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Nr. 412.
Wiesbaden, Montag, 5. September 1910.
58. Jahrgang.
KLemÄ-Ausgabe.
_1. Matt.
UoMfche Mersicht.
Mas ist es mit der KaMMimrg?
. kann schon heute sagen: Wenn der Reichskanz
ler _ reine stärkeren Beschwörungskünste als die bisherigen aufzubieten hat, dann ist es nichts mit der „Sammlung" der bürgerlichen Parteien zur Niederwerfung der Sozialdemokratie. Das Ziel selbst, das Herrn v. Bethmann-Hollweg vorschwebt, wird niemand Mißachtet wissen wollen, aber mit dieser Feststellung, oie >a selbstverständlich ist, weil etwas anderes Selbst- rnordgeluste bei de:: betreffenden Parteien bedeuten ^"vie. kommt man nicht Iveiter. Es würde den Konservativen wie dem Zentrum gut behagen, wenn die tioeralen Parteien die Sammlungspolitik so verstehen wollten, wie es die Führer im schwarz-blauen Block tun, nämlich als Unterwerfung der Liberalen unter die Zeitung jener Parteien. Nun wird ja der Reichskanzler selber weder erwarten nocki auch nur wollen, daß getanzt werden soll, wie der schwarz-blaue Block aufspielt, sondern der Verantwortliche Staatsmann Wird gewiß sehnlichst wünschen, daß namentlich die konservativen (auf das Zentrum hat er ja einen noch geringeren Einfluß als auf die Rechte) ein angemessenes Entgegenkommen zeigen, damit die Sammlungspolitik aufhöre, eine Phrase zu sein. Aber wie will Herr v. Bethmann-Hollweg es anstellen, seinen Wünschen auch nur den «chatten einer Wirklichkeit zu verleihen? Es rst ja alles bloße Redensart, bloße Proarammusik ohne -r crt. Tic Konservativen werden den Bund der Land- p((ske nicht an die Kette legen, das Zentrum wird nicht p.otzstch ferne Liebe für liberale Reichstagskandidaterr cairecken, die Regierung endlich wird ebensowenig laut und ob ne Rücksicht auf die Wirkung in den Gefilden des schwarz-blauen Blocks erklären, daß wir aus dem «umps nicht herauskonnen, wenn dem liberalen Ge- S" E seur Recht wirch wenn der Liberalismus nicht auf allen Gebieten des Staatslcbens wie auch d-r staatliw-gesellschaftlichen Geltung als gleichwertig, als ebenbürtig^ anerkannt und behandelt wird Auf der anderen «eite könnte doch nur ein, in ideologische ^raumerenm verstrickter Politiker ernstlich erwarten, L a p irgendein liberaler Mann, daß irgendwelche liberale Wählerschaft vergessen soll, was die Unvernunft der Konservativen im Sommer 1909 an Verderben und Zerrüttung über _ das Vaterland gebracht hat. Tie Gegensätze sind viel zu schroff geworden, als daß sie mit den Mittelchen einer überlebten innerpoli- nichcn Diploinatie verkleistern ließen, und wir fügen ^ k>as ein Glück und keineswegs ein Unglück mu ^ k>och endlich einmal reiner Lisch ge- zwischen rechts und links muß es zur v.nckcbeidu,ig kommen, und die Nöte der Regierung
Fe uillet on.
AamMerspiSle-
Es handelt sich trat ein sehr kühnes Un- ‘ff"' toeldjeg von kunsteisrigcn Mitgliedern der hicsi- f^ Iant 'st- Im Laufe des Monats Sep- " soll Ab-nd für Mono ini Saal des „Kasino" nächst v» wrMusikalischen Unterhaltung, zu -ch ^llyicoene hier beliebte Künstler und Künstlerinnen zugesagt haben, ein Melodram „Die Wrr'U ^E<ker zur Aufführung gelangen.
