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Kr. »7».

Wiesbaden, Samstag, 13. August 1910*

88. Jahrgang.

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Das Ergelinis des Weltkongresses für freies Cljristentum.

Bon Pfarrer Alfred Fischer, Berlin.

Der Kongreß ist mit einer eindrucksvollen Feier am Mittwoch geschlossen worden. Über dem Kongreß lag der Sonnenschein guten Gelingens, überall sah man frohe Gruppen und fröhliche Menschen. Nichts von Verstimmungen, kein Ton hitzigen Zorns, niemand unter den Hunderten, der hätte das Gefühl haben müssen: ich gehöre nicht dazu. Wunderlich: drunten im Saal sprach der radikale Lic. Lipsius, vor ihm ein Auditorium der gebildeten Oberschicht, droben die Ver­treter der sogenannten Sekten, und unter ihren Zu- Hörern befanden sich Schwestern in ihrer Tracht. Ter niedrige Hut des Quäkers neben dem Turban des Indiers, das feurige Temperament des Franzosen neben der lebendigen Sicherheit des Engländers und der festen Ruhe deutschen Denkens, die ruhige Klarheit wissenschaftlicher Gedankenführung neben dem stürmi­schen Willen, sür die eigenen Gedanken Anhänger zu werben; beieinander die Gedanken- und Empfindungs­welt von Nationen, die. Lausende von Meilen vonein- ander geboren, unter anderem Himmel, mit einer eige­nen Geschichte ihre Vertreter entsandt hatten. Aber kein Schelten und Neiden aufeinander, ein jeder in jener ruhigen Sicherheit über die eigene Stellung, wie sie so prächtig in der Rede des Bremer Heraus­gebers des Protest antenblattes, Pfarrers Emde, zutage trat. Er gab der Orthodoxie das Recht ihrer Mission, weil er siegesfroh in die Zukunft des kirchlichen Libera­

lismus hineinschaute. Keiner triumphierte, aber alle hatten die Gewißheit, an einem zukunftssicheren Werk zu stehen.

Eine Riesenarbeit ist in den ungefähr 112 Vorträgen von den fast 100 Rednern vor dem Kongreß und in seinen 76 Verhandlungsstunden geleistet worden. Nicht geringer die Arbeit der Zuhörerschaft, die fast in allen Sitzungen an die 1000 heranreichte, in einigem diese Zahl bedeutend überstieg. Die Präsenzliste schloß am Morgen des letzten Tages mit der Zahl 2086. Dazu kamen die fast 4000 Besucher der Volksversammlungen und die Zuhörerschaft in den dichtgefüllten Kirchen beim Gottesdienst und bei dem Kirchenkonzert.

Also so viel Interesse, so viel Zeit, so viel Kraft ver­wenden die Menschen in unserer wirtschaftlich aufs äußerste angespannten Zeit, in der Zeit, die so hart der guten alten frommen Zeit gegenübergestellt wird, auf die Religion? Also so viel Männer, etwa % mehr Männer als Frauen und nur Va der Männer Theologen, in unserem Babel Berlin haben Lust, von religiösen Dingen zu hören? Eine Mahnung an die Kirchen: Wenn sie zu euch nicht kommen wollen, liegt's vielleicht doch an euch? Religion ist eine Macht, und diese Macht marschiert nicht in den Bahnen alter. Kirchenform, nein, auf neuen Wegen und auf neue Art. Sie kommt mit ihrer erhebenden und ver­klärenden Wirkung zu unseren: schwerarbeitendcn Volk und wird ihm neue Kraft und neue Zukunft geben, sie rettet es vor der Frivolität und vor der Bigotterie, weil sie nicht neben dem Leben, nicht über ihm stehen will, sondern weil sie dies Leben selbst sein will.

Der Kongreß wird seine Wirkung haben. Zunächst eine unerfreuliche! Orthodoxie und Konservativismus werden durch den Ärger über sein glänzendes Gelingen sich den Blick trüben lassen, so daß in ihren Besprechun­gen Unrichtiges und Verkleinerndes, falsche Folgerun­gen und .unnötige Befürchtungen sich finden werden, vielleicht kleinliche Schmähung und Scheltrede.

