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Nr. 823.

Wiesbaden, Dienstag, 2. August 1910.

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28. Jahrgang.

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Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.

Me fiitiüung des zlulersecksktirrstns.

Zum zwölften Male erscheint in bekannter Form unb Gestalt der „Naulicus", das Jahrbuch für Deutschlands Seeinteressen, das auf Grund zuver­lässigen Materials einen genauen Überblick über Ent­wicklung und Stand der deutschen und fremden Mari­nen und Seeinterefsen gibr. Es hat sich längst als ein unentbehrliches Nachschlagewerk bewiesen, dessen Er­scheinen stets mit Spannung erwartet wird.

Unter den vielen größeren Abhandlungen ist beson­ders der Bericht über die Entwicklung des Untersee­bootwesens erwähnenswert. Ter Tonnengehalt der Boote betrug bisher höchstens 550 Tonnen, Loch sind neuerdings in Frankreich Projekte aufgestellt, diesen aus 7OO bis 750 Tonnen zu steigern. Angeblich sollen die neuesten Boote bereits nach diesem Plane gebaut werden, obwohl sehr einflußreiche Stimmen sich da­gegen ausgesprochen haben wegen der Schwierigkeit des Tauchens und ruhigen Fahrens unter Wasser. Die Verwendung in engen Küstengewässern ist wegen des großen Tiefganges und des großen Trehkreises be­hindert. Die Unübersichtlichkeit im Innern macht eine persönliche Kontrolle des Kommandanten über die Bedienung der Apparate unmöglich. Ter hohe Preis, der auf 2,8 Millionen geschätzt ist, erschwert die Be­schaffung. Nach unseren bisherigen Erfahrungen mutz auch bezweifelt werden, daß schon genügend starke Unterseeboots m o t o r e vorhanden sind.

Die Versuche, einen Einheits motor zu bauen, der sich in gleicher Weise für die Fahrt über wie unter Wasser verwenden läßt, haben noch zu

keinem Ergebnis geführt. Tie Bemühungen, den elek­trischen Akkumulator zu vervollkommnen, ^ sind ohne durchschlagenden Erfolg gcWicberr. Die Verwendung nur eines Motors würde eine bessere Ausnutzung von Raum und Gewicht gestatten, wodurch eine erhebliche Eeschwindigkeitssteigerung über und unter dem Wasser ohne Zunahme des Tonnengehaltes ermöglicht würde.

Durch die in den letzten Jahren ausgeführten Tauerfahrten hat das Unterseeboot gezeigt, daß es mit Recht als Hochseefahrzeug angesprochen werden kann, aber nur insofern, als es fähig ist, weite Strecken über See mit eigener Kraft zurückzulegen. Nach ferner militärischen Verwendungsmöglichkeit ^und . seiner Kampfesweise ist aber das Feld seiner Tätigkeit nicht die hohe See, sondern ausnahmslos das Küstenge- wässer oder sonst ein navigatorisch beschränkter MeereS- teil. Es ist bisher nirgend auch nur versucht worden, ein. auf offener See sich aufhaltendes Geschwader mit Unterseebooten anzugreisen.

Die Gründe hierzu liegen auf taktischem Ge­biete. Die Geschwindigkeit unter Wasser, . auch der neuesten Boote, beträgt nur 10 Kilometer, ist also im Vergleich mit jener den Schisse so gering, daß das Unterseeboot nur dann hoffen kann, zum Schuß zu kommen, wenn es sich von vornherein in günstiger Stellung befindet. Aus offener See, wo sich der Gegner frei bewegt, wird dieses nu, ausnahmsweise der Fall sein. Anders in der Nähe der Küste. Dort wird das Unterseeboot die Fahrtrichtung eines Geschwaders oder Schiffes annähernd voraussehen und seine Stellung danach wählen können. Auch die Gefahr gegenseitiger Kollisionen ist aus hoher See zu groß. _ Dieses kann nur durch eine genaue Navigierung vermieden werden, wie sie auf dein Unterseeboot wohl nur in. der Nähe der Kiiste möglich rst, wo an Landobjekten eine dauernde Kontrolle ausgeübt werden kann. Aus diesen Ursachen ist das Unterseeboot für seine eigentliche Aufgabe, den Angriff unter Wasser, an die N ä h e des Landes gebunden.