MuN- ni» en ganzen September hindurch für so viel nötiae Zuhörerschaft, für so viel „Blinde" das
Hoffen wir das Beste, lieber Leser, selben lwn den "ÄEnlifchen Vorträge betrifft, so waren die- Ungm LwUet. Tagen von vorzüglichem Ge-
die Herren Waller =¥ ; 1n31 Machten am Samstagabend (Zioline) und L SrlZ l 1 * * 1
kannte Namen - mit der Wiedergabe des^ von edlem Pathos getragenen stm von « I *. <m
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Schwung und warmer Hingab.c dabei in technisch virtuoser Ausarbeitung zu Gehör gebracht. Selten gesungene Lieder von TschaKowAy, welche Frau Rehköpf-Westen dorf mit ihrem eigentümlich dunlelgefärbten Alt-^raan in lebendiger Auffassung vortrug, fanden reichen Beifall"
^ Hier gleich noch der Musikbericht vom Sonnta nabend- Ferngostimmt erschienen die Gesangsvorträge unserer fw* f^Sw***« Maria Friedfcldt; namentlich mit leVcb- re. beschwingten Liedern, wie Rich. Strauß' „Ständchen"
sind nicht die unsrigen. Mag die Regierung sehen, wie sie zurechtkommt; die Aufgabe der liberalen Parteien kann es nicht sein, eine sentimentale Rettungspolitik zu treiben. Freilich wäre vieles anders, wenn Herr v. Bethmann-Hollweg nicht bloß erklären, sondern durch die Tat beweisen wollte, daß es ohne den liberalen Gedanken nicht geht und nicht gehen darf. Aber er sagt das nicht einmal, noch weniger zeigt er es durch Pläne und Absichten, und er kann es auch nicht sagen und nicht zeigen. Denn was würde alsdann vollends aus seiner Sammlungspolitik, wenn er sie ohne die Konservativen machen wollte? Indessen hat der Kanzler noch Zeit zur Überlegung. Wir werden in diesem Winter im Reichstag von ihm hören, welchen Kurs er einschlagen will. So gering die Erwartung ist, daß seine Auskünfte befriedigen werden, so soll man doch nichts verschwören. Vielleicht gebiert die Not der Stunde einen Entschluß.
Girr Zeichen dev Zeit.
Von der luxemburgischen Grenze schreibt uns ein Leser: Wenn „im Reiche" ein liberales Blatt gegen den schwarzen oder weißen Klerikalismus zu Felde zieht, dann wird es von der geistlichen Gegnerschaft alsbald als „Friedensstörer" gebrandmarkt, möglichst der Verleumdung und des schändlichsten Atheismus geziehen und die ecclesia miiitans scheut sich selten, als Waffe nach Steinen und Kot zu greifen, um den Gegner zu bewerfen, denn mit den rein geistigen Waffen ist es oft schlecht bestellt. Ter Teil der Presse, der „inodern" denkt und demzufolge nicht die Religion, aber die geistigen Bevormundungsbestrebungen des Priestertums und die kirchliche Herrschsucht.bekämpft, ist den Gegnern der leibhaftige Antichrist. Aber diese gesunden, modernen Regungen gehen doch weiter, als manche ahnen, und der „Antichrist", die'böse Presse, kann sogar kecklich sein Haupt in ureigensten, dunkelsten Gebieten der römischen Herrschaft, in der Nachbarschaft der vielgenannten geistlichen Eiferer Benzler und Korum erheben. ■ Bei einer Ferienrcise ins Luxemburgische wurde mir das jüngst staunend klar. Luxemburg ist stockkatholisch. Aus mehr als 200 000 Einwohner zählt es kaum 2000 Protestanten, Und trotzdem kann dort ein Sonntagsblatt, „Ter Volksbote", erscheinen, welches bei einer Auflage von etwa 4060 Exemplaren das Geschäft, den: Klerikalismus des Töpfchen aufzudecken, in der denkbar gründlichsten Weise besorgt. Nachstehend nur einige Überschriften der umfänglicheren Haupr- artikel in einer der letztmonatlichen Nummern: „Tic
päpstliche Enzyklika — ein Schauspiel für Götter", — „Angegriffene Keuschheit oder: Der Verführer im
schwarzen Rock", — „Tie Herrschsucht der Religion der Liebe" (3. Fortsetzung), — „Klerikaler Schulterrorismus ttt Belgien", — „Tie dekorierte Muttergottes", — „Tie zweite Medernacher Sittenaffäre", — „Die Dummen werden nicht alle", — „Zur päpstlichen Schimpfenzyklika", — „Klerikale Geburtshilfe", . — „Wieder eine klerikale Rüpelei". —- Diese Blutenlese läßt tief blicken. Aber das merkwürdigste ist. daß der
oder Mabiefss „Russischer Nachtigall", hatte diese elegante Sängerin einen vollen Erfolg. Von Herrn Kammermusiker Viktor bekam man unter anderen virtuosen Konzertstücken auch ein Violin-Capriccio des hierorts ansässigen Tonkünstlers Oskar Meyer zu hören: es ist in leicht gefälligem Stil geschrieben und wirkt« bei so glänzender Ausführung recht frisch und pikant, so daß dem Spieler ein rauschender Applaus nicht ausblieb.
