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Nr. 864. Wiesbaden, Montag, 8. August ISIv

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58. Jahrgang.

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Die abgesagte Devolution.

Der schwarze Sonntag in San Sebastian, der alle Aussicht hatte, sich zu einem roten Sonntag zu ge­stalten. ist von dem klerikalen Komitee, das sich zur Organisierung der gegen das liberale Kabinett Canalejas gerichieten, ausgeprägt revolutionären Be­wegung gebildet hatte, in letzter Stunde abgesagt worden, da die Regierung sich nicht einschüchtern ließ, sondern sich fest entschlossen zeigte, jeden Putschver­such mit W a f f e n g e w a l t 'in Keime zu ersticken. Der Plan, die gegen die Kirchenpolitik der spanischen Regierung gerichteten Kundgebungen gerade nach San Sebastian, dem Lieblingsaufenthalt des' Hofes, uno nach der Industriestadt Bilbao zu verlegen, wo die umfassende Streikbewegung die Gemüter ohnehin in starke Erregung versetzt hat, war zweifellos gut er­sonnen, aber der Ministerpräsident, der nicht nur über die Mehrheit in den Cortes verfügt, sondern auch, was ja in Spanien nicht alle Regierungen von sich sageii konnten, des Heeres sicher zu sein glaubt, war früher aufgestanden als seine klerikaen Widersacher und die K a r l i st e n. .

Denn daß bei der gegen das liberale Kabinett ge­richteten Bewegung die Klerikalen mit den Karlistcn Hand in Hand gehen, dafür behauptet die Regierung zugkräftige Beweise in Händen zu haben, lind die in den letzten Tagen vom spanischen Kriegs­schauplatz eingelaufenen Nachrichten lassen in der Tat keinen Zweifel mehr an diesem revolutio­nären Charakter der von dem, spanischen K l e r u § geschürten Bewegung. Ter Minister des Innern hat ausdrücklich versichert, die Regierung wisse, daß in den Klöstern Waffen und Munition verborgen liegen und daß die Karlisten bewaffnete Ban­den zum Kampf bereit halten, und auch private

Meldungen aus Spanien bestätigen diese Behauptung. Allerdings war die karlistische Bewegung in den letzten Jahren derart abgeslaut, daß sie crgentuch schon als begraben galt, aber allem Anschern nach glaubte der Präsident Don Imme von. Bourbon, der rn Groß-Frohsdorf bei Wienresidiert", daß der klerikale Wind die Segel seines sestgefahrencn Lchrffes flott machen könnte. . r, ,

Diese Hoffnung erweist sich nun frerlrch als eitel, denn die karlistische Bewegung, die nur noch nr ein­zelnen, abseits vom Verkehr liegenden Gebieten der Pyrenäen ein küinmerliches Dasein fristet,, hat ihre Rolle in Spanien ausgespielt, und sie ist von den anderen oppositionellen Strömungen aufgesogen wor­den. Nicht zuletzt von der klerikalen, deren extremer Flügel ja von seher in sehr engen Beziehungen zum Karlismus stand. Must man sich doch heute, daran er­innern, daß, wie seinerzeit berichtet wurde, die spanische Regierung bei der Wahl des jetzigen Papstes ursprünglich einen Protest gegen die Erhebung des Patriarchen von Venedig ans den Heiligen Stuhl ge­plant halte, weil es bekannt war, daß sarto in sehr freundlichen Beziehungen zu dem damaligen Prären- denten Don Carlos stand. __

