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Nr. 381 . Wiesbaden, Donnerstag, 18 . August 1950 . 58 . Jahrgang.

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Zu Kaistr iFranj lofepls 80 . ©tbartstag.

Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's 82 .Jahre, und wenn's köstlich ge­wesen ist, so ist's Mühe und Arbeit gewesen. Der erste Teil dieser Worte des Pscclmisten wird durch den Kaiser Franz Joseph von Österreich, der., heute, in rüstiger Frische und" irr unerschöpfter, ja schier uner­schöpflicher Arbeitskraft die Feier feines. 80. Geburts­tages unter allgemeiner Anteilnahme begeht, die sich weit über die Grenzen Österreich-Ungarns hinaus er­streckt, in erfreulicher Weise widerlegt. Währt es auch schon 80 Jahre, so hat doch der greise Monarch hoffeni- lich noch lange, lange Zeit eine Bilanz dieses Lebens zu ziehen, das gewiß, wenn es köstlich war, Mühe und Arbeit gewesen ist und auch nur zu viel Sorge und Schmerz!

War er doch noch ein unerfahrener Jüngling von 18 Jahren,, als er an jenem schicksalsschweren 2. De­zember 18-18 sich gezwungen sah,, die Kaiserwürde, die seinem Oheim, den: schwachen Ferdinand, zu unerträg­licher Bürde geworden war, und damit die Herrschaft über ein Reich zu übernehmen, welches die Staats- kunst Metternichs bis an den Rand des Abgrundes ge­bracht hatte. In Wien und Böhmen hatte sich das Volk erhoben, die kaiserliche Familie war geflohen und residierte in Llmlltz, und in das Glockengeläute, mit dem der junge Monarch begrüßt wurde, dröhnte unheimlich der Donner der Freiheilsschlachten, in denen die Ungarn um ihr Recht fochten. War damals in der habsburgischen Monarchie alles in der Aus­lösung begriffen, so dauerten diese Ent- und Ver­wickelungen auch in der Folge. noch fort. Tie Monarchie zerfiel in zwei selbständige, nur durch die Person des Herrschers und die Gemeinsamkeit des

Heerwesens und der äußeren Politik verbundene 1 Staaten, Österreich schied aus der tausendjährigen Ge­meinschaft mit Deutschland aus, und gleichzeitig setzte dort ein Kampf der Nationalitäten ein, der heute ebensowenig sein Ende gefunden hat, wie es möglich wäre, die. weitere Entwicklung des. österreichisch-ungari­schen Dualismus vorauszusagen.

Wenn Kaiser Franz Joseph unter der Last dieser ungeheuren Verantwortung, unter allen diesen schweren Heimsuchungen nicht züsammengebrochen ist, ja auch nie verzagt hat, so ist die Lösung dieses Rätsels in seiner bewunderungswürdigen Pflichttreue, in seiner unermüdlichen, auch in den schwersten Zeiten nie versagenden Arbeitsfreudigkeit» tu seiner uner­schütterlichen Seelenstärke und in jener Beharrlichkeit zu suchen, die einen Grundzug seines Wesens bildete und die ihn doch nie daran hinderte, sich in bescheidener Erkenntnis, den Wandlungen der Zeit und den For­derungen des Tages anzupassen. Und wetrn es auf diese Weise gelang, den aus den Fugen gehenden Staat izusamiueitzuschweitzen, das Niedergerissene treu aufzubauen, so daß Österreich-Ungarn heute als Groß­macht ersten Ranges und trotz allen nationalen Haders- als germanische Feste gegen iben Balkan anerkannt ist, so gebührt sicherlich ein großer Teil des Verdienstes hieran dem greisen Herrscher, der selbst arbeitet und die Arbeit anderer zu würdigen weiß.

Diese unermüdliche Tüchtigkeit, verbunden mit seiner bewunderungswürdigen Pflichttreue, war cs auch, die ihm über all die schweren Kümmernisse und Heimsuchungen hinweghalf, welche ihni in der eigenen Familie widerfahren find.

