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Kr. »7».

Wiesbaden, Freitag, 12. August LSI«.

58. Jahrgang.

Morgen - Kurgabe.

__1. Matt.

Dem..Könige" von Montenegro.

Was ausgesprochen, nationale Kreise in Öster­reich-Ungarn über die Standeserhöhung des mon­tenegrinischen Fürsten denken, bringt Danzers Armee- zeitung in drastisch kräftiger Form zum Ausdruck. Das Blatt schreibt:Es wäre kleinlich, wollte sich die Mo­narchie einer Standeserhöhung des südöstlichen Nach­bars selber nur widerstrebend anscdließen. Diesem Standpunkte soll auch hier nicht das Wort geredet wer­den, aber ebensowenig hat sie Grund, eine Lanze f ü r die Gloire eines Fürsten Nikolaus eiuzulegen. Kaum sind es zwei Jahre her, daß die serbische Presse uns mit Hohn und Spott überschüttete, auf den wirtschaftlichen Bankrott hinwies, den man uns zufügen werde, wo die Serben offen gegen uns rüsteten. Und derselbe Ntkola, den die hiesige Negierungspresse so zu verherrlichen für notwendig findet, unterstützte die serbische Cause nicht allein mit Worten, sondern auch durch Taten. Oder haben wir bereits vergessen, wie Truppenstaffel auf Truppenstasfel cattarowärts dirigiert und die Flotte nach der Reede von Spizza entsendet werden mußte, um den kriegerischen Allüren dieses Potentaten und besten Freundes unserer besten Feinde Einhalt zu gebieten? Die Steuerträger unserer Lande dürften da anderer MeU uung sein als der Leitartikelschreiber desPester Lloyds". Es liegt eine solche Fülle notorisch feindseliger Handlungen des angehenden Königs Von Zeta gegen die Monarchie vor, daß es geradezu ein lästiges Unterfangen^ wird, sich an ihre Aufzählung zu machen. Ter Hinweis auf die Rolle, die der Fürst ge­legentlich der Annexionskrise spielte, wo er sich soli­darisch mit den Serben erklärte, würde an und für sich genügen. Aber es ist bekannt, daß dieser offenen Schädigung unserer Interessen seitens Nikolaus I. schon seit längerer Zeit ein stillschweigendes Übereinkommen mit solchen Regierungen, die der Monarchie mißgesinnt sind, vorangegangen ist. Vorerst mit Rußland unter dem Vorwand der sattsam bekannten slawischen Dank­schuldigkeit und nachher mit Italien. Mit Italien ver­mutlich wegen der dort heimischenPoesie". Daß sich aber dieser treue Russendiener und Poet im Fürsten­gewand seine Anhänglichkeit in Pistolen, Dreilinien- gewehren, Gebirgs-, Feld- und Belagerungsgeschützen und in klingenden Kriegsbeiträgen bezahlen läßt, sein Heer un6 zu Ehren reformiert und verstärkt (erst 19101) und die Mündungen seiner fürstlichen schwersten Ar­tillerie auf einen k. u. k. Kriegshafen niederblickcn läßt, das mag andere Regierungen, nur nicht die unserige zu Dank verpflichten.

Bei der eisernen Faust die selbst derPester Lloyd" dem Fürsten,zuerkennt dringt nur wenig über die wahre Stimmung des montenegrinischen Lölkes über die Grenze herüber. Aber so patriar­chalisch, wie es zumeist geschildert wird, scheint das Leben in Montenegro nicht zu sein. Nur die Aus­

