Witsba-km Sagblatt
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Nr. 405.
Wiesbaden, Donnerstag, 1. September 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
_ l. Matt.
Iüv öen Monat September:
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1» den Ausgabestellen der Ktadt nnd Nachbarorts, und dri sämtliche» deutschen Rrichspo Kan galten.
Der Kaiser und das Zentrum.
Im Zentrumslager wittert man Morgenluft. Die Gelegenheit scheint günstig, sich nach oben hin zu empfehlen, und so wird sie reichlich benutzt. Hchon die Königsbcrger Rede versetzt manche klerikalen Blätter in einen Rausch des Entzückens. Besonders war es die „Köln. Volkszeitung", das leitende Blatt der Partei, die die Ansichten des Kaisers für echt christIi ch, echt konservativ, monarchisch, lnilitärfreudig erklärte. Ob der Kaiser die freundlich dargebotene Hand annimmt, oder ob er die Absicht merkt und verstimmt wird, das wird sich noch zu zeigen haben. Aber wie stehen die „Jungtiirken" in der Partei, die Männer von der demokratischen Bewegung, zu den Manövern der „Köln. Volkszeitung", denen sich auch die „Germania" und andere Blätter anschließen, die man in ihrer Gesamtheit als Organe der katholischen Bourgeoisie bezeichnen kann? Auch das wird abzuwarten sein, nian wird jedoch mit der Möglichkeit rechnen können, daß diese „jungtürkische" Gruppe immer weiter in die Oppositionslinie vorrückt. Gleichwohl wird die „Köln. Volkszeitung" auf Sympathien auch des linken Flügels ihrer Partei rechnen dürfen, wenn sie vom Leder zieht gegen „die Tagesmeinung, die heute mit Professor Drews die Existenz Jesu leugnet und morgen mit Harnack behauptet, daß er wie ein Gott geehrt werden müsse, obschon er doch nur ein Mensch gewesen sei; die Tagesmeinung, die heute dem Bülow-Block nationale Altäre errichtet und ihm morgen das Epitaphium errichtet: Hier liegt der Hund begraben." Indem die „Köln. Volkszeitung" die Geringschätzung der Tagesmeinung durch den Kaiser in diesem Sinne interpretiert, erweist sie sich zugleich als geschickte Schmeichlerin. Genug, es ist Anlaß in Fülle vorhanden, dem Zentrum scharf auf die Finger zu sehen. Das Zentrum erkennt die Möglichkeit, sich mit den Konservativen auf einem Terrain znsammenzu- finden, auf dem sich unter Umständen politische Geschäfte machen lassen können. Und das wird erst
FemüeLon.
'Nachdruck verbalen.)
Dalmatinische Tage.
Impressionen von Felix Poppenberg.
III. (Schluß.)
Korfu. Echt orientalische Ausbootung mit chaotischem Getümmel, wüstem Geschrei, seeräubevhaffom Andrängen sämtlicher Hasenschmarotzer. Und schließlich gliedert sich alles ganz ordentlich und der Kommissionär, des Hotels „Angleterre" dringt tat hochauf mit Koffern beladenen Boot seine Klienten ans Land, über den Hafenplatz, wo Hellenen im Weißen, starrfaltigen Ballettrock, der Fustanella, stolzieren, durch den Zoll und die Basargaffen hinauf, in das schöngelegene, kühle, gepflegte Haus.
Ich kann mich für Korfu nicht begeistern, und die Phäaken- wie die TotemnseliTustonen scheinen mir konventionelles Gerede. Das Achilleion, zu dem man auf heißen, kalkstan'bigen Wegen fährt, — es kommen mit Btagenfahrten in Betracht, gehen wäre hier eine Strafe, übrigens sind Wagens Pferde und Kutscher Mt —, das AMlleion ist ein recht mäßiges Geschmacksgehäuse, ein großer, gelber, öder Kasten, dabei innen von beschränkter unpraktisch^ Räumlichkeit. Das Treppenhaus ist überladen pompejanisch ausgemalt, in einem Zimmer erschrecken an den Wänden im Halbrelief angeklebte Putten. Eine äußerliche Alane, unsolide, gipstge Dekoriererei beherrscht das Ganze. Schöner ist der Terrassengarten mit Palmen. Rosen, MarnwrrustdeLs, Lanbengängen, der sich mit üppigen BlumEöhängen zur Meeresküste senkt.