Die schweren Schicksalsschläge, die ihm wie. keinem zweiten Herrscher beschieden waren, haben ihn' den Bürgern seiner beiden Staaten menschlich. noch näher gebracht, denn das Unglück ist ein fester Bindekitt. Ist cs doch heute in erster Reihe die Verehrung für die Person des greisen Kaisers, welche Deutsche, Magyaren, Slawen und Romanen in Zis- und Translcithanieit zusammenhält.

Auch wir bringen dent Herrscher des verbündeten Reiches unseren Glückwunsch dar als dem treuen Bundesgenossen, den Fürst Bismarck einmal alszu­verlässig wie Gold" bezeichnet hat. Gibt es doch kein besseres Zeugnis für den edlen Charakter, wie für die Weitblickende, politische Klugheit des Kaisers Franz Joseph, daß er, als ihni von deutscher Seite nach der geschichtlich notwendigen Abrechnung von 1866 die Hand zur Versöhnung geboten wurde, diese fern sedeni kleinlichen Groll ergriff und rückhalislos dent neuen Bunde beilrafl den des Altreichskanzlers überragende Staatskünst schon während des Krieges vorbereitet hat. Wenn sich dieser Bund, der später durch den Beitritt Italiens sich zum Dreibünde erweiterte, seitdem trotz aller Anfeindungen als der wertvollste Friedensfaktor Europas bewährt hat. und wenn die deutsch - österreichische Freundschaft gerade in den letz- '

tcn Jahren, in Algeciras wie auf dem Balkan, erneute Proben ihrer Festigkeit bestand, so kommt gewiß kein geringer Teil des Verdienstes daran der fördernden und mildernden Politik dieses kerndeutsch gesinnten Fürsten zu. Möge es ihm .noch lange vergönnt sein, in Frische und Rüstigkeit seines hohen Amtes zu wal­ten und eine Politik fortzuführen, deren Ziel stets di« Forderung des Frtedens im Innern wie nach außen gewesen ist! _ _ .

SicherlMs-MHnnhmen.

große Brand in der Brüsseler Weltausstellung und das schwere Eisenbahnunglück an der Westküste Frankreichs haben wieder, einmal gezeigt, daß in vieler Hinsicht die öffentliche Sicherheit noch in den Kinderschuhen steckt. Gerade die französischen Be­hörden lassen es, wie sich in der letztett Zeit mehrfach gezeigt hat, auf den. Eisenbahnen an den nötigen Vor­sichtsmaßregeln fehlen. Zwei furchtbare Katastrophen in einer Periode, wo unter den Eisenbahnern eine un­geheure Gärung besteht, bedeuten eine schwere An­klage nicht allein gegen, die Leiter der Eisenbahnen, sondern auch gegen eine Beamtenschaft, die angesichts der gefährlichen Verhältnisse auf den Bahnen sich aus dem alten Schlendrian nicht zu reißen vermag. Ein frevles Spiel mit Menschenleben wird von den Ver­waltungen getrieben, die bei dcur steigenden Verkehr die Bahnanlagen in ihrem vorsintflutlichen Zustande belassen. Besonders lebhaft sind die Klagen gegen die Staatsbahnen und gegen die vor zwei Jahren ver­staatlichte W e st b a h n. Wie berechtigt diese Klagen sind, zeigen die, letzten Katastrophen von Villepreux und Sauson. Eisenbähnunfälle werden sich immer wieder ereignen, aber vor allen Dingen muß ein Staat dafür sorgen., daß unter den Beamten die richtige Disziplin herrscht und daß ferner für tadelloses Eisen- bahnmaterial gesorgt wird. Auch sollten auf ver­kehrsreichen Strecken möglichst alle Verbindungs­linien zweigelcisig ausgebaut werden. Auch Pünrr- lichkcit spielt im Eisenbahnwesen eine große Rolle, denn viele Unfälle entstehen infolge von Verspätun­gen, durch die häufig der ganze Fahrplan über den Haufen geworfen wird. Gerade in dieser Beziehung wird im Ausland, speziell in Italien noch sehr viel gesündigt.

