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92t. 39.1.
Wiesbaden, Donnerstag, 25. August 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
_1. Matt. _
Iüv öerr Monat September
aus da»
„Wiesbadener Tagblatt"
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Das Ende Koreas.
Als Ende vorigen Monats nach langwierigen Der- Handlungen das Mandschurei-Abkommen zwischen den beiden ostasiatischen Konkurrenten Rußland und Japan, die sich erst schlugen und dann aus Gründen der höheren Politik vertrugen, zustande kam, bemerkten wir, daß wenn auch in den Akten nichts von einer Annexion Koreas durch Japan stünde, doch kein Zweifel darüber bestehen könne, daß das Land der ausgehenden Sonne sich bei dieser Gelegenheit durch irgend eine Geheimklausel die Zustimmung Rußlands zu der ja längst beschlossenen Einverleibung des „Kaiserreichs" Korea gesichert habe. Und es gehörte wirklich keine sonderliche Prophetengabe zu dieser Annahme, da ja Japan seit der Auseinandersetzung mit dem Zarenreiche, die mit der Niederlage des letzteren endete, die Japanisierung Koreas mit allen Mitteln betrieben hat. So kann denn, wie.wir gleich bemerkten, die jetzt aus Tokio gekommene Nachricht von der Annexion Koreas nicht weiter überraschen. Und wenn auch die amtliche Bestätigung noch fehlt, wenn die schlauen Japaner dieser Annexion vielleicht auch einen anderen Namen, mag er nun Protektorat oder Erklärung zur Kronkolonie lauten, geben werden» so kann doch an der Tatsache der Umwandlung des einst unabhängigen Kaiserreichs Korea füglich kein Zweifel mehr sein, weil dies eben die logische Folge der Politik ist, welche die Japaner vor sechsundeinhalb Jahren einleiteten, als sie in recht unhöflicher Form das Zarenreich zum Zweikampf um die Vorherrschaft in Dstasien einluden.
Es ist schwer, keine Satire zu schreiben, wenn man sich heute erinnert, daß Japan den Krieg gegen Rußland nicht zuletzt damit begründete, daß es Korea gegen die A n n e x i o n s g e l ü st e des Zar en- reiches schützen müsse. Alsbald zu Beginn des Krieges schloß Japan am 23. Februar 1904 „zur Aus- xechterhaltung einer dauerhaften und festen Freund
schaft" ein Bündnis mit Korea, worin es „die definitive Garantie für die Unabhängigkeit und territoriale Integrität Koreas" übernahm.. Und noch der am 29. August 1906 zustande gekommene Friede von Portsmouth, der freilich „die Interessen Japans in Korea" als „vorherrschend" bezeichnete, enthielt im Artikel 2 die Bestimmung: „Es wird auch vereinbart, daß, um allen Anlaß zu Mißverständnissen zu vermeiden, die beiden vertragschließenden Parteien_ sich an der russisch-koreanischen Grenze jeder militärischen Maßnahme zu enthalten haben, die die Sicherheit des russischen oder des koreanischen Territoriums bedrohen könnte." Japan hat diese Abmachung wörtlich einge- halten, denn die Annexion Koreas ist nicht von der russisch-koreanischen, sondern der . japanisch-koreanischen Grenze aus erfolgt!
Alsbald nach dem Krieg begann die Umklammerung Koreas, das für das an Überbevölkerung leidende Japan einen sehr begehrenswerten Besitz darstellt, da es mit seinen 218 650 Quadratkilometer die Hälfte des Flächeninhalts von Japan aufweist, während die Bevölkerung nicht ganz 10 Millionen beträgt. Bereits im Februar 1906, also nicht lange nach dern Ende des russisch-japanischen Krieges, mußte die koreanische Negierung den Japanern in einem Sondervertrage weitgehende Rechte, vor allem die Leitung der auswärtigen Staatsangelegenheiten zugestehen, und im Juli 1907 folgte die Entthronung des Kaisers I-tsöng, der es gewagt hatte, die Intervention der Haager Konferenz anzurufen. Damals schrieben wir: „Wenn die Japaner jetzt den 33 Jahre alten J-tschak, den ältesten Sohn des entthronten Herrschers, zum Thronfolger ausgerufen haben, so geschah das offenbar in der stillen Hoffnung, daß dieser ihnen auch gelegentlich Anlaß geben wird, ihm den Stuhl vor die Tür.zu setzen. Wer weiß, wie lange es dauern wird, bis J-tschak XXXV. zugleich J-tschak der Letzte vom Stamme Han, der letzte Kaiser von Korea sein wird."
