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Nr. 409.
Wiesbaden, Samstag, 3. September 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
_1. Matt.
VoMlsche Mrrstcht.
Forttrttd«ngs schule rmd Soziatdemskratie.
Schulen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie ein- irichten oder bestehende Schulen für den Zweck verwenden ist immer eine mißliche Sache. Jede Belehrung, der ein bestimmter Nebenzweck untergelegt wird, reizt direkt zum Gegenteil. Übermaß in religiöser Bekehrung erzeugt Abneigung gegen die Religion; Übermaß von Patriotismus schadet leicht dem nationalen Empfinden, und der Kampf gegen die Sozialdemokratie versagt gerade bei denen, die es angeht, bei der sozialdemokratischen Jugend.
Von jeder guten Schule muß man aber verlangen, daß sie in nationalem und stgatserhaltendem Sinne wirkt. Pflege des nationalen Sinnes ist etwas anderes als Kampf gegen die eine bestimmte Partei. Jene ist positiv und dieser negativ. Was hat denn z. B. das Kultusministerium mit dem erreicht, was es durch die -Vorschriften vom Jahre 1890 erreichen wollte? Es versuchte, durch religiöse, geschichtliche und volkswirtschaft- ibnrgerkundliche Belehrungen die Jugend vor der S^ialdemokratie zu bewahren, ünd der Erfolg? Die Jugend, die nach 1890 den 'Schulen entwachsen ist, hat sich in viel größerem Maße der sozialdemokratischen Partei zugewandt als die frühere es getan hat.
Heute ruft man wieder nach Schulen, die den Kampf gegen die Umstürzler ausnehmen sollen. Allgemeine Fortbildungsschulen will man in jedem Orte des preußischen Staates haben. A 11 g e m e in soll der Unterricht sein, wie er in der Volksschule war. So stellte es wenigstens Gehennrat Kalle in seinem viel beachteten Aufsatz in der „Deutschen Revue" dar. Nachdem man acht Schuljahre hindurch die Jugend mit allgemeiner Bildung vor der Umsturzpartei bewahren wollte und es nicht erreicht hat, will man es nun mit den wenigen Stunden in der Fortbildungsschule mit denselben Mitteln versuchen! Ist man denn wirklich so blind, daß man nicht sehen kann, wohin das führen wird? Man kann allenfalls durch drakonische 'Schulgesetze bewirken, daß sich die Schüler aller aktiven Beteiligung am sozialdemokratischen Leben und Treiben fernhalten. Man wird aber nicht verhindern können, daß in den Fabriken und Werkstätten, auf den Bauhöfen und auf Spaziergängen kluge und vorsichtige Agitatoren die Jugend so beeinflussen, daß der größte Teil direkt von der Schule in die Partei abschwenkt. Man erleichtert den Agitatoren direkt die Arbeit, weil man ihnen den Schein der Rechte verschafft, wenn sie behaupten, daß die Schule doch als erste Ausgabe nicht
die wahrheitsgemäße Belehrung, sondMi die _ Bekämpfung und Unterdrückung aller sozialdemokratischen und freiheitlichen Regungen habe.
Wenn man einen Schluß aus den Erfolgen unserer Schularbeit in den letzten Jahren ziehen kann, so ist cs der, daß mit allgemeiner Bildung aus diesem Gebiet nichts getan ist. Dagegen verspricht die Arbeit der Fortbildungsschulen, die den Schüler bei seinem beruflichen Interesse packt, gute Früchte zu bringen. An die Fortbildungsschule in den Städten schließt sich die freie Vereinsarbeit an, die bereits einen recht ansehnlichen ümsang angenommen hat. Frei und ohne äußeren Zwang, wie Mensch zu Mensch versuchen die Erzieher die Jugend zu gewinnen, und es ist ihnen vielfach gelungen» würde ihnen noch besser gelingen, wenn nicht immer wieder über unzureichende Mittel geklagt werden müßte. Und ebenso folgerichtig legen die ländlichen Fortbildungsschulen immer mehr Gewicht darauf, den Heimatssinn und die Anhänglichkeit an der Schule zu fördern. In der Stadt hat man es eben mit bereits beeinflußten Elementen zu tun, aus dem Lande hat man dagegen mehr eine prophylaktische Tätigkeit zu üben. Wer das Leben ausmerksani beobachtet, sieht manche Ansätze, die Erfolg versprechen, so daß man wenigstens verlangen mutz, daß man die begonnene Arbeit in ruhiger Entwicklung läßt.