Es mag dahingestellt bleiben und wird natürlich auch nicht festzustellen fein, wie weit der Vatikan bei seinem Vorgehen gegen bie spanische Regierung von den Sympathien für den Karlismus beeinflußt wird; Tatsache bleibt aber jedenfalls, daß dies Vorgehen in den Dingen selbst keinerlei Begründung findet. Deni, wer die Vorgänge in Spanien verfolgt und das kirchenpolitische Programni des Ministerpräsidenten Canalejas unbefaniM prüft, der wird jedenfalls nicht behaupten können, daß sich die Politik der Re- gierung etwa gegen die Kirche oder gar gegen die Religion richiet. Was das liberale Kabinett an­strebt, ist vielmehr lediglich die Unabhängigkeit des Staates der Kirche oder, genauer gesagt, dem Klerus gegenüber, die Abschüttelung der kirchlichen Vormundschaft und wenigstens ein bescheidenes Maß von. Gewissensfreiheit für die anders Denken­den für die nickt Orthodoxen. Wevii das Dekret vom 19. Juli 1910 den Art. 11 der Verfassung dahin auslegt, daß auch den nichtkatholischen Religionsge- sellschasten der Bau von Gotteshäusern, sowie ihre äußerliche Kennzeichnung als solche und die Ab­haltung von öffentlichen gottesdienstlichen Versamm­lungen gestattet werden soll, so ist das ein Recht, welches in allen zivilisierten Ländern als selbst­verständlich gilt. Aber zu der Rebellion des Klerus gegen die Regierung hat allem Anschein nach noch mehr das Dekret vom 30. Mai d. I. beigetragen. welches die nicht im Konkordat privilegierten

O r d e n s g e s e l l s ch a f te n dem Vereinsgesetz

unterstellt und sie. so weit sie ein Gewerbe be­treiben, der Steuerzahlung unterwirft. Es ' handelt sich hier für das verarmte Land um eine

v irisch östliche Frage- von entscheidender Be> -.eutung, da die zahllosen Klöster, die,einen unge- - e u e e n Landbesitz und ein riesenhaftes vermögen in ihre Hände gebracht haben, durch hre steuerfreie Konkurrenz die Hauptschuld, daran ragen, daß sich in dem ohnehin industriearmen Spanien ein lebensfähiger Mittelstand weder m der a-.tadt noch aus dem Lande entwickeln konnte.

Wie dieser vom Vatikan im Namen des spanischen stlerus geführte Kampf, der in Wahrheit ein poli- iisch-wirtschaftlicher ist, während man ihm em religi­öses Mäntelchen umhängt, ausgeheri wird, steht dahin, stber da es sich hier für das spanische Volk um eine Lebensfrage handelt, so ist anzunehmen, oder doch wenigstens zu hoffen, daß sich zum Schluß der den Massen des Volkes die Erkenntnis durchringen lviid. um Welches Endziel gekämpft wird. Geschieht dies aber, dann wird man wohl auch im Vatikan er­kennen. daß. wenn man mit dem Kopf gegen die spanische Wand rennt, dies dem Kopf mehr schadet

Die Lage.

Madrid. 6. August. Die katholische Junta wur.de wäh­rend ihrer letzten Zusammenkunft benachrichtigt, daß ihr wegen Aufreizung zum Aufruhr der Strafprozeß. gemacht werde. Da die katholische Junta infolgedessen die Kund­gebung in San Sebastian aübestcllt hat, soll dafür, in Estella bet Pamplona eine kleinere Versammlung stattfinden, die von der Regierung wahrscheinlich gestattet wird. Die Kleriker predigen noch fortwährend weiter gegen die Regie­rung und suchen die A r m e e a u f z u w i c g e l n. So trieb cs auch gestern ein Geistlicher in der Kirche von Ceuta, wo der Platzkommandant Aldave mit sämtlichen Offizieren sofort die Kirche verließ.

Madrid, 7. August. San Sebastian und Umgebung so­wie die anlicqenden Bahnlinien und von gewaltigen Truppenmassen besetzt, die noch einige Tage da- bleiben werden. Ein Trupp von etwa tausend Bauern, die von der Gegenorder nichts wußten, nahm schleunigst Reißaus, als er das militärische Aufgebot sah.

