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Nr. 379.
Wiesbaden, Mittwoch, 17. August INI«.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Die FlrischteuerunZ.
Seit Deutschland- zur Hochschutzzollpolitik übergegangen ist, kommt es aus der Fleischteuerung nicht heraus. Fast jedes Jahr hat es im Reichstag eine Interpellation wegen der Fleischnot gegeben. Wenigstens in den Jahren 1904, 1905, 1906, 1907. Auch im vorigen Jahre hatte sich der Fleischerverband an den Reichstag gewandt, und der Reichstag hätte auch voriges Jahr interpellieren können. Aber die Interpellanten fühlen allmählich, daß sie eine ziemlich bedauernswerte. Rolle spielen, denn bei der stark agrarischen Mehrheit im Reichstag kann die Opposition mit Engelzungen reden, es ist bisher immer wie in den Wind gesprochen gewesen.. -
Heuer sind die Fleischpreise fast so hoch wie im Notjahr 1906. Nach der „Statistischen Korrespondenz" betrug in 50 deutschen Städten der Durchschnitt pro Kilo in Mark
Juli 1910 Juli 1906
Rindfleisch ...... 1,60 1,74
Kalbfleisch.1,80 1,74
Hammelfleisch ..... 1,73 1,66
Schweinefleisch ..... 1,60 1,74
Danach ist Kalbfleisch und Hammelfleisch bereits teurer als im Notjahr. Daß gerade Kalbfleisch so teuer ist, ist besonders bedenklich. Denn es beweist den Mangel an Aufzucht. Es deutet an, daß die Wiehknappheit imrner noch stärker werden wird. Tatsächlich sind auch iin August die Preise bereits höher als im Juli. Und in vielen Städten drohen die Fleischer mit weiteren Aufschlägen. Tie Rcichshaupt- stadt hat noch nicht einmal die höchsten Preise. In Magdeburg zahlt man für Rindfleisch 20, für Hammelfleisch 14, Schweinefleisch 21 Pf. mehr als in Berlin. Auch Potsdam, Halle und Aachen sind teurer.
Die Agrarier behaupten natürlich, die Fleischer verteuerten die Preise. Hier und da schieben sie auch auf die Zwischenhändler die Schuld. Aber der Zwischenhandel ist gar nicht so schlimm. Das Vieh geht gar nicht durch so viele Hände. Auf dem Berliner Schlachthof sitzt der Großhändler, der Viehkommissio- när, der das Vieh an die Großschlächter abgibt. Ter Kommissionär aber erhandelt das Vieh direkt durch seine Agenten von den Bauern. Nur ein Glied ist in der modernen Zeit noch hinzugekommen. Der Kleinschlächter kauft heute die Ware meist nicht direkt von dem Viehhändler, sondern ausgeschlachtet vom Großschlächter. Tie Zahl der Schlächter, die selbst aus dem Berliner Schlachthos schlachten, ist heute sehr klein geworden.
Es mag ja sein, daß der Abstand der Fleischpreise von den Viehpreisen heute etwas größer ist als ehe
mals und dbr Verarbeitungsprozeß des Viehs zu Fleisch und Wurst etwas teurer geworden ist, denn dieser Prozeß Hot sich durch Maschinen nur wenig mechanisiert und verkürzt. Das Bild aus ^den „Fliegenden Blättern", wonach auf der einen Seite das lebende Schwein in die Maschine gesteckt wird und auf der anderen Seite der Schusterjunge nach der Wurst schnappt, ist mehr Phantasie als Wirklichkeit. Ter Prozeß ist vielmehr durch die Löhne, Ladenmiete und Untersuchungskosten noch etwas verteuert worden. Gerade in Zeiten hoher Viehpreise verdient der Schlächter verhältnismäßig wenig. Bei bgr Fleischnot 1906 haben die kleineren Schlächter massenhaft Bankerott geniacht. Ihre Ernte ist eher dann, wenn sie bei sinkenden Viehpreisen ihre Kunden noch etwas bei den gewohnten Preisen halten.