In Belgien ist das Eisenbahnwesen zwar ziemlich gut organisiert, dagegen läßt die Sicherheit auf ande­ren Gebieten sehr viel zu wünschen übrig. Nach den vorliegenden Berichten hätte der Ausstellungsbrand aller' Wahrscheinlichkeit nach nickt eine solche Aus­dehnung genommen, wenn die Feuerwehren sofort zur Stelle gewesen wären. Eigentlich hätte das Aus­stellungskomitee durch den Brand des Metropolrestan» rants gewitzigt sein und für bessere Feuersicherheit sorgen sollen. Es wird denn auch ietzi, wo es. zu spät ' ist, über das Fehlen einer einheitlichen Organisation

Feuilleton.

'RachdruS «erboten.)

DerWesterwald und seine Bodenschätze.

Von G. Roedler.

I.

Ter Westerwald, jenes weite Hügelland zwischen Sieg, Lahn und Rhein, gilt im Gegensatz zum Lamms, der stets als rcichgesegnetes, fruchtbares und landschaftlich bevor­zugtes Gebiet angesehen wird, auch heute noch vielen Menschen unserer nassauifchen Heimat als ein ödes, kaltes und armes, nebeliges und fremdes Hochgebiet nüt rauhen, von den Segnungen der Kultur noch wenig bedachten Bewohnern. Wohl gibt es auch heute noch genug Teile, in denen dieses Urteil oder Vorurteil berechtigt ist; im allgemeinen aber haben die Fortschritte der Neuzeit auch Eingang in den Westerwald gesunden, manches Alte, manches Gute, aber sicherlich auch manches Unangebrachte unbarmherzig hinwegfegend, denWaller" Leuten aber bessere Lebensweise, andere Anschauungen und reichlicheren Verdienst bringend.

Rauh und kalt brausen die Stürme im Herbst und Winter über die kahlen, wenig bewaldeten Höhen, soweit sie sich über 300 Meter erheben. Von allen Seiten unge­schützt liegt das Land, den eindringendcn, heftigen Luft­strömungen preisgegeben, der äußerst fruchtbare, aber wasser­haltige und kalte Basaltverwitterungsboden setzt durch reichliche Wasserverdunstung die Lustwärme stets wieder herab und bedingt an kühlen Tagen dichte Nebel und Regen, in der kalten Jahreszeit reichlichen Schneesall und große Kälte. Steigt doch die Niederschlagsmenge im hohen Westerwald (660 Meter) aus über 100 Zentimeter im Jahr, während sie aus gleicher Meereshöhe im Taunus mit seinem trockenen, wasserarmen, und deshalb wärmest

Schieferbodcn kaum 80 Zentimeter beträgt. Während im Tatmus das Niederschlagswasser durch dir vielen Spalten des lockeren Schiefers zum Teil sofort in den Untergrund versinkt, zum Teil durch die vielen Täler und Tälchcn nach Main und Rhein und Lahn abgesührt wird, sind im Wester­wald nur wenig Längstäler vorhanden. Der schwere Lehm­boden saugt große Wasscrmengen auf und hält sie lange fest, bis sie auf dent vielfach tonigcn, wasserundurchlässigen Untergrund in geringer Höhe unter der Erdoberfläche auf- gehalten werden und nun sich hier in den zahllosen, mnldett- sörmigen, abflußlosen Talkesseln dicht unter Tag ansam­meln und sogar über Tag tretend Seen bilden, vom 125 Hektar (1,25 Quadratkilometer) großen Dreifeldener Weiher bis herunter zum kleinen Sumpf und Wiesenmoor.