Der Kongreß wird aber auch seine erfreulichenFolgeN babcn, seine Teilnehmer werden den Eindruck hinaus­tragen, daß ein Lebensgebiet, ans das so viel Geist und Arbeit verwendet wird, das so viel Gedanken und Emp­findungen birgt, daß die Religion nicht eine Kinder- und Altweibersache, sondern Mensch heits- und V o l k s s a ch e ist. Tie Duldsamkeit gegen anders hat der Kongreß nicht mit Morten nur. sondern mit der Tat gepredigt. Die Auseinandersetzung mit seinen Reden wie mit ihm selbst wird die kirchlichen Kreise be­schäftigen und beleben, angebahnt ist ein lebendiger Austausch mit ausländischen und andersartigen Kirchen­bildungen des Inlandes. Der Gedanke einer nationale» Wiederholung solcher Darstellung des religiösen Lebens der Gegenwart wird ventiliert.

Femüeton.

(Nachdruck verbalen.)

Montenegro.

Von Alban von Hahn.

(Schluß.)

Es ist ein schöner Menschenschlag, der der Montcne- griner! Große kräftige Gestalten mit entschlossenen Zügen begegnen einem überall, in jedes Gürtel steckt der Revolver, und man kann sich anfänglich doch nicht des Gedankens er­wehren, daß sich sein Träger vielleicht gar nicht lange be­sinnen wird, sich seiner zu bedienen. Bald gewöhnt man sich aber an den Anblick und es erscheint nicht mehr ver­wunderlich, wenn man den Schneider in seiner Werkstatt mit gekreuzten Beinen sitzen sieht, die Schußwaffe im Gürtel, oder den Kellner im Kaffeehaus, oder den Buchdrucker es gibt sogar eine Staatsdruckerei mit mehreren Schnell­pressen in Cetinje ihr Tagewerk mit der Waffe im Gürtel ausüben sicht.

Montenegro befindet sich in einem ganz eigenartigen Zustande der Entwickelung. Durch Jahrhunderte war es genötigt, wie mehr oder weniger alle Balkanländer, um seine Existenz gegen die Angriffe der Türken zu kämpfen; war einmal Ruhe nach außen, so erhoben sich einzelne Stammeshäupter und strebten nach der Herrschaft; dann vereinigten sie sich wieder einmal zur Bekämpfung raub- lustiger Nachbarn oder unterstützten andere Völker bei ihren Frecheitsbestrebungen, wie z. B. seinerzeit bei dem Auf­stande in der Herzegowina; dann gab es eine kurze Zeit her Ruhe und dann begann es wieder von neuem. Mit der Flinte auf dem Rücken hütete der Hirte seine Herde, bebaute her Lcmdmann seinen dürftigen Acker. Nur ganz allmählich kamen geordnete Verhältnisse und erst unter der Herrschaft des jetzigen Fürsten, der 1910 auf eine fünfzigjährige segens­reiche Regierung zurücksehen kann, trat Ruhe und Frieden ein. Fürst Nikolaus I. gab dem Lande eine Verfassung. Unter ihm trat die erste Skupschtina zusammen und nach und nach gelang es auch, das Volk von den Wohltaten eines geordneten Staatsipesens ru übericuLen, Cs bat

lange gedauert, bis die Reformen, die die Regierung ein­führte, anerkannt wurden. Zu lange waren die Bewohner ein kriegerischer Volksstamm gewesen, zu oft hatten sic sich davon überzeugt, daß die schnellste und glatteste Erledigung aller Angelegenheiten die durch die Waffe war, und nur ganz allmählich gewöhnten sie sich an friedliche Beschäf­tigungen und an gedeihliches, auch dem Gemeinwohl nütz­liches Arbeiten.

