Uitsbaökmr Ts
»Mag Lavggsffe 21.
„Lagdl-tt-H-iuS".
b»
geSHlet von 8 Uhr morgen» » 8 Uhr abends.
27,000 Momenten.
»«MSS-V«1S Mr beide AuSgaben: 70 Ps«. monatlich, M. 2. — «icrtellShrlich durch den Berlxg Laiiqqaste Ll. ohne Bringerlohn, M, 3 .— vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, auSschliksililh e Bestellgeld, — Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Zio-i,stelle BiS- ', marckrmg», sowie die H2 Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 82 Aus- - gabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger. '
Nngei ge u -Attnahme: Für die Abcnd-AuSgabe bis l2Uhr mittag»; für die Morgen-Ausgabe bis S Uhr nachmittags.
2 Tagesmssabeu.
Fernsprecher-Kusr
„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-llll. Bon « Uhr morgens bis s Uhr abendr.
Anzeigen-Brei» für die Zeile: lS Pfg, für lokale Anzeigen im „Arbeitsmarkt" und ,,Klemer Anzerger» Lin einheitlicher Eatzform; soPsg, in davon abweichender Eatzanssuhrmig, ,ow,c ,ur alle übrigen lakalen Anzeigen;, 80 Psg, für alle auswärtigen Anzeigen: 1 Wk, für lokale Siekstimen; 2 Mk, für anSwärttge Reklamen,' Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. — Bei wieberholter'Aufnahm: unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt,
Für die Ausnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen.
Nr. 4«®.
Wiesbaden, Montag, 29. August 1910.
58. Jahrgang.
Kbenü-Ausgabe.
1. Matt.
Das Tragische in Wilhelm II.
Es war die letzten anderthalb Jahre so gut gegangen. Es schien, als könnte es der deutsche Kaiser lernen, über den Parteien zu stehen und ein konstitutioneller Monarch zu werden. Man glaubte, er würde eme ähnliche Entwickelung durchmachen wie Franz Joseph. Dieser hat auch als eifrigster Förderer der Gegenrevolution begonnen, er hat in Ungarn sogar die Russen benutzt, die Freiheitsbewegung zu vernichten. Und heute gibt er sich die größte Mühe, konstitutionell zu regieren. Und nicht ohne Erfolg. Waruin auch nicht? Andern sich doch viele Menschen. Mancher Mensch fängt als Revolutionär an und endet als Konservativer und bei anderen ist es umgekehrt.
Es wäre wahrlich für die innerpolitische Entwickelung Deutschlands ein großer Vorteil gewesen, wenn das Volk allmählich und ungestört gelernt hätte, sich selbst zu regieren und wenn Wilhelm II. seinen Segen dazu gegeben hätte. Die monarchische Gesinnung hätte darunter nicht gelitten. Im Gegenteil. Man hat an Eduard VH. gesehen, wie populär ein konstitutioneller Fürst sein kann. Jetzt erhebt sich der größte Teil des deutschen Volkes zum Kämpf wider seinen Herrscher. Ter alte Streit der 90er Jahre erhebt sein Schlangenhaupt. Und es ist klar» wer unterliegen wird — ein einzelner Mensch kann nicht wider den Strom der Z e i t, und wenn es ein Kaiser ist, und wenn er noch größere Energie und mehr Besonnenheit hätte als Wilhelm II. Freilich in diesemFalle ist es einGlück, daß dieser Kaiser mehr ein Mann des kühnen Wortes_ als der rücksichtslosen Tat ist. Sonst könnte das Tragische in seiner Gestalt noch tragischer werden.
Man sagt, daß sein Vater verhältnismäßig liberale Anschauungen gehabt hat, daß dieser die Absicht hatte, mit Bewußtsein ein konstitutioneller Herrscher zu werden. Aber freUich von seinem Vater spricht Wilhelm nie. Ebansoweuig von seiner Mutter. Sein Ideal ist sein Großvater und etliche andere seiner Vorfahren. Die Hauptschuld an der Romantik Wilhelms tragen seine Lehrer und seine Umgebung. Was muß er für einen Geschichtsunterricht gehabt haben! In der Beziehung hapert es auf deutschen Gymnasien — und Wilhelm II, hat selbst ein solches besucht — ganz außerordentlich.