Das Hauptinteresse konzentrierte sich natürlich aus den 2. Teil des Programms: Das schon oben erwähnte Melodrama „Die Blinde" von Waldemar Hecker, über den Autor hört man, daß er seines Zeichens ein begabter Bildhauer ist, sich aber auch in anderen Künsten — die feinere BretMunst nicht ausgeschlossen — mit Glück versucht hat. Etwas Neues hat er mit der „Blinden" nicht gerade geboten: die französische Pierrot-Pantomime „L’enfant
prodigue" („Der verloroneSohn"), vor einigen Jahren auch hier mit 'her Musik von E. Wormser ausgeführt, darf als Urbild gelten. Der denkbar einfachste Bühnenapparat: ein dunkclabgetönwr Hintergrund; rechts ein Rosenstock im weißen Kübel, links eine toäfte Bank. Zwei weiße Pierrots sind in Liebe zu einer weißen Pierrette entbrannt; ein auf die unergründliche Weißheit ebenfalls abgc- stimmier „alter Geck", der bei der Pi errette umsonst sein Glück versucht, weiß sich bald zu. trösten. Tragischer verläuft das Pierrot-Vcrhältnis. Pierrette ist — blind. Sie wird zuerst von dem „häßlichen Pierrot 2" geliebt. Da ruft der „schöne Pierrot 1" die Hilfe einer „Fee" an: diese verspricht ihn: Picrrettens Liebe, wenn e r dafür deren Blindheit auf sich nehmen wolle. Nichts gesagt — getan: die Blinde wird sehend und sinkt dem schönen, geblendeten Liebhaber Nr. 1 in die Arme. Der häßliche Liebhaber Nr. 2, in Wut über solche Untreue, sticht die arme Pierrette tot. Ende.
„Volksbote" , seine derbe Aufklärungsarbeit unbehindert fortsetzen kann» daß sein Redakteur nicht von fanatisier- len Massen gesteinigt wird, daß die Geistlichkeit zähneknirschend, aber ohnmächtig, zusehen muß, wie er inmitten der frommen Schäslein gedeiht und wächst. Ties läßt noch „tiefer blicken" und macht es verständlich» daß. trotz alles Geschreis die klerikalen Aktien auch tu so katholischen Ländern, wie Luxemburg, Belgien, Frankreich, Spanien und Italien, fortgesetzt sinken. Nur in manchen Gegenden im Reiche der „Denker und Dichter" scheinen sie noch Kurs zu halten. Aber wre lange noch?
Deutsches Kelch.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Das Kaiserpaal reiste heute früh nach Stolp. — Während der Feldmanöver vom 7. bis 10. September wird der Kaiser, welcher den 6. Oktober auf dem Fürstlich Dohnaschen Schlosse zu Prökelwitz verbringen wird, im Fürstlich Dohnaschen Schlöffe zu Schlobittcn Wohnung nehmen und mit ihm das Hauptguartier. Die Manöverleitung wird sich in Preußisch-Holland befinden. Die Gäste des Kaisers nehmen in Elbing Wohnung.
Wie die „Nordd. Allgem. Ztg." hört, wird die Kronprinzessin ihren Gemahl auf seiner Fahrt nach Ostasien bis nach Ceylon begleiten. Der Kronprinz wird dann die Reife über Indien, Siam, Tsingtau nach Peking und Tokio fort- setzcn. Für die Rückreise ist der Weg über Sibirien in Aussicht genommen.
Der Reichskanzler antwortete, wie die „Nordd, Allgem, Ztg." mitteilt, auf die ihm aus Bad Ischl zugegangenen Begrützungstelegramme des Grafen Aehrenthal und des Marchese di San Giuliano in herzlicher Weise.