Fürst Nikolaus ist eine seine, vornehme und edel denkende Natur, und das Verhältnis zu seinen Landes­kindern ist ein geradezu patriarchalisches. Es ist ein schöner Anblick, seine mächtige Gestalt im Kreise seiner Familie zu sehen, und wie diese, so hängt auch das Land au ihm; für jeden einzelnen hat er ein offenes Ohr, jeder einzelne kann leicht den Weg zu ihn: finden und wird gewiß nicht unbefriedigt von ihm scheiden. Der Fürst weiß sehr wohl, wie schwierig manchmal die Lage für sein Land war und ist. doch ist er stets bestrebt, alles auf friedlichem Wege ins Gleis zu bringen. So ist auch Montenegro nie an den so­genannten Wirren in den Balkanländern beteiligt gewesen, deren Beweggründe doch meistens ganz anderen Absichten entsprangen, als dem angeblichen Wohl des betreffenden Staates. Er hegt eine große Verehrung für den greisen Kaiser von Österreich und verurteilt scharf die Haltung eines großen Teils der Blätter dieses Nachbarstaates, von denen er überzeugt ist, daß auch sie auf eigene Faust eine ganz andere Politik treiben, als sie von oben her gebilligt oder gar befürwortet wird. Was aber vor allem für ihn, den Fürsten sowohl, wie nicht minder für sein Volk spricht, ist doch wohl der Umstand, daß er nun schon fünfzig Jahre aus dem Thron seiner Väter sitzt. Welche Wechsel haben in der Zeit in den benachbarten Balkanstaaten staitgefunden! Was hat sich da alles in dieser Zeii ereignet! In Mon­tenegro ist das Volk seinem Herrscher in guten und bösen Tagen treu geblieben, treu hat der Fürst in guten und bösen Tagen sein Volk geleitet. Und schon daran allein sollten doch alle die denken, die sich nicht genug tun können mit spöttischen Bemerkungen und Witzen über das tapfere Volk dort oben in den Schwarzen Bergen.

Dem Fürst stehen Minister und Räte zur Seite, die Mr das Belle des Landes irn Auae haben. Me er selbst,

Wem aber verdanken wir diese Kraftentfaltung, diese Gedankenarbeit, dieses friedliche und freu:st>liche Bei­sammensein, diese Einmütigkeit bei aller Mannigfaltig­keit? Wem anders als dem einzigen Gesetz, das sie alle zusammenhielt. .dem Gesetz, jedem Freiheit zu lassen. Hier erhebt die Tat und der Erfolg dieses Kongresses prophetisch seine Stimme für alle, die es mit der Freiheit nicht wagen wollen: sie ist das G o t t e s q e s e tz des geistigen Lebens der 'Menschen, erst unter ihr erheben Menich, Volk und Menschheit sich zu ihrer ganzen Höhe.

UoMsche Übersicht.

Der Dock als Gärtner.

Ein neues, ekelerregendes Kapitel moderner Sitten­geschichte! Aber man darf sich wohl die müßige Phrase von derbitteren Pflicht des Chronisten" schenken; denn hier liegt ein in seinen Umständen und Perspektiven so un­geheuerlicher Fall vor, daß Stillschweigen Verbrechen wäre. Befindet sich doch unsere ganze Volksgemeinschast gegen­über dem FalleBock und Genossen" in der Lage eines Landmannes, dem unter heiterem Himmel plötzlich ein Teil der Ernte verfault. Um gleich zur richtigen Einschätzung des Skandals zu gelangen, brauchen wir uns nur unserer eigenen weißen Weste von gestern zu erinnern: Als nach den russischen Wirren eine allgemeine Fäulnis den russischen Volkskürper zu ergreifen schien und verschiedene haar­sträubende Orgien in Seminaren, Schulen undLicht- stümPschen"-Vereinen gleichsam die Ouvertüre dazu bil­deten, gab es bei uns in Deuffchland der Ahs und Ohs gar kein Ende. Wir hielten den Untergang Rußlands nach diesen Zeichen schlimmster Dekadenz sür besiegelt. Und sind mm selbst der Sünde bloß, sind keinen Gran besser als jener Zöllner". Und das Schlimmste: Der Sumpf, der hier gen Himmel stinkt und von dem wir Jahre hindurch nichts gemerkt haben, durfte sich unter dem Schutze der Autoritär und Ordnung ausbreiten. Hunderte junger Menschenblüten sind in: Keime verdorben und bilden wieder eine stete Ansteckungsgefahr für ihre Umgebung. Durch solch eine Brunnenvergiftung wird eigentlich unsere ganze großstädtische Jugendfürsorge über den Haufen geworfen. Was war schließlich Bankier Siernberg verflossenen Ange­denkens gegen diesen von Amts wegen eingesetztenJugend- brldner"? Ein Lebemann, wie sie die Weltstadt viele in ihren Mauern birgt. Die Heuchelei, mit der Rektor Bock sich und seine Helfershelfer in Ansehen erhielt, lassen sein Verbrechen dagegen wie Gift und Pestilenz erscheinen.

