Einzelbild herunterladen
 

Wiksbg-emr TsgblsÜ.

__ oi Kernsvrecher-Rttfr

»erlag Sanggaffe 21

Tagdlatt-Haus". rSalter-tzallr g-össnet von 8 Uhr morgen» bis 8 Uhr abends.

27,000 Abonnenten.

Be.rugS-PreiS für beide Ausgaben: 70 Pfg. monattich, M. 2. vierteljährlich durch den Berlaa LanaoaNe 21, ohne Bringerlohn. M. 3. vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, auSschliehlich Best'üacld. BeruqS- Bestellungen nehmen außerdem entgegen: IN Wiesbaden die Zweigstelle BiS- maräring SS, sowie die 112 Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 32 Aus­gabestellen und in den benachbarten Lanoorten und im Rhcingau die betreffenden Tagblatt-Träger.

«nzeigen-Annahme: Für die Abcnd-Aurgabe bis 12 Uhr mittags; für di- Morgen-Ausgabe bi» 3 Uhr nachmittags.

2 TagesauMbcn.

Feensprecher-Rttfr

Tagblatt-HauS" »r. 6650-53. Bon 8 Uhr morgens bis s Uhr abends.

Arbeitsmarkt" undKleiner Anzeigers ühruna, sowie " **

)kale Reklamen;

_.. . send, nach beson

Bei toi'ed'erholter^Äufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen

ÄK Ä halbeSb »6rtta,riK Ä ÄWr Berechnung nveründerter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen -ntlvrech-nber Kabatt.

N§. 877.

Wiesbaden, Dienstaff, 1«. August 1SIV.

Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen.

58. Jahrgang.

Morgen ° Kusgabe.

1. Wlcrtt. _

fast des druWen Arbeitsimrlileg.

Gleichartiger als im Juli 1909 und 1910 ist die Kurve am Arbeitsmarkt wohl noch nie in zwei Mo­naten verlaufen. Tenn wie im Juli 1909 der Sin* drany am Arbeitsmarkt nur ganz unbedeutend nied­riger war als im Juni, genau so blieb er im Juli lausenden Jahres hinter dem des Vormonats zurück. Tie kräftige Erleichterung gegenüber dem Vorfahr, die der Juni wieder gebracht hatte, blieb demnach auch im Juli fast unverändert bestehen, und es ist ein günstiges Zeichen für die allmähliche E r h o l u i g , daß die zweifellos ungünstige Rückwirkung der Ent­wicklung im Bergbau und Textilgewerbe ausgeglichen werden konnte, Nach den Berichten der ay den , Arbcitsmarkt" berichtenden öffentlichen Arbeitsnach­weise meldeten sich im Juli d. I. auf je 100 oifene Stellen durchschnittlich 126,0 Arbeitssuchende gegen 147.2 im Juli vorigen Jahres. Im Juni chatte der Slndrang 12b,1 gegen 148,9 betragen; die Erleichte­rung gegenüber dem Vorfahre stellte sich im Juni auf 28.6, im Juli auf 22,2. Wieder ist es die k r ä i: i g e Zunahme der Arbeitsgel es g ein h e i t f und nicht ^ etwa eine Abnahme des SIngebots, durch die die Besserung gegenüber dem Vorjahre aufrechterhalten wurde. Denn die Zahl der offene n Stellen war um 26 Proz. höher als im vergangenen Jahre, während die Zahl der Arbeitsuchenden um rund 8 Proz. über die vom Vorjahre hinausging. Genau wie im Vorjahre hat von Juni auf Juli der Andrang Männlicher eine Abnahme, der Weiblicher eine Zu­nahme erfahren; immerhin war letztere weniger stark als im vergangenen Jahre. Tie Erleichterung, die der Arbeitsmarkt Männlicher erfuhr, beruht haupt­sächlich auf der Erholung der Bautätigkeit, die zwar noch matt, aber doch wieder reger als in den Vor­monaten war. Königsberg, Kiel, Freiburg i. B., Hildesheim, Krefeld, Düsseldorf, Ludwigshafen, Baden- Baden, Freiburg i. S., Pforzheim, Heilbronn, Ulm, Nürnberg, Straubing, München berichten durchweg, daß die. Arbeitsgelegenheit im Baugewerbe resp. die Nachfrage nach Bauarbeitern befriedigend bis gut war. Dabei beeinträchtigte im Juli vielerorts Regenwetter die volle Wiederaufnahme der Bauarbeiten, und die Sommersaison machte verschiedentlich auch trotz der Aussperrung ihre Rechte geltend.