Daß auch durch genossenschaftlichen Zusammenschluß der Fleischlieferungsprozeß bisher kaum verbilligt werden kann, beweisen die agrarischen Ge- nossenschaftsschlächtereien, die bisher fast alle verkracht sind. Auch die Konsumvereine, die Fleischläden eröffnet haben, haben zu kämpfen gehabt.
Daß das Fleisch heute so teuer geworden ist, liegt lediglich außer an den Zöllen an der Viehknappheit. Ter Berliner Viehmarkt z. B. ist an einzelnen Tagen in der letzten Zeit so wenig beschickt worden wie seit 20 Jahren nicht. Es wurden hier im ganzen im zweiten Vierteljahr 11000 Jungrinder und über 72 000 Kälber weniger geschlachtet als im gleichen Vierteljahr des Vorjahres. Tie deutsche Viehproduktion reicht eben mit den Fahren immer weniger zu. Die Anmaßung der deutschen Landwirtschaft, den deutschen Markt mit allen Lebensmitteln zu versorgen., die bei der Schaffung des jetzigen Zolltarifs erhoben wurde, wird an allen Ecken und Enden Lügen gestraft. So mußte z. B. irrt Jahre 1908 über ein Drittel des WMenkönsnmS von außen eingeführt werden. Mitz der Viehproduktion steht die Sache so, daß sie zwar absolut nicht unbedeutend gestiegen ist. Die deutsche Landwirtschaft lieferte in Millionen:
Rinder Schweine Schafe 1882 ..... 16,5 8,4 21,1
1895.. 17,1 13,6 12,6
1907 ..... 20,0 18,9 8,9
Danach hat nur die Schweinezucht bedeutend zngenommen, die Rindviehzucht wenig, die Schafställe sind kleiner geworden. Aber relativ ist irrt ganzen eine bedeutende Abnahme zu konstatieren. Im Aprilheft _ der Jahrbücher für Nationalökonomie rtnd Statistik hat Dr. Steinbrück die Viehzählungen feit 1873 zusammengestellt. Er hat dabei das Kleinvieh auf die Einheit von Großvieh eingestellt und gesunden, daß in Deutschland aut 1000 Einwohner 1873 493 Stück Großvieh kamen, 1907 450. Das ist ein höchst trauriges Ergebnis. Tenn in dieser Zeit ist das deutsche Volk immer mehr zur Industrie übergegangen und in die Städte gezogen. Die Industriearbeiter aber und der Städter brauchen
viel mcbr die konzentrierte Fleischnahrung als der Landbewohner, der den ganzen Tag über in der frischen Luft lebt und sich ordentlich ausarbeiten kann.
Gegenüber den anderen Jndustrievölkern, England und Amerika, ist Deutschland unter diesen Umständen sehr schlimm daran. Es ist in seiner Konkurrenzfähigkeit sehr geschwächt. Denn in diesen Ländern ist der Fleischkonsum außerordentlich viel stärker als in Deutschland.
Die Vieh- und Fleischzölle an den deutschen Grenzen sind das reinstge Gift. Namentlich bei der außerordentlichen Höhe, die der Zolltarif festgesetzt hat. Früher betrug der Zoll für Kühe das Stück 9 M. Im neuen Zolltarif war der Zoll auf 18 M. pro Doppelzentner Lebendgewicht normiert und ist dann in den Handelsverträgen auf 8 M. herabgesetzt worden^ was aber — da das Gewicht eines Mastochsen oder Stiers mit durchschnittlich 650 Kilogramm anzunehmen ^ ist — nahezu eine Versechsfachung bedeutet. Bei den Kühen liegt die Sache ähnlich. Ebenso bei den Schweinen.