Sehen wir uns auch die anderen Schuldigen an: Da ist der Lehrer Knöfel, der sich bei seinen Schandtaten natürlich durch das Beispiel des hohen Vorgesetzten gedeckt fühlte, und die zahlreichenFreunde" des Herrn Bock. Da sind ferner die Eltern der verführten Mädchen. Der mit dem Raffinement und Instinkt des geborenen Verbrechers

. . . .L .... ..

sehen auch sie dessen ruhige Fortentwickelung und das Fort­bestehen geordneter, friedlicher Verhältnisse zu den anderen Staaten als das höchste Ziel an. Gewiß ist es verhältnis­mäßig kurze Zeit her, daß Montenegro ein Land geworden ist, das mit in: Rat der Völker zu stimmen hat, aber das ist kein Grund, daß es nicht doch ernst zu nehmen und mit ihm zu rechnen sei. Es muß ja zugegeben werden, daß nur ganz wenige einen Einblick in die Verwaltung des Landes getan haben, daß überhaupt nur wenige das Land persön­lich kennen, aber wem es vergönnt war, zu hören, wie die maßgebenden Persönlichkeiten über die Weiterentwickelung Montenegros denken, wie ernst es ihnen allen ist um ihre Aufgabe, wie intensiv in den Ministerien gearbeitet wird der Leiter des Ministeriums des Äußern ist meistens schon um 8 Uhr früh zu sprechen, wie es jeder einzelne, vom Ministerpräsidenten bis zum jüngsten Beamten, als seine heiligste Pflicht ansieht, seinem Lande zu nützen, der wird bald genug nur mit der größten Hochachtung über eine Regierung urteilen, die es wahrlich nicht leicht hat, die Erziehung eines Volkes zu leiten und zu lenken, das nicht lange erst in die Reihe der Kulturvölker eingctretcn ist. So schnell wird es mit dieser Erziehung allerdings auch nicht gehen, doch sind es immer nur ganz wenige, die den besten Absichten großen Widerstand entgegensetzen.

Gute Schulen sorgen für die Bildung der Jugend. Die meisten Professoren und Lehrer sind des Deutschen mächtig, ein Zeichen, daß sie selbst ihre Lehrzeit in Österreich oder Deutschland zum' Teil zugebracht haben. So lernte ich einen der Herren kennen, der in Halle studiert hatte, ein anderer war in Jena auf der Universität gewesen und beide wußten so viel über die deuffche Pädagogik und ihre jetzigen Lehrer an den Hochschulen, daß ich im stillen meine Kenntnisse über diesen Punkt durch sie bedeutend bereichern konnte. Es war ein lustiger Anblick, als ich einmal gegen Abend in der Nähe des Gymnasiums spazieren ging und überall fleißig auswendl^'lernend^ Schüler traf, die ambulando ihr Aufgaben für den nächsten Tag fertigten. Serbisch, Italienisch, Französisch und Deutsch tönte von allen Seiten halblaut durcheinander.

Eine weitere kulturelle Ausgabe hat die Regierung da- * durch m lösen begonnen, daß sie regelmäßigen Automobil-