Seine Eigenschaften als Hochseefahrzeug kommen ihm aber insoweit zustatten, als es unter Umstanden seinen Gegner an seiner eigenen Küste aufzusuchen im­stande ist. Nur in diesem Sinne ist man daher berech­tigt, von der Möglichkeit offensiver Verwendung zu sprechen. Indessen sind die Schwierigkeiten nicht zu unterschätzen, die aus der Navigierung in fremden Ge­wässern und ans der großen Entfernung von heimat­lichen Stützpunkten erwachsen. Eine derartige Ver­wendung ist nur möglich, wenn durch eine siegreiche Schlachtflotte die Seeherrschast erreicht ist.

Eine weitere Frage ist, ob sich in absehbarer Zeit eine derartige Geschwindigkeitssteigerung erzielen läßt, daß an eine offensive Verwendung auf hoher See

gedacht werden kann. Wie die Verhältnisse jetzt siegen, kann dieses nicht erwartet werden, zumal da die Schisse durch Annahme der Tnrbinenmaschinen einen derar­tigen Zuwachs an Geschwindigkeit erhalten haben, daß der Unterschied zu derjenigen der Unterseeboote sich noch mehr zu deren Ungunsten verschoben hat.

Diese Darlegung über die taktische Verwendung dieses neuen Kriegsmittels sind deshalb von beson­derer Bedeutung, weil vielfach die Ansicht ausge­sprochen wurde, das Unterseeboot würde in seiner weiteren Entwicklung den Wert des Linien­schiffes herabsetzen. Aber auch hier ist dafür ge­sorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

v. L.

Politische Merstcht.

Die Ciiolera russica.

Aus Petersburg schreibt man uns vom 28.^ Juki:

Rußland steht jetzt ganz und gar unter dem Zeichen der Choleraepidemie, dre ihren „echtrussischen" Charak­ter in keiner Beziehung verleugnet. Wahrlich, nichts kennzeichnet so überzeugend die V e r w a h r I o s u n g der gesamten Verwaltung im Staat nnd in der Muni­zipalität als die beschämende Tatsache, daß die Cholera jenseits der russischen Grenze wirkungslos wird. Petersburg zählt schon gleich zu Beginn des Epidemrc- ausbruchs zirka 60 Erkrankungen täglich, während das dicht dabei gelegene Finnland trotz des leb­haften Verkehrs mit der russischen Hauptstadt cholerafrei ist.

Jahraus, jahrein schreit die fortschrittliche Bevölke­rung Rußlands nach radikal sanitären ^Maß­nahmen, aber diese Stimmen verhallen wie ein Echo in der Wüste. Vielleicht noch nie hat in Rußland ein solcher Hexentanz um das goldene Kalb wie jetzt getobt. Tie Regierung aber stützt diese rücksichtslosen Bestre­bungen: da ist ihr jeder ausbeuterische Haus-

agrarier eist Pfeiler für ihren eigenen Egoismus. Wie indes die russischen Hausagrarier jede städtische Reform hintertreiben, kann man nur dann beurteilen, wenn man die Verhältnisse in den russischen Städten, insbesondere in Petersburg selbst kennen lernt.

Und auf dem Lande ist es eine andere echtrussi- sche Erscheinung, die den Kampf gegen die Cholera fast unmöglich macht: es ist das tiefe

Kultur Niveau, ans dem die russische Regierung die Volksmassen sesthält. Eine Milliarde nach der anderen verschlingt sie mit Hilfe von Anleihen, aber für eine grundlegende Umgestaltung des Schul­wesens hat sie, wie sie stets von neuem versichert, kein Geld. Solange jedoch das Volk noch immer zum

Krmll ötE.

(Nachdruck vcrbotcn.)

