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Nr. 413,

Wiesbaden, Dienstag, «. September 1910.

Morgen * Ausgabe.

__ 1. Matt.

UoMfche Merstcht.

Deutschlands Handel mir seinen Kolonien.

, Ter Aufschwung, den Deutschlands Außenhandel mrt seinen Kolonien im vergangenen Jahre genommen hat, scheint sich auch im lausenden Jahre sortsetzen zu wollen. Noch liegen zwar leider die Wertziffern unserer Handelsumsätze niit den Kolonien nicht vor, doch deutet ichon die Bewegung der Umsatzmengen darauf hin, daß auch in diesem Jahre der Warenaustausch wieder zu- rnmmt. Im Jahre 1909 hatten die Umsätze Deutsch- lairos mit seinen Kolonien in Ein- und Ausfuhr zu- jammen eine Summe von 70 Millionen Mark repräsen- lwrt, während sie sich im Jahre 1908 ans 68 Millionen gestellt hatten. Tie Umsatzsteigerung betrug 12 Millio­nen Mark oder 20 Prozent. Sowohl die Einfuhr aus unseren Kolonien als unsere Ausfuhr dorthin ist an der kräftigen Umsatzsteigerung beteiligt. Im laufenden Jahre ist allerdings vorerst nur die Einfuhr aus den Kolonien in die Hohe gegangen, aber sie nahm gleich derart stark zu, daß sie mehr als doppelt so groß ist wie im vorigen Jahr. Rechnen wir nämlich die Einfuhr aus den fünf wichtigsten Kolonien Deutsch-Off- und Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo und Deutsch- Australien zusammen, so ergibt sich für die ersten sieben Monate dieses Jahres eine Einfuhrmenge von insge-- samt 604 210 Doppelzentner gegen 206 479 Tovve!-. Zentner im vorigen Jahr. Und zwar importierten wir in Doppelzentnern aus

1909 1910 Gegen 1909

20 978 27 863 + 6 885

32 406 12 431 19 975

26 881 42 217 + 15 336

95 787 46 613 49 174

29 427 375 086 +345 659.

Es fällt vor allem die scharfe Zunahme auf, die die Einfuhr aus Deutsch-Australien aufzuweisen hat. Und zwar betrug die Einfuhr von natürlichem phosphor- saurem Kalk dorther in diesem Jahre 328632 Doppel­zentner, während im Vorjahre noch gar keine Einfuhr nachgewiesen war. Auch die Einfuhr von Kopra hat sehr kräftig zugenommen. 'Gestiegen ist dann noch die Ein­fuhr aus Deutsch-Ostafrika, und zwar hauptsächlich von Akazien- und Gerbrinden. Bei der Einfuhr aus Kamerun ist besonders der Import von Kautschuk und Palmkernen sehr gestiegen. An dem Rückgang der Ein­fuhr ^ aus Deutsch-Südwestafrika haben Kupfererze, an dem Rückgang der Einfuhr aus Togo hat Mais den

Deutsch-Ostafrika ,

T cutsch-Südwestafrika Kamerun . . . . Togo ......

Deutsch-Australien .

FemLleLmr.

(Nachdruck verboten.)

berliner Stimmungsbilder.

Von Paul LindenSerg.

Wolcra! Nur keine Angst. Wie's früher war. Es. Hkrbstparadx. Znm letzten Male auf dem Tempelhofer uniT V ' 'Allerhand Erinnerungen. Friedrich Wilhelm l. (MrM,;*. Alte Fritz. . Vom russischen Kaiser. Eine Ring- >seich.chte. Kinder und Blumen. Aus dem Theaterleben.