Das erscheint auf jeden Fall richtig, daß man den angehenden Staatsbürger bei seinem beruflichen Interesse packt, ihn über seine beruflichen Verhältnisse ausklärt. Alles allgemeine Reden und Belehren nützt nichts. Als Angehöriger eines bestimmten Berufs soll der Schüler später seine staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen. Klappt im Berns etwas nicht, so versagt er. Alle Unzufriedenheit, die nun doch die Quelle der Sozialdemokratie ist, hat ihren tiefsten Grund in der Unzufriedenheit mit irgendwelchen Erscheinungen im Berufsleben.
Der Weg, auf dem wir uns befinden, erscheint richtig. Man verlange Besserung in Einzelheiten, wenn man solche vorznschlagen weiß, verschone uns aber mit dem ewigen Zickzack, wenigstens mit der allgemeinen Bildung auf Gebieten, wo sie sich so unfruchtbar wie nur möglich gezeigt hat.
Eine nützliche Geimrevmrg an frühere Aussprüche des Kaisers
bringt die „Vostische Zeitung" in einem „Tie Auslegung" betitelten Leitartikel. Das Berliner liberale Blatt schreibt:
„Im Auslegen sei frisch und munter!" Wie eifrig und übereifrig sie diesen Rat befolgen, die guten Leute, die ihre Weisheit aus der Wilhelmstraße beziehen, und die fleißigen; Mundwalte des schwarz-blauen Blocks! Es soll unrecht, unschön und unfair sein, noch ferner aus der Königsberger Rede herauszulesen, was darin
steht, nachdem doch abschwächende Erläuterungen ergangen sind. Auch hat ja ein bibelfestes Blatt Vers soundso und Kapitel soundso beigebracht, um zu beweisen, daß alles ein Mißverständnis, ein unglückseliges Mißverständnis war. Aber was Wilhelm II. in Königsberg gesagt hat und hat sagen wollen, das erfährt man nicht aus nachträglichen ministeriellen oder offiziösen Kommentaren oder aus der heiligen Schrift oder aus der unheiligen Presse der heutigen Mehrheit, sondern sehr einfach, klar und beweiskräftig aus früheren Kundgebungen des Monarchen.
„Aus eigenem Recht" hat der Große Kurfürst sich zum Herzog in Preußen gemacht: wie einen „rocker de bron'ze" stabilierte Friedrich Wilhelm I. seine Autorität; „aus eigenem Recht" setzte sich Wilhelm I. die Krone aufs Haupt, betonend, daß sie ihm von Gottes Gnaden verliehen worden fei, nicht von Parlamenren, Volksversammlungen und Volksbeschlüssen: „als In
strument des Herrn mich betrachtend, ohne Rücksicht auf Tagesansichten und Meinungen gehe ich meinen Weg." Das alles steht in der Königsberger Rede und manches sonst, beispielsweise die Mahnung zum Gehorsam. Und nach den jetzigen Deutungen soll in alledem nichts liegen als ein demütiges Bekenntnis des Herrschers, daß er in Gottes Hand stehe, von Gottes Gnade abhängig sei wie jeder andere Sterbliche, wie der niedrigste unter den Menschen. Schade nur, daß zur Annahme dieser Deutung ein Glaube gehört, der Berge versetzen könnte.
