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Nr. 897.
Wiesbaden, Samstag, 27 . August 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Krisgabe.
1 . Merkt.
Jer neue Kurs irr Griechenland.
Wenn auch das endgültige Ergebnis der Wahlen zur griechischen Nationalversammlung noch nicht vorliegt, und wenn auch, da ein nicht geringer Teil der Kandidaten unter verhüllter oder gar falscher Flagge m den Wahlkampf gezogen ist und hier und da sich bereits Ansätze zu neuen Parteibildungen bemerkbar machen, noch einige Zeit vergehen wird, bis sich die Parteigruppierungen und Mehrheitsverhältnisse dieser all gr i ech i s ch en Versammlung übersehen lassech sv steht doch eines schon jetzt fest, nämlich die vollkommene Niederlage der alten Parteien, dre sich weniger auf Programme als aiff Personen aus- bauten. Tie Gefolgschaften der Rallis, Theotokis und Mavromichalis, die unter dem Kabinett Dragumis eben nicht über den Regierungsapparat verfügten, ziehen mit arg zusammengefchmolzenen Fähnlein in die Nationalversammlung ein, deren überwiegende Mitgliederzahl nicht mehr auf die bisher führenden Persönlichkeiten schwört, sondern zumeist unter- der Firma der „Unabhängigen" oder unter sonst irgendeiner Parteibezeichnung marschiert, die sich, ob sie nun mit . dem schmückenden Beiwort nationalistisch, demokratisch, radikal oder sonst einem versehen ist, noch nicht recht in den politischen Katechismus der Griechen einreihen läsit.^ Eines aber kann wohl als sicher gelten, daß öie Mehrzahl derjenigen, die sich von den Rallis, Theotokis und Konsorten getrennt haben, zurzeit auf einen neuen Namen schwört, der schon deshalb Anspruch aus Volkstümlichkeit hat, weil er in der griechischen Geschichte der letzten Jahre, die eine Geschichte chronischer Wirren war, am meisten genannt wurde. Tiefer Name lautet V e n i s e l o s.
Ter erst im 4ö. Lebensjahre stehende Politiker hat es in seiner mehrjährigen Tätigkeit als kretischer M i n i st e r p r ä s i d e n t, nachdem er schon lange vorher die führende Rolle auf der unruhigen Insel innehatte, nicht nur verstanden, seine Landsleute gegen die sehr gelockerte türkische Oberhoheit mobil zu machen sondern auch die vier Schuhmächte, Großbritannien, Rußland, Frankreich und Italien, plangemäß an der Nase herumzuführen. Nachdem dieser verschlagene griechische Kreter den Boden aus der Insel des Minos so unterminiert hatte, daß es nur noch des Funkens zur Erplosion bedurfte, begann er von Kreta aus die gleiche Tätigkeit in seinem griechischen Adoptiv- lande. Es ist noch in frischer Erinnerung, wie er in seinen verschiedenen Triumphzügen nach Griechenland die an unheilbarem Größenwahn leidenden Hellenen für die Annexion Kretas begeisterte, mit dieser Agitation die Stellung jedes Kabinetts unhaltbar machte und zum Schluß das Schlagwort der Be
Kenilleto«.
Oie Herbe blüht.
Von Franz Pflugk.
„Cs ist so still, die Heide liegt Im warmen Mittagssonnenstrahle, Ein rosenroter Schimmer fliegt Um ihre alten Gräbermale."
Nun hat Las schlichte, bescheidene Heidekraut die endlosen Weiten im Norden unseres Vaterlandes wieder mit einem wunderbaren, rosigen Schimmer überhaucht. So weit unser Blick reicht, Heide an Heide, zartpurpurn vor unseren Augen, mattrosig weiterhin, rötlichbraun in der Ferne, dis am Horizont das Blütemneer übergeht in das tiefe Grün der Wälder, und darüber ausgespannt der blaue Hnnmel, heute wie vor hundert, wie vor tausend Jahren, ein Stück Erde, das seine Ursprünglichkeit bewahrt hat wie kein anderes. Und welche wunderbare Stille und weihevolle Tiefeinsamkeit. Rur Lerchenwirbel hoch oben in den Lüsten und der Jmmenchorgesang in seiner leisen Größe rings um uns her, sonst kein Laut. Milliarden gleicher Farbenpunkte, zart abgetonter Laute, verschwisterter Düste geben eine einzig große, beruhigende Stimmung, hier läßt sich's träumen stundenlang.