Wie hat man zum Kaiser über, 48 geredet und wie über die moderne Verfassung! Die Hohenzollern sind ihm ein und alles und merkwürdigerweise -alles aus eigenem Recht. Die reizende, aber vergnügungssüchtige Königin Luise ist ihm die Retterin des Vaterlandes. während doch der Aufschwung des Landes, der zu den Befreiungskriegen führte, aus dem Bürgertum kam und es. damals sehr schwer hielt, den sckgvachen König Friedrich Wilhelm III. mit fortzureißen.
FemllrLom.
Epidemien.
„Wir werden niemals mehr die indische Cholera haben. Sie ist für Europa eine spezielle Krankheit des 19. Jahrhunderts gewesen, sie wird keine Krankheit des 20. Jahrhunderts sein." Trotz der furchtbaren Nachrichten über die Ausbreitung der Eholeraepidemie in Rußland spricht der bekannte französische Arzt Jacques Bertillon diese Behauptung in einem Aufsatz aus, den er in „Je sais tout" bei Geschichte der Epidemien im 19. Jahrhundert widmet. Er ist sich der Kühnheit seiner Prophezeiungen bewußt, «her er glaubt, daß der große Vernichter aller Krankhrits- träger, die Reinlichkeit, in unserer Zeit bereits so fortgeschritten ist, um eine Ausbreitung der furchtbaren Menschheitsgeißel zu verhindern Das Erscheinen der indischen Cholera in Europa war eine Folge des gesteigerten Reiseverkehrs. Solange man nicht Reisen machte, blieb die Cholera Jahrhunderte hindurch in Indien. Im 19. Jahrhundert hat man beim Reisen die wichtigsten Vorkehrungen der Reinlichkeit nicht beachtet; heute kann die Cholera nur noch in Länder eindringen und große Verhehrungen an- richten, die nicht auf der Höhe der modernen Sauberkeit rnü> Zivilisation stehen.
Das Fmmerschwächerwerden der Choleraepidemicn im Laufe des 19. Jahrhunderts, ihr allmähliches Abklingen, in Westeuropa wenigstens, ist ein schlagender Beweis für diesen Sieg der Kultur über die Epidemien. Vor 1830 scheint die Cholera in Etrropa nicht epidemisch ausgetreten zu fein. Die Beziehungen zwischen Indien und unserem Kontinent waren in den früheren Jahrhunderten nicht so «»«aMrldLt. Mt diesen furchtbaren und unsichtbaren Gast
Man sieht es an der jetzigen Haltung der konservativen Presse, wie der Hofadel, der sich um den Kaiser drängt, über die Verfassung und die Selbstbestimmung des Volkes denkt. Diese Herren schwärmen für den Absolutismus, weil sie in seinem Glanze sich sonnen. Und wenn auch in der preußischen Verfassung sicht: Die Vorrechte des Adels sind aufgehoben, so ist doch der Pakt, den fast alle Hohenzollern mit dem Adel geschlossen haben, immer noch nicht vergilbt. Gerade heute ist der Adel im Heer, namentlich auch in den Garderegimentern und in den höheren Offizierstellen, bevorzugt wie kaum je seit hundert Jahren.
Etwas pflegt der Kaiser ja auch bürgerlichen Verkehr. Er ist ein Freund etlicher Könige in Industrie und Handel. Er ist häufig bei Ballin, spricht mit Rathenau, sprach wohl auch mit Isidor Löwe, der soeben gestorben ist. Aber das sind Ausnahmen, die nicht genug ziehen.
Zweifellos hat der Kaiser eine moderne Ader. Er hat einen offenen Sinn für Technik und moderne Bestrebungen. Er sieht Deutschland nicht wie ein vergrößertes ostelbisches Rittergut an, wie die preußischen Junker das tun. Er nippt auch gelegentlich von der Bibelkritik, wie sie Friedrich Delitzsch übt. Aber das sind einzelne Wellenspritzer. In der Tiefe schlummert überall die romantische Auffassung. Selbst in der Malerei, in der Musik und in der Architektur.