wanderung . nach überseeischen Ländern einerseits und die sich wiederholenden Auflehnungen im Lande anderer­seits weisen darauf hin, daß nicht bloß die Erwerbs- perhältnisse in Montenegro schwieriger geworden, son­dern daß auch die Befriedigung des Volkes mit den ihm gebotenen persönlichen und politischen Rechten manches zu wünschen übrig läßt. Hat die Monarchie so gut wie keinen Grund, die beabsichtigte Standeserhöhung des ihr notorisch mißgcsinnten Fürsten anders zu beurteilen- clls sie einfach zur Kenntnis zu nehmen, so bezieht sich dies vorliegend auf die rein persönliche Frage in dieser Angelegenheit. Anders steht es, zieht man die Inter­essen des montenegrinischen Volkes selbst in Betracht. Tie Cernagorcen werden an der neuen Würde ihres alten Herrschers und Gospodaren wenig Freude er­leben: diese armen Teufel werden tüchtig herhalten müssen um die Hofhaltung ihres Kralis dem schon heute von mehr als einer Seite ein ausge­sprochenes Talent für die Wahrung seiner eigenen finan­ziellen Interessen zugemutet wird mit dem selbst für einen König von Zeta unumgänglichen Pomp zu umgeben. An der Gesinnung eines Nikola ist nichts mehr zu ändern. An der Monarchie ist es jedoch ge­legen, die Existenzbedingungen seiner Untertanen im hohen Maße zu beeinflussen. Bisher hat man sich unserer­seits mit kleinlichen Schikanen abgegeben, die uns keinen Nutzen, der armen Bevölkerung der Schwarzen Berge aber, wie Kenner des Landes versichern, empfind­lichen Schaden zugefügt und sie dadurch in einem be­st ä n d i a animosen Zustand gegen uns erhalten haben. Das war treibendes Wasser auf des Gospodars politische Mühlen. Er konnte immer, wann er es wünschte, seine Cernagorcen gegen dieseverfluchten Austriazi" ausspielen. Wenn wir es daher für passend gefunden haben, eistör Rangeserhöhung des Fürsten keine Hindernisse in den Weg zu legen, so sollten wir die sich jetzt im verstärkten Maße darbietende Gelegen­heit, unseren Einfluß auf das Volk der Schwarzen Berge auszuüben und dadurch weiteren Velleitäten des Königs vorzubeugen, um so weniger entgehen lassen. Ein durch Österreich-Ungarn zufrieden gestelltes Volk von Zeta würde den für politische Regungen sehr verständ­nisvollen Herrscher am wirksamsten von dem Wert unserer Freundschaft und der Macht unserer Feind­schaft überzeugen. Kann es hierzu eine günstigere Ge­legenheit geben als das Zusammentreffen der Unter­handlungen über die Errichtung eines Königthrones und eines Handelsvertrages?

UoMsche Merlrcht.

Disripliirbvirche und Vvogrammvevletzimgen.

Man schreibt uns: Über Tisziplinbrüche dieser oder jener Genossen ist in der sozialdemokratischen Presse gegenwärtig ein arges Lamento. Schlimmer noch als Tisziplinbrüche sind Programmverletzungen. Sind aber Verstöße gegen das Programnt in der sozialdemo­kratischen Partei nicht etwas ganz Gewöhnliches? Wir denken hier nicht an die theoretischen Ketzereien gegen

die Verelendungstheorie usw., sondern an praktisch« Verstöße, insbesondere gegen den ProgrammpunktRe­ligion ist Privatsache". In Berlin beteUigen sich die sozialdemokratischen Wahlvereine an keiner Beerdigung, wenn ein G e i st l i ch e r bei ihr mitwirkt. Das ist^ern überaus häßliches Verhalten gegenüber den Ange­hörigen, unter Umständen auch gegen den Toten (wenn nämlich die Anwesenheit eines Geistlichen seinem eigenen Wunsche entsprach). DerVorwärts" hat in seiner andren Eigenschaft als Lokalorgan der Berliner Ge­nossen dies Verhalten der dortigen Wahlvereine gut- gebeißen. Dieser Gebrauch ist seit Jahren üblich, und man hört kein Wort davon, daß dieser Verstoß gegen das Parteiprogramm gerügt oder daß gar der Partei­tag dagegen angerufen würde. Dann wird man wohl zu behaupten berechtigt sein, daß die Aufrechthaltung des SatzesReligion ist Privatsache" im Programm lediglich Heuchelei sei. ,