„Ringsum nur tiefe Stille,
Ein Schlummern allzumal,
Es schläft auf roter Heide Sogar der Sonnenstrahl.
Nur leises Säuseln, Summen,
Ein wundersam Getön,
Bald nah, bald ferne klingt es Berückend, zauberschön."
Wir finden die weiten Erikaflächen aber nicht nur im Korden unseres Vaterlandes; könnte man sie in ihrer ganzen
MAdehmlug verfolgen, dann würde sich ein kalt ununter-
rufung einer Nationalversammlung in die Massen warf, ein Plan, der ja nunmehr seine Verwirklichung gesunden hat.
Was aber soll nun werden? Diejenigen Mitglieder der Nationalversammlung, deren Programm kurz und bündig „Veniselos" lautest verlangen begreiflicherweise, daß der Einpeitscher jetzt auch die Konsequenzen ziehen und in dem neuen Parliunent die Führung an sich nehmen soll. Dazu wäre freilich zunächst erforderlich, daß Veniselos sein Amt als kretischer Ministerpräsident niederlegt, denn die Türkei würde im anderen Falle keinen Spaß verstehen, und sie kann für ihre Forderung, daß die Kreter, welche in die griechische Nationalversammlung cinziehen, aufhören sollen, Kreier zu sein, zwei neue gewichtige Gründe inZ Feld führen, nämlich die beiden deutschen Kriegsschiffe, die sie soeben auf alt gekauft Hai. Veniselos, der ja seine diplomatische Natur darin gezeigt hat, daß er während des kretischen' Konfliktes immer im letzten Augenblick e i n l e n k t e, hat denn auch bereits, wie wir mitteilten, erklärt, daß er zu einem solchen Verzicht bereit wäre, wenn er das ihiu übertragene Mandat annehmen würde. Würde — denn noch läßt er sich bitten. Ob er das tut, um sich erweichen zu lassen und so „auf allgemeines Verlangen" als begehrter Nationalhcros nach Griechenland zu kommen, oder ob sein Sträuben aus der Besorgnis beruht, daß auch er der allgemeinen Verwirrung in Griechenland nicht Herr werden könnte, das wird sich ja in Bälde zeigen müssen.
Zunächst aber ist feststehende Tatsache nur diese allgemeine Verwirrung, die noch nicht einmal klar darüber sehen läßt, ob die Mitte September zusammen- rretende Nationalversammlung sich mit der ihr Angewiesenen Aufgabe der Revision der Verfassung m mehr als zwei Dutzend Punkten begnügen oder ob sie sich» wie es die radikalen Elemente verlangen, zur konstituierenden Versammlung erweitern Wird, in welchem Falle für die griechische Dynastie, die ohnehin zu einem Sch a t t e nt ö II i g t u m herabgedrückt ist, ernstliche Besorgnisse gehegt werden müssen. Indessen sind die Griechen vielleicht doch zu schlaue Politiker, um nicht zu wissen, daß sie die wohlwollende Langmut, die. ihnen die Schnbmächte bei der Behandlung der kretischen Frage beweisen, in erster Reihe der Rücksichtnahme ans ihre Dynastie verdanken. Bleibt aber abzuwarten, welcher Kern sich aus der allgemeinen Verwirrung in Griechenland herauskristalli- fieren wird, so läßt jedenfalls die maßvolle Haltung der Pforte im Verein mit der wiedererwachten Energie der Schutzmächte mit einiger Sicherheit daraus rechnen, daß die griechische Nationalversammlung von einen; Versuch zur Durch Hauung des kretischen Knotens, dem „wie die Trän' auf dem herben Zwiebel" der Ansbruch des gefürchteten Balkanbrandes folgen müßte, in Weiser Erkenntnis der begrenzten Möglichkeiten Abstand nehmen wird.