Aber die Zölle sind nicht der einzige Hebel für die Preisschraube. Zwar verkündeten die Argrarier während des Zollkampfes: wenn wir erst die.Zölle
haben, verzichten wir auf die Grenzsperre. Aber was ein richtiger Agrarier einmal besitzt, das läßt er so leicht nicht los. Die Grenzsperre ist heute noch viel schlimmer als früher. Bon Rußland dürfen wöchentlich nur 2500 Schweine über die Grenze kommen. Das 12501. würbe als verseucht gelten. Aus Österreich-Ungarn läßt man wöchentlich 976 Schtveine nach Bayern und 577 nach Sachsen. An anderen deutschen Grenzen wird den Schweinen ein Halt zugernfen. Rindvieh kommt verhältnismäßig viel aus Österreich- Ungarn herüber. Im Jahre 1809 waren es außer 5025 Kälber 78 000 Stück Großvieh. Das dänische Vieh muß. wenn es herüber will, auf deutschem Boden erst eine dreiwöchige höchst unerquickliche Quarantäne durchmachen, die das Vieh um 25 Prozent abmagert.
Und wozu diese Sperrmaßregelp? Angeblich weit das ausländische Vieh verseucht ist. Ter deutsche Junker ist so eingebildet, daß er^ sich für die edelste Rasse der Welt hält und seine Schweine desgleichen. Dabei werden ans deutschen Rittergütern, wo der Gutsherr selbst Polizei ist, die Schutzmaßregeln selbst am laxesten gehandhabt. Daß auf die Ausstellung nach Buenos Aires bestes Vieh geschickt wurde, das sich hinterher als tuberkulös erwies, war doch_ einigermaßen bezeichnend. In Wirklichkeit sollen die Grenzscherereien das Vieh fern halten und die Preise in die Höbe treiben. Tenn der Viehtransport läßt sich heute in die Schlachthäuser so tadellos bewerkstelligen, daß jede Ansteckungsgefahr vermieden werden kann.
Die deutschen Fleischer und die deutschen Konsumenten verlangen nun in erster Linie ungehinderte Öffnung der Grenzen, und zwar nach allen Seiten. In zweiter Linie Beseitigung der Zölle. Das zweite
Feuilleton»
„§eurio!"
Feurio! Dieser furchtbarste Schreckensruf des Mittelalters, der dem Ritter wie dem Bürger unabwendbare Vernichtung seiner Habe und schwerste Gefahr für Leib und Leben androhte, gellt jetzt wieder durch die ganze Welt, da auf der Brüsseler Weltausstellung die verzehrenden Flammen unermeßliche, hier von den Nationen aufgehäufte Schätze vernichtet haben, Trauer und Schrecken nicht nur für Belgien, sondern für alle zivilisierten Länder herausführten. Die Geschichte der Menschheit ist erfüllt mit dem unaufhörlichen Kampf der irdischen begrenzten Kräfte gegen die ungeheuere Macht des feurigen Elementes. Aber es mußte erst eine hohe Stufe der Kultur erreicht werden, bevor feste Organisationen gegen die Feuersbrünste geschaffen wurden, wie wir sie heute besitzen, die doch wenigstens der sich immer weiter ansbrettenden Wut der Wammen ein Ziel zu setzen vermögen.
In früheren Zeiten erhob sich die ganze Gemeinde wie ein Mann gegen das Feuer, denn jeder fühlte sich bedroht, jeder wußte, daß die roten Zungen vom Dach des Nachbars sofort auch nach dem seinen herüberlecken würden. Die rechtzeitige Feuermeldung galt daher als das Wichtigste. Die alten Ägypter, das Volk Israel, die Griechen, sie hatten ihre Feuerwächter, die des Nachts die Runde machen und Alarm schlagen sollten. Eine regelrechte Feuerwehr entwickelte sich zuerst bei den Römern, und zwar zunächst in Rom, wo unter Augustus aus dem Heer heraus eine militärisch organisierte, 7000 Mann starke Feuerwache entstand, die, in sieben Kohorten geteilt, die 14 Stadtteile Roms zu bewachen hatten. Patrouillen zogen beständig durch die
Straßen; brach Feuer aus, dann ertönten die Alarmglocken und die Wache rückte an mit Feuerleitern und Feuerspritzen. Diese Feuerspritzen, die Plinius der Jüngere in einem Brief an Trajan erwähnt, waren umfangreiche Maschinen, die aber noch sehr unvollkonrmcn waren. Wenigstens berichtet Seneca, daß die Höhe der Häuser in Rom die Löschung der Feuersbrünste meistens unmöglich machte.