Das Z a r e n p a a r besuchte gestern mit den vier Töchtern den Gottesdienst in der russischen Kirche in Bad Nauheim. Bcschof Wladinnr von Kronstadt und zwei Geistliche zelebrierten.
* Die englische Svndergesandtschast in Berlin. Die englische Sowdergefandtfchaft mit Lord Roberts ist Sonntagvormittag um 8,45 Uhr, von Wien kommend, in Berlin cingetrofsen. Sie wurde vom Generaladjutanten v. Löwenfeld empfangen. Auf dem Bahnsteig war eine Ehrenkompagnie der Gardefüsiliere mit Fahnen und Musik aufgestellt. Auch die Herren der englischen Botschaft waren anwesend. Die Sondergesandtschaft hat sich im Hotel Adlon als Gäste des Kaisers einquartiert. Um 12y z Uhr mittags empfing der Kaiser im Pfeilersaal des Königlichen Schlosses Lordl Roberts und die anderen Herren der englischen Sondergesandtschast zur Entgegennahme der Notifizierung der Thronbesteigung des Königs Georg von England. Lord Roberts und seine Begleitung wurden vom Hotel nach dem Schlosse'durch königliche Galawagen abgeholt. Roberts, geleitet vom Generaladjutanten und dem kommandierenden General v. Löwcnfeld, der zum Ehrendienst befohlen war, trug die englische Feldmarschalls- uniform mit dem Bande des Schwarzm Adlerordens. — Lord Roberts gab um iy 2 ; Uhr im Hotel ein Dejeuner, zu dem außer den Herren der Boffchaft geladen waren der Staatssekretär des Äußern, der Generaladjutant des Kaisers, General v. Löwenfeld, der Gouverneur von Berlin, General v. Kessel, und der Kommandant von Berlin, General v. Bochn, Um 3y 2 ; Uhr unternahm Lord Roberts eine Ausfahrt durch den Tiergarten und die Hauptstraßen Berlins rrnd kehrte um 5 Uhr ins Hotel zurück. — Abends fand zu Ehren Lord Roberts im Königlichen Schloß Tafel statt, zu der geladen waren der Reichskanzler, der Staats-
Diese Handlung wird in stummer Pantomimik vorgeführt; die begleitende Musik hat alles noch deutlicher zir illustrieren. An sich ist dies „melodramatische Gedicht" nicht ohm effektvolle Färbung; es wird von einem jeden abhün'gen, wie weit er sich mit den trübseligen Hauptmotiven der Handlung — Blindheit und Blendung — ab- finden mag. Als eine stilistische Entgleisung in der Anlage des Werkes erachte ich aber die Hineinbeztehung des gesungen e n Wortes: w«!s soll man von solchen Figuren denken, die — wie diese Winde Pitzrrette — vor' unserem Ang' und Ohr ein Lied anstimmen können, und dann doch, wo sie zu sprechen haben, wieder in stumme Gestikulation verfallen!
Hier streifen wir übrigens schon das Gebiet des Komponisten. ^ Herr Otto Eichrodt hat die Musik zu der „Blinden" geliefert: sie bekundet in einzelnen Wendungen ein ganz achtenswertes Talent; namentlich die in altitalieni- schem Geschmack geschriebene Kanzone ist recht ansprechend. Wie viel trefferrder aber eine solche Melodramenmusik charakterisieren kann und muß, das haben der schon erstgenannte E. Wormser oder auch A. Berney (in „Da Hain" — „Die Hand") hinreichend erwiesen.
Der orchestralen Ausführung werden übrigens künftig« Wiederholungen wostl jedenfalls noch mehr Feinheit und Klarheit verleihen; doch sei der gute Wille der Jnstrumcn- talisten und die tatkräftige Energie dos Dirigenten (Herrn E. Diene r) gern anerkannt.
Ans beträchtlicher Kunsthöhe hielt sich die pantomimische Darstellung. Herr Hecker als der schöne Pierrot 1 agierte mit viel Freiheit und Gewandtheit, chne irgendwie in aufdringliche Akrobatik zu verfallen. Durch Amnut und soelenvolle Einfachheit des Spiels wußte Fräulein Sie S t> Roche — als blinde Pierrette — ebenso für sich ein-