brochenes Flachland von mindestens vierhundert Meilen Länge ergeben, denn von der Westgrenze der Normandie beginnend, über Belgien, Norddeutschland, Dänemark sich ausbreitend, reicht diese Region bis zu den sibirischen Tundras hinauf. Wie anspruchslos ist das kleine Pflänzchen, mit dem unfruchtbarsten Boden ninrmt es fürlieb, aus dürrem Sande ringen sich die dunklen Stämmchrn, die branngelben Ästchen, die grünen, vierkantig beblätterten Zwetglcin mit ihren rosigen Glockenrispen empor, dem Licht entgegen.
Den Namen verdankt das Heidekraut seinem Standorte; das alte deutsche Wort Heide bezeichnet ein unbestelltes Feld, eine waldlose, wildgrünende Ebene. Ter gleich häufig gebrauchte botanische Name „Erika" ist dem Griechischen entlehnt, denn auch im klastischen Altertmn war unser Pflänzchen bereits bekannt und beliebt. Die Höhen des südöstlich von Athen gelegenen Hhmettus waren mit duftender Heide und Thymian überzogen, aus deren Blüten die emsigen Bienen den Honig für Jupiter sammelten. Nur dieser Honig durfte aus der Tafel der Götter Griechenlands erscheinen. Erika bedeutet, wörtlich übersetzt, ich breche, da die Griechen der Heide die Kraft zuschrieben, Felsen zerbrechen zu können. Auch glaubten sie, die Pflanze ziehe das Gold aus der Tiefe, womit sie wohl auf ihren Honigreichtum anspielen wollten. Noch heute wird ja die Heide außerordentlich von den Imkern geschätzt; die eifrigen Bienenväter bringen ihre Bienenstöcke oft meilenweit in die Heide und nennen den klarsten, goldigsten Honig „Heidenhonig". Vielleicht hätte Jupiter den der Lüneburger Heide ebenso wenig verschmäht wie den des Hhmettus!
Irische Sagen melden, daß aus der Heide einst Bier gebraut wurde und daß die Elfen das Brauen des Heidebieres von den Dänen gelernt hätten. Bei dem Worte Bier haben wir aber wohl an den Met zu denken, der aus dem Heidehonia bereitet wurde.
iiePoljitPisinfpelUloE im froieiiügtni Mu
kann unter der Leitung des Landeswühnungsinspektors. Gretzschel, was Intensität und Umfang der WohnnrrgL- pflege anlanat. als mustergültig bezeichnet wer-: den. Nach dem neuesten, das Jahr 1809 umsassendcnj Bericht des Genannten.hatte auch in diesem Zeitraum die Wohnnngspstege gute Fortschritte zu verzeichnen. Tie Beamten für Wohnungsinspektionen sind zum Teil vermehrt worden, verschiedentlich auch durch. F r a u e n. Unterstützt wird die amtliche Wohnung»--, pflege durch Mitwirkung der staatlichen, Gesundheits- beamten. Die Wohnungsaufsicht wurde in bedeuten--: dem Umfang ausgeübt. So kamen beispielsweise außer den Schlafftellen und Schlafräumen über 36 000 Wohnungen zur Untersuchung, von denen über 3000 beanstandet wurden. Bei den Gemeinden unter 2000 Einwohnern haben die Beanstandungen 1909 eine bis--, her nie beobachtete Höhe erreicht. Beanstanbungs- pründe sind in der Hauptsache immer wieder R e P a r a-, turbedürsiigkeit, Verstoß gegen L«u- odcp feuerpolizeiliche Vorschriften, F e uch t i g k e i t und Ubersüllung. Dazu treten dann Mangel an Abortanlagen, unzureichende Lust- und Lichtverhätt-- risse und Gefährdung der Sittlichkeit. Überblickt man die Ursachen für die noch immer breite Schichten der Bevölkerung treffenden ungünstigen Wobnungsver- hältnisse, so können