Wiesbadener Sagblatt.
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Nr. srs. Wiesbaden. Sonntag, 24. Juli 1810. 5S - Jahrgang.
Morgen - klusgabe.
1. Mtcrtt.
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Das Flugzeug rm Kriege.
Unzweifelhaft darf man jetzt nach den letzten Erfolgen. die Aviatiker errungen haben, die Dienste der Flieger für militärische Operationen nicht unterschätzen, wenn man andererseits wiederum nicht in die Übertreibungen verfallen darf, die leitende Persönlichkeiten in Frankreich sich in dieser Hinsicht leisten. Wenn dort in den Flugapparaten das alleinige Hell gesehen wird, das „in der Luft liegt", so dürfte dies ebenso wenig zutreffen, wie man allein den Luftschiffen im Gegensatz zu den Aeroplanen die Fähigkeit zutraut, im militärischem Wune wirken zu können. Allem Anschein nach ist jetzt hinsichtlich der Fortschritte in der Lustschiffahrt sowie der Aviatik ein gewisser Stillstand ein,getreten. Speziell auf dem letzteren Gebiete stagniert die Erfindungskraft seit einiger Zeit, wenn man von der besseren Leistungsfähigkeit der Motoren etwa absieht. Im allgemeinen hat man das Gefühl, daß eine ganze Anzahl nicht eben Berufener sich dem Flugsport widmet, was auch aus der übermäßig großen Zahl der Abstürze und Verunglückungen ersichtlich ist. Seit Juli vorigen Jahres sind zahlreiche Abstürze mit tödlichem Ausgange zu verzeichnen, und sicher trügt das Gefühl nicht, wenn man die übertriebene Lust an Schauflügen hierfür zum großen Teil verantwortlich macht. Auch die Flugzeugindustrie, die sich über die Gebühr schnell entwickelt hast trägt natürlich hierzu bei. Sie entspricht aber nicht dem wirklichen Bedürfnis, da es an praktischen Fortschritten eben ifehslst Die automatische Gleichgewichtshaltung, die Verbesserung der Baumaterialien und vermehrte Geschwindigkeit und Sicherheit überhaupt, lassen immer noch auf sich warten. Immerhin kann man doch auch jetzt schon von Diensten reden, die Flieger den Armeen in erheblichem Maße leisten könnend
In erster Linie kann das Flugzeug jedenfalls als Nachrichtenmittel angesprochen werden. Hierzu würden auch Aeroplane sich eignen, die nur den Führer durch die Lüfte tragen. Wenn es gilt, innerhalb des eigenen Truppenbereiches eine Nachricht, einen Befehl oder eine Direktive zu übermitteln, so kann der Flieger hervorragende Dienste! leisten, zumal wenn eine Verbindung durch Telegraphie oder mit Draht oder durch Telephone > nicht besteht. Da diese Verbindungsmittel, die jedesmal erst angelegt werden müssen, meist nur die Kommandostellen miteinander verkehren lassen, so bliebe für das Flugkatu- zeug noch ein weiter Raum zur Betätigung. Der Vorzug, den die Übermittelung durch Flugapparate gewährt. besteht in der Möglichkeit des Einschlagens des
kürzesten Wege s, ohne vom Gelände abhängig zu fein. Angenehm empfänden wird es ferner werden, daß in solchen Fällen die Truppe weniger oder gar nicht durch andere Fahrzeuge und so weiter der Meldmngsüberbringer belästigt zu werden braucht. Tie Aeroplane. die zwei Personen aufnehmen können, würden sich auch als Erkiindignngsmittel eignen, d. h. sie können direkt die Aufklärung nach dem Feinde zu übernehmen. Da gegenwärtig fast alle Konstrukteure bestrebt sind» Fahrzeuge für zwei Personen zu bauen, so gehört setzt der zweisitzige Apparat nicht mehr zu den Seltenheiten. Schon die Rücksicht auf die Mitnahme eines S ch ü l e r s zwingt ja die Aviatiker, solche Aeroplane zu bevorzugen. Tie letzten Versuche mit diesen Maschinen haben nun auch erwiesen, daß der zweite Mann tatsächlich nicht nur beobachten, sondern auch schreiben und photographieren kann. Letzteres ist von gewissen Varbedingungen_ natürlich abhängig: man kann nur von einer gewissen Höhe herab gute Aufnahmen machen. Im wesentlichen wird es ja bei den Erkundigungen darauf ankommen, daß man einen Überblick über Stellung und Bewegung des Feindes, die Truppengattungen, Stärke gewinnt und Beobachtungen bestimmten Art macht, die ein Eingehen aus Einzelheiten im allgemeinen nicht notwendig erscheinen läßt. Namentlich wenn das Gelände unübersichtlich^ von den eigenen Truppen nicht betretbar und unaufgeklärt ist, können die Flugfahrzeuge unschätzbare Dienste leisten.
