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Nr« SSL.

Wiesbaden, Mittwoch, A4. August LSI«.

58. Jahrgang.

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Dre diplomatische Ursprungsge schichte des Krieges von 1870/71.

Frankreich hatte sich bislang in der Veröffent­lichung seines offiziellen historischen Materials über den Krieg von 1870/71 grosser Enthaltsamkeit be­fleißigt: es besitzt vor allem keine Publikation, die der des deutschen Generalstabs an die Seite zu stellen wäre. Bismarck, . Moltke und viele airdere Haupi- okteure des deutschen Einigungswerks haben in ihren Erinnerungen und Schriften ein recht vollständiges geschichtliches Bild vom Entwicklungsgang des großen Krieges gegeben, freilich noch mehr voni militärischen als vom diplomatischen Standpunkt. Manche franzö­sische Historiker beklagten es, daß die Republik bislang nur über eine Kriegsbibliothek verfügte, die sich zu­meist aus persönlichen Verteidigungs- und auch sonst tendenziös gehaltenen Schriften zusammcnsetzte. Zsutzernminister P i ch o n richtete deshalb 1807 ein Schreiben an den Präsidenten der Republik, in dem er auf das deutsche Generalstabswerk hinwies und be­merkte, daß tiefem Umstande, daß nämlich die Politik des Deutschen Reichs bou jenem selbst dargcstellt und be­schrieben sei, der sie größtenteils inspiriert, dürchge- führt und znm Triumph gebracht hätte, Frankreich mit seinen bisherigen Veröffentlichungen zurückstehe. Um die bis dahin unvermeidlichen Lücken auszusülleu. wäre es erforderlich, in völlig unparteiischer Weise die Dokumente zusammenzustellen und zu ver­öffentlichen, die erlauben würden, in vollster Sach­kenntnis die Geschichte einer an Lehren so überreichen Epoche zu erzählen. In dem Schreiben Pichons heißt es u. a weiter: Eine Demokratie wie die unsere, deren Schicksal und Machtcrlangung eng mit diesen Ereig­nissen verbunden sind, hat das Recht, die ganze Wahr­heit zu erfahren. Tie Folgen des Krieges waren ganz außerordentliche: welche Ansichten auch zur Stunde

darüber vorwalten, cs erscheint von höchstem Interesse, die Rolle und Verantwortlichkeit eines jeden bei seiner Vorbereitung, seiner Erklärung und bei den Verhanö- liingen, die ihm vorausgingen, ihn begleiteten und ihm folgten, deutlich festzustellen. Nicht minder in­teressant wird es sein, festzustellen, warum wir beim Ausbruch der Feindseligkeiten so alleinstanden und

Feuilleton.

«Nachdruck verboten.)

Englische VerkehrZ-Litten.

Die Engländer stehen im Auslande vielfach in dem Rufe, in ihrem Verkehrsteif" zu sein. Ist das zu­treffend? Sic sind allerdings äußerst diskret und daher immer Fremden gegenüber anfangs etwas zurückhaltend. Während cs unter anderen Nationen noch Leute genug gibt und selbst vornehm aussehende Damen, die sich den Kneifer eigens auf die Nase klemmen, um einen Neu­ankömmling ordentlich mustern zu können, gilt bei den Engländern jeglichesMustern" allgemein für höchst un­schicklich. Sehr viel Gewicht legen sie auch bis in die unteren Klassen hin aus eine gute Haltung, sitzen vor allem auch bei Tisch stets unbedingt aufrecht, die Ellenbogen fest an den Körper schmiegend, ulrd auch Schuster und Schneider handhaben Messer und Gabel wie sich's gehört.