Hütte uns auch noch gerad' gefehlt, daß dieser Som- c~ wfwres Mißvergnügens mit der Cholera seinen Krumpf gegen uns ausgespielt! Er hat uns sowieso schon genug Schabernack bereitet und uns manchen srohgehegten otersepian Zerstört, als daß wir jetzt noch von ihm eine neue lMd recht schlimme Überraschung erwarteten. Allerhand alarmierende Gerüchte und Zeitungsmitteilungen verkün- r vereinzelte Auftreten der Seuche in Spandau, Chartottcnburg und Berlin; es folgten alsbald beruhigende Nachrichten, die auch ihre Wirkung nicht verfehlten. Zu ernsteren Befurchtungen liegt ja keinerlei Grund vor. Heut- mcm dem fatalen asiatischen Gast die Hand­schellen anlegen und seinem planlosen Umherwandern rasch abgemessene Grenzen stecken. Wie anders früher! Wenn da m Berlin auch nur ein einziger verdächtiger Fall vorge- kommen war, crgrff d-e gesamte Bevölkerung eine richtige Vamk, Bier und Obst wurden streng verpönt, überall roch es rn den Wohnungen nach Baldriantropfen in lieblicher Vermischung mit Karbol, die Bewohner der Häuser beob­achteten sich gegenseitig aus das ängstlichste, die Ärzte wur­den durch albernste Bitten und übertriebenste Wünsche von früh bis spät und spät bis früh belästigt, wer konnte ver­ließ schleunigst Spree-Athen und suchte gesündere Gegenden auf! Heute davon keine Spur mehr, man hat volles Ver­trauen zu den streng hygienischen Vorkehrungen und deren umfassendster Durchführung, und die Warnung, der ganzen Sache nicht zuviel Aufmerksamkeit zu schenken und sich lieber mit anderen DiuAen zu beschäftigen, ist kaum vonnöten.

Hauptanteil. Tie Ausfuhr hat sich dagegen im laufen­den Jahre nicht entfernt so entwickelt wie die Einfuhr, vielmehr ergibt sich für die ersten sieben Monate zu­sammen bei denselben Kolonien einschließlich Kiautschou eine Ausfuhrmenge von 450 886 Doppelzentner gegen 505 576 Doppelzentner im Vorjahr. Tie Ausfuhr nach Deutsch-Ostasrika hat dabei noch relativ wenig ab­genommen ; sie ging von 199 132 Doppelzentner in den Monaten Januar bis Juli 1909 auf 182 147,97 Doppel­zentner im laufenden Jahr zurück. An dem Rückgang hat hauptsächlich die Ausfuhr von Eisenbahnmaterial schuld; denn während wir im vergangenen Jahr in dieser Kolonie noch 68 346 Doppelzentner Eisenbahn­schwellen absetzen konnten, wurden dieses Jahr nur 41 479 Doppelzentner dorthin exportiert. Die Ausfuhr von Eisenbahnschienen nach Deutsch-Ostasrika ging aller­dings von 64 401 Doppelzentner auf 69 616 Doppel­zentner hinauf. Deutschlands Export nach Südwest ist etwas in die Höhe gegangen: er erreichte in diesem Jahre eine Menge von 163 044 Doppelzentner gegen 162 829 Doppelzentner im vorigen Jahre. Dabei ging die Steinkohlenausfuhr nach Südwcst von 60 425 aus 40159 Doppelzentner herab. Die Ausfuhr Deutsch­lands nach Kamerun fiel von 91 836,20 auf 82 809,41 Doppelzentner, die nach Togo ging infolge der Ab­nahme des Schienen- und Schwellenexports von 36 710 auf 5429 Doppelzentner zurück. Nach Kiautschou end­lich wurden 11602 Doppelzentner gegen 16 067 Doppel­zentner im Vorjahre exportiert.

Die Gissnvlchrr MarisUeking.

Mit dem SchagwortParis-Petersburg-Peiing" läßt sich ein verkehrsgeographisches Programm bezeichnen, das in den letzten Monaten ausgestellt worden ist und in China ebenso freudig begrüßt und gefördert werden wird, wie in Rußland. Es handelt sich darum, Peking, die wichtigste Stadt des ostasiatischen Kontinents, durch Schaffung eines nencnVerkehrsweges näher an Europa heranzubringen, als sie es gegenwärtig ist, und dieser großzügige Plan, der durch Vorgänge der jüngsten Zeit der Verwirklichung cntgegen- zugehen scheint, soll erreicht werden durch einige neue Eisen­bahnlinien, die in Verbindung mit der großen Sibirischen Bahn des russischen Staates eine wichtige neue Straße des Weltverkehrs Herstellen sollen, einen Schnellverkehr nicht nur auf der Linie Petersburg-Peking, sondern sogar zwischen Paris, bezw. Berlin und Peking. In einer Korrespondenz aus Peking werden derInternationalen Wochenschrift" Einzelheiten über dieses wichtige Projekt mitgeteilt. Um von Europa nach Peking zu gelangen, ist man zwar seit.ein paar Jahren nicht mehr ausschließlich auf den früher allein benutzbaren Seeweg angewiesen, aber die Große sibirische Bahn und die sogenannte Südmandschurische Bahn, die einen Anschluß der europäischen Schienenwege an die Nordchinesische Staatsbahn" vermitteln, machen einen ge­waltigen Umweg durch die Mandschurei. Nun hat aber die russische Regierung in den letzten Monaten der chinesischen