Es ist etwas über zwanzig Jahre her, da hielt der Kaiser jene Rede, worin er erzählte, daß sein Großvater seine Stellung als eine ihm von Gott gesetzte Ausgabe betrachtet habe, die jetzt dem Enkel übcr- konunen sei: „Diejenigen, welche sich mir bei dieser
Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich." Ein paar Wochen später wurde Fürst Bismarck entlassen, und der Kaiser schrieb: „Es ist mir einmal von Gott bestimmt." Ein paar Monate später erklärte er, „daß wir Hohenzollern unsere Krone nur v o m Hi m m e I nehmen und die daraus ruhenden Pflichten dem Himmel gegenüber zu vertreten haben". Ende desselben Jahres stiftete'Wilhelm II. für den Konferenzsaal des Kultusministeriums sein Bild mit der eigenhändigen Unterschrift: Sic volo, sic jubeo! Also: so will ich und befehle ich! Am 21. Februar 1891 sprach er davon, daß der Geist des Ungehorsams ins Land schleiche, und forderte die brandenburgischcn Vasallen auf, ihrem Markgrafen zu folgen durch dick und dünn. Im Mai sagte er auf dem rheinischen Provinziallandtag: „Einer
ist Herr im Lande, und der bin ich: keinen anderen werde ich dulden." Am 21. August äußerte er zum Abgeordneten v. R a u ch h a u p t in Merseburg: Suprema lex regis voiuntas. Also: des Königs Wille ist das höchste Gesetz. Am 7. September trug er dasselbe Wort mit seinem Namenszug in das goldene Buch der Stadt München ein. Am 24. Februar 1892 richtete er an die
KemÄetorr.
(Nachdruck verbaten.)
Münchener Brief.
1. September.
Nicht mit Unrecht haben die Bayern und von diesen die Münchener noch besonders die Empfindung, als umschlöffen die blauweißen Grenzpfähle augenblicklich die größten Sehenswürdigkeiten der Welt, und noch dazu so absolut entgegengesetzte Dinge, wie das aus dem Mittel- alter stammende und sehr altertümlich wirkende Oberammerllaster Passionsspiel — und die erste regelmäßige Postluft- scylsfahrt. Fast täglich bei den schönen, windstillen Hoch- ionnncrtagen, die uns endlich — mit wenig Unterbrechungen, ll-bN fft in diesem Sommer ja nichts! — beschieden worden sind, fahrt der Parseval eine Schar Glücklicher spazieren, wendet, steigt und senkt sich, wie es ihm gutdünkt, und strcgt dort oben so sicher und selbstverständlich im Äther herum, als wäre diese neue Post schon seit undenklichen Zeiten m Betrieb. Zufällig wohnte ich dem ersten Aufstieg dreser Pa>saglerfahrten am Sonntag, den 14. August, bei, ebenso der glücklichen Landung. Der Jubel der in und vor der mächtigen Ballonhalle versammelten Menschheit wurde Lbertönt von der brausenden Begeisterung der Unzähligen, die auf Dächern, Zäunen, Eisenbahnwaggons und Bäumen Posto gefaßt hatten? und eben so allgemein war beim Landen die Hilfsbereitschaft aller und der Stolz, wenn man wirklich ein Tau erreicht hatte und „mitziehen" koiinte. Es ist ein köstlich Ding um die reine Freude der Gemeinsamkeit über eine Errungenschaft des Geistes. Jeder schien so stolz, als hätte er doch eine ganz kleine Schraube zur Besiegung der Lust miterfunden. Jemand sagte lachend, als ein paar Automobile heransausten: „Gott, diese altmodischen Fahrzeuge" — viel anders muteten sie bei ihrer Schwerfälligkeit neben dem so leicht wirkenden Luftschiff auch nicht am,