Nicht durchweg befriedigend war dagegen die Nach­frage nach Arbeitern in dbr Eisen- und Metall­industrie: in einzelnen Orten wie z. B. in Offenbach wurde sogar über Entlassungen berichtet. Überwiegend freilich ist doch eine Belebung der Nachfrage, so daß die Allgemeintendenz der Nachfrage am _ Ac- beitsmarkt der Metallarbeiter als steigend bezeichnet werden kann, wobei man sich jedoch gegenwärtig zu halten hat. daß der große Lohnkampf . im Werft­gewerbe nicht ohne Einfluß auf die Nachfrage in der

Eisen- und Metallindustrie bleiben kann. In Pforz­heim und Nürnberg wurde die Arbeitsgelegenheit je­doch sogar als sehr befriedigend charakterisiert. .In Pforzheim wies die Schmuckwarenindustrie einen .recht regen Slrbeiterbed'arf auf. In der Roheisen­industrie war die Nachfrage unverändert befriedigend: wurde ooch auch im Juli wieder die Roheisenerzeugung äußerst stark ausgedehnt. Weniger befriedigend war die Lage des Arbeitsmarktes, in der Textrl- industrie. Nachdem gerade die Textilarberter etwas weniger von der Krise betroffen worden waren, wird die Ermattung, die seit einiger Zeit zu beob­achten ist, um so stärker empfunden. Hauptsächlich en der Baumwollindustrie ließ die Entwicklung zu wün­schen übrig. In der Planener Spitzen- und Stickerei- industrie war die Nachfrage. befriedigend, in Krefeld war sie schlecht. Sehr lebhaft war der Verkehr am Arbeitsmarkt der landwirtschaftlichen und der. unge­lernten Slrbeiter. Während aber die lebhafte Nach­frage nach fenvn im Juli eine gewöhnliche Er­scheinung ist, ist die Belebung des Bedarf an Unge­lernten ein ganz besonders erfreuliches Symptom. Die Nachfrage nach Gast- und Schankwirtpersonal war stark. _ _ _

Nottiilche Übersicht.

Kathottkeutas oder Zerrtritmsvarteitag?

Die Generalversammlung der Katholiken Deutsch­lands, die siebenundfünfzigste, steht nahe bevor, und wieder hört man von vielen Seiten die Bezeichnun­genZentrumsparteitag",Zentrumsparade unter falscher Flagge" und ähnliche. Ist das so schlechthin richtig? Das Zentrum ist, so sagt man uns immer, keine politische Partei, sondern eine konfessionelle, katholische. Und das stimmt. Aber wenn nun diese Partei ihrerr Parteitag als Katholikentag bezeichnet, läßt sie dann nicht die Fiktion einer politischen Partei fallen und stellt, gleichviel in welcher Absicht, ihren konfessionellen Charakter ausüiücklich und feierlich klar? Verzichtet sie damit nicht auf die falsche Flagge und holt sie nicht vielmehr ihre alte, zuweilen ver­steckte Fahne wieder hervor, um sie öffentlich zu hissen? Tiefe Fragen müßte man einfach bejahen, wenn die Generalversammlung der Katholiken" eine Veran­staltung der Zentrumspartei wäre. Das ist sie nicht, sondern sie ist eine andere Veranstaltung eben der­selben Glaubenspartei, die sich zu politischen Zwecken eine weitere Organisation im Zentrum geschaffen hat. Daraus folgt, und die Praxis bestätigt es, daß der Katholikentag und die Agitation des Zentrums sich berühren und daß diese durch jenen gefördert wird. Aber ein wirklicher Parteitag des Zen­trums ist die Katholikenversammlung nicht; sie ist nur das Surrogat eines solchen. Gerade die Gel­tung des Katholikentags als einer Zentrumsheerschau hilft der Partei, an Delegiertentagen vorbei zu kommen, die an der parlamentarischen Vertretung der Partei Kritik üben oder das Programm einer Revision unterziehen köntrten. Tie Zentrumspartei

ist die einzige Partei in Deutschland, die noch heute keine Parteitage (abgesehen van Provinzralparter- tagen die aber ebenfalls keine Telegiertentage sind) kennt.' Damit ist sie in ihrer Organisation die an, wenigsten demokratische, rückständigste von sämtlichen Parteien im Reich.

Uerschuudeluns".