Der gute Ton vor Gericht

ist leider noch recht häufig zu vermissen. Und es ist immer wieder darüber zu klagen, daß die Angeklagten vom Richterttsche aus mit großer Schroffheit behandelt werden. Über einen recht krassen Fall berichtet die Cöln. Ztg." im Rahmen einer längeren Ausführung. Das rheinische Blatt schreibt: Als Symptome,

nicht als einzelne Mißgriffe muß man die Fälle an- sehen, in denen Richter dem mit ihnen verkehrenden Publikum mit unnötiger Schroffheit entgegentreten! und ihren Autoritäts-Standpunkt fühlbar hervorheben. Das beweist, daß sie ihre Amtsstellung mehr als erst R echt statt als eine Pflicht auffassen und läßt cs verständlich erscheinen, daß oft die Meinungen des Publikums und des Richters über eine und dieselbe Sache beträchtlich auseinandergehen müssen. Weil wir! solche Fälle für symptomatisch halten, fühlen wir uns als Vertreter öffentlicher Interessen verpflichtet, siö nicht zu verschweigen, wenn sie uns bekannt werden. Ohne die geschilderten Verhältnisse wäre es uns unver­ständlich, daß, wie es soeben sich in Cöln ereignet hat, ein älterer Richter, der längst über das Stadium des Lernens und der Versuche hinaus ist, ivegen unan­gemessener Behandlung eines mit dem Roten Adler- Orden und dem Kronen-Orden dekorierten, den ge­bildeten Ständen angehörenden, also im persönlichen Verkehr verwöhnten Privatklägers von seinem Vorge­setzten Landgerichtspräsidenten r e k t i f i zi e r t toer den mußte. Wie mag ein solcher Richter erst mit undekorierten Leuten umspringen. Das Verhalten war so verletzend gewesen, daß sogar die zuständige Strafkammer das Gesuch des beleidigten Privatklägers» den Richter in seiner Sache für befangen zu er­klären. für berechtigt erklärt hat. Mit der rück­haltlosen Anerkennung für den Landgerichtspräsidenten wie die Strafkammermitglieder wegen des von ihnen be­wiesenen Gerechtigkeitsgefühls verbindet sich doch ein leiser Zweifel, ob überall und in allen Fällen eine so entschlossene Bekämpfung des Amtsmiß- brauchs zu erhoffen gewesen wäre. Mancher Beschwerde­führer wird mit bedauerndem Achselzucken entlassen:

Feuilleton.

(Nachdruck verdaten.)

Montenegro.

Von Alban von Hahn.

Es ivar gegen Ende Oktober, als ich mich in Fiume aus dem schönen DampferSalona" der Ungaro-Croctta-Lime einschiffte, um der Dalmatinischen Küste entlang nach Cat­taro zu fahren. Goldener Sonnenschein überstrahlte den Quarnero und die hohen Karstberge, an deren Fuß nörd­lich das herrliche Abbazia, im Osten Fiume liegt, spiegelten sich klar in der blauen Flut. Es gibt zwei Dampserlinien, die den Verkehr mit Dalmatien vermitteln, die eine von Triest aus, der Österreichische Lloyd, und die andere, oben erwähnte von Fiume aus. Wer aber die Küste kennen lernen will, der soll diese wählen, denn ihre stolzen, schön eingerichteten Schiffe, die auch im Punkte der Verpflegung nichts zu wünschen übrig lassen, nehmen ihren Weg zwischen den ungezählten Inseln, die dem Festlande vorgelagert sind, und diesem selbst, während der Lloyd fast stets iw offenen Meere fährt. Auch die Gefahr der Seekrankheit wird durch diese Küstenfahrt bedeutend vermindert. Die Scogkren, wie die Inseln dort genannt werden, halten doch Immerhin die unangenehmen kurzen Wellen des freien Meeres ab, und die Adria kann unter Umständen sehr unan­genehm werden.

