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Seite A. Donnerstag, 28» August 11)10, WieshKÄSrrex Tagblatt»
Wie uns aus Belgrad von unserem Mitarbeiter, der das zukünftige Königreich, kennt, geschrieben wird, ist auch die Regierungsweise des „Königs" dein Umfang seines Landes entsprechend. Man mutz sich, wenn man an das Rcgierungssystem Nikitas I. denkt, nicht große Monarchien vorstellen, in denen der König dem Volk fast unsichtbar seine Herrscherpflichten ausübt. Man wird eher an die Königreiche der h o m e- rischeu Zeit, wie an die Beschreibung z. B. von Jthaka denken müssen, um eine richtige Vorstellung zu gewinnen. Der „Palast" des Königs ist ein kleines einstöckiges Haus, das nicht einmal besonderen Ansprüchen eines Privatmannes genügt. Ter Etat von Montenegro erreicht eine Höhe von rund 1 Million Mark und hat somit kaum den Umfang des Voranschlags einer kleinen deutschen Stadt. Der Handel vollzieht sich in ähnlichen Grenzen. Ausfuhr und Einfuhr zusammen ergaben in den letzten Jahren einen Umsatz von kaum 7 bis 8 Millionen Mark, von denen die Ausfuhr kaum ein Drittel betrug. Auf Betreiben des Fürsten ist jetzt in der Hauptstadt auch ein B a n k i n st i t u t gegründet worden, das sich recht großspurig die „Bank von Montenegro" nennt. Über die Bedeutung der Bank wird man ein Urteil gewinnen. wenn man bedenkt, daß das gesamte Aktrenkopital 500 009 Kronen beträgt. Der Vorsitzende der Aktiengesellschaft ist ein Hotelwtrt. „König" Nrkita erledigt seine Negierungsgeschäftc auch ganz wie ein alter homerischer König, der die paar tausend Untertanen, über die er verfügte, persönlich kannte. Er iitzt wie ein schlichter Bürgersmann des Nachmittags und des Abends vor seiner Tür und berät hier mit seinen Ratgebern die zukünftige Gestaltung des Landes. Wer vorüberkommt, der grüßt, wie man einen guten Nachbarn grüßt, und der König dankt, wie man einem guten Bekannten dankt, indem er jeden Grüßenden' beim Namen nennt. So spielt sich die Regierung Nikitas äußerlich in sehr patriarchalischen Formen ab, was aber nicht hindert, daß die Bewohner Montenegros in großen Scharen auswandern, weil sie hier ihren Lebensunterhalt nicht finden.^ Einen Teil der Schuld trägt dabei aber ihre Faulheit.
Deutsches Kelch»
LC. Der Reichshaushalt für 1989 hat sich mit seinen „nur“ 1281/2 Millionen Mark Fehlbetrag an Stelle der veranschlagten 240 Millionen noch überraschend gut herausge- fteKt Die Voreinfuhr bei den erhöhten Zöllen, die ein stattliches Plus gebracht haben, hat hierbei viel ausgemacht, anzuerkcmrm sind aber auch die Minderausgaben bei verschiedenen Etat», und man dürfte hier die energische Hand des neuen Schatzsckretärs Wermuth zu würdigen Haben. Höchst bezeichnend aber ist cs, daß auch diesmal dem Hinier- bliebenen-Versicherungsfonds kein roter Heller zugeführt werden konnte, wodurch das herbe Urteil, das im Reichstag bei der Beratung der Reichsversicherungsordnung der Adg. Mugdau der bekannten Heldentat des Zentrums, der Schaffung jenes Fonds, zuteil werden ließ,. von den Tatsachen wiederum in drastischer Weise bestätigt worden ist. Auf der anderen Seit- wirkt die E i n f u h r s ch e i n-W i r t- schaft fortgesetzt im Sinne einer Beeinträchtigung der Zolleinkünfte. Den Arbeiter-Hinterbliebenen nichts, den Agrariern unausgesetzt Vorteile und Liebesgaben — da» ist eine charakteristische Signatur unserer Wirtschaftspolitik. — Daß das neue Jahr finanziell für das Reich ebenso relativ gut abschneiden wird wie das verflossene, ist leider nicht anzunehmen. Die neuen Zölle und Steuern zelgeu
in ihrem allmählich zustande kommenden BeharrungSzu- stand zumeist keine günstige Entwicklung. Die Prophezeiungen der Linken bewahrheiten sich in bitterem Ernst.