An anderen Dingen fehlt es uns ja auch nicht, um für sie unser Interesse wach zu erhalten. Das Aufsehen, das die Kaiscrreden erregt, ist ja allmählich abgeebbt, und viel Leben und Bewegung hat die 40jährige Wiederkehr des Sedan­tages hervorgerufen. In vollem Glanz verlief in üblicher Weise die große Herb st Para de und hatte in ihrem Ge­folge wieder jene bekannte Fülle echt weltstädtischer Szenen beim Aus- und Rückmarsch der Truppen sowie bei der Heim­kehr des Kaisers an der Spitze der Fahnen-Kompagnie vom Paradefelde. Es dürfte an diesem 1. September das letzte Mal gewesen sein, daß draußen aus dem weiten Tempel- Hofer Gelände die Garden vor ihrem obersten Kriegs­herrn mit rauschenden Klängen der Mustttorps vorüber- marschiert, ist doch das Schicksal des umfassenden Terrains bestimmt und der Kauf abgeschlossen. Damit hat wieder ein Kapitel der Berliner Geschichte sein Ende gesunden. Und zwar ein sehr gedcnkvolles Kapitel. Schon unter dem eisernen Soldatenkönig wurde das Feld zu militärischen Übungen und zu den Revuen der Berliner Garnison be­nutzt. Das waren heißere Tage wie die späteren und jetzigen, denn erst nahm Friedrich Wilhelm I. jedes Regiment auf dem Exerzierplätze am Tiergarten dem heutigen Königs- Platz einzeln vor, und zwar gehörig, dann folgte die große Parade auf dem Tcmpelhofcr Felde, über die uns eine handschriftliche Chronik der Berliner Königlichen Bibliothek allerhand Merkwürdiges berichtet:Am Tage der Haupt­revue saß der König schon morgens um 2 Uhr zu Pferde, und dann defilierten die Regimenter nach dem Tempelhofer Berge, wo der König alles an sich vorbcimarschieren ließ. Wenn darauf die Linie der Infanterie gerichtet war, ritt der König die Front hinauf, wobei das Spiel gerührt und mit den Fahnen salutiert wurde. Sodann begab er sich nach dem Zentrum der Linie, wo die Signalkanone stand. Hier wurden Feldstühle hingesetzt. Die kleinen Prinzen erhielten von einem Pagen, der zwei Schachteln in der Tasche trug, Butterschnitte, welche sie sich recht wohl schmecken ließen. Rach dem Frühstück machten die Regi­menter ihre Schwenkungen. Wenn zuletzt die Karrees ge­macht wurden, warken die Grenadiere hölzerne Granaten. '