Tatsächlich ist dem Engländer all und jede leere Zere­monie mehr verleidet als irgend jemand. Wenn er die steifen Verbeugungen der Deutschen steht,ihr ewiges Handgeben" unddie fortwährende Vorstcllerei", wenn er lieht, wie Männer, ja Jünglinge und selbst Schulbuben sich begrüßen, indem sie die Kopfbedeckung bis ans Knie herunterziehen der Engländer nimmt vor einem Manne den Hut überhaupt nicht ab, er sei auch wer er fei, da wundert er sich nun seinerseits überdie steifen, zeremoniösen Menschen", die, in drei große Hauptlasten eingeteilt, solche, die Hochwohlgeboren, solche, die nur Wohlgeboren, und solche, die überhaupt nicht geboren sind,

warum gewisse Mächte, auf deren Hilfe wir vielleicht zu zählen berechtigt waren, uns im Stich ließen..

Auf dieses Schreiben hin wurde eine Kommission ernannt, die sich aus dem Archivleiter des Äutzern- ministeriums Deluns-Montaud (inzwischen verstorben), dem Deputierten Joseph Reinach, den Geschichts­professoren Aulard, Bourgeois, PagöS. und Mur et, sowie den Direktoren der Archives Nationales, Char- lot und Caron, zusammensetzte und ihre Arbeit jetzt nahezu vollendet hat. Die OriginakSokumente wur­den in hundert Bänden, nach Nationen geordnet, im Ministerium des Äußern aufgestellt; der mit Anmer­kungen Versehens Auszug, der zehn Bände uni- sasscn soll, wird in der Nationaldruckerei veröffentlicht und ist in einer deutschen Übersetzung, _ zunächst in einem gediegenen ersten Bande, der die Doktlmente vom 24. Dezember 1863 bis zum 21. Februar 1864 um­faßt, bei der V e rl a g s a n st a l t für Literatur u n d K u n st in Berlin erschienen. Die gcnrzen vier ersten Bände finb der Affäre der dänischen Herzogtümer gewidmet; nur nach dieser ausgedehnten Lektüre soll man erkennen können, welche Bedeutung diese Affäre für das Ende des Kaiserreichs erlangte. Von Interesse sind zunächst einige Stellen aus dem Rapport der Kommission an den Äußern- ministcr", der dem ersten Bande als Ein­leitung voraussteht und einen Ü b e r b I i cE.. über die ganze Riesenarbeit gewährt. Hier schon verrät die Kommission, deren scele der Dreysushistoriker Reinach gewesen zu sein scheint, daß ihre Kommen­tare unter einem Leitmotiv stehen: Es handelte sich um den großen Kampf der französischen und der deutschen Nation um die H e g e m o n i e; die spanische Thronfrage, war eine Episode, ein Vorwand; das Interesse der kolossalen Geschichtsstudie besteht in der Verfolgung, Schritt für Schritt, der diplomatischen Aktion, in dem Ringen der napoleonischen Politik mit der Bismarcks; der Kampf mit Tinte und Feder fesselt leidenschaftlicher die Aufmerksamkeit, wie der mit Pulver und Schwert, weil der letztere bereits verloren war, als er begann, d. h. als der Diplomaten- k a m p f mit einer Niederlage für Frankreich geendet hatte. Daher sind vier von zehn Bänden allein dem dänischen Krieg gewidmet, weil er derP s y Ä o- logische Moment" war, in dem Napoleon 111. Preußen Niederschlagen mußte und den er verpatzte! Tie französischen Historiker nähern sich in ihren Schlußfolgerungen den deutschen. Der Hader über Einzelheiten, die Vorwürfe über ünwohrhaftigkeit und gar Fälschungen tnachen der Betrachtung des ein­zigen großen Problems Platz; Frankreich widersetzte sich dem E m p o r k o m m e n eines g e - einigten st a r k e n Deutschlands und u n t e v lag.