Schade! Ewig schade! Man hält eZ für gewöhnlich für den schlimmsten Fehler, den ein Mensch machen kann, wenn er seine Zeit nicht versteht. Man kann sich denken, wie unglücklich der Kaiser sich fühlen muß. Wie mutz ihm der Reichstag — diese Kerls, wie er einst sagte — lästig sein! Diese Körperschaft erklärte,' Wir stellen das Volk dar, wir sind verantwortlich für das Geschick des Landes. Was wir nicht wollen, lassen wir nicht durch, da lassen wir uns durch keinen Kaiser und keinen Minister zwingen. Wir sind mindestens ebensogut ein auserwähltes Instrument des Himmels wie irgend ein Fürst. Ja, wir sind mehr. Tenn wir sind zugleich noch Abgesandte des Volkes. Und wie mag Wilhelm II. innerlich aufbäumen, wenn die Minister Miene machen, sich auf die Seite des Reichstags gegen die Krone zu stellen und schließlich die Konsequenzen ziehen. Ja, es geht viel verloren bei diesem Streit zwischen Kaiser und Volk — Kraft, die besser angewandt würde. Aber was hilst's. Das deutsche Volk ist um eine Täuschung ärmer. Aber es wird seinen Weg gehest.
Bisher hat das Volk sich bei Konflikten zwischen Kaiser und Reichstag vielfach auf die Seite des Kaisers gestellt. Die sogenannte Treue gegen den Herrscher ist namentlich den Preußen tief eirweprägt. Aber , je länger, se mehr wird sich das ändern. Das „Daily Telegraph"-Jstterview hat dazu , einen! bedeutsamen Anfang gemacht. Auch die Königsberger Rede wird das Jbre tun. Der Kampf gibt schließlich Rückgrat, und das kann das deutsche Volk brauchen.
Selbst die politischen Frauen hat der Kaiser iir
bei uns einzuführen. Die Eroberung Indiens durch die Engländer mutzte diese Beziehungen unendlich vermehren; die Schnelligkeit des Reifens brachte die Gefahren näher und näher. Die bekannte unglückselige Militärexpedition des Marquis von Hartington bildete den Ausgangspunkt für die grauenvollen Züge, die die Cholera nach Europa unternahm. Aber die Menschen, die dem übel zunächst machtlos und fassungslos gegcnüberstandcn, nahmen bald dm Kampf mit dem düsteren Eindringling aus und haben ihn mit Erfolg durchgefochten. Ein Beweis .dafür sind die Zahlen der Opfer, die die Epidemie in Paris während des 19. Jahrhunderts forderten. Am 26. März 1832 kam die Cholera zuerst nach Paris und tötete innerhalb von sechs Monaten 13402 Personen; im Jahre 1849 kehrte sie zurück und forderte 19 615 Opfer. Die sechs folgenden Chvlera- epidemien, die sich ziemlich regelmäßig alle 10 Jahre wiederholten, waren immer weniger mörderisch. Die letzte von 1892, die hoffentlich auch die letzte bleiben soll, hatte 713 Todesfälle in ihrem Gefolge. Aus ihrem Herd in Indien macht die Cholera freilich beständig Versuche, ihre traurigen Eroberungszüge weiter auszubilden. Doch ist sic im wesentlichen auf die arabische Welt beschränkt, wo sie in der herrschenden Unsauberkeit die Grundbedingung ihrer Existenz findet.
Mit den Pilgermaffen, die sich alljährlich nach dem Grabe des Propheten in Mekka wälzen, reisen die entsetzlichen Träger der Krankheit mit. In den fettigen Turbanen sind sie verborgen, haben ihren Sitz in den schmutzigen Burnussen, und ihre nngeschwächte Wirkungsfähigkeit tragen sie wie im Fluge fort auf den raschen Eisenbahnen, während früher ans den langsamen Karawanenwegen viele dieser Mikroben den Untergang fanden. Während also in dem Gebiet der Muselmänner gleichsam eine ununterbrochene Kette der stbcrtragunüLmöülichkeiten kür die Cholera vor-
die Opposition gegen sich getrieben. Auch bei ihnen wird das demokratische Gefühl, daß sie nujp durch sich — aus eigenem Recht — etwas erlangen können, erstarken. überhaupt das demokratische ^ Kaiserwort: aus eigenem Recht — es scheint zum.geflügelten Wort werden zu sollen. Die Sozialisten kommen und sagen: aus eigenem Recht verkünden wir unsere Botschaft und bringen als auserwählte Instrumente des Himmels den Sozialismus.
Wenn der Kaiser ein Mann der Tat wäre — könnte es böse werden. Aber er ist mehr ein Mann der, Phantasie, der von dem Augenblick sich sortreißen läßtg So wird er gegen die Verfassung nichts unternehmen. Nur schade, als glücklicher Herrscher, der seine Aufgabe darin erblickt, sein Volk zur Selbstregierung zu erziehen, wird er sich kaum fühlen lernen. Ein, tragisches Geschick!
Nachlese.