Dvch; er ist nur ein verniedlichtes Salonstück gegen den großen/wildwüchsigen Park der Villa Reale, der wahrhaft di« SsiminnnZ heiligen Hains ustd ehrwürdig tiefen Gölter-
recht deutlich werden, wenn die klugen gentrumsführer und ihre Blätter die Marienburger Rede gehörig in sich ausgenommen und die Möglichkeiten erkannt haben werden, die sich bei geschickter Benutzung sür eine Kooperation verwenden lassen könnten, sogar mit dem Reichskanzler, gebotenenfalls aber auch gegen ihn. Seit einigen Tagen ist die Rede von einer „Sammlung der nationalen Parteien" zur Bekämpfung des Umsturzes. Eine solche Sammlung wäre aber ohne das Zentrum nur unvollkommen, und wofern der Reichskanzler wirklich in dieser Zusammenfassung bürgerlicher Parteien das Heil erblickt und die einzige Möglichkeit», die Sozialdemokratie einzudämmen, muß das Zentrum natürlich dabei sein. Zwar wurde die Behauptung, daß im Augustinerverein zu Augsburg bereits eure Art Feldzugsplan beraten worden sei, von Zentrumsblättern bestritten, aber das beweist nicht, daß die Nachricht falsch gewesen sein muß. Wenn nicht gerade in der mitgeteilten Form, so in einer anderen wird schon etwas daran lein. Hier kommt es ja nicht darauf an, zunächst wenigstens nicht, dieAussichten dieser nebelhaften Pläne zu bewerten, sondern man möchte einstweilen nur wissen, ob das Zentrum dabei zu sein wünscht, und du kann man ruhig sagen: es wird das wünschen. Warum auch nicht? Das Zentrum hat viel zu geben, uitd eine Regierung, die so wie die fetzige das Kennzeichen ratloser Schwäche ans der Stirn trägt, muß am Ende zugreifen, wenn sie sich auch noch so sehr sträuben möchte. Die Erörterungen über die Kaiserreden, die kritischen Glossen, die zu machen sind, sie dürfen und können nicht unterlassen werden, aber wir sind uns schon heute klar darüber und wollen das ganz offen aussprechen, daß den taktischen Vorteil davon der s ch w a r z b l a u e Block haben wird. Cs kann auch gewiß anders sein. Ter Kaiser hat ja Stellung genommen, das ist eine Tatsache, um die wir nicht herumkommen, er hat eure Parole ausgcgeben, zu der wir Liberalen uns beim besten Willen nicht so verhalten können, wie es die Konservativen und das Zentrum tun. Vielleicht hat sich Herr v. Bethmann-Hollweg die Sache noch etwas anders gedacht, nämlich mit einein halbwegs liberalen Einschlag, aber wenn der nicht zu haben sein sollte, dann wird er sich schließlich Wohl auch in das Unvermeidliche fügen. Tiefe Situation, braucht uns natürlich nicht zu schrecken, nur seststellen möchten wir, ivas ist. Das Weitere wird sich dann ja finden.
DeEches Deich.
* Tie sofortige Einberufung des Reichstags wird aus Anlaß der Kaiserrede vom „Vorwärts" verlangt. Das sozialdemokratische Zentralorgan ist erstaunt, daß der Liberalismus sich dieser Forderung nicht anschließt und erwartet, daß dies noch geschehe. Wenn er diese
Waldes gibt. Gerhart Hauptmann hat im „Griechischen Frühling"*) vollemipfäng'lich sein Geisterweben gefühlt und gebannt.