L^immslserscheinungen im August 1910 *

Die nördliche Abweichung der Sonne vom Äquator nimmt im Monat August ab von 18" 12' 0."2 am 1. bis auf 8" 53' 26."7 am 31. Damit vermindert sich ihre Mittags­höhe in Norddcutjchland (Parallel von 54°) von 54.°2 auf 4-1."9, in Mitteldeutschland (Parallel von 51") von 57.°2 auf 47.°9 und in Süddeutschland und Nordösterreich (Parallel von 48") von CO."2 aus 50.°9. Die Tage sl an ge erfährt dementsprechend eine Abnahme im Norden von 15% aus 13% Stunden, im mittleren Deutschland von 15% arg 13% und im Süden von 15 aus 13% Stunden.

Am 24. August, wenn die Sonne aus dem Zeichen des „Löwen" in das der „Jungfrau" Übertritt, erreicht die am 23. Juli begonnene Periode der H u n d s t a g e ihr Ende. Das Gestirn, das ihr den Namen verliehen hat, der Sirius oder Hundstern, Alpha im „Großen Hunde", gehört in unseren Breiten zu den sogenannten Wintergestirnen, denn cs entfaltet vom Oktober bis in den März seine Pracht nnd kulminiert am 31. Dezember um Mitternacht. Da seine Deklination — 16° 35/5, also südlich ist, kann es sich bei uns nie sehr hoch erheben. In seiner Helligkeit übertrifft Sirius sämtliche Fixsterne des nördlichen und südlichen Himmels sehr wesentlich.

Die Phasen dos Mondes ändern sich im August folgendermaßen: Neumond am 5., um 7 Uhr 37 Min. vor­mittags, Erstes Viertel am 13.. um 3 Uhr 1 Min. vormittags, Vollmond am 20., um 8 Uhr 14 Min. nachmittags, und Letztes Viertel am 27., um 3 Uhr 33 Min. nachmittag?. Der Mond befindet sich am 12. August um 7 Uhr nachmit­tags in Erdferne bei einem Abstande von 63.4 Erdhalb­messern und am 25. August um 2 Uhr früh in Erdnähe bei einem Abstande von 7.7 Erdhalbmessern ä 6378 Kilometer. Am 23. August bedeckt der Mond den Fixstern 4.2. Größe Tau im „Stier"; der Eintritt erfolgt für Berlin um 3 Ubr 35.4 Min. vormittags und der Austritt um 3 Uhr 50.8 Min. vormittags

Von den Hauptplaneten treten im August nur zwei auffallender hervor: Venns am Morgenhimmel und Saturn am Abendhimmel; die übrigen sind teils verborgen, teils schwierig zu beobachten. Merkur bleibt unsichtbar, ob­wohl er am 30. August (Mitternacht zum 31.) in größte östliche Ausweichung von der Sonne, 27" 13', gelangt. Aus diesem Grunde können die bemerkenswerten Konjunktionen, in die dieser Planet anr 5. und 6. August kommt, leider nicht wahrgeno-mmcn werden. Zuerst findet am 5. August, um 5 Uhr vormittags, eine Annäherung von Merkur und Regu­lus, dem Fixstern 1. Größe im „Löwen", statt, wobei Mer­kur nur 52' nördlich von Regulus steht. Am 6. August, um 7 Uhr vormittags, hat Merkur ein-- selten nahe Kon­junktion mit Mars, dem er sich nördlich bis auf den sehr geringen Betrag von 5' nähert, so daß beide einen optischen Doppclstern bilden. Endlich kommt Merkur am gleichen Tage, nachmittags 2 Uhr, mit dem Mond in Konjunktion, welcher Vorgang natürlich erst recht nicht zu schon ist. — Venus wandert als Morgenstern um Mitte August ans dem Stcrnbildc der „Zwillinge" in das des „Krebses" und ist länger als eine Stunde vor Sonnenaufgang im Osten als hellglänzendes Gestirn sichtbar. Ihre Entfernung von der Erde vergrößert sich von 1.40 auf 1.51 Erdbahnhalb- mcffer L 149.48 Millionen Kilometer; ihr scheinbarer Durch­messer verkleinert sich deshalb von 12."0 ins auf 10."9. Am 11 . August, um 2 Uhr vormittags, hat Venus mit Neptun Konjunktion, und zwar steht sic 28' nördlich von dem fernsten Planeten. Nach Aufgang des Morgensternes befindet sich der Neptun noch fast genau in der Verlängerung der Ge­raden, die den Polarstern mit der Venus verbindet, im Abstande einer knappen Vollmondbreite von dieser. Neptun kann aber als Sternchen 8. Größe wegen der schon beginnen­den Dämmerung nur in lichtstarken Instrumenten beobachtet worden. In der Frühe des 3. August bemerkt man die schmale abnehmende Sichel des Mondes, der um Mitter­nacht Konjunktion mit Venns gehabt hat, nordöstlich von dem Hellen Planeten, mit diesem eilten lohnenden Anblick gewährend. — Mars, wegen seiner SonnermLhe nicht sichtbar, hat jetzt beinahe seine größte Entfernung von der Erde, Ende dieses Monats schon 2.65 Erdbahnhalbmesser, erreicht, denn er befindet sich im September in Sonnen­