Auch bezüalich der Beschießung ist man jetzt nach den lebten Höhenflügen, die auch mit besonderer Geschwindigkeit ansgeführt wurden, der Ansicht, daß .das Treffen sehr schwer sein wird. Hier fehlen aber die eigentlichen Erfahrungen. Salvenfeuer könnte dem in einer gewissen Höhe segelnden Flugapparate doch Wohl gefährlich werden. Er muß daher nach Möglichkeit überraschend auftreten, wenn er gezwungen'ist. in der Nähe des Feindes zu kreuzen, schließlich wird das Flugfahrzeug auch eine Rolle als B e- käinpfer der Lenkballons und des feindlichen Flugzeuges spielen, wobei ihm allerdings mit gleichen Waffen gedient werden kann. Im Vergleich zum Luftschiff entwickelt die Flugmaschine eine ungleich große Schnelligkeit, sie ist ferner schneller fahrbereit und unabhängig vom Gase. Letztere Eigenschaft macht sie auch gegen Geschosse immun, die nicht den Motor oder Führer treffen. In welcher Weise die Kampfmittel ausgestaltet werden können, ist noch nicht recht klar. Tie angestellten Versuche lassen jedenfalls erkennen, daß man durch Geschosse aller Art mit verschiedenen Treibmitteln wie durch Herabwerfen von Sprengstoffen in bestimmten Formen den Gegner bekämpfen 'kann. Nicht zu vergessen ist endlich, daß der Aeroplan als Träger von Sprengstoffen für Baulichkeiten aller Art (Brücken. Munitionsräume usw.) aM vortreffliche Dienste leisten kann.
Polittschr Mrrstcht.
Uevistonisten odrr GrmLtzigtr?
Aus Baden wird uns geschrieben: Fast in der
ganzen Presse werden die badischen fozialdemokrätt» scheu Abgeordneten, die dem Budget zugestimmt haben, als „Revisionisten" bezeichnet. So kann man aber eigentlich nur die beiden Abgeordneten Kolb und Dr. Frank nennen. Tie anderen sind gemäßigte oder opportunistische Sozialdemokraten, aber keine Revisionisten. Eigentlich ist überhaupt die beliebte, Enst gegenstellung von „Radikalen" und „Revisionisten" recht schief. Radikal hat zum Gegensatz: gemäßigt.
Die Revisionisten gehören alle zu den Gemäßigten, aber nicht alle Gemäßicste sind Revisionisten. Was revidiert wird, ist das Parteiprogramm» das auf der Marxschen Theorie beruht. Revidiert wird also die Theorie. Der gemäßigste aller sozialdemokratischen Parteivertreter, Molken buh r, steht den revisionistischen Neuerern ablehnend und sogar mit einer starken Abneigung gegenüber. Der größere Teil der Wähler hat fiir die Revision des Programms oder der Theorie überhaupt weder Interesse noch Verständnis. Gemäßigt sind durchweg die Gewerkschaftsführer (die Zimmerer vielleicht ausgenommen): sie sind zum Teil auch erklärte Revisionisten, ein anderer Teil aber würde sich dagegen verwehren, daß man ihn den Revisionisten zurtzhne. Man überschätzt die Stärke der radikalen Parteiströmung .sehr, wenn man alles, was nicht revisionistisch ist, „radikal" nennt. Die Mehrzahl der deutschen Sozialisten ist nicht revisionistisch, aber sicher gemäßigt uni> besonders dem Ber liner Ultra radikalismus abgeneigt.