San Sebastian, 7. August. In der Nacht trafen zwei Schwadronen Gendarmen ein. Die Organisationsaus­schüsse ließen an die Bevölkerung von Biscaya und Navarra die Mitteilung gelangen, daß sie von der geplanten Kund­gebung der Katholiken Abstand genommen haben, weil die Regierung die Transportmittel mit Beschlag belegt habe. Sie prchcfticreu gegen die Akte der Willkür und beklagen es, daß die Armee dazu bestimmt sei, die Ordnung gegen die Katholiken ausrecht zu erhalten, die das Heer liebten, und schließen mit der Ausforderung, die Katholiken sollten den Mut nicht sinken lassen. Als abends eine Gruppe Mani- festanten von einem Balkon herab:Nieder mit Spanien? Es lebe der Papst!" riefen, versuchten etwa tausend Per­sonen das Haus zir stütmcn. Der Gouverneur eilte an der Spitze von Polizei- und Gendarmeriemannschaften her­bei und stellte die Ruhe wieder her; mehrere Personen wur­den verletzt, 44 verhaftet. Im Zentrum der Stadt herrscht

Femllrtorr.

Heues m MMu« Attentat ßufHüplcot

Das Attentat des deutschen Pfarrerssohnes Friedrich Stcpß. der am 12. Oktober 1809 einen Mordanschlag aus Napoleon im Schloßhos von Schönbrunn unternahm, hat weitgehende politische Folgen gehabt. Die Tat machte auf den Franzosenkaiser solchen Eindruck, daß er rasch Frieden schloß. Zugleich begann von nun an eine systematische Ver­folgung des Tugendbundcs und anderer deutsch-patriotischer Vereinigungen durch die französischen Behörden, während bis dahin nur gelegentliche Beobachtungen der deutschen Ideologen stattgefunden hatten. Die Seele des Jünglings jedoch, bet den Dolch gegen die Brust des großen Korsen zücken wollte, war bisher noch von einem psychologischen Geheimnis umgeben; man wußte wenig von seiner Ent­wickelung, von der Entstehung des Plans in seinem Geiste, von denMotiven, die ihn dazu getrieben. In einem Aus- satz desGrenzboten" sucht nun Pros. Theodor Bittcrauf dieses Rätsel auf Grund der Akten des Kriegsgerichts zu lösen, die sich im Pariser Nationalarchiv befinden. Be­sonders die Von dem Intendanten oon Erfurt Derismes im Austrage des Herzogs von Friaul vorgenommenen Unter­suchungen werfen ein klares Licht auf die von Phantasien und Hirngespinsten umdunkclte Seele des Kaufmannslchr- lings, der sich zum Netter Deutschlands berufen glaubte. Friedrich Stepß war Lehrling in der Nankinfabrik von Rothstein, Lentin und Ko. in Erfurt. Sein stilles, be­scheidenes Wesen erwarb ihnr die Liebe seiner Prinzipale und seiner Freunde; Sanftmut war in ihm mit Einfalt gepaart, und er erschien als ein guter, heiterer Mensch, dem nichts Schlimmes zunitranen war. Als Napoleon I. in Erkürt war. befand sich Stevß unter denjenigen, die ihm