Die Blätter beschäftigen sich weiter eingehend mit
Das „Leipziger Tageblatt" sagt: Mit der Königs» herger Rede wird aber nicht mehr und nichts weniger als' eine durchaus absolutistische Staatsauffassung dokumentiert, wie sie in dieser Deutlichkeit wohl noch von keinem konstitutionellen Herrscher _ dcp Gegenwart bekundet worden ist. Wir stehen wieder auf demselben Fleck wie vor zwei Jahren, als das Toben der Novemberstürme begann. Wir haben eine mächtig verstärkte Wiederholung dieser Stürme zu gewärtigen, wir müssen eine beängstigende Erschütterung unseres gesamten innerpolitischen Lebens befürchten, und wir fragen, von banger Sorge erfüllt: Wo ist der starke Staatsmann, der das bedrohte Neichsschiff aus Klippen und Brandung mit sicherer Hand in ein ruhiges Fahrwasser leitet?
Von der „Straßburger Post" wird betont: Das deutsche Volk hat heute in seiner großen Mehrheit keinen Sinn mehr dafür, daß der Monarch ein aus- crwähltes Instrument des Himmels sei. Bei aller monarchischen Gesinnung und aller Liebe und Verehrung für die Persönlichkeit Wilhelms II., der in idealer Auffassung und pflichtgetreuer Ausübung seines Berufs gewiß einzig und allein die Wohlfahrt und die friedliche Entwicklung unseres Vaterlandes will, wird auch der loyale Bürger durch solch anachronistische Äußerungen eines für alle Zeiten überwundenen Absolutismus irre gemacht und zur Verstimm u n g gereizt. Und dazu liegt heutigen Tages, da ohnehin die Keime der politischen Unzufriedenheit weit über das Land verstreut sind, am allerwenigsten ein Anlaß vor. , ,
In gleicher Weise sagt die „Mnqdcburgische Zeitung": Es ist natürlich, daß diejenigen, die Verfassung und Volksvertretung für wertvolle Bürgschaften eines ruhigen Fortschreitens des Staates halten, sich gegen jenes Urteil aufbäumen. _ Aber nicht minder werden auch solche betrübt sein, die ihren Blick vor den mancherlei Schwächen der Parlamcntsbeschlüsse
Händen ist, macht sie aus dem Seewege ihre Einfälle in fernere Gebiete. Man hat die Ratten als die gefährlichsten Verbreiter der Cholera erkannt. Wie diese Tiere ihr trauriges und Schrecken verbreitendes Werk vollbringen, das kann man oft bei Schiffen beobachten, die, von langer Reise zurückgekehrt, im Hasen liegen. In der Stille der Nacht kann man da zahlreiche Natten beobachten, die sich schüchtern aus dem Schiffe hervorwagen. Genossen vom Festland kommen herbei, um die weitgereisten Kameraden! zu begrüßen; cs findet ein reger Verkehr zwischen den Schiffsratten und den Landratten statt und häufig bleiben die fremden Ratten im Lande zurück, während andere mit dem Schiff Weiterreisen. In diesem nächtlichen Getriebe der schmutzigen Tiere kann sich dann auch eine der Epidemien einschlcichen, die die schlimmste Gefahr für die Menschheit bedeuten, neben der Cholera vor allem, wie wir kürzlich schon berichteten, die Bnbonenpest. Ein französischer Gelehrter Da-. Simortd hat sestgestellt, daß die eigentlichen Träger der Pest, die sich ja auch wieder in Odessa regt, sowie der Cholera, die Flöhe der Ratten sind. Die Ratten haben wohl die Krankheitserreger, aber sie übertragen sie nicht direkt, sondern wenn die Ratte tot ist, suchen sich ihre Flöhe einen neuen Gastgeber, bei dem sie Aufnahme finden können, und ist es keine Ratte, die ihnen Unterschlupf bietet, so ist cs ein anderes Tier oder auch ein Mensch. Durch ihre Bisse bringen sie dem neuen Opfer den Keim der Krar.'hcit bei, den sie von ihren früheren mitgebracht haben.
Die Feststellungen Simands sind nicht nur von hoher medizinischer Bedeutung, sic Wersen auch Licht ans eine Stelle des Alten Testaments, aus der herodrgeht, daß schon das Volk Israel die Mäuse als Träger der Pest kannte. Im 1. Buch Samuelis, Kapitel 5 bis 8 wird von den Philistern «rMS^.edie die Ladtz E'dttes rgMterr Md. dafür