nach dem Bericht, der viele a I t- gemein geltende Gesichtspunkts der Wohnungsfürsorge enthält, drei als die hauptsächlichsten hervorge-, hoben werden: der vielfach hervortretende Mangel an guter W o h n g e le g e n he i t, die wirtschaftlich ungünstige Lage vieler Familien und Mangel an Wer t- ! ch ä tz u n g einer guten Wohnung, an Sinn für Ordnung, Sauberkeit und behagliches harmonischcZ Familienleben. Diese drei Erscheinungen sind es auch> die den Wohnnngsinspektor vielfach vor unabänderlich^ Zustände stellen und ihm sein Amt recht schwer machen. Die _ erwähnte schlechte wirtschaftliche Lage vieler Familien tritt dann als weiteres Hemmnis für big Wohnungspflege zumeist hinzu. Stehen schon mitunter die zu zahlenden Mieten mit dem Gebotenen! nicht in Einklang und übersteigen sie vielfach auch die finanzielle Leistungsfähigkeit vieler Familienvorstände — der Mainzer Wohnungsinspektor berichtet von Fällen, in denen die Miete % bis % des Arbeits-» einkomme ns ausmacht — so mußte im Berichts-- jahre bei Beanstandungen, die die Ausgabe der betreffenden Wohnung notwendig machten, häufig Rücksicht genommen werden auf die infolge der schlechten Geschäftslage eingetretene Arbeitslosigkeit. Recht bedauerlich sind die Hindernisse für die Wohnungspflege, wenn sie aus Unverstand und Leichtsinn, mitunter wohl auch Trägheit beruhen. Gelänge es, hier eine erhebliche Besserung herbeizusiihren, so wäre damit ein bedeutendes Stück Kulturarbeit geleistet. Hier erwächst namentlich den ans dem Gebiete der?
Die rote Farbe der Wüten flammt nach altem Volksglauben von dem Blute der erschlagenen und in den Hünengräbern bcigesetztcn Helden, namentlich erzählt man von einer gewaltigen Normannenschlacht, die zur Zeit der Heideblüte stattfand. Damals blühte die Heide noch schneeweiß, als aber unzählige der tapferen Streiter aus tödlichen Wunden blutend zu Boden sanken, da färbte sich di« Heide.
„Und blutig blühte sie jahraus, jahrein,
Es, bleichte sie kein Sonn- und Mondenschein,
Kein Schnee, kein Regen wusch vom Blut sie rein.
Die Edelsten des Volkes lagen tot.
Nun blüht die Heide ewig blutig rot."
Die Ruhe dieser tapferen Helden war dem Volke heilig, niemand rührte an ihre Hügel, wer es dennoch tat, dem weissagte man nichts Gutes. Dem Kanonikus $u RanrmelK- loh, der einst ein Hünengrab ausgraben wollte, erschienen in der Nacht drei Männer, von denen der eine einäugig war, und sprachen mit wunderbaren Lauten in uralte? Stabreimweise:
„Heldentod haben Hier wir erlitten.
Für das Vaterland Fochten und starben wir.
Störern unseres Staubes Strahlt Glücksstern nimmer."
Nach einer anderen Überlieferung wurde die Heid«! vom Blute einer ungetreuen Braut rot gefärbt. Ern Ritter nahm, ehe er in den Krieg zog, von seiner Liebsten an dem großen Steine auf der Kolborner Heide bei Lüchow Abschied. Die Maid schwur unter Tränen: „Werde ich treulos, soll mich dieser Fels zerschmettern." Bald darauf aber stand sic mit einem anderen Buhlen neben dem Stein. Da rollte dieser plötzlich herum und zerdrückte die Ungetreue. Ihr Blut färbte die bis dahin weißen Blicken des Heidekrautes rot; nur selten findet man einen Zweig rnfi weißen Glöckchen. Die Heide fuhrt seitdem den Namen Brauttreue,
