£*_.
Auzeigcn-Axnahme: Für die Abend-Ausgabe dir iL UHr mittags: für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittag?.
Für die Aufnahme von Anzeigen an vocgefchriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen.
2 Tügcsausgaben.
flernfprecher-Rüfr
„T.gblatt-Hmr-" «r. K6S0-S3. von 8 Uhr morgen» bi» 8 Uhr abcnM.
-gcn-PreiS ,
in einheitlicher Satzferm
Anzeigen; 3Ü Pfg. für i_..._ .
Reklamen, ®«iae, halbe, drittel u»d viertel Seiten, durchlauiend, nach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter Ausnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwiichenräumen entsprechender Rabnit.
»erlag Lang gaffe 21.
„Tagblatt-Haus".
Schalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgen» bi» 8 Uhr abends.
27,000 Wörmenteu.
Bezugs-Preis für beide Ausgaben: 70 Pfg. monatlich, M. 2 .— vierteljährlich durch den Verlag Langgasie 21 , ohne Bringcrlohn. M. 3.— vierteljährlich dnrch alle dcutichen Posiaasialten, ausschließlich Besiellgeid. — Bezugs-Bestcllungc» nehmen außerdem entgegen: IN Wiesbaden die Zweigstelle Bis» marikring 29, sowie die 112 Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt: in Biebrich: die dortigen 32 Ausgabestellen und in den benachbarten Lanvorien und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.
Nr. 387.
Wiesbaden, Sonntag, 21 August 1810.
58. Jahrgang.
Morgen- Hasgafee.
1. Matt.
Auch ein Massenstreik?
Der Plan eines Massenstreiks zur Unterstützung der Wahlrechtsagitation spukt bei einem Teile der Sozialdemokraten noch immer. Der Abg. Stadthagen hat auch die nochmalige Erörterung bcß Vorschlags aus dem bevorstehenden Parteitag- in Aussicht gestellt. _ Dis eifrigste Agitatorin für den Massenstreik aber ist Rosa Luxemburg. Den stärksten Anhang soll sie unter den Bergleuten am Niederrhein und in Westfalen haben. Das sozialdemokratische Organ in Dortmund unterstützt sie ' hierbei eifrig. Gegen Kautsky, der den Massenstreik gegenwärtig — nicht unter allen Umständen — für aussichtslos und töricht hält, wenden die dortigen Radikalen ein, daß er die Stimmung unter den Proletariern, zum mindesten unter den Bergleuten nicht kenne. Danach hätte also jeder unrecht, der anders denkt als die Radikalen im Ruhrrevier, und die Frage, wer von beiden Teilen die besseren Gründe geltend zu machen weiß, wäre von vornherein überslüssig!
Neuerdings ist die Frage des Massenstreiks angeschnitten worden auf dem Internationalen Bergarbeiterkongreß in Brüssel. Die britischen Kongreßteilnehmer hatten eine Resolution für den Weltfrieden Angebracht. Sie wurde unter jubelndem Beifall einstimmig angenommen. Über die Erörterung sagt ein Leitartikels eines Arbeitgeberblattes: „Ein fran
zösischer Delegierter erklärte rund heraus, daß die internationale Arbeiterbeivegung einen allgemeinen Streik proklamieren solle, wenn es zum Kriege komme. Etwas vorsichtiger in der Form drückte sich der deutsche Pokorny aus. Er beschränkte sich darauf, zu sagen, daß die deutschen Arbeiter auf dem Posten sein würden, wenn ein Krieg ausbrechen sollte. Was unter dem „ans dem Posten sein" zu verstehen ist, liegt auf der Hand. Die Zuhörer erkannten es auch und quittierten durch stürmischen Beifall. Das ist nicht das erste Mal, daß von sozialdemokratischer Seite mit einem Massenausstand für den Fall des Krieges gedroht wird. Wenn die Äußerung so aufzufassen ist — und der Zusammenhang läßt eine andere Deutung kam zu —, so ist sie allerdings für die Denkart mancher sogenannter Radikalen sehr bezeichnend und verdient sorgfältige Beachtung. Indes bezieht sie sich auf eine Eventualität, deren Eintritt glücklicherweise sehr wenig wahrscheinlich ist, nämlich auf den Fall eines Krieges. Eigentlich praktische Bedeutung können wir ihr deshalb kaum znerkennen.