In anderen Städten des Weltreiches war überhaupt keine Sorge für Löschanstalten getroffen; deshalb machte Plinius den Vorschlag, es sollten überall Gilden von Zimmerleuten errichtet werden, die als Feuerwehr dienen könnten. Allmählich entstanden dann auch in den ersten Jahrhunderten n. Ehr. solche Feuerwehren, die hauptsächlich mit Löscheimern und mit wassergetränkten Decken des Feuers Herr zu werden suchten. Aus Nimes melden z. B. zahlreiche römische Inschriften, daß hier eine besondere Feuerwehr bestand. Aus dem Ende des 6. Jahrhunderts ist noch ein Edikt König Chlotar II. erhalten, in dem Anweisungen zur Einrichtung ständiger Feuerwachen im merowingischen Reich gegeben werden. Aber bald gerieten diese immerhin schon fortgeschrittenen Formen des Löschwesens in Wegfall; die antike Erfindung der Feuerspritze ging verloren; Kleriker und Laien schlossen sich zu primitiven Gemeinschaften zusammen, um so- gut es eben gehen wollte, das schwere Ringen mit dem furchtbar wütenden Element aufzunehmen. Im 13. Jahrhundert wird dann zuerst dem Löschwesen wieder größere Aufmerksamkeit geschenkt. Ludwig IX. von Frankreich und Philipp der Schöne erlassen Verordnungen zur Ausbildung einer Feuerpolizei und bald werden zahllose Feuerwehrordnungen aufgestellt, die sich mit dem feuersicheren Bau der Häuser und den zu treffenden Vorkehrungen gegen Feuersbrünste beschäftigen. Während bis ins 15. Jahrhundert hinein die Brandschäden ganz ungeheuer groß gewesen waren und der Mensch dem Feuer fast'wehrlos gegcnüberstand- wird- es
im 16. Jahrhundert besser, was zum Teil der solideren Art des Baues, dann aber auch den vervollkommneten Löschanstalten zuzuschreiben ist. Wenn z. B. in der Feuer- ordimng von Seligenstadt 1423 verfügt wird: „es sal kehn ftrohedache nyemant Han", so ist das gewiß nicht buchstäblich befolgt worden, demr noch im 17. Jahrhundert waren die Strohdächer häufig, aber es wurde doch immerhin für die Häuser mehr feuersicheres Material verwendet.
Noch im 18. Jahrhundert erschienen ausführliche Feuer- ordnnngen, die vor allem Brandnmuern verlangten und für Herd und Schornstein genaue Vorschriften machten. Jeder Hausbesitzer wurde angewiesen, stets zwei bis drei lederne Feuereimer und Handspritzen parat zu haben, unter dem Dach eine Feuerleiter anzubringen und während des Sommers auf dem obersten Boden einen Zuber mit Wasser zu stellen. Seit dem 15. Jahrhundert waren große Handspritzen im Gebrauch, aus Metall mit hölzernem Griff, aber sie vermochten so wenig Wasser zu schleudern, daß sie höchstens einen ganz kleinen Brand ersticken konnten; eine irgendwie wesentliche Wirkung konnten sie nicht hervorbringen, so sehr man sich auch bemühte, sie zu verbessern und durch immer größere Ausdehnung ihres Umfangs ein beträchtlicheres Quantum Wasser hineinzubringcn. 1513 werden in den Augsburger Bauamtsrechnungen „Instrumente zu Brünsten, Wassersprützen zum Feuer dienlich" aufgeführt; sie müssen von recht komplizierter Konstruktion gewesen sein, doch ist nichts Näheres über sie bekannt.
Die ersten wirklich wirksamen Feuerspritzen, die imstande waren, den Wasserstrahl bis zu 80 Fuß Höhe cmporzuschleudern. wu.rden zu Anfang des 17. Jahrhunderts von Johann Hautsch gebaut. Der Jesuit Kaspar Schott hat diese Maschine ausführlich beschrieben, die auf einem Schlitten stand und von zwei Pferden gezogen wurde; sie war 10 Fuß lang und 4 Fuß breit, der Wasserbehälter 8 Fuß lang, 4 Fuß hoch und 2 Fuß breit. 23 Menschen