Dem Bericht der Kommission an den Minister des Auswärtigen entnehmen wir das Folgende:

Das Werk, dessen ersten Band wir Ihnen vorzn- legcn beute die Ehre haben, befolgt nicht allein den Zweck, die diplomatischen Schriftstücke, Ären Kennt­nis zu einer unparteiischen Darstellung des

und dazu jeder noch durch einen Titel oder mehrere je länger, desto wirkungsvoller abgestcmpelt, der Mit- und Nachwelt damit auch gleich kund und zu wissen tun, zu welcher Kaste sie gehören. Jrc England gibt es von alledem eigentlich nichts. Und was in dem sehr beschränkten Titelwescn im entferntesten etwa daran erinnern könnte, gilt für den modernen Engländer nur sür einen Zopf aus alter Zeit.

Das vornehmlichste Bestreben eines Engländers und der Schlüssel zum Verständnis seines Charakters wie seines ganzen Auftretens scheint seine stete Beflissenheit, nur ja ein ganzer Mann zu sein. Ruhe, Selbstbeherrschung, Diskretion,bescheidene" Zurückhaltung sind von ihm be­sonders verehrte Männertugenden. Lieber derb und linkisch erscheinen, das tut er ja denn auch oft genug!, als sich dem Vorwurf aussctzcn, etwas scheinen oder vorstcllcn zu wollen.

Es gibt nun auch Wohl Leirte, die von seinerBe­scheidenheit" nicht viel gemerkt haben wollen, wohl aber von Rücksichtslosigkeiten und Unverschämtheiten. Aber ich glaube wirklich, vieles hält man an den Engländern für eine Untugend, lediglich weil man sie nicht versteht. Wir sind ja alle Engländer wie andere Menschen nur zu bereit, andere Manieren, die wir nicht gewohnt sind, für schlechte Manieren zu halten. Und schließlich be­nehmen sich ja andere Menschen aus Reisen auch nicht eben alle immer wie Gentlemen.

Ich erinnere mich, ich wurde vor Fahren einmal in einem Gasthof mit einem Engländer bekannt, mit dem ich mich angelegentlich unterhielt. Am nächsten Tage traf ich ihn im Lesezimmer. Er musste mich bemerkt haben, las aber ruhig weiter. Nach einiger Zeit kam er aber aus mich zu. Ich nahm nun natürlich keine Notiz von ihm. Plötz-

deutsch-französischen Krieges und der Umstände, die. ihm vorhergegangen sind und ihn vorbereitet haben, für den Gebrauch der Geschichtschreiber zu­sammenzustellen, es wendet sich ebensowohl an die Re­gierungen wie an die Völker. Die materiellen und moralischen Folgen der Niederlage liegen noch heute drückend auf uns. Die Demokratie hat, wie Sie rich­tig bemerkt haben, ein Recht darauf, die ganze Wahr­heit über die Umstände und die Männer zu kennen, die so schmerzhaft in ihre Geschicke eingegriffen haben.

Die Diplomatie des zweiten Kaiserreichs ist viel aufmerksamer, viel vorsichtiger und viel ein­sichtiger gewesen, als man für gewöhnlich annimmt. Sie hat sich mit Sorgfalt unterrichtet, hat mit Intelli­genz Menschen und Dinge beobachtet. Mehr als ein­mal hat sie zur rechten Zeit die Absichten und^Hinter- gedanken fremder Staatsmänner erraten. Sie hat sich nicht damit begnügt, den Stimmungswechsel der Kanzleien und Höfe zu verfolgen; die t i e f g e h e n d e Bewegung der deutschen Nation, die sich, damals vollzog, entging ihr nicht, sie sah darin den finsteren Prolog eines großen D r am a Z. Oft hat sie in nutzbringender Weise ihren Rat erteilt.