Gar sticht schön, enttäuschend ist der Frauentypus. Was man hier sieht, abends ans der Esplanade beim Bum- melkorso an den Säulengängen der trüben Casts vorbei, hat häufig etwas NegerhafteS, gelbbraun mit flachen Äffinnen- nasen.
Ustd überhaupt . . . Wir saßen also, eine kleine Gesellschaft Zufallsbekannte vom „Byoni", in der Trattoria, und tranken athenienstsches, Pilsener gegen den fatalen Kalkstaubduvst. Das echte ist nämlich durch dm Gewalt- streich eines phantastisch hohen Zwangzolls von der Insel verbannt; ein ähnlicher Gewaltstreich hat übrigens durch Zwamgskurs für dieses glückliche Gefilde den zerflederten Zwanzigdrachmenschein der bankerotten griechischen Finanzen dem Gold-Napoleon glcichgesctzt, was beim Wechseln viel Vergnügen macht.
Wir saßen also und tranken; es ward später, und wir merkten, daß ein schiefer Bursche mit einem bübischen Galgenvogelgesicht, lauernd umherstreichend, zu uns blickt. Er vermehrt sich zusehends, nun sind es schon drei. Und als wir hemuskommen, hängen sie sich an uns. Wir MW^lsen behende, sie wollen uns das Liebesleben in Korfu WMn. Der Forscher darf vor nichts erschrecken, avanti . . .
Ober Holperpflaster, im Halbdunkel in ein Viertel verfallener Häuser, eine steile, dumpfe Stiege hinauf, ein versäht« gartiger Raum Mit zerspaltenen Wänden und hängenden Tapetensetzen; in gualmcnder Lampe Schein eine höllische Trias: zwei Affenweiber, eines ohne Zähne, knochenschlotternd, das andere einäugig. Die dritte, eine alte Lemcure, die Padrona dieses „Freudenhauses", gelb rum lig. ein pergamentner Kadaver. Und dieses Wesen hieß Aspasia . . .. Aspasia, oh. l-a la, <iöa^8s en exil. Dann waren wohl die anderen Helena ustd Phrhue!
*) Berlin, S. Fischer.
, Forderung sechsmal wiederholt hat, wird er aus agitatorischen Gründen über den Liberalismus herfallen und seinen gläubigen Lesern erzählen, die ganze Aktion sei von vornherein nicht ernsthaft gewesen, _ denn dev waschlappige Liberalismus habe die einzig richtige demokratische Forderung nicht unterstützt, und darum sei das Parlament nicht einberufen worden. In diesem Sinn wird der „Vorwärts" versuchen, die Angelegenheit der Kaiserrede parteipolitisch weiterzutreiben. Demgegenüber muß man sich bloß klar sein, wie die „Hilfe" in ihrer neuesten Nummer konstatiert, daß diese Forderung sich zwar ganz schön anhört, aber etn staatsrechtlicher Unsinn ist. „Denn nach der Verfassung, um deren Jnnehaltung jetzt gekämpft wird, hat ausschließlich der Kaiser das Recht, den Reichstag zu berufen. Man kann das bedauern, aber man müßte es eigentlich wissen. Wir stellen diese Sache hier fest, nicht um gegen den Inhalt der sozialdemokratischen. Forderung zu polemisieren sondern um zu zeigen, daß die „Vorwärts"polemik gegen den Liberalismus ans der brüchigen Grundlage mangelnder Verfassungskenntnis beruht und nur agitatorisches Geschwätz ist."