Aber wer für den Massenstreik im Kriegsfälle ist, der begeistert sich 'vielleicht auch für den Massenstreik in eineni anderen Zeitpunkte und aus einer anderen Veranlassung. Etwa für den Massenstreik als Unter
stützungsaktion für einq Wahlrechtsbewegung in Preußen. Wir müssen nun allerdings gestehen, daß wir uns einen verfehlteren Plan kaum vorzustellen vermögen. Für die Übertragung des Reichstagswahlrechts aus Preußen sind auch die Anhänger mehrerer bürgerlicher Parteien, die nach ihrer wirtschaftlichen Stellung Arbeitgeber sind. Für eine Verbesserung des geltenden Wahlrechts durch Einführung der geheimen und direkten Abstimmung sind noch mehr bürgerliche Wähler, bezw. Arbeitgeber. Wollen rinn die Sozialdemokraten bei diesem beträchtlichen, möglicherweise dem größeren Teile der Arbeitgeber die Arbeit einstellen, ohne sie zu fragen und zweifellos gegen ihren Willen, so zwingen sie dieselben, in diesem Kampfe für die Wahlreform auf die Gegenseite zu treten oder mindestens eine völlige Zurückhaltung zu üben. Die Wahlrechtsbewegung wird aus diese Weise nicht gefördert, sondern gehemmt und geschädigt. Man sollte meinen, dies wäre so klar und selbstverständlich, daß auch ganz „Radikale" es einsehen müßten, falls sie sich nicht gerade daraus kaprizieren, mit dem Kopfe durch die Wand zu rennen — wobei noch niemals die Wand, sondern immer nur der Kaps Schaden genommen hat. Wenn wir daher vor dem politischen Massenstreik dringend warnen, so geschieht cs nur im Interesse der Arbeiter selbst und der Wahlrechtsbewegung. Im übrigen bezweifeln wir aus eigener Kenntnis der Verhältnisse, daß irn Ruhrgebiet wirklich eine so radikale Stimmung vorherrscht. Man läßt die Redakteure radikale Leitartikel schreiben, liest sie vielleicht auch gern. Von da bis zur ü b e r z e u g t e n Billig n n g ist immer noch ein weiter Schritt, vor allem würden_ die Arbeiter sich aber sehr hüten, auf eigenes Risiko den Versuch einer Umsetzung dieser Aufforderung in die Tat zu machen. Mir halten das Wagnis für wenig wahrscheinlich, das eventuelle Mißlingen freilich für sicher.
Opferwillige Deutsche im Auslande.
Fm Deutschen Reich, schreibt die „Rundschau über das Deutschtum im Ausland", werden oft gerade in nationalen Kreisen harte Urteile über den Mangel an nationaler Widerstandskraft der Ausland-Deutschen gegen fremde Einflüsse, über ihre nationale Gleichgültigkeit gefällt. Wie wenig gerecht es ist, solche verallgemeinernde Urteile auf Grund einzelner Fälle abzugeben, zeigt schon die eine Tatsache, daß es jetzt außerhalb des geschlossenen, mitteleuropäischen deutschen Sprachgebietes 5240 deutsche Schulen gibt, die das Auslanddeutschtum überwiegend aus eigenen Mitteln mit großer Opfern. unterhält. Eine Ehrentafel hervorragend opferwilliger Deutscher im Ausland könnte man schnell mit Namen bedecken. Ta spendet Müser der deutschen Schule in Brüssel 260 000 Frank, Hoetsch der in Bukarest 350 000 M..