Ein Thron wackelt.
Unter dieser sensationellen Überschrift bringt Ver Pariser „Matin" einen Aufsehen erregenden Artikel aus Lissabon, den man schon um deswillen beachten muß, weil er den Beweis liefert, daß tatsächlich in Portugal sich die Verhältnisse in den letzten! Wochen so zugespitzt haben, daß eine ernste Krise zu ec» warten ist.
Der Berichterstatter des „Matin" sagt, die Bevölkerung vonLissabon befinde sich mitten imJohannis- fest, allabendlich würden Freudenfeuer angezündet und auf allen öffentlichen Plätzen Volkstänze aufgeführt. Ec habe dieser Tage einen kleinen Spaziergang durch die bevölkertsten Stadtviertel gemacht und erfahren müssen, daß man. allgemein Fächer kaufe, auf denen die Bildnisse der beiden Königsmörder, also der Mörder König? Carlos und seines Sohnes, des Thronfolgers prangen. Es sei unmöglich, sich außen einen Begriff zu machen, in welcher Weise das König?- drama im Volke veröffentlicht werde. Der junge König müsse es also ruhig dulden, daß man, Portraits der
Jetzt huschte zitternd ein Heller Lichtschein durch das Schlafzimmer, scheu und plötzlich wieder verschwindend. Da — jetzt wieder, aber anhaltender. Er stammte von einer Diebeslaterne, die durch das Fenster des Balkons hereinleuchtete/ und hinter ihr ragte jetzt eine dunkle Gestalt auf, die gleich darauf durch die geöffnete Balkontüre eintrat. Zwei Gummikappen über den Stiefeln, schlich der Einbrecher nach der einzigen Tür.
Orveille trat zurück und bemerkte, wie leise der Türdrücker niederging.
Nachdem der andere sich überzeugt hatte, daß das Nachbar-gemach verschlossen war, ging er an seine lichtscheue Arbeit. Orveille sab, wie er eine schwarze Tnch- maske hervorzog, diese reichlich mit Chloroform tränkte und dem schlafenden Greise auf das Gesicht legte.
Der griff im -schlafe mit der Hand nach der Stirn, als wollte er etwas beiseite schieben, doch bald sank sein Arm schlaff an der Bettdecke hernieder.
Orveilles Blut schien zu Eis erstarren zu wollen, als er das teuflische Lächeln sah, das dem anderen über die Züge huschte. Am liebsten hätte er sich auf ihn gestürzt und dem schändlichen Meuchelmörder sein Messer durch die Kehle gestoßen. Er preßte die Hand auf das wildpochende Herz und verfolgte die Vorgänge im Nebenzimmer weiter.
Der Dieb drebie seine Laterne so, daß ihr heller Schein auf den Geldschrank fiel. Nach kurzer Arbeit hatte er das leichtgebaute Tresor geöffnet und steckte nun mit Gier die vielen Rollen Goldes und die Banknoten zu sich. Hochaufatmend trat er dann an das Bett, nahm die Ehloroformmaske vom Gesicht des Schlummernden und verschwand mit seinem Raub auf demselben Wege, auf welchem er gekommen war.
Orveille blieb noch einen Augenblick stehen. Der Gedanke, daß ihm der andere zuvorgekommcn war, erfüllte ihn mit Wut. Plötzlich durchzuckte ein Plan sein Hirn.
Feuilleton.
(Nachdruck «erboten.)
Oer Detektiv.
Erzählung von Hermann Dretzler-Chenmitz.