Es hat nur drei Jahre gedauert! Ter letzte Kaiser von Korea wird nominell als irgend ein hoher Würdenträger» tatsächlich aber als Gefangener nach Tokio übersiedeln, und das seit 618 Jahren regierende Herrscherhaus hat zu regieren und zu herrschen a u f g e - hört. Korea aber wird japanische Provinz, welchen Titel man ihm auch gibt. Irgendwelche internationalen Schwierigkeiten und Proteste hat Japan kaum zu erwarten. Mit Rußland hat es sich im Mandschurei- Abkommen geeinigt, Großbritannien hat es durch den Bündnisvertrag ans seiner Seite, und China hat weder den Mut noch die Mittel zu einem Protest, ganz besonders angesichts der gegenwärtigen Wirren. Bleiben die Vereinigten Staaten von Amerika, die aber auch kaum Neigung haben dürften, die gefürchtete Auseinandersetzung mit dem Lande der ausgehenden
Sonne zu beschleunigen, bei der sich die Union vielleicht als das Land der b e g r e n z t e n militärischen Möglichkeiten erweisen könnte. So werden sich die Mächte — und in dieser Beziehung ist auch Deutschland interessiert — daraus beschränken, ihre wirtschaftlichen Interessen in Korea zu wahren. Und wie schon die Meldung zeigt, daß der koreanische Tarif zunächst fünf Jahre weiter in Kraft bleiben soll, sind die Japaner viel zu klug, um die Kreise ihrer Annexionspolitik durch eine überflüssige Herausforderung der Mächte zu stören oder gar zu zerstören.
Politische Übersicht.
Der Zusammenbruch der Niederdeutschen Bank gibt einigen Blättern Anlaß zu ungeheuerlichen Ü b er- rr ei bringen und sensationellen Erfindungen. Ain skrupellosesten benimmt sich dabei die sozialdemokratische Presse. Das Dortmunder Parteiblatt erzählte, daß das Oberhaupt der Stadt mit mehreren hunderttausend Mark Schuldner der genannten Bank gewesen sei, und zwar bis vor wenigen Tagen. Gute Freunde hätten dann die Summe zusammeugebracht, um zu verhindern, daß Herr Oberbürgermeister Schmieding in den Berichten und Verhandlungen als Schuldner genannt werde. Gleichzeitig aber wußte das Berliner Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei zu berichten, daß Oberbürgermester Schmieding dem jetzt in Konkurs geratenen Aufsichtsrats Mitglied Stadtrat a, D. Maiweg 200 000 M. geliehen habe, die er jetzt verliere. Aus Aufregung hierüber habe er den kürzlich- gemeldeten S ch l o g a n f a l l erlitten^ Wenn eines der beiden Blätter gut unterrichtet wäre, so müßte das andere um so schlechter Bescheid wissen; denn die Meldungen laufen ja diametral auseinander, indem das eine Blatt den Oberbürgermeister als geldbedürftigen Schuldner, Vas andere ihn als wohlhabenden Geldverleiher hinstellt. Tatsächlich hat keines der beiden Blätter dem anderen etwas vorzuwerfen, denn 'die Behauptungen beider sind „aus schlechtester Nedaktionsluft gegriffen". Ob die Leser der beiden Blätter nicht doch allmählich etwas mißtrauisch werden?
Wie „König" Uikita n»n Monronegro xegiext.
Nikita l., Fürst und Herr von Montenegro, wird bald zu den Königen Europas gehören. Selten har ein Titel weniger gehalten, als er versprach, da die Vorbedingungen, die für uns von dem Begriff des KönigstumL unzertrennlich sind, hier in keiner Weise gegeben sind. Das ganze „Königreich" weist, wie schon mitgeteilt, kaum rund 250 000 Menschen aus und hat einen Umfang einer sehr kleinen Provinz.
FeuMetorr.
(Nachdruck verlöten.)
Der deulsch-sranMsche Krieg 1870/71.
Zum 40jährigen Gedächtnis.
Von Paul Pasig.
Ms vor 40 Jahren die Kriegsposaune erklang und unsere wackeren Truppen hinausries in Feindesland, um „die Wacht am Rhein" zu halten, da machte man sich auch deutscherseits kein Hehl daraus, daß es sich um einen Krieg handle, der unter Umständen jahrelang dauern könne. Hatten wir es doch mit einem an Zahl fast ebenbürtigen Gegner zu tun, der uns außerdem durch seine kriegstechnischen Erfindungen — wir Lenken hier vor allem an die grundlos so gefürchteten „Miirailleusen" oder „Kugelspritzen" — beträchtlich überlegen schien; endlich ging einer Anzahl von französischen Heerführern, vor allem dem aus dem italienischen Feldzuge (1859) bekannten Marschall Mac Mahon, Herzog von Magenta, ferner Bazaine, Bourbali usw. der Ruf besonderer Tüchtigkeit und reicher Erfahrung voraus. In gewissem Sinne flößten auch die namentlich aus Algier seitens der Franzosen Herbeigehotten „Wüstensöhne", die Turkos, Spahis und Zephyrs, den Unseligen ein gewisses Gruseln ein. Die beiderseitige Stärke der Heere stellte sich am Beginne des Krieges so: Die Gesamlstärle der deutschen Truppen betrug 1183000 Mann und 250 000 Pferde, die größte bis dahin überhaupt aufgestellte Truppenmacht;, von dieser bildeten zunächst 528000 Mann mit 1580 Geschützen die Feldarmee. Die Zahl der französischen Truppen betrug Mitte Juli 567 000 Mann, wovon jedoch 231000 Mann für die Feldarmee nicht in Betracht kamen. Außerdem verfügte Frankreich über eine Flotte von 99 gepanzerten und 110 ungepanzerten Schlachtschiffen, von denen eine Landung an unserer Küste mit Recht befürchtet wurde. Daher war rille ,der besten Kriegsmaßregeln deutscherseits die Löschung