Zu dem Thema der Verunzierung der Landschaft durch die Reklame, das kürzlich dieDeutsche Volks­wirtschaftliche Korrespondenz" unter dem Verfall eines großen Teiles der Tagespresse angeschlagen hat. schreibt man derTisch. Volksw. Korr.":

Es scheint, als ob mit der zunehmenden Ausbil­dung der Verkehrsmittel, die heute jeden rasch an die schönsten Winkel der Erde tragen, auch die Summe des Häßlichen sich vermehrt. Ungeschmack^ und Unkultur nehmen zu: Kellner im Frack am Fuße der Gletscher, Slnsichtskarteu von wahrhaft erschreckender Aus­führung aus den Hütten, Kabaretts in den Seeplätzen, das sind nur einige der neuesten Fortschritts, Die Verschandelung" der Gegend zu Reklamezwecken, aber wird geradezu grober Unfug. Schon verfügen wir in Preußen über Gesetze, durch deren Anwendung der Verunstaltung des Ortschuftsbildes und der Land­schaft vorgebeugt werden kann. Doch soll - nur die hervorragende" Landschaft geschützt werden, wonnt eine Wertbestimmung in d'as Gesetz gebracht worben ist, die seine Ausführung vielfach, illusorisch machen muß. Sind denn nur die heroische Landschaft, sind nur Gebirge und Meerhervorragend" ober hat bei- spielstveise nicht auch die Schönheit der märkischer^ Landschaft Anspruch gegen Schutz der Verunstaltung?.

Wer von Berlin nach irgendeiner Himmelsrichtung die Bahnlinie benutzt, wirb in regelmäßigen Zwischen­räumen durch Reklameschilder gestört der Ausdruck ist milde, die, von widerlichen Karikaturen über­höht, eine bestimmte Zigarcttensorte anpreisen. Ebeni freute man sich eines wogenden Kornfeldes, einer, prachtvollen Wiese, eines märkischen Kiefernwaldes, da plötzlich taucht ein verlebt aussehender Dandy, ein versoffener Matrosenkopf od>er ein anderes Scheusal auf und empfiehlt die billigste und beste Zigarette. Daneben zeigt das Reklameschild an, wieviel Kilo­meter noch bis Halle oder Hamburg zu durchfahren sind. Das geht so fort, meilenweit. Wer Zigaretten nicht liebt, dem wird nicht wohler, wenn er immer wieder und unaufhörlich Zigaretten angepriesen be­kommt. Außerdem wird auf dem Wege der Strecken­reklame auch der Kampf zwischen Warenhäusern und Spezialgeschäften ausgcfochten. Man erfährt ferner, welches das billigste Automobilbenzin, das unfehl­barste Putzmittel, die hellsten Glühlampen sind und lernt allerhand Bedarfsgegenstände für größere null kleinere Kreise kennen. Ter Fremde, der sich Berlin nähert, glaubt, daß unsere Mark nur noch ein Tummel­platz für Reklame aller Art sei, denn von der märki­schen Landschaft sieht er manchmal aus der Eisenbahn nichts.

Das beste Mittel gegen die immer dreister werden» den Auswüchse des Reklamewesens ist die Selbsthilfe.

Femüeton.

Reiselektüre.

Von Dt. Hans Wantoch (Wien).

Gewöhnlich schläft man ja. Die Fahrkarte lautet Von Bis. Und was dazwischen liegt, kümmert keinen. Die Schar derrichtigen" Sommerfrischler schlingt das Eisenbahnkupee an ihremständigen Winter-Wohnort" in sich hinein uttb speit sie an ihremständigen" Sommer­wohnort wieder aus. Zwischen Ausgang und Ziel ist eine Nacht unruhigen Schlafes. Man gibt der Nacht vor dem Tag den Vorzug und schlüpft an der Grenze des ewigen Schnees oder am Meeresstrand in dieselben kostbaren Toiletten, die man vierundzwanzig Stunden zuvor auf den Promenaden der Großstadt bewundern ließ. Die­selben Menschen, das gleiche Gespräch, dieselbe Lebens­haltung, als ob man nur von einem Haus ins andere ge­fahren wäre. Und daß Gebirge und Ebenen, Sec und ganze Länder dazwischen liegen, daß man ans einer Bahn­fahrt in zwölf Stunden ein knappes eindringliches Bild unteres ganzen, ungeheueren Daseins erleben könnte: das alles hat man verschlafen. Auf Bahnhof und Bahnfahrt drückt sich der Sinn unserer Zeit, die größer als irgend eine vergangene ist, deutlicher, sinnfälliger, grandioser aus als sonstwo im Leben. Da sind die Maschinen: ein über­wältigendes Epos menschlicher Arbeit, das an Wuckit der Ilias nicht nachsteht. Da ist der Bahnbau: ein riesiges Drama, das furchtbare Konflikte schürzt und in den «Nist­höhlen der Tunnels den tragischen Untergang Hunderter Menschen hemufMrt. Da ist der Fahrplan: ein Wunder­