Fast wie ein Spiegel lag die weite Wasserfläche vor Mir und das Schiff glitt ohne jede Erschütterung durch das nahe Element. Scharen von DÄPhinen begleiteten uns und war interessant anzusehen. wie sie bald vor Ms. bald

weiter hinten, bald rechts und bald wieder links auftauchtcn, große Sprünge durch die Luft machten und bald wieder eilig davonschossen. Die Fahrt die ganze Dalmatinische Küste entlang bis zur Bocche di Cattaro dauert mit den Schnell­dampfern etwa 26 Stunden und führt an den Hauptortcn Zara, Spalato, Gravosa, dem Hafenort für Ragusa, und Castclnuovo vorbei. An diesen Stationen ist gewöhnlich ein Aufenthalt von 1 bis 2 Stunden, so daß man, falls man nicht länger verweilen und das Schiff des nächsten Tages erwarten will, genügend Zeit hat, einen kurzen Orientierungsgang durch die doch immerhin nur kleinen Städte zu unternehmen. Ein längerer Aufenthalt empfiehlt sich nur in Spalato mit den interessanten Ruinen des Palastes des Kaisers Diocletian, dessen Umfassungsmauern fast die ganze heutige Stadt umgeben. Diesmal aber zog es mich weiter südwärts, und nach einer wundervollen Mondnacht, die ich fast ganz auf dem Teck zubrachte, landeten wir gegen Mittag in Cattaro, der Hauptstadt der Bocche, jener tieseingeschnittenen Bucht, die infolge der hohen umgebenden Berge den Eindruck eines Landsees macht. Es ist ein kleiner Ort von etwa 3060 Einwohnern, der auf dem schmalen Streifen Landes zwischen dem Meer und den fast senkrecht aussteigenden Bergen eingezwängt ist. Nur wenige Straßen sind so breit, daß mehrere Menschen nebeneinander gehen können; die meisten Gäß- chen würden schon nur zwei halbwegs beleibten Spazier­gängern das Ausweichen schwer machen. Cattaro bildet den Mittelpunkt der gewaltigen Befestigungen, die die Österreicher dort überall errichtet haben. Auf den Berg­spitzen sind Forts erbaut, überall erblickt man Panzertürme, Geschütze, Signalmastcn usw., und die Fahrgäste des Schiris bestehen Hort meistens aus Offizieren nnd Soldaten^

die kommen und gehen, von Kameraden bewillkommnet und, oft genug wohl mit Neid, verabschiedet werden. Ich eilte, nachdem wir glücklich gelandet waren, schleunigst zur Post, um mir einen Platz in dem Automobil zu sichern, das täglich einmal die Verbindung mit Cetinje vermittelt und nur 7 Plätze enthält. Glücklich bekam ich noch den letzte« Platz. Es dürfte sich aber empfehlen, schon einige Tage vorher brieflich oder telegraphisch die Fahrkarten zu bestellen unter Einsendung des Betrages von 6 Kronen, da oft ge­nug alles besetzt und die Fahrt nach Montenegro im Wagen, abgesehen davon, daß sie, statt in 3 Stunden im Automobil, über 7 Stunden währt, bedeutend teurer ist. Ein Aufent­halt in Cattaro aber, in den dort befindlichenHotels" dürfte kaum zu den reinsten Freuden der Reise gehören.

Die Fahrt nach Cetinje ist eine der schönsten, die ich j« gesehen habe. Auf etwa 42 zum Teil langen Windungen steigt die prächtige Straße bis zu einer Höhe von 1361 Meter empor; doch das allerdings schwer und plump ge­baute, aber kräftige Postautomobil überwindet sie spielend in 114 Stunde. Bis fast zur letzten Serpentine hat man den Blick aus die untenliegende Bocche, bald überschaut man die vorliegenden Bergrücken und sieht das weite Meer im Sonnenschein dahinter, immer kleiner werden die Gegen- stände da drunten, wie Fliegen in der Milch erscheinen zu. letzt die großen Kriegsschiffe, die vor Anker liegen, und end­lich entführt uns eine neue Windung und bringt uns nach überschreiten eines Passes, auf dem durch eine Reihe weißer Steine die Grenze zwischen Österreich und Montenegro angezeigt ist, in ein kleines, fast kreisrundes Tal, in dem der erste montenegrinische Ort, Njegus, liegt. Schon unter­wegs sah man viele Männer und Frauen in der Landes­tracht; die Wchmer in weiten blauen Pumphosen, roter»