Wiesbadener Tsgblstt
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Nr. 4SI.
Wiesbaden, Dienstag, SV. August LSLV.
58. Jahrgang.
Morgen- Ausgabe.
1. Matt.
Jüv öen Monat KeplenEev
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UoLrtische Übersicht.
Zur letzten Reichstagswatzl.
AngesichrZ des Wahlergebnisses in Zschopau- Marienberg befindet sich die reaktionäre Presse in großer Verlegenheit. Sie weiß sich keinen besseren Rat, als in verschiedenen Variationen das Wort Carlyles zu erörtern: Arbeiten und nicht verzweifeln! Run, „gearbeitet" haben die Reformer in Zschopau- Marienberg genug. Daran kann es nicht liegen. Agitations- und Organisationspraxis hat diese auf rein äußerliche Wirkung gestellte Partei in reichem Maße. Aber die „Arbeit" prallt eben an dem gesunden Volksempstnden und an der wachsenden Einsicht ab, daß die Reformer dem Volk Steine statt Brot geben, bind da diese Herren keine festen Grundsätze haben (außer ihrer Judenhetze, die sie aber in Zschopau gerade sehr zurückgestellt haken), .so ist ein großer Teil . ihrer „Arbeit" aus die Beschimpfung de^ Gegners gerichtet. Das geht ein- oder zweimal. Dann aber hat die Bevölkerung fast allenthalben diese Kampfesmethode satt. Daher die charakteristische Tatsache, daß die Antisemiten in vielen Wahlkreisen nur ein sporadisches Dasein führen, nicht feste Wurzeln fassen können und, wenn der geschickte, demagogische Führer nicht mehr da ist, sofort anderen Parteien weichen müssen. Auch der rabiateste Antisemit wird zugeben müssen, daß auch die unermüdlichste Arbeit einen Zusammenbruch nicht hätte verhindern können, wie er sich in folgenden weiteren Einzelresultaten aus dem Kreise verkündet:
In Clausnitz Zimmermann 1907 219 Stimmen, setzt Fritzsche 69, in Deutsch-Neudorf 151 und 30, in Dittersdorf 171 und 24, in Forchheim (dem Sitze des
früheren konservativen Abgeordneten v. Herder!) 233 und 61 (hier erhielt Brod auf Anhieb 109 Stimmen, ivährend Göhre von 27 auf 64 Stimmen stieg), in Heidelberg 115 Und 10, in Kämmerswalde 170 und 15 Stimmen.
Bemerkenswert und für die liberale Sache zukunftverheißend ist die Tatsache, daß der fortschrittliche Kandidat trotz der Neuheit der Bewegung doch in allen auch den k I e i n st e n Orten, Stimmen erhalten hat. Das spricht dafür, daß die Organisation trotz nicht sehr reichlicher Mittel gut funktionierte, und daß der ausgestreute Samen allenthalben aufgegangen ist. Nun muß bis zur Hauptwahl tüchtig weitergearbeitet werden.
Zum Falle Gagevu.
Über die Gründe, warum Tinge wie im Fall Schönebeck und im Fall Gagern jahrelang unbeachtet bleiben konnten und keiner der Kameraden, von denen ern großer Teil Kenntnis von den Vorgängen haben mußte, den Mut gefunden hat, frei und offen hervoc- zutreten und Anklage zu erheben, schreibt ein höherer Militär in der „Post":
„Tritt jemand gegen einen Kameraden mit einer, Anschuldigung hervor, so hat er zunächst umgehend eine I o r d e r u n g auf dem Halse, mag der Ange- schuldigtc sich auch noch so schuldig fühlen; das gehört eben dazu. Gelingt es im günstigsten Falle dem Ehrenrat den Austrag des Zeikampfes zu verhindern, so wird der Anschuldiger in der folgenden Untersuchung sehr bald merken, daß er immer mehr mit auf die Anklagebank rücken muß. Entweder hat er Tatsachen, die ihin schon seit längerer Zeit bekannt waren, nicht sofort gemeldet, oder das Gedächtnis der als Zeugen ausgerusenen Kameraden ist so schwach, daß cs ihm nicht geliirgt, den einen oder anderen Punkt zu beweisen. Kurz, komme es, wie es wolle, es findet sich stets ein Haken, an dem der Ankläger neben deni Angeschuldigten aufgehängt wird. Beispiele und Namen stehen zu Diensten. Was ist da natürlicher, als daß sich jeder sagt: ich werde mich hüten, in dieses Wespennest zu stoßen, ich falle aus alle Fälle mit h i n e i n."