der Leuchtfeuer an der Küste. Die eigentliche Eröffnung des Krieges bildete das Gefecht bei Saarbrücken am 2. August. Die kleine, 1400 Mann starke Besatzung der offenen Stadt wurde von der zwanzigsachen französischen Übermacht (Korps Frossard, über 30 020 Mann) angegriffen und zum geordneten Rückzuge genötigt. Das französische Kriegsbulletin bauschte das in seinen Folgen völlig negative Ereignis zu einer glänzenden Ruhmestat auf, wobei der vierzehnjährige kaiserliche Prinz „Lulu" (Louis) „die Feuertaufe empfing" und seine Kaltblütigkeit bewies, indem er eine Kugel auflas, was die ergrauten Krieger „zu Tränen rührte" (!!). Der erste ernste Vorstoß der deutschen Truppen galt den drei im Elsaß stehenden französischen Armeekorps unter Marschall Mac Mahon. Am 4. August wurde dessen Vorhut vou der dritten deutschen Armee unter dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm bei Weißcnbnrg geschlagen und der südlich davon gelegene Geisberg, der von Turkos besetzt war, von den vereinten Preußen und Bayern erstürmt. Das war die „Weißenburg-Ouvertüre", die Nord und Süd zu inniger Waffenbrüderschaft zusammenschweißte. Am 6. August wurde Mac Mahon selbst bei Wörth besiegt und zurückgeworfen: in beiden Treffen verloren die Franzosen 16 000 Mann an Gefangenen, 10 000 an Toten und Verwundeten, dazu 2 Adler (Feldzeichen), über 30 Geschütze und 6 der so gefürchteten Mitrailleusen.
An demselben 6. August griffen Teile der ersten und zweiten Armee das Korps Frossard an, das die steilen Spicheren Höhen bei Saarbrücken besetzt hielt, und nahmen diese ein; das Korps wurde fast gänzlich aufgelöst, das Lager einer französischen Division genommen und 2000 Gefangene gemacht. Den Eindruck dieser drei ersten Schlachten, durch die die französische Armee von der Grenze ab- und in das Innere gegen Metz gedrängt wurde, war in Frankreich ungeheuer. Die vielgepriesene „gloire" war wie eine Seifenblase zerstoben und von der „Erzbereitschaft" der Armee war nichts zu spüren gewesen! Di? nächste Folge war, daß der Kaiser den Oberbefehl über die etwa 200 000 Mann starke Truppenmacht, die bei Metz zusammcngezogen wurde, in die Hände des Marschalls Bazaine legte, während
Mac Mahon, bei dem sich Napoleon befand, weiter rückwärts, im Lager von Chalons, ein neues bedeutendes Heer sammelte. Die drei Schlachten um Metz — bei Colombey- Nouilly (14. August), bei Vionville-Mars-la-Tour (16. August) und bei Gravelotte (18. August) endeten mit der Einschließung der Bazaineschen Armee in der „jungfräulichen" Festung Metz. Die Schlacht von Vionville, die elf Stunden währte, war eine der mörderischsten des ganzen Feldzuges; hier fanden auch die großartigsten Reiterkämpse des Krieges statt. Wer dächte da nicht an den „Todesritt" der Brigade Bredow, den Freiligrath in seiner „Trompete von Vionville" so ergreifend besang?
„Sie haben Tod und Verderben gespien —
Wir haben es nicht gelitten;
Zwei Kolonnen Fußvolk, zwei Batterien,
Wir haben sie niedergeritten. —
Die Säbel geschwungen, die Zäume verhängt,
Ties die Lanzen und hoch die Fahnen,
So haben wir sie zusammengesprengt,
Kürassiere wir und Ulanen.
Doch ein Blutritt war es, ein Todesritt;
Wohl wichen sie unseren Hieben,
Doch von zwei Regimentern, was ritt und was stritt. Unser zweiter Mann ist geblieben. . . ."
Von den kaum 800 Mann starken 6 Schwadronen verloren die Kürassiere 7 Offiziere, 189 Mann und 209 Pferde, die Ulanen 9 Offiziere 174 Mann und 200 Pferde, also zusanrmen 379 Mann! — In den drei Schlachten bei Metz hatten auf beiden Seiten etwa 180 000 Mann im Gefecht gestanden; die Deutschen hatten mit gleichen Streitkrästen einen in weit günstigeren Stellungen kämpfenden Feind niedergerungen; sie als Angreifer verloren 20000 Alaun, die Franzosen 13000 Mann.
Aber den großen Opfern entsprach auch der Erfolg: Bazaines Armee war iu Metz emgeschlossen und von zwei deutschen Armeen, der 1. und 2., umlagert, vorläufig vom Kampfe ausgeschaltet und unfähig, sich mit Mac Mahons inzwischen neugebildeter Armee zu vereinigen. Dieser suchte MN von Asrdcu her gegen Wetz vorzudringen und. Bazains