Über Paris war eine wilde Nacht hereingebrochen. Ler Regen peitschte mit zahllosen, Geißeln das Asphalt rnd der Wind zauste die letzten Blätter von den gäumen. Heulend erklangen seine Sturmakkorde in )en Lüften, und wo man vergessen hatte, ein Fenster >u schließen, schleuderte er es gegen die Mauer.
Auf eine solche Nacht hatte Orveille längst gewarnt. Als das Toben gegen elf Uhr den Höhepunkt erreichte, knöpfte er sein schwarzes Jackett zu und setzte nne eng anliegende Kappe auf. Einiae klappernde Instrumente in seiner Tasche umwickelte er mit, Leintvandfetzen. Dannj verließ er geräuschlos daS Haus.
Vor der letzten Villa der Rue d'Auteuil blieb er stehen und überzeugte sich durch einen Blick auf das an der Gartenpforte befestigte Namensschild, daß er auch an der richtigen Stelle sei: „Monsieur de Coute". Es war eine einstöckige Villa, von einem großen, park- ähnlichen Garten umgeben.
Orveille ging ringsherum. „Überall finster!" murmelte er bei sich. „Also ans Werk."
An der Hinterseite, wohin das Licht der Straßenlaterne nicht zu dringen vermochte, überkletterte er den Zaun und schlich sich an die Mauer heran. Tort erfaßte er die Blitzleituna rmd schwana sich mit katzen- artiger Geschwindigkeit geräuschlos bis zum niederen Dach emvor. Das Dachfenster konnte durch einen einfachen Schiebemechanismus gejschlossen und ebenso leicht von außen geöffnet werden. Orveille schob es vorsichtig zurück und zwängte seinen Körper hindurch. **1 ließ den Strahl seiner Taschenblende aufleuchten
und sah sich um. Er befand sich in einem Dachboden- raum un!d wußte, daß unter diesem das Arbeitszimmer Monsieur de Coutes lag. Ein Nebenraum war das Schlafboudoir, das auch den Geldschrank des alten Herrn enthielt, dem Orveilles Besuch galt.
Es kam darauf an, völlig geräuschlos zu arbeiten. Freilich — im Entdeckungsfalle durfte es ihm auf das Leben des alten Herrn nicht ankommen! Trotzdem überlief es ihn bei diesem Gedanken wie Eiseskälte Er hatte wohl schon einige Einbrüche ausgeführt, aber zum Mörder war er bisher noch nicht gesunken.
Er setzte seinen Drillbohrer ans die Diele und fing an zu arbeiten. Eine feine Öffnung gestattete ibm bald, in das Arbeitszimmer hinabzuhorckni. Alles totenstill — auch kein Lichtschimmer mehr! Mit einem scharfkantigen Katzenkopf lockerte er vorsichtig die Fugen einer Deckentäselung und hob ^dieselbe dann Heraus. Nun zog er ein Seil aus der Tasche und befestigte das eine Ende desselben an einem Stuhlbein. Dies legte er guer über die Öffnung, ließ das freie Ende fallen und schwana sich dann hinab.
Er lauschte einen Augenblick und wartete, bis bas heftige Klopfen seines aufgeregten Herzens etwas nachgelassen hatte. Tann ergriff er leise den Drücker der Tür und öffnete dieselbe einen schmalen Span breit. Wieder horchte er. Alles still! Er hörte die tiefen AtemMe des alten Herrn nicht weit von sich im Nebenzimmer.
Doch, halt! Was war das?! Ein leises Knirschen wie das Umdrehen eines Schlüssels drang an sein Ohr. Er faßte zu seinem Messer und lauschte gespannt.
Da wieder — ganz, ganz allmählich wurde ein Schlüssel, der offenbar nicht gut ins Schloß paßte, herumgedreht.
Orveille zog sich wieder ins Arbeitszimmer zurück, schloß die Tür'und schob den Riegel vor, indem er sich des Schlüssellochs als Auslug bediente.