* Eine eigenartige Ablehnung. Bekanntlich hatte: der Hansabund dem Zentralinnungsansschuß in Berlin eine größere Summe zur Verfügung gestellt, die dazu verwendet werden sollte, tüchtigen Handwerkern den Besuch der Brüsseler Weltausstellung zu ermöglichen. Auch der Handwerkskammer in Erfurt war ein wesentlicher Teil der gespendeten Summe zur Übermittelung an tüchtige Handwerker überwiesen worden. In der letzten Vorstandssitzung dieser Kammer wurde nun, wie den „L. N. N." aus Erfurt berichtet wird, mitgeteilt, daß von der Kammer die Spende abgelehnt wurde, weil „eine Unterstützung von dieser Seite nicht willkommen geheißen werde" und weil „der Eingang sich verspätet" habe. Zu diesem eigenartigen Beschluß bemerkt die „Nordh. Ztg.": „Von der Ablehnung der dom Hansabund angebotenen 15 OOO Mark sür den Besuch der Brüsseler Ausstellung auch durch Handwerksmeister unseres Bezirks wird die Öffentlichkeit in unserer Heimat mit großem Erstaunen Kenntnis nehmen. Der Umstand, daß der Vorsitzende der Handwerkskammer, Herr Jakobskötter, konservativ ist, gebe dem Vorstand der Kammer noch lange keinen Anlaß, das „von dieser Seite", wie verächtlich betont wird, Gebotene abznlehnen. Die Handwerkskammer ist dazu da, das heimische Handwerk zu fordern mit allen gesetzlichen und moralischen Mitteln. Andere Motive, besonders aber solche parteipolitischer Qualität, haben bei ihren Entschlüssen in keiner Form mitzusprechen." Als sicher darf man wobl annehmen, daß hier politische Gründe für die Ablehnung mitgesprochen haben.
* Über naturwissenschaftliche Schülerübungcn an den höheren Lehraustalten hat der Kultusminister den Provinzialschulkollegien eine Verfügung zugehen lasten: Der
Wir fanden solches gar tugendstärkestd; benahmen uns aber taktvoll, legten eine Qpserspendo zur Versöhnung der unterirdischen Mächte dieser Stätte nieder, deklamiert«! ans Co-urtoisie einige Homerverse, wünschten den drei Huldimren Aphroditens Taubensegen und hoben uns von hinnen. Oh, Aspasia. . .
$
In einem Zug fahre ich mit der „Brioui" von Korfu über Durazzo, Cattaro, Gravosa nordwärts nach Spalato, Und Spalato wird das Wunder dieser Reise.
Während sonst in diesem Lande der Raffen- und Kuk- turmischungen dem Bereisten vieles, das Orientalische und das Venezianische z. B., aus zweiter Hand, filialhast erscheint und man oft an das stärkere Original denkt, ist Spalato eist ganz Besonderes und unvergleichbar Eigenes.
Spalato ist ein riesiger römischer Kaiserpalast, der zu einer'Stadt geworden. Das scheint gewiß keine gewöhnliche Vorstellung, daß das, was heute ein Ort, eine bürgerliche Gemeinde, einst das Wohnhaus eines einzigen gewesen.
Diokletian hat sich, regiertmgs- und weltmüde, hier das Refugium seines Alters gebaut in seiner Heimat, nahe Salona. Salona ward von den Avaren zerstört, seine Bewohner flüchteten; sie nisteten sich wie Pygmäen, wie das geschäftige Zwergenvolk auf Gullivers Körper, ist diesen! Palast ein. Die Umfassungsmauern blieben stehen, und aus Gängen und Sälen wurden Gassen und Plätze mit Häusern und Gewölben voll Handel und Gewerbe.
Und das Ganze läßt sich wohl einem Pa-limpsest vergleichen, einem jener Manuskripte, auf dem unter den Schristz,tilgen eine ältere Handschristschicht zum Vorschein kommt.
Als Hintergrund des HasenkaiS zieht sich monmncntal die stolze Palazzomauer. Immer noch imposant mit den eingebauten Säulen, trotz der verkleinernden Eingriffe, der neuen Fenster, die in das Mauerwerk geschlagen sind- und