* Amtsvorstchcr-Politik. Eben erst war von einem Amtsvorsteher zu berichten, der aus den lächerlichsten Gründen einer sozialdemokratischen Wahlversammlung dir Genehmigung versagte und damit Stimmung für die Sozialdemokratie machte. Jetzt wird ein anderer Fall von so kleinlicher „Politik" gemeldet: Ein 63jähriger Veteran hatte an den Amtsvorsteher in Saarau bei Breslau ein Gesuch um Gewährung der Veteranenbeihilfe eingereicht. Darauf soll der Amtsvorsteher, wie der „Vorwärts“ berichtet, folgendes geantwortet haben: „Zurückgereicht mit dem Bemerken, daß, wenn Sie nicht Mitglied eines Kriegervereins sind, ich in der Angelegenheit nichts tun kann.“ Falls die Angaben des „Vorwärts“ richtig sind, muß man diese Antwort als ganz unverständlich und ungehörig bezeichnen. Mit der Veteranenbeihilse hat die Zugehörigkeit zu einem Kriegerverein gar nichts zu schaffen, und wenn ein Amts- Vorsteher oder sonst ein VerwaltungSbeamter glaubt, daß er auf diese Weise für die stärkere Beteiligung au Krieger- Vereinen wirken kann, so wird er das Gegenteil erreichen, genau wie sein oben erwähnter Kollege mit seiner Methode in der Bekämpfung der Sozialdemokratie.
* Teuerung und Lohnerhöhungen. Infolge der verteuerten Lebenshaltung bewilligte anläßlich des Geburtstags des Herzogs die anhaltische Regierung allen Arbeitern der fiskalischen Salzwerke Lohnerhöhungen.
* Bei der Einweihung des neuen Rcichsmilitärgerichts- gebäudcs in Charlottenburg am 2. September wird der Kaiser die Schlußsteinlegung vornehmen. An der Feler werden die Generale, Admirale, Regimentskommandeure und die Kommandeure selbständiger Bataillone in Berlin und Charlottenburg, sowie von jeder Militärbehörde ein Vertreter teilnehmen.
* Polnischer Schmerz. Aus polnischen Blättern wird nachträglich eine eigenartig verlaufene Fahrt oftproußischer Sokolisten nach dem Denkmal der Schlacht bei Tannenberg bekannt. Als die Sokols aus Löbau vor den: Gedenkstein bei Tannenberg Ausstellung genommen, sammelte sich die O rt sb e v ö lkarung an, die aus Masuren besieht. Diese, bekanntlich meist gute evangelische, preußische Patrioten, waren sehr erregt über die polnische Kundgebung, und ihre Gesinnung machte sich im heftigen Worten Luft. Deshalb hielten cs die Sokols für geraten, „Meunigst den Platz zu verlassen“. Und der „Kurher Poznan,ski“ schreibt weiter: „Die Masuren folgten ums jedoch, vor preußischem Hochmut kochend, auf
! Schritt und Tritt. Als die Sokols ihr Lied „Verschlafen und träge“ wiederum anstimmten, schmetterten die Masuren aus voller Kraft „Heil dir im Siegerkranz“ und „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“. Das wirkte m e r k- würdigdeprimierend auf uns ein. Masuren, welche u n s e r e Sprache auwandten, um Schimpfworte und Beleidigungen auf uns Polen zu schleudern und so flammend preußisch-deutsche Nationalhymnen zu singen —. das war erst der Schmerz der Schmerzen. Um Händel zu vor- meiden, verließen Wir schleunigst das ungastliche Land.“ — Der Buckel scheint den poilnischen Demonstranten etwas gejuckt zu haben.
* Korfantys Emde. In Laurahütte, O.--S., und anderen Orten des oberschlesischen Jndustriebezirks sind durch den Gerichtsvollzieher die Monnementsgelder für den „Polak“ und „Kursier“ mit Beschlag belegt worden. Beide Blätter gehören dem polnischen Abgeordneten Korsauth. Die Kolporteure müssen die Abonnementsgelder direkt an den Gerichtsvollzieher abliesern. Damit dürfte „Pan“ Korsauth auch wohl seine politische Rolle ausgefpielt haben.
* Graf von Wartensleben über sittliche Mißstände im Adel, über eine bemerkenswerte Rede des Grafen von Wartensleben aus der sächsischen Provinzial-Genoffenschasts-
Morgen-Ausgabe, 1. Blatt. Nr» 29 3.
tagung in Thele über sittliche Mißstände im Adel wird berichtet: Infolge der Reichsfinanzreform und der. leider gleich daraus uns bescherten Wahlrechtsvorlage ergießt sich eine wahre Flut von Verdächtigungen, Verleumdungen, Schmähungen gegen, die konservative Partei und ganz besonders gegen deren' Kern: den evangelischen Avsi. Run, die konservalive Partei als solche und der Adel als solcher kann mit gutem Gewissen allen solchen Angriffen die Stirn bieten. Es ist aber nicht zu leugnen, daß manche Standes genossen durch ihren Lebenswandel und mehr oder minder grobe Verse hl ittigcn und Vergehen den Gegnern willkommene Handhaben bieten, und daß besonders in der jüngeren Generation hier und dort laxe Lebensanfchauungen Platz greifen. • Hier, meine Herren, liegt für jeden Johanniterritter ein rechi geeignetes dankbares Arbeitsfeld. Wir wollen gewiß nicht unseren jugendlichen Nachwuchs zu Duckmäusern erziehen, wollen auch der überschäumenden Jugendkraft manches zu, gute halten. Aber es muß in unserem Stande immer mehr die Erkenntnis geweckt werden, daß der Einzelne durch feine Verirrungen und Vergehen nicht nur sich selbst und seine nächsten Angehörigen schädigt, sondern daß er sich in. einer heuzutage ganz unverantwortlichen Weise an unserem ganzen Stande versündigt. Mehr denn je ist der Adel jetzt dazu berufen und verpflichtet, so zu leben und sich so zu halten, daß er einen festen Schutzwall bildet für Thron und Altar.