Klinckenberg vermacht der deutschen -Schul« in Pro« toria 200 000 M. Bei der Gründung der deutschen Gewerbeschule in Hohenstadt, einer hartbedrängten Sprachinsel in Nordinähren, erlegt der Obmann des Bundes der Deutschen Nordmährens, Hermann Braß, auf einmal 200 000 Kronen als Spende seines Hauses. Nur gelegentlich erfährt die große Menge im Deutschen Reich etwas von solcher Opferwilligkeit. So konnte man vor kurzem in vielen Blättern lesen, daß der bisherige deutsche Gesandte in Buenos-Aires, von Waldthausen, 200 000 M. für deutsche Schulen in Südamerika gesperrdet hat. Er hat bereits einige Jahre hindurch den gemeinnützigen deutschen Bestrebungen in den ihm zugewiesenen Ländern seine besondere Teilnahme erwiesen, bald sorgte er für deutsche Vereine, bald für deutsche Schulen, bald für ein Krankenhaus. — Die deutsche Schule in Baldivia in Chile wurde 1858 von Karl Anwandter gegründet, einem wahrhaft königlichen Kaufmann' es genügte ihm nicht, sie ohne irgendwelche Bezahlung bis zum Jahre 1876 zu leiten und auch selbst Unterricht zu geben, er unterstützte sie auch noch reichlich mit Geld. Diesem Kaufmann ist ebenbürtig der vor kurzem verstorbene Lehrer Simon Nikolussi irr Lusern, einer? deutschen Sprachinsel Tirols, südöstlich von Trient. Um diesen bedrohten Posten seiner Muttersprache halten zu helfen, gab er eine lohnende Stelle in der Hauptstadt Innsbruck auf, wo er im Frieden seiner Arbeit hätte nachgehen können. Wenn Lusern heute ein gesichertes Vorwerk der großen deutschen Feste ist, so danken wir es der in dreißigjährigem, Kamps mit den Italienern erprobten Treue dieses Lehrers. Ihm gleich zu stellen ist der wackere schwäbische Volksschullehrer Funginger in Frutillär am Llanquihue-See in Süd-Chile, der eine gut besoldete pensionsfähige Stelle an der Regierungsschule aufgab, um in seiner selbst- gozimmerten „Schwabenburg" eine deutsche Schule ohne jede Zukunftssicherheit aufrechtzuhalten, deren Grundstock seine eigenen sieben Kinder sind. Groß ist auch die Zahl opferwilliger Geistlicher im Ausland. Als voriges Fahr die schwer kämpfende Martini- Schule in Kapstadt, eine deutsche, konfessionsloss Schule, ihr 26sähriges Bestehen feierte, konnte der sie leitende evangelische Pastor Wagner, der täglich 5 bis 6 Stunden ohne Entgelt selbst gibt, sagen: „Ich
möchte um keinen Preis mein Leben als Lehrer an unserer deutschen Schule missen, wenn es auch oft in diesen 25 Fahren schwer war, zum Sterben schwer."' Aus solchen Beispielen ergibt sich wohl eins für alle: Mögen sich auch manche Deutsche im Ausland nur in Stunden der Bierbankbegeisterung als Deutsche fühlen, mögen auch am Niedergehen deutschen Volkstums Hier und da in der Ferne Deutsche selbst Schuld tragen, — der großen Mehrheit, vor allen aber denen, die mit großem Opfersinne, mit stiller Schaffensfreude im Dienste unseres Volkes draußen arbeiten, schuldet das deutsche Volk Dank und Hilfe, Treue um Treue!
FemÄetorr.
»Nachdruck verboten.)
Der Krzt wider willen.
Humoreske von A. Tschiraschcw.
Boris Godunow, Großfürst von Moskau, lag lange am Zipperlein darnieder und' wurde dergestalt von Schmerzen gepeinigt, daß er befahl, seinem Leibarzt, welcher erklärt hatte, daß nunmehr seine medizinische Kenntnis für Heilung des Übels erschöpft sei, fünfzig Knutenhiebe zu verabreichen. Dieser Akt zorniger Ungeduld konnte jedoch nicht dazu beitragen, des Patienten Leiden zu heben. Während sich nun der Großfürst ratlos auf seinem Schmerzenslager wälzte, kam ihm der Einfall, durch öffentlichen Aufruf bekannt machen zu lassen, daß derjenige — gleichviel welchen Glaubens oder Standes er sei — welcher ein wirksames Mittel gegen seine Schmerzen anzugeben wisse, mit großen Gnaden und Reichlümern belohnt werden solle.
