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Nr. 407. Wiesbaden, Freitag, 2 . September 1910.

28. Jahrgang.

Morgen-Ausgabe.

1. ZZkcrtt. __

Durchsichtige Malsisprlmlalmn.

Ein häßlicher Anblick ist es zu sehen, wie jetzt die gesamte schwarz-blaue Reaktion die Kaiserreden sür ihre Zwecke auszubeuten und die Person des Kaisers in den Bann ihrer parteipolitischen Bestre­bungen zu ziehen bemüht ist. Man wittert die Katastrophe bei den nächsten Wahlen und will sich nun schnell, um die Massen der monarchisch gesinnten Deutschen einzufangen, als die allein echte und wahre Kaiserpartei" etablieren. Ter Liberalismus soll alsunkaiserlich" in den Topf der Verdammnis geworfen werden. Man treibt Wahlspekulation und nracht sich darum lieb Kind nach oben. Ter stürmische Schrei nachZurückhaltung", der vor knapp zwei Jahren durch die Lande und durch alle Parteien hallte, der in der bekannten offiziellen Erklärung der Konser­vativen ebenso zum Ausdruck kam wie in den Reden der Heydeürand, Hertling und Liebermann v. Sonnen­berg, er ist mst einem Male verstummt. Man istbe­geistert", daß der Kaiser gesprochen und sein thev- sophisch-staatsrechtliches Programni entwickelt hat, und man hat die Sorge vergessen, daß der Kaiser durch seine temperamentvollen Reden die Maßnahmen der Regie­rung erschweren und eine Flut von Äußerungen Her­vorrufen könne, die dem Ansehen der Krone nicht dien­lich sein dürften. Tie Konservativen und die Zen­trumsblätter stehen jetzt im vollendeten Gegen- satz zu 1908 so, daß sie die privaten Äußerungen des Kaisers zur politischen Lage für das selbstverständlichste Recht desselben halten; und Herr Erzberger wendet eine Fülle von Sophismus und kleiner Bosheit gegen­über dem Fürsten Bülow auf, um den Beweis zu er- bringcn, daß der Kaiser vollkommen auf r i ch t i ge n Wegen wandelt.

So wird der Kaiser als Vorspann für die Pläne der koalierten; Rechtsparteien benutzt. Gerade vom monarchischen Standpunkt aus ist dieses Verfahren aufs tiefste zu b e k l ag e n. Der Kaiser wird wieder in den Mittelpunkt scharfer und naturgemäß oft abfälliger Erörterungen geschoben, denen sich Herrscher anderer Staaten zum Vorteil für ihre Stellung und ihre Volkstümlichkeit geschickt durch Vermeidung von Redeaktionen größeren Stils zu entziehen wissen. Wer ein wahrer Monarchist ist und das Ansehen der Krone ehrlich stützen und fördern will, der muß auch jetzt an dem Wunsch festhalten, der 1908 einhellig durchs ganze Land ging: Zurückhaltung, keine Reden!

»

Nachklänge.

Zu den Kaiserreden in Königsberg und Marien­burg nimmt fetzt nach langem Schweigen dieKonserv. Korresp." Stellung in einer Erklärung, die in zwei

Feuilleton.

Die Einweihung des Uesrdsn^Theaters.

Die Einweihung des neuen Hauses gestaltete sich zu einem wahrem Triumph. So herzlich der Abschied vom alten Hause war, so herzlich wurde Dt. R a u ch gestern in dem neuen Theater gefeiert.

Pünktlich um 12 Uhr fanden sich die Gäste ein und gin­gen an einem Blumenhain vorbei Spenden von Freun­den und Verehrern ihren Plätzen zu. Lauter frohe, er­wartungsvolle Gesichter in dem festlich erleuchteten Hans. Ein Nicken und Grüßen. Bekannte Gesichter, alte Stammgäste, bi« sich hier in den neuen Räumen schnell heimisch fühlten. Mit feinem Takt hat Dr. Rauch es ver­standen, feine zahlreichen Gäste von hier und auswärts zu placieren. Es mag viel Kopfzerbrechen gekostet haben, viele Erwägungen.