Tie offizielle Diplomatie ist nun leider behindert worden von einer geheimen Diplomatie, die noch sehe ungenau bekannt ist, dcreir Wirkung sich aber fast un­unterbrochen bemerkbar macht. Weder die Kammern, noch die öffentliche Meinung sind genau über die Stellung der Regierungen und die Wünsche der Völker! berichtet worden. Man suchte Deutschland nach altem Herkommen da, wo es vor fünfzig Jahren gewesen war. Und dann ist auch die kaiserliche Politik nicht nur durch das Interesse Frmckreichs geleitet worden, son­dern auch durch die Launen einer persönlichen Macht, die das französische Interesse bald dem Ehrgeize untcrordnet, die Weltkarte nach dem Natio­nalitätenprinzip umändern zu wollen, bald ausschließlich dynastischen Erwägungen.

Der Krieg von 1870 ist direkt aus der Kandidatur eines preußischen Prinzen für den spanischen Thron hervorgegangen; sein Ursprung liegt aber viel weiter zurück. Es war nun nicht unsere Aufgabe, uns mit seinem historischen Ursprung zu befassen, den man auf die Kriege der Revolution oder des Kaiserreiches zurückverlegen kann, oder noch weiter zurück, von Jahrhundert zu Jahrhundert, auf den siebenjährigen Krieg, aus die Unternehmungen des Hauses Bourbon gegen das Haus Habsburg, auf die großen Pläne des Kardinals Richelieu, aus die Rivali­tät zwischen Franz I. und Karl V., auf die Ver­mählung Marias von Burgund, auf die Teilung des Erbes Karls des Großen. Tie diplomatischen Ursachen der Konflikte, die dem Leben der Völker eine andere Wenduirg geben, liegen bedeutend näher als die historischen. Ihr Ausgangspunkt ist eine bestimmte Tatsache, die, sich allerdings an frühere Begebenheiten anlehnend, zu den Ereignissen, die darauf folgen, den Grund legen oder deren besondere Veranlassung sind«

Es wird allgenrein angenommen, daß man die diplomatischen Ursachen d es Krieges von 1870 mit der

lich fühlte ich seine Hand auf meiner Schicltcr mit einem herzlichenHallo, Brand, wollen Sie einen Whisky und Soda mit mir trinken." Ich war damals auch nicht wenig betroffen, daß er nicht einmalHerr" sagte. Aber heute weiß ich, das sollte freundschaftlich sein, und daß die Eng­länder im geselligen Verkehr sehr bald solche höfliche Wen­dungen fallen lassen und auch in Briefen sich einfach mit Deai- Jones oder Dear Robinson anreden, wo die Bekannt­schaft noch in dem Stadium sich befindet, in dem andere noch lange in hochachtungsvoller Ergebenheit schwelgen würden. Ich will mich auch durchaus jeden Urteils dar­über enthalten, welche Form der Anrede vorzuziehen ist. Aber wenn der Herr Wirkliche Geheime Ober usw. sich vielleicht ein wenig plötzlich als Dear Schulze angeredet fände, so würde er sich doch wahrscheinlich viel leichter darüber hin- wegsetzen, wenn er wüßte, was in dieser Hinsicht die Landes­sitten des anderen sind. Was wir aber auch davon halten mögen, jedenfalls ist die größere Steifheit auch hier wieder nicht auf Seite der Engländer.

Ähnliches kann man immerfort in jedem großen inter­nationalen Gasthof der Schweiz oder Italiens beobachten, wo die Engländer und andere meistens unvcrmischt wie Ol und Wasser aneinander vornbergleiien, lediglich weil sie sich nicht verstehen. **

Es ist die Frühstücksstunde. Die Engländer kommen herein und nicken ihren Bekannten, wenn sich gerade ihre Blicke begegnen und sie nicht zu weit von einander entfernt sitzen, freundlich zu, fertig. Wie anders die Zugehörigen anderer Nationen. Sie machen womöglich erst die Runde an den Tischen ihrer Bekannten. Diese springen auf, Stuhl- rücken, Verbeugungen, Handschütteln.Was für ein ge­waltiges Getue dieser zeremoniösen Menschen", beißt es! auf der einen,Was für eine Manicrenlosigkeit dieser nn-

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