Hier muß, scheißt es dann weiter, der Hebel ange- setzt werde::: Schutz dem Offizier, der in ehrlicher,
fester Überzeugung Verfehlungen eines Kameraden zur Sprache bringt. Daß dadurch ein Denunziantentum in der Armee großgezogen werden könnte, ist bei dem im deutsche!: Ofsizierkorps herrschenden Geist
selbstverständlich ausgeschlossen. Tie neue Fassung der Z. 22 des Neuabdrucks 1910 der ehrengerichtlichen Ver
ordnung vom 2. Mai 1874 und der Ergänzungsorder- sagt, daß der Offizier aus dem ihm zustehenden Recht. Handlungen oder Unterlassung eines anderen Ossi» ziers, die die Ehre desselben oder des Standes berühren, zur Sprache zu bringen, keineswegs eine Aus- tordernnq zur Anzeige aller möglichen Vorgänge herleiten soll. Er soll vielmehr, bevor er sich zu einer Anzeige entschließt, ernstlich mit sich zu Rate gehen, ob die Standesrücksichten eine solche gebieten. Es wird sich aus dem Charakter und dem Vorleben eines Offiziers leicht sesistellen lasse::, ob er eine Anschuldigung leichtfertig erhoben hat, oder nachdem er ernstlich mit sich zu Rate gegangen. Im ersteren Fall treffe ihn dig ganze Schwere des Gesetzes, im letzteren drehe man ihm nicht auf alle Fälle einen Strick, weil man eben keinen Skandal haben will. Wohin das führt, nämlich zu einem unendlich größeren Skandals in der breitesten Öffentlichkeit, haben die letzten Fälle gezeigt.
Die „Schlesische Zeitung" veröffentlicht übrigens eine Zuschrift des Breslauer Rechtsanwalts Dr. Ri 5- mann, des Vertreters des kompromittierten Oberstleutnants Mersmann. Danach ist seine Frau, die seit Jahren geisteskrank ist, durch Beschluß des Amtsgerichts Breslau' vom 12. Oktober 1808 wegen pathologischer Lügenhaftigkeit entmündigt und seit September 1909 mit zwei minderjährigen' Kindern f l ü ch t i g. Die Frau wird von der Vormundschaft gesucht. Die ehrenrührigen Beschuldigungen gegen Oberstleutnant Mersmann seien unbegründet. Aus seinen Antraa prüfe das Generalkommandos des 8. Armeekorps die Angelegenheit.
• " . . .
Deutsches Reich.
* Die Rede des Kaisers über Adelspflichten. Zu der Meldung der „Bernd. Ztg." über die Ansprache des Kaisers an die Söhne des Grasen v. Alvenslcben teilt der Herausgeber des „Roland von Berlin" dem „B. T." mit, daß diese Ansprache unmittelbar, nachdem sie der Kaiser gehalten hat, von den Söhnen des Grafen Alvenslebeni schriftlich niedergelegt ist. Der Gras v. Alvcns- leben hat daraufhin diesen Text in Kunstdruck vervielfältigen lassen und je ein Exemplar in kostbarem Einband den Beteiligten zum Andenken geschenkt. Die Vervielfältigung wurde in einem Berliner Atelier hcrgestellt. Dem in dem „Roland" wiedergegebenen Wortlaut der Kaiser- rede lag ein solches Exemplar zugrunde.