Ja, wir sind modern: Wir haben sogar schon ein Dienstmädchen, das „raubmordet" und so raffiniert ist, daß weder Polizei noch Detektivs dieses Geschöpfes, über das es genaueste Steckbriefe gibt, da sie unter verschiedenen simplen Namen bei zahlreichen Herrschaften zu kurzen Gastrollen mit Diebstahl eintrat und außerdem — man staune! — baldigem glücklichen Familienzuwachs entgegensieht, «habhaft werden noch eine Spur von ihr und ihren Helfershelfern entdecken können. Man kennt ihre ganze Kleidung bis ins Innerste, die Möglichkeit ihrer Schürzen- sarben und -besähe — sie selbst trotzt jeder noch so findigen Polizeinase. — Münchens Vertrauen in seine Beschützer, das im vorigen Jahr schon wankte und sich erst langsam wieder kräftigte, als endlich nach wochenlangem Suchen deix „Erpresser", der die ganze Bevölkerung, laut Presse beunruhigte, gefangen wurde, ist wieder ernstlich aus dem Gleichgewicht gebracht. „Wozu san's denn da, de Schutzleut?" Wer das so schnell beantworten könnte! Vorläufig haben sie immer noch genug zu tun, die Einheimischen zu ermahnen, auf der Straße rechts auszübiegen, eine Regel, die in anderen Städten doch ziemlich gebräuchlich, in München so gut wie unbekannt ist. Die Fußgänger hier, reich und arm, alt und jung, haben eine überraschende Manier, direkt auf den Entgegenkommenden loszusteuern, alle Bewegungen dieses Unglücklichen nüchzuahmen und sich schließlich sehr unsanft und mit einem mehr oder minder deutlichen Wort für die Ungeschicklichkeit des anderen — an dessen rechten Arm vorbeizuschieben. Daß sich die Münchener beim Erklettern eines elektrischen oder Eisenbahnwagens im Gedränge nicht besser benehmen als andere Großstädter, ist Tatsache; weshalb sollten sie auch — ? Aber einen Eilzug dadurch zum Stehen zu veranlassen, daß sich Hunderte einfach aus die Schienen stellen und dann ohne gültige Billetts die Wagen stürmen, wie es vor kurzem in einem Vorort geschehen ist, das ist denn doch ein Stück, das der bayerischen, „angeborenen" Kultur Vorbehalten worden ist.
Sstrd die Stadtväter also in mancher Hinsicht mit
ihren Kindern unzufrieden, so sind es diese nicht minder mit dieser von Gott eingesetzten Vormundschaft. Was ist das Ergebnis der am letzten Samstag einberufenen Konferenz über die Fleischteuerung? Daß man liest, das „Ochsenfleisch", die Hauptnahrung des Eingeborenen, würde vom 1. September ab noch teuerer! Das vorgeschlageue Hilfsmittel, die Einfuhr österreichischen Viehs zu gestatten und zu erleichtern: „dös is zum Lachen!" Denn jedermann weiß, daß die Hausstauen Österreichs dieselbe Kalamität zwischen Fleischpreisen und Wirtschaftsgeld auszustehen haben. Auch die Milch soll vorn 1. Oktober ab teurer werden — Gemüse, Kartoffeln und Kolonialwaren sind schon bald unerschwinglich —, also wie soll's enden?! Um die Münchener nun nicht zu unvernünftigen Ausgaben zu verleiten, sind wohl die Thcaterbilletts so teuer. Für den „Ring", der jetzt dreimal im Prinzregenten- Theater gegeben wurde, kostet das Billett für jeden Platz pro Vorstellung 20 M., das sind 80 M. für die vier Aufführungen, wozu noch 8 M. fiir die Lustbarkeitssteuer kommen. Auch die „Billetten", wie's hier heißt, für das „Künstler-Theater", in dem Reinhardt mit seiner Truppe gastiert, sind nicht billig, und sollte man gar noch Absichten auf die Mozartfestspiele im Residenz-Theater oder auf die Beethoven-Brahms-Bruckner-Konzerte in der großen Musik- Halle der Ausstellung haben, so muß man sich das Essen überhaupt abgewöhnen. Denn Satteffen — und Kunstgenüsse — „dös gibt's fei net!"
Trotzdem, so unlogisch ist man hier bei Vergnügungsstagen, war man enttäuscht, daß mau stadtväterlichersetts nicht eingewilligt hat, die Polizeistunde für das bevor, stehende Oktobcrfest — das so heißt, weil's im September beginnt — von v Uhr bis aus 10 Uhr zu verlängern. Denn diesmal gibt's eine ungeheure Gaudi draußen auf der Theresienwies'; man feiert das hundertjährige Jubiläum dieses großen, allgemein beliebten Volksfestes! Wunderbares wird geplant und dem ständigen Programm hinzu- geftigt? und der Münchener ist überzeugt, daß er für dies« 14 Tag' sein Geld haben wird und muß. Und naMer.