Nach Beethovens OuvertüreWeihe des Hauses" erhob sich der Vorhang und Dr. Rauch trat vor, um in warm- empfundenen, gedankenreichen Worten feine Gäste zu be­grüßen und seinen Dank den Behörden urt&' dem Erbauer ausznfprechen. Er knüpfte daran die Bitte, die Anwesenden mochten ihm die langgswährte Treue auch im neuen Haufe bewahren.

Und als die Begeisterung sich gelegt hatte, antwortete ihm Herr Beigeordneter Körner, der im Namen der Stabt Wiesbaden dem Unternehmer und dem Unternehmen Glück wünschte. Ein hübsch erdachtesWeihespiel" von Wilhelm C l o b e s, das den Einzug in das neue Haus in lebendigen farbenfrohen Bildern symbolisch darstellte, bildete den Schluß des ersten Teils der Matinee.

Die darauffolgende längere Pause gab willkommene Gelegenheit, die eben empfangenen Eindrücke aus-n-

Punkten bemerkenswert ist. Das offizielle Partei­organ der Konservativen versichert:Wir freuen uns. in unserer Auffassung über die Königsberger Rede durchaus mit den Ansichten des leitenden Staats­mannes und der Statsregierung übereinzustimmem" Zu der vertretenen Auffassung, daß der Königsberger Trinkspruch beeinflußt worden ist durch das Milieu, in dem der Monarch sich in Ostpreußen bewegte, als spiegelten die Worte unmittelbare Einwirkungen der Stunde wider, scheint sich auch dieKonservative Korresp." zu bekennen, wenn sie hervorhebt, daß die Worte des Kaisers beurteilt worden sindunter Außer­achtlassung der näheren lokalen Umstände, unter denen die' Rede gehalten wurde." Diese Darstellung läßt darauf schließen, daß der Kaiser in Königsberg in Abwesenheit des verantwortlichen Ratgebers durch un­verantwortliche Ratgeber beeinflußt worden ist. Das ist bedauerlich.

*

TieRation al-Zeitrmg": Es ist nicht das erstemal, daß ein preußischer Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler rm Zeitalter Wilhelms II. durch eine nachträgliche Auslegung kaiserlicher Worte sich ge­drängt sieht, einen mächtigen sturm zu beschwören, den sie daheim und im Auslande entfesselt haben. Es gibt keine überzeugendere Widerlegung der von Kaiser Wilhelm in Königsberg bekundeten Auffassung, der Herrscher könne itttbekümmert um die öffent­liche Mein u n g seinen Weg gehen, als die Tatsache, daß schon drei Tage darauf sein verantwortlicher Rat­geber genötigt ist, sich mit den tiefen Wirkungen dieser Macht auseinanderzusetzen.

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Der Eindruck in Bayern.

Zur Königsberger Kaiserrede wird derBad. Presse" in Karlsruhe vonh o ch st e h e n d e r bayeri­scher Seile" geschrieben: Die Königsberger Kaiser- rede hat am Münchener Hoi und auch in der bayerischen Regierung tiefste Bewegung und einie große Enttäusch u n g hervorgerufen. Im November 1908 gehörte Bayern mit zu den Führern der starkenOpposi- tion im Bund es rat gegen das persönliche Regiment Kaiser Wilhelms II. Fürst Bülow brachte diese Oppo­sition, der übrigens auch die beiden anderen König­reiche angebortcn, in geschickter Weise durch die ihm ge­gebene bekannte Erklärung, betr. die Wahrung des Verfass,mgsrcchts, zum baldigen Stillstand, was ihm in München neck: heute als größtes Verdienst seiner Kanzlerschaft angerechnet wird. Die Prinzen des königlichen Hauses in München haben sich da­mals in der Münchener Gesellschaft in ä u ß e r st scharfer Weise gegen Berlin ausgesprochen, ihre Äußerungen blieben damals ohne Dementi und deshalb lange Zeit Gesprächsstoff in der bayerischen Hauptstadt. Es ist auch Tatsache, daß Württemberg im No­vember 1908 erklären ließ, in der persönlichen Politik eine Gefährdung der Reichsinteressen erblicken zu müssen, und daß Bayern noch weiter ging, indem cs

tauschen. Ein ohrenbetäubender Lärm von Hunderten von Menschenstimmen.