am begeistertsten zujubelten. Nach dem Ausbruch des Krieges von 1809 hörte er aber in Erfurt in den Casös, Napoleon führe Krieg nur um sich zum Herrn von Europa zu machen. Da schwand all der Enthusiasmus dahin,. den er dem Kaiser so lebhaft entgegengebracht hatte; seine Liebe verwandelte sich in Haß, und er faßte den Entschluß, ihn im ersten günstigen Augenblick ums Leben zu bringen. Nun bildete sich in ihm ein krankhafter Ehrgeiz und eine große Vorliebe für das Militär heraus. Der Einsall der Franzosen in Deutschland dünkte ihm das größte Unglück für die Welt, und er hoffte, nach dem Tode ihres Kaisers würden die Franzosen aus Deutschland vertrieben, die Völker wieder glücklich werden, und der Handel werde wieder auflebcn. Als er seinen Freunden von diesen Ideen erzählte, erklärten sie ihnfür einen Narren" oderfür bei­nahe verrückt". Die Überzeugung wuchs noch, als ihnen Stepß von einer Vision erzählte, die ihn zum Helden von Deutschland bestimmte. Solche Träume waren ein Erbteil seiner Mutter; sie hatte ihn einmal im Traum ins Wasser fallen sehen, ohne ihn retten zu können, und diese Er­scheinung hatte ihr Herz oft bekümmert. Auch hes weiteren hatte er noch solche Visionen; so erzählt er in seinem Ab­schiedsbrief an die Eltern, er habe Gott gebeten, ihm die Mittel zum Vollbringen seiner Tat zu gewähren; da sei ihm Gott in Seiner Majestät erschienen und habe mit donner- ähnlichen Worten zu ihm gesprochen:Gehe hin und tue, was du dir vorgenommen hast." Seinen Freunden gegen­über zeigte er sich, als sie ihn von seinen Phantasien abzu- bringen juckten, in,der letzten Zeit ganz verschlossen, be­trieb aber heimlich desto eifriger die Ausführung seines Plans Nachdem är sich einen Paß, Geld und einen Wagen verschafft hatte, verließ er am 24. September Erfurt. Am 7. Oktober kam er in Wien an. In den Eafös studierte er eifrig die Zeitungen und überzeugte sich, daß der Frieden, von dessem baldigen Abschluß er gehört hatte, noch nicht

geschlossen worden sei und daß auch wenig Aussicht dafüx vorhanden wäre. So erschien ihm die Ausführung seines Vorsatzes notwendig. Er wollte sich bei der Parade in Schönbrunn dem Kaiser nähern und ihn mit den Worten ansprechen:Werden wir Frieden bekommen oder nicht?" Wenn er keine oder eine abschlägige Antwort erhielt, wollte er ihm den Dolch ins Herz stoßen, den er sich gekauft und an der Spitze hatte doppelt schärfen lassen. Als Stepß am 12. Oktober mittags den Schloßhos in Schönbrunn betrat, war der Kaiser eben die große Schloßtreppe hinabgestiegen, an deren Ende verwundete Offiziere mit Bittgesuchen und neben der Garde, den Adjutanten usw. drei verwundete badische Soldaten warteten. Napoleon blieb bei den drei Badensern stehen, dann ließ er die Truppen einige Be­wegungen ausführen und sprach mit Offizieren der Jäger zu Pferde, als Stepß bis auf zwei Schritte in seine Nähe trat, sauber gekleidet, in einem neuen olivenfarbigen Über­rock mit grünem Kragen und grünen Aufschlägen, einen französischen Chapeau-Claque mit der französischen Kokarde auf dem Kopse. Napoleon bemerkte ihn nicht, aber Berthier hielt den Vortretenden zurück; er glaubte es mit einem Bittsteller zu tun zu haben, weil Stepß die Hand in den oben geöfsticten Mantel hineingesteckt hatte, als wolle er eine Bittschrift hervorziehen. Als der Jüngling sich los­reißen wollte, rief der Marschall den General Repp herbei, der ihn den Gendarmen übergab. Nun fand man bei ihm den großen Dolch, den er in einem mit Bindfaden ver­schnürten Bogen Papier wie in eine Scheide gesteckt hatte. Als er verhört wurde, blieb der Gefangene dabei, er wolle dem Kaiser allein sein Geheimnis mitteilen. Vor Napoleon geführt, gestand er in einer halbstündigen Unterredung mit dem Kaiser, daß er ihn habe töten wollen. Auf die Frage des Herrschers:Würden Sie es mir danken, wenn ich Sie begnadigte?" verharrte Stepß bei seiner Absicht:Ich würde Sie dennoch zu töten suchen." Er war vc-llkommcw