58. Jahrgang.

den Plan unterbreitet, eine Bahn aus der Gegend des Baikal-Sees von der Großen sibirischen Bahn abzu­zweigen und geradewegs quer durch die Wüste Gobi nach Peking verlausen zu lassen. Dadurch wird eine erheb­lich kürzere und wirklich werwolle Verbindung zwischen Petersburg und Peking möglich gemacht. Da die beiden interessierten Staaten zu dem Ban bereit sind, so scheint die Bahn Baikal-See-Peking gesichert zu sein. Aus chinesischem Boden würde der Bau dieser Bahn technisch keinerlei Schwierigkeiten Hervorrufen, da die große Wüste Gobi, durch die der Schienenweg gehen wird, ein so gut wie voll­kommenes ebenes Land darstellt, und von Peking bis Kal- gan, der letzten größten Stadt vor dem Eintritt in dis Wüste, eine" Bahn feit Jahresfrist vorhanden ist. Diese Bahn Pekmg-Kalgan, das erste Glied der künftigen Bahn zum Baikal-See, verdient besonderes Interesse, weil sie die erste national-chinesische Bahn ist und dem Eisenbahnban die Sympathien der Chinesen erworben hat. Während nämlich bis vor weniger als zwei Jahrzehnten die Söhne des Himmlischen Reiches den Eisenbahnen ablehnend gegenüberstanden, möchten sie jetzt am liebsten alle in China neuzubauenden Bahnen selber Herstellen, und die europäischen und amerikanischen Nationen, deren Ange­hörigen früher Bahnkonzessionen erteilt wurden, ganz aus diesen Unternehmungen herausdrängen. Die glückliche Vollendung der 226 Kilometer langen Peking-Kalgan-Bahn, die ganz und gar mit chinesischem Gelde, chinesischem Material, von chinesischen Ingenieuren und chinesischen Arbeitern im Zeitraum von 4 Fahren erbaut wurde, hat die Chinesen mit hohem Stolz erfüllt und viel dazu beige­tragen, ihre Emanzipationsgelüste von fremden Industrien zu steigern. Nur an einer Stelle mußte man zu fremden Kräften Zuflucht nehmen: die Tunnels, welche die chinesischen Ingenieure im Chingan-Gebirge bauten, das von der Bahn durchschnitten werden mußte, stürzten immer wieder ein, und man sah sich genötigt, zur Vollendung dieser technischen Leistungen englische Ingenieure heranzuziehrn. Eine Fortführung der Bahn über Kalgan hinaus durch die Wüste nach Urga und weiterhin zur sibirischen Grenze nach Kjachta bietet keine Schwierigkeit und würde die Durch­querung der Wüste Gobi in noch nicht 40 Stunden gestatten, während der bisherige Karawanentransport nicht weniger als 40 bis 60 Tage dmierte, so würde die Bahn speziell für die chinesische Teeaussnhr von größter Wichtigkeit wer­den. Aus russischem Gebiet, auf dem nur ein verhältnis­mäßig kurzes Stück der neuen Bahn liegen würde, wären freilich mancherlei Hindernisse zu überwinden, aber dafür würde die neue Bahn alle andere^ russischen Bahnen jenseits des Baikal-Sees bald an wirtschaftlicher und allge­meiner Bedeutung übertreffen. Doch auch im inter­nationalen Verkehrsleben würde die neue Bahn, die dem Projekt nach schon Ende 1912 fertiggestellt sein soll, eine großartige Bedeutung erlangen. Es würde dann möglich sein, die gesamte Strecke von Paris bis Peking in nur 9%-, von Petersburg bis Peking in 7y 2 , Tagen zurückzulegen. Auch die Entfernung Berlin-Peking würde künftig auf 9685 Kilometer zusammenschmelzen und in nur 211 Stunden oder knapp 9 Tagen zurückgelegt werden können.

um die Kavallerie scheu zu machen, und das war dann für das Berlinische Publikum, besonders aber fiir die Jugend, ein herrliches Schauspiel. Beim Rückmarsch nach der Stadt hielt die Königin mit ihren Prinzessinnen am Tore und sahen zu, welches der König gern hatte. Der Marsch ging sodann nach dem Schlosse zu, um welches die gesamte Infanterie in Parade vorbeizog und der auch hier sich gegenwärtig befindenden Königin salutierte. Das ganze Schauspiel endigte abends gegen 5 Uhr, nachdem vorher die Parole ausgegeben worden, wozu sich sämtliche Offiziere beim Schlosse in der Gegend der Zimmer des Königs ver­sammelten, wo für sie Bänke zum Ausruhen hingesetzt waren."

Der König hatte gute Augen, nicht nur aus die Exer­zitien und die Gefechtsübungen achtete er genau, sondern auch auf alle Einzelheiten der Uniform, und mehrfach war es vorgekommen, daß er mit einer rasch herbeigeholtcn Schere höchsteigenhändig die Uniformen der Offiziere zu- rechfftutzte; an dem gehörigen Donnerwetter fehlte es dabei natürlich rricht! Auch damals schon zogen die Berliner an den Paradetagen in Hellen Scharen nach dem Tempelhofer Felde, und von weither kamen Fremde, um dem militäri­schen Schauspiel beizuwohncn, das eine besondere An­ziehungskraft ausübte, wenn das Riescnregiment ans Potsdam zugegen war. Alle Berufe waren in demselben vertreten Doktoren, Bauern, Kauflente, Gelehrte, Priester, Beamte nsw., jeden davon kannte der Monarch persönlich und für jeden interessierte er sich. So strenge Manneszucht er sonst hielt, seinenlangen Kerls" ließ er vieles durchgehen, und als einer derselben wegen Dieb­stahls von den Räten des Kammergerichts zum Tode ver­urteilt worden war, ließ er jene Richter einzeln zu sich kommen und prügelte sie weidlich durchvor den Tort, den sie ihm angetan".

Auch der alte Fritz hielt oft genug auf seinem treueil SchimmelConds" mitten auf dem Felde unter der ein­samen LiNde, die noch bis in das letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts hinein stattlich ihren Platz behauptet hatte, später durch einen jüngeren Baum ersetzt, unter dem ancS