Der zweite Teil begann mit dem Krönungsmarsch ans der OperDie Folkunger" von Kreisch mar, dem als Schluß des Ganzen der bekannte graziöse EinakterFrüh­ling im Winter" von Ludwig Fulda folgte.

So wäre denn das neue Haus geweiht und dem Publi­kum übergeben, welches es Dr. Rauch nur danken kann, daß er der Schauspielkunst ein so schönes und festliches Heim bereitete. B. F.

UrWelMschkiMM im Kepternder 1910,

Der Sommer geht diesmal am 23. September um 11 Uhr abends zu Ende; kalendermäßig geschieht dies mit dem Übertritt der Sonne ans dem Zeichen derJungfrau" in das derWage". An diesem Zeitpunkt durchschreitet die S onn e in ihrer scheinbaren Jahresbahn den Äquator von Norden nach Süden, an: 23. September sind daher Tag und Nacht überall gleich lang, und der Herbst beginnt auf der nördlichen Hemisphäre. Die nördliche Deklination der ©amte verwandelt sich dabei in südliche; am 1. Septem­ber ist ihre Deklination noch + 8° 31' 49."1, am 23. Sep­tember ist sie 0° und am 39. September 2° 32' 38."0. Ihre M itta gs h ö he nimmt dementsprechend ab für den Parallel von 54° von 4414 aus 3314 Grade, für den Parallel von 51° von 4714 auf 3614 Grade und für den Parallel von 48° von 5014; ans 3914 Grade. Daraus ergibt sich wieder die Verringerung der Tageslänge, die sich in Rord- nnd Mitteldeutschland von 13 % auf 11 % Stunden und in Süddcntschland, Nordösterreich und der Schweiz von 13% auf 11% Stunden verkleinert.

Der Mond zeigt im September folgenden Phasen- wccksel: Neumond am 3.. um 7 Uhr 6 Min. nachm., Erstes Viertel am 11* .um 8 Uhr 11 Mn. pachm., Doll m ono am

von den: Kanzler verlangte, die Nichtfortsetzung der persönlichen Staatshandlungen Wilhelms II. zu garan­tieren. Diese Garantie hat Fürst Bülow ^ tatsächlich auf Grund der kaiserlichen Verfassungserklärung für seine Kanzlerschaft gegeben. Infolgedessen ^berührt dre Königsberger Kaiserrede die leitenden stellen m München ohne jede Übertreibung wie ein D o n n c r s ch I a g. Es ist vorauszuschen, daß sre Bayern erneut zu einer Aktion im Bundesrat Veran­lassung gibt.

Schwierigkeiten bei der Veröffentlichung.

Die Rede sollte übrigens, wenn dieMünch. Ug." richtig informiert ist, gekürzt werden. Der Text der Rede war. wie das Blatt erfährt, am Frertag- niorgen in der Reichskanzlei eingetroffen. . Der Kanzler erhielt eine Reinschrift, worauf die Regierung beim Wölfischen Bureau" anfragte, ob noch eine Kürzung nr ö g l i ch sei. Aber es war zu s p ä t, da die Koni gs- b e r g e r Filiale die Rede bereits vollständig tu der Nacht von Donnerstag auf Freitag an die ostdeut­schen Blätter weitergegeben hatte. Da eine amtliche Korrektur nicht mehr möglich war, so wurde von der Reichskanzlei sofort eine offiziöse I n s o r m a- t i o n an dieKölnische Zeitung" gegeben als Vor­läufer des Kommentars derNorddeutschen". Die In­formation derMünchener Zeitung" schließt damit, daß noch besondere Überraschungen zu erwarten sind. Es wurde seinerzeit bereits darauf aufmerksam gc- macfit, daß die Rede in den Königsberger Blattern schon am Freitagmorgen veröffentlicht worden ist und keinerlei Abweichungen von dem offiziellen Text ent­hielt, der den Berliner Blättern erst int Lause des Freitagsvormittags zugestellt wurde. Wir hatten daraus geschlossen, daß die Rede unzensuriert der Öffentlichkeit übergeben worden ist.

