrückt,

Und an des Redners hohe Stell'

Sich 'rangeschmissen gern und schnell.

Was da von hohem Munde floß,

Der Strom, der munter sich ergoß (Sie merkten das mit Feingefühl-,

Trieb W a s s e. r nur aus ihre Mühl'.

Drum galt's, daß man sich brav erwies Emphatisch Red' und Redner pries,

Echt patriotisch sich ergötzt,

Sich loyal in Szene setzt'

Und ans die Riesenschar im Land,

Die wer hg froh zur Seite stand,

Mit schneidigem Entrüstungs-Groll Hinabsah ganz verachtungsvoll.

Wem diese Red' nicht groß erscheint,

Ist" riesen sieAlldeutschlands Feind". Die heil'ge Wut ist noch enorm Aus seiten derFinanzresorm",

Drei Tage (kaum) nach dem Sermon Wnßt' auch der Kanzler schon davon. Schnellebig halt ist unsre Zeit,

Fast, nichts bleibt lang Geheimnis heut'.

Das Telephon ist so beredt,

Der Telegraph ,'o indiskret,

Daß fast zugleich mit fernstem Land Auch Bethmmm schon die Rede kannf.

Ob er sie billigte? Er fand,

Daß sie in hohem Grad charmant,

Nur hat er den Verdacht gehegt,

Böswillig sei sie ausgelegt,

Die Rede selbst fet echt und recht,

Der Leser Chorus aber schlecht,

O, fünfter Kanzler du, vernimm,

Die Rede war auch nicht so schlimm,

Sie- ward' es erst, als unentwegr Du dich dafür ins Zeug gelegt.

Das hätten die zwei Herr'n mitB".

Die vor dir aus dos Amtes Höh'

Durchwand eiten die gleiche Bahn,

In dem Fall wahrlich nicht getan.

Herr Kanzler, bitte, grolle nicht,

Wenn Vürge.rmuNd die Wahrheit spricht,

Die aber sagt dir ins Gesicht:

Herr Kanzler, wir verstehn dich nicht", Woraus du denn für alle Amt Mit log'fcher Folgerichtigkeit Die Konsequenz 'wohl ziehen kannst,

Daß du auch niemals uns verstand'ft.

*

In Montenegro Nikolws,

Der 50 Jahr als Durchlaucht saß Aus seinem Dhrönchen stramm und stet Betitelt jetzt sich Majestät,

Des Gottes Gnad' hat ihn .erhöht,

And durch die schwarzen Berge geht Der Jubel, der das Land beseelt,

DerKönig" war's, der ihm gefehlt.

Wenn jetzt das Völklein peu ä peu Vom klein und großen ABC Sich nicht mehr gar so weit entfernt,

Das Lesen und das Schreiben lernt,

Für Bildung so sich int'reffiert,

Möglichst viel Smife importiert,

Und jeder Montenegro-Mann Sich, wenn er's halbwegs machen kann.

Versieht mit einem guten Kamm,

Dann kommt auch dies Volk aus den Damm, Und kann dann mit Bulgar und Serb' Eingeh'n den großen Wettbewerb.

Aus diesen Zeitpunkt freuet sich Fürst Nikita jetzt königlich.

*

Auch an Koreas Hose gab's 'neu Wechsel durch die Macht derJaps",