Das hörte auch Hanska, des Schneidermeisters tzwan Usilesf junge Frau, gerade als sie mit ihrem Gatten einen heftigen Streit wegen eines durch ihre Nachlässigkeit verbrannten Gerichts Schweinefleisch mit Kapusta gehabt hatte und wobei es nach damaliger russischer Sitte Wohl auch nicht ohne Tätlichkeiten abgegangen sein mochte. Hanka wax ein hübsches, kreuzbraves Weib, sparsam, häuslich und gutmütig nur durste man ihr kein Unrecht antnn, wie sie es tn diesem Fall von ihrem Gatten vermeinte. Dann
wurde sie heftig und rachgierig und ließ sich nicht gleich wieder beruhigen. Als sie den Amtsrufer des Großfürsten vernahm, kam ihr ein Rachegedanke. Stracks eilte sie nach dem großfürstlichen Palast und teilte dem Patienten mit, daß Usilesf, ihr eheliches Gespans, im Besitz eines Heilmittels gegen das Zipperlein sei, solches jedoch als Geheimnis bewahre und es nur selten und sobald es ohne Aufsehen geschehen könne, in Anwendung brächte. Boris Godunow befahl, den Schneider, wie er ging und ständß herbei zu schaffen.
„Verächtlicher Sprößling eines Spitzbuben, weshalb hast du mir dein Geheimmittel gegen das Podagra vorenthalten?" schrie der Großfürst den Scka.eider an. „Ich sollte dich ohne Umstände an den Galgen hängen lassen, doch diesmal mag es noch so hingehen. Rasch, beginne dein Werk!"
„Ein Mittel gegen das Podagra, erhabener Herr?" fragte verblüfft der Schneider. „Weiß Gott, ich kenne keins!"
„Dann will ich dich eins kennen lehren, Iwan Usilesf", versetzte der Patient. Und sich zu einem Diener wendend, fuhr er fort: „Sergei — laß mal
diesem Mann 50 Hiebe auszählen, und wenn? er sich dann noch immer nicht auf sein Geheimmittel besonnen hat, mag er mir's selbst sagen."
Der unglückliche Schneider erhielt richtig die 60 Hiebe und wurde dann wieder vor den Großfürsten geführt. Dieser schnitt jede weitere Erklärung Usileffs durch die Frage ab: „Willst du oder willst du nicht? Ich verlange von dir nur ein Ja odvr ein Nein!"
„Fa!" schrie von Schmerz, Angst und Zorn erregt der Unglückliche. „Ich bedark iedoch eines Zeit
raums von zwei Wochen, um die nötigen Kräuter em- zusammeln."
„Sie sind dir bewilligt, „Iwan", rief leutselig der Großfürst. „Danke es deiner braven Frau, die mir dein Geheimnis verriet, dvß ich deinem verstockten Sinn milde Verzeihung widerfahren lasse! Man wird dir zwei Wächter beigeben, die dich keinen Augenblick verlassen. Während der Kur wohnst . du in meinem Palast, wo du gehalten werden sollst in Speis und Trank wie es dein Herz begehrt, .^tzt geh mit Gott!"
Vor der Tür des großfürstlichen Zimmers fand der Schneider zwei grimmig aussehende, bewaffnete Tataren, welche ihn nach einem Gemach geleiteten« mit der Weisung, hier könne er tun und verlangen« was ihm beliebe, nur möge er nicht etwa versuchen LÜ entweichen, da sie in diesem Fall Order hätten, ihn ohne Umstände totzustechen.
Da saß mm der arme Schneidermeister in dem prachtvollen Zimmer voller Verzweiflung und per-, wünschte tausendmal die Bissigkeit seiner Frau und das verbrannte Mittagessen, wodurch er in diese ge-, sährliche Situation gekommen war. Er hielt sich für verloren — doch beschloß er, um Mißhandlungen vor« zubengen, eine angebliche Heilung zu beginnen.
Tie Ufer des Flusses Oska waren berühmt durch den Reichtum ihrer Flora und- weit gedehnte, herrliche Wiescnsnattbn. Davon hatte Iwan Usilesf irgendwo einmal gehört, und es kam ihm der Gedanke, dem Großfürsten ein Kräuterbad zu bereiten. Von jenen Wiesenmatten ließ er einen ganzen Wagen Gras und Kräuter holen und daraus dem Patienten ein warmes Bad bereiten. Iwan mußte Wümrwchstig