UoMikche Übersicht.

Gr« r«1eresski«ter pverey.

Der bekannte Antisemit Theodor Fritsch, der Ver­leger der Liebermannschen Blätter, hat eine Anklage wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschast erhalten. Unter anderem hat er eine sehr bedenkliche Äußerung über Jahve getan. Er will nun, wie anti­semitische Blätter melden, den Beweis führen, daß Jahve nicht mit dem christlichen Gott identisch rst. Die Frage ist religionswistenschastlich nicht uninteressant. Die christliche Orthodoxie behauptet diese Identität. Sie sagt, daß Gott sich den ersten Menschen persönlrch offenbart habe, und daß diese ursprüngliche Offen­barung allein vom jüdischen Volk treu bewahrt worden sei. Die Religionsgeschichte läßt jedoch, keinen Zweifel darüber, daß von einem ursprünglichen Monotheismus der Juden nicht die Rede sein kann, daß Jahve viel­mehr später aus einem Natur- und Stammesgott

19., um 5 Uhr 52 Min. vorm., und Letztes Viertel am 25,. um 9 Uhr 54 Min, nachm. Seine Erdferne erreicht der Mond am 9. September, um 3 Uhr nachmittags, bei einem Abstand von 63.47 Erd,Halbmessern! und seine Erdnähe an: 21. September, um 11 Uhr vormittags, bei einem Abstand von 56.94 Erdhalbmessern a 6378 Kilometer.

Mit der Planetenbeobachtturg ist es im September ziemlich schlecht bestellt, gut sichtbar sind, wie im voran­gehenden Monat, nur Venus und Saturn. Der sonnennE Merkur bleibt dem unbewaffneten Auge verborgen, da er am 26. September, um 9 Uhr vorm., in untere Sonncu- konjunktion gelangt, also zwischen Sonne und Erde steht. Venus strahlt als Morgenstern am östlichen Himmel; sie wandert im Sternbild desLöwen" weiter und ist an­fänglich 114, zuletzt nur noch % Stunden sichtbar. Am 17., um 6 Uhr früh, steht sie in Sonnennähe. Da sich der Erd- a&ftienfo' des Planeten von 1.55 aus 1.64 Erdbahnhalbmesser a 149.48 Millionen Kilometer vergrößert, nimmt der schein­bare Durchmesser seiner Scheibe von 10."9 auf 10."2 ab. Am 1. September, um 9 Uhr abends, hat der Mond mit Venus Konjunktion, wobei der Mond etwa 4° nördlich von Venns steht; am Morgen des 2. September ist die zarte abneh­mende Mondsichel schon ein Stück nach Osten (links) zu vom Morgenstern fortgerückt. Eine interessantere Konjunktion bietet uns die Venus anl 11. September, an dem sie sich um 11 Uhr vormittags dem Fixstern 1. Größe Regulus im Löwen" nördlich bis auf 40' nähert. Am Hellen Tage sind natürlich beide Gestirne unsichtbar; Venus schreitet aber langsam genug fort, ist deshalb schon am Morgen dessel­ben Tages fast ebenso nahe an den Fixstern herangerückt, ja sie bildet überhaupt mehrere Tage lang vorher und nach­her mit diesem eine sehenswerte Stellung. Wegen der Dämmerungshelle bedient man sich zur Beobachtung am besten eines Opernglases. Unser äußerster Nachbar, der At a r s, ist nicht zu sehen, dem, er hat am 27. .Sepreuwer.