konsunktiion. Setup (unsichtbare) Konjunktion mit dem Merkur am 6. Äugust haben wir oben schon erwähnt; mit Regulus ist er am 3. August, um 10 Uhr vormittags, und mit dem Monde am 6. August, um 2 Uhr nachmittags, in Konjunktion. — Von den kleinen Planeten oder Asteroiden, deren heute bereits mehr als 700 entdeckt sind und die ihre Bahnen zwischen Mars und Jupiter beschreiben, sind nur wenige für kleinere Instrumente sichtbar, im allgemeinen nur die zuerst, vor einem Jahrhundert, aufgesundenen Körper; fast alle übrigen sind zu lichtschwach. Am 27. August befindet sich nun der Asteroid Pallas, der als zweiter kleiner Planet am 28. März 1802 von Olbers entdeckt wurde nnd 9. Größe ist, in Opposition, er steht dann bei Rekt­aszension 21 ll 52.0 m und Deklination + 7 0 22/0, also nahe nordwestlich von den Sternen Theta und Ny im „Pegasus", nnd um Mitternacht im Südmcridian. — Jupiter bleibt nur noch kurze Zeit im Sternbilde der „Jungfrau" am west­lichen Abendhimmel über dem Horizont. Sein Erdabsland vergrößert sich von 5.87 ans 6.22 Erdbahnradien, und sein Scheibendurchmesser betrügt am 1. August 34."0. Am 9., abends 7 Uhr, hat der Mond mit ihni Konjunktion, seine zunehmende Sichel zieht nördlich am Jupiter vorüber. — Saturn, im „Widder", erhebt sich anfänglich um 11 Uhr, zuletzt aber schon um 9 Uhr abends über dem östlichen Horizont und macht sich rechts unten von den Leiden hellsten Wtddersternen als Gestirn 1. Größe recht deutlich bemerk­bar. Seine Beobachtungsverhältnisse werden in den näch­sten Monaten fortgesetzt günstiger, da er erst am 27. Ok­tober in Opposition gelangt. Saturn nähert sich uns, ober besser gesagt: wir nähern uns dem Saturn, und zwar von 9.17 ans 8.70 Erdbahnhalbmesser. Dadurch erfährt der scheinbare Durchmesser des Planeten eine Vergrößerung von 17."7 auf 18."7. Die Ringellipse, die sich noch weiter öffnet, mißt Mitte August in ihrer großen Achse 42."7 und in ihrer kleinen Achse 13."1. Am 25. August, um 7 Uhr abends (bevor der Ausgang erfolgt) kommt der Mond mit Saturn in Konjunktion, Lei der der abnehmende Mond IZst Grad nördlich von dem Planeten fleht. — Uranus hält sich noch immer im SternLilde des „Schützen" auf; er steht als Sternchen 5. Größe am 1. August bei Rektaszension 19 st 33 m 4s Mid bei Deklination 7— 22 ° 4'. cm 31. August bei