* „Das Instrument des Herrn." Das „Prager Tagblatt" schließt einen „Das Instrument des Herrn" über- schriebenen Leitartikel mit folgenden Worten: „Nicht von „parlamentarischen Volksversammlungen" hänge die Krone
Feuilleton.
Hochdruck verboten.)
Dalmatinische Tage.
Impressionen von Felix Poppcnberg.
I.
Das kleine wcißgeftrichene Baudmsonlster rahmt in seinem Ansschnitt die Berglehne mit grünprangenden R i es eng eb rrgs ta nn cn . . ., dunkeltiefe Waldtvoite. Ein Komtraflhtntergrnnd Kr die Erinnerungsbilder, die ich hier in meiner Sommcreremitage aufzeichnen Will, Erinnerungsbilder vom steinigten todesstarren Karst, der baumlosen Fel- senwüste der Dalmatinischen Lande, vom der blauen Adria, ihren blühenden Inseln und ihren Küstenstädten, der Ver- gangenheitsmärchen voll.
Der Karst, — klüftig, wittrig wie eine von Giganten ausgetüvmtc Schä'delstättc gebleichter Mammutknochen; endlose Ode der Welteinsamkeit; es ist der Weg des Todes, den wir schreiten.
Seine nackten, zackigen Rippen strecken sich langgliedrig, prometheische Skelette, oberhalb Sarajewos hin, Sarajewos, der seltsamen Stadt, die halb orientalisches Dorf, halb k. k. österreichisches Feldlager, sich unten breitet. Miljaka heißt der Fluh, an dem sie liegt, und das Wort klingt wie ein Name aus einem bosnischen Volkslied, das die Mägde am Abend singen. Die Miljaka fließt durch die Stadt, zwischen breiten wohlgegründeten Kais, vorüber an den Kasernen, Kirchen, Moscheen. — Von den Hängen steigen schlank die Minarette in die Luft —, doch außerhalb der Stadt muß sie ans ihrem künstlich-ordentlichen Bett heraus. Im Bogen zwängt sie sich nn: eine gewaltsam vorspringende Bergnase. Darauf schachteln sich schiefwinklig die Häuser des ältesten Sarajewo. AM Fuß, herauAgcbaut über dem Wasser liegen türkische Cafes, aus denen eintönige Banchtanzmusik tönt. Und gegünüber steigt in steilen Kehren der Festungsberg hinan mit Bastionen und Kastellpovtalen, und auf seiner Lehne ist eingebettet der Kriegsfriedhof von .1878 nnt den Toten, die dies Stück Orient für Austria feiix erobern halfen.
Orient . . ja, hier ist er wieder mit seinen Basargassen, ganz gleich den schwesterlichen von Tunis und Tauget und allen anderen Getänden, die den Nanre« des Propheten bekennen. Kreuz- und Quergassen :nit niedrigbedachten Buden dnrchwirren sich, und jede Zunft hat ihr Reich für sich. Das Hämmern der Messing- und Kupferschmiede, die primitive Ornamente in die Wandungen der Gesäße schlagen, schallt im Takt. Hiev strecken die Schuster das HamMelleder zu Pantoffeln. Flache Fladen lagern ans den niederen Stellagen der Bäcker, und vor den Garküchen drehen sich am Spieß abgezogene geschundene Lämmer. — Fabclkarikaturcn der Marsyas —, denen man die Köpfe gelassen, und kläglich glotzen aus ihnen die glasigen Pupillen.
Behende läuft der Wasserträger durch die Enge; behut- sam-schen trippeln die Frauen — hier viel ängstlicher einge- HMt als im wirklichen Orient —, im dichten Wickelverband aus Kapuze und dickstem Schleier.
Mit ihrem Vorhof voll Stille und Sammlung liegt die Moschee; ein heiliger Brunnen, dreigeschossig mit Marmor- schalen. plätschert. Hier verrichten die Gläubigen ihre Waschungen, eine Linde spendet Schatten und Taubenschwärme fliegen zur Mittagszeit . . ., und auf dem weißen Schaft des Minarets, schmalröhrtg und spitzig wie. ein Torpedo, zittern die schwanken Wättersilhouetten einer Flimmerbirke. . .