Die Bodenkultur ist deshalb eine sehr einfache und wenig nutzbringende. Hafer, wenig Roggen, Buchweizen, Kartoffeln und Flachs, das ist es, was dem hohen Wcstcr- wälder früher ganz, jetzt noch strichweise Lebensunterhalt und Kleidung gibt. Doch ist die Viehzucht, entgegen dem Ackerbau, weit bedeutender. Ans den weiten, unbebauten, grasigen Hochflächen weiden unter Aufsicht eitles Hirten große Herden kleiner, dunkelroter Rinder der zähen, kleinen, aber nutzbringendenWäller"-Rasse.

Der größtenteils im Gemeindebesitz befindliche Wald liefert gute und sehr gute Erträge, nach dem Tlacbmaebalt und Reinertrag die höchsten im Regierungsbezirk Wies­baden, und auf gleicher Fläche rv.nd 100 Prozent höhere Einnahmen wie der Taunus, doch sind die mit Wald be­standenen Flächen leider nur klein.

Früher sollen Klima und Bodonbewirtschaftung besser gewesen sein. Weite Waldungen bedeckten die jetzt kablcn Flächen, die Gewalt der Stürme brechend, die überflüssigen Wassermmgen des Bodens durch dis Millionen von Blättern und Nadeln in -den Luftrattm überführend, überschwsnt- mungen. wie sie das letzte Frühjahr durch die vereisten, kahlen Triften brachte, vorbeugend, die warme Tages- und die kühle Nachtlust länger ansa mm elnd und sie langsam in

die Felder ausströmen lassend, den jähen Wechsel von Hitze und Kälte dadurch mildernd. Aber die stets gelLbedürstigen Grasen vcs Westerwaldes wie die waldbesitzcnden Ge­meinden haben in einer Zeit, als man den hohen realen und idealen Werl des Waldes lange nicht in dem Maße wie petzt anerkatutte, schonnttgslos in den Waldungen g. haust und die Holzvorräte möglichst schnell versilbert. Das Geld ist verschwunden, die Wälder vernichtet, das Klima rauher geworden; das ist es, was übel wirtschaftende Vorfahren den Nachkommen hinterlassen. Lange, lange wird es noch dauern, bis ertraglose Viebweide und Ödland durch große Geldopfer wieder in nutzbringenden Wald verwandelt sind.

Aber während die Erzeugnisse aus der Erdoberfläche zurückgingen, hat ein gütiges Geschick durch angehäuste Schätze unter der Erde vorsorglich reichen Ersatz geschaffen. Unbeachtend, oft sie verwünschend, ging man früher an diesen Bodenschätzen, die dem Pfluge ein Hindernis boten, vorbei. Nur die Braunkohle, die an manchen Stellen fast zutage liegt, erfreute sich einiger Beachtung, sie lieferte dem Bauer die Brennstoffe an Stelle des nicht mehr vor­handenen Buchenholzes. Jeder holte sich nach Belieben seinen Bedarf aus kleinen, ganz -willkürlich angelegten Löchern. Niemand ahnte, ivelch reiche Zukunft diese Kohle, diese Steintöpfe, diese nassen, klebrigen, unfruchtbaren Ton. selder haben sollten, und wenn vielleicht je ein weiter Vorgeschrittener cs unklar fühlte, so fehlte es an Geld, an technischen Kenntnissen, an Beförderungsgelegenheiten, sie auszunutzen; Bahnen gab es noch keine und die "schweren und doch verhältnismäßig geringpreisigen Massen vertrugen keine lange, teure Achsenfracht auf den allerdings guten Straßen und Wegen; Absatzgebiete waren noch keine ge­schaffen.

Das wurde erst anders mit dem allgemeinen Wirtschaft, lichen Aufschwung, als vorwiegend aus dem rheinisch-west- lischen Industriegebiet fremdes Geld, fremde Unternehmer und Sachverständige herkamen, als Babnen gebaut wurden, «ls die.Baulnst sich hob, als Großstädte Straßertpflaüev