,-r- Der Verband deutscher Architekten- und Ingenieur. Vereine, E. B., hält seine Abgeordneten- und Wanderversammlung in diesem Jahr in Frankfurt a. M. ab, und zwar tagt die Abgeordneten-Versammlung daselbst tuitu 2. bis 4. und die Wanderversammlung vom 4. bis 7. Scpt. Die Abgeordneten werden durch die städtischen Behörden Frarrkfurts im „Römer“ begrüßt werden. Die Versammlungen selbst finden im Kaufmännischen Vereinshaus statt. Auf der Tagesordnung stehen viele in den Kreisen der Techniker heute im Vordergrund des Interesses stehende Fragen. Die Abgeordnetenversammlung wird Stellung zu dem Gesetz über die Reich sw ertzuwachs st euer nehmen muffen, ebenso zum zweiten Teil des Gesetzes über die Sicherung der Bauforderungen. Die Schaffung von Architektenkammern, die in der letzten Zeit häufig du. fürwortet und ebenso häufig bekämpft wurde, wird ebenfalls besprochen werden. Einen großen Raun: werden in den Verhandlungen die Erörterungen beanspruchen, die dle Stellung der technischen Oberbeamten in den staatlichen und städtischen Verwaltungen behandeln; iin Zusammenhang hiermit stehen Vorschläge, die für eine Reform der technischen Zweige der preußischen Staatsverwaltung gemacht Werden sollen. Dazu kommen noch die zahlreichen wissenschaftlichen Berichte.
— Die Vereinigung für staatswiffenschaftkiche Fortbildung in Berlin, Behrenstraße 70, veranstaltet im kommenden Winter ihren 18. Fortbildungskursus, der Ende Oktober beginnt und, abweichend von den Vorjahren, schon am 18. Februar schließt. Der gegen früher nach vielen Richtungen weiter ausgestaltete Studienplan ist soeben erschienen. Das Programm der konversatorischen Vorlesungen stellt neben die Erörterung von brennenden öffentlich-rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen eine Reihe von Vorlesungen, die sich mit wichtigen grundlegenden Fragen aus dem Bereich der juristischen und wirtschaftlichen Staats- Wissenschaften beschäftigen. Die Auswahl der Vorlesungen und vor allem die der Dozenten gewährleistet Wohl einem jeden Teilnehmer eine Vertiefung und Erweiterung seiner allgemeinen und speziellen staatswissenschaftlichen und staatsbürgerlichen Kenntnisse. Die größere Studienreise beschließt den Kursus und führt die Teilnehmer vom n. bis 18. Februar nach Lübeck, Kiel und Hamburg.
X Berufsvormündertagung. Am 24. und 25. Oktober d. fz, versammeln sich wieder die Berufsvormünder Deutschlands^ Österreichs und der Schweiz, sowie Vertreter der verschiedensten Behörden und Vereine, die an der Kinderfürsorge Interesse
zu befreien.. Inzwischen war aus Truppen der 2. deutschen Armee sine 4., die Maas-Armee unter dem Oberbefehle des Kronprinzen Albert von Sachsen, gebildet worden, die in Gemeinschaft mit der 3. Armee unter dem preußischen Kronprinzen gegen Paris vorrücken sollte. . Aus die Kunde von Mac Mahons Plan schwenkten beide jedoch nach Norden ab, und bei Beaumont (30. August) erhielt die Maas- Armee zuerst Fühlung mit dem Feinde. So wurde Mac Mahons Versuch, Bazaine zu eutfetzeu, vereitelt, und cs folgte nun die gewaltige zweitägige Schlacht rund um Sedan (31. August) und 1. September), in der 209 000 Deutsche gegen ISO 000 Franzosen, die in gedeckter Stellung mit der Festung im Rücken fochten, kämpften und die mit der ruhmreichen Kapitulation und der Gefangennahme des Kaisers (2. September) endete: 83000 Soldaten mit 8 Fahnen, 319 Feld- und 139 Festungsgeschützen wurden übergeben: außerdem waren während der Schlacht 25000 Feinde gefangen genommen, 17 000 getötet und verwundet und etwa 300 Mann über die belgische Grenze gedrängt worden. „Welch eine Wendung durch Gottes Gnade!“ telegraphierte der greise König nach Berlin.
In Paris wurde die Republik proklamiert, während Napoleon als Kriegsgefangener auf Schloß Wilhelmshöhe bei Cassel interniert wurde: „Kein anderer Gefängnisort, Demütiaend wie iener dort:
Auf Wilhelms höhe — welch ein Hohn — Erniedrigt sitzt Napoleon!"
Die Hoffnung, daß nun, nachdem der Urheber des blutigen Ringens seinen gebühreschen HoHy xmpjauacn.
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