werk moderner Seherkunst, das diesen prachtvoll präzisen Organismus der Züge jede Minute ihres künftigen Lebens voraussagt. Und auf den Bahnhöfen, den Sammelpunkten der ganzen Welt, schließt sich in jeder Stunde ein neues Bild des neuzeitlichen Daseins zusammen. Galante Fran­zosen und eckige Engländer, tüchtige Deutsche und lässige Balkanbewohner, interessante Russen und unauffällige Amerikaner. Menschen von diesem Kontinent und von jenem, Menschen aus Osten und Westen, vom Süden und Norden sind hier für Minuten vereint, für eine Viertelstunde aus ein paar Quadratmeter nebeneinander gestellt. Und drüben, in den Speichern des Gütcrbahnhcss, liegt russisches Ql neben der Baumwolle aus Texas, berührt sich die Seide aus Lyon mit Holz aus böhmischen Wäldern. Mit stummem Gruß zieht die Arbeit, das Mcnschcnwerk der ganzen Erde aneinander vorbei, wie die Schiffe Beatrice",Harradons". Aber dieser Grus; ist schmetternd und hell, froh und beglückend. Er rußt nicht. Er klingt. Jauchzend steigt er empor wie der Gesang sieghafter Truppen, die vom Kampfplatz kommen und zum Schlacht­feld ziehen. Aber di- Meisten hören ihn nicht, vernehmen nicht den Rhythmus der Zeit hier, wo er lauter schlägt, prägnanter klingt als sonstwo im Leben. Sie denken wie meine wunderschöne Reisegefährtin in Innsbruck: Es

gibt nichts Langweiligeres als einen Bahnhof . . . Ver­drossen über die Störung alltäglicher Gewohnheit, kauern sie sich in ihre Sitze. Sic rechnen ihrer Uhr die Sekunden nach und wissen mit sich nichts anu,fangen. Draußen aber surren die Städte vorbei, dehnen sich Ebenen hin, springen Gebirge empor, lind dieser verwunderliche Wechsel der Formen und Farben, der Fauna und Formation könnte sic dem Werden der Erde näher bringen, müßte sie, wie Wilhelm Wische einmal gesagt hat. rum Studium der

Geologie verlocken und mitten hineintragcn in das Mysterium des Entwickelungsgedankens wenn sie nicht schliefen oder läsen.

So aber ziehen sie den Vorhang vor die- spärlrchL Kupee-Lampe oder hangen die Scheulappen einer Zeitung vor ihren Blick. Wer nicht schläft, der liest. Schwere Packe blauer und roter, gelber und grüner Hefte und Bücher schleppt er zu seinem Sitz. Und der Verkäufer hat Mühe, die gähnenden Löcher des kunstvoll geordneten Ständers mit neuen Bänden zu füllen. Wahllos sind sie nebeneinander gereiht. Kitzlige, Nur-fiir-Heoren--Lektüre und sacht einschläfernde Familienromane.

Reiselektüre, das ist heute erst ein Wort, das keinen festen Inhalt umgrenzt. Ist ein Samnielsurium von Zeitungen und Broschüren, Romanen und Witzblättern. Ein Wort, das mehr als die Art der Sache, ihre Güte be- zcickmet. Reiselektüre ist etwas, was man zum Zeitver­treib so herunterliest, ist Minderwertiges, das man sonst weit von sich schöbe. Weder das äußere Format, noch Um­fang, noch Inhalt drücken Bestimmung und Zweck aus. Da gibt es Bücher mit Miniaturlcttern, deren Entzifferung ruhigste Haltung erforderte. Gibt cs Blätter in Riesen­format, für deren Entfaltung ein behäbiger Baucrntisch er­wünscht wäre. So aber kitzelt man mit seinem Hefte dem Gegenüber die Nase, stößt beim Umblättern den Neben­mann in die Rippen. Mit dem Geratter des Wagens schaukelt das Blatt. Und die Buchstaben tanzen zu necken­den Druckfehlern ineinander. Nur der Luxuszug gleitet so sanft, daß das Auge ruhig den Zeilen zu folgen vermag. Das muntere Hüpfen des Schnellzugs und die periodischen Stöbe des Bummlers stören iu regelmäßiger Wiederkehr den lesenden Blick. Der Arm findet keine sichere Stütze, und wenn es dunkelt und jedem die Lektüre notwendiges Bedürft