*
Der Schienenstrang klettert wieder schwer die Karstplateaus. Auf dem weißkalkigen Rücken der Schutt- und Schotterhalden starren Steine fahl aufwärts gleich den Malen auf arabischen Friedhöfen, und grauwelkes Stranch- gestrüpp zwängt sich spärlich zwischen den Ri-tzen der Zacken. In der Einöde stehen Wärterbuden der Bosnisch-Herzego- winifchen Bahn-, viereckig mit RnNdkupprl'dach, wie mohammedanische Heiligengräber. Auf den kleinen Stationen bringen die Bergbewohner Wasser und Wein an den Zug. Die Frauen tragen dicksließige weiße Wolldecken als Rock nm- geknüpst, vom nach beiden Seiten ausgeschlagen, daß man die Hosen aus demselben Stoff sieht. Die Männer tragen Fez oder das winzige Herzegowiner Tellermützchen aus dem Ohr, ganz ähnlich einem ChargiertenCerevis, mit Gummifchjnur am Hinterkopf befestigt, und im Fond mit Wappen oder Nameichzug bestickt. Blumen sind daran ge
steckt. Die Beine umhüllen weitfaltige Pluderhosen. Auch der Stationsvorsteher trägt sie, und drollig-westöstlich wirkt dazu der k. k. österreichische Tschako.
Von einer Holzflöte tönt traurige Weise und erfüllt die steinerne Einsamkeit.
Nun leuchtet bald, zhpressenbestanden tief drunten die blaugrüne Ombla auf, ein FarDenvorklang der nahen Adria, durch sanftes Talgelände fließend, und bergab gleitet der Zug, Gravofa zu, dem Meer zu . . .
*
In den Wagen und die sandige Straße, an stachligen Agaven entlang, nach Ragusa.
Ragusa. ein wehrhaftes Kleinod, festumsckpossen vom Ringkranz der Trutzmauern mit ansbuchtendem Bollwerk- Rmtdgetürm, klippenhast vorspringend über dem gischtspritzenden Meer. . . Im steinernen Wall sitzen schwarz- gelb die schweren Holztore. Vom Land Kihren sie hinein, und Porta Pike heißt der Eingang, und zur See führen sie hinaus, und Porta Ploce heißt der Ausgang. Vor Porta Pile breitet sich unter Platanen ein Platz und ieitlingS von einer Terrasse öffnet sich der Blick in die Wafserweite und auf die überschäunrten Felsen der Küste. Der Fahrweg senkt sich daran vorbei, über eine Brücke durch ein Steinportal. Dahinter voll Blurnenwildnis ein Rundzwinger — man denkt an die üppig umwuchertcn Felsen,Pforten, durch die der Pfad zum Burgberg von Granada leitet —, in der Poltalnische San Biagio, der Patron von Ragusa, dann durch ein ziveites Tor, und jetzt stecht man die Hauptstraße. den Stradone hinunter, in die Stadt und erkennt das Kleinod. . .
Eine venezianische Miniature zierhaft und stark, so leuchtet die Stadt. Ein Parkett von glatten Quadern ist der Boden: Säulenhallen, Kirchenfassaden, spitzbogcn- gcfensterte Wände mit Filigranzierat sind seine Kulissen. Anmutig weiten sie sich ans zu Rundcllplätzen mit der farbigen Priacht der Mumm und Früchte unter orangegeWem Zeltdach. Brunnen stehen inmitten; der antike Tu-mulUs, ein mächtiges Zwölfeck. knppelüberwölbt, jede Ecke von einer Säule be,grenzt und in jedem Feld ein Mttelstück, eine Vignette als Wasserspeier, Tierfratzen, Rosetten, Muscheln. Als Hintergrund der Bühne — wie zu einer italienischen Opera — eine wetMweifig aüs'ladeiche Freitreppe. nach
