Verlag Langgaff« 21.
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Nr. »31.
Wiesbaden, Mittwoch, 2t». Juli ISIV.
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58. Jahrgang.
Morgen- kluLgabe.
1. Matt.
WeMlgKelr des pmMenMeMittenlMses.
Von Abg. Dclius-Halle a. S.
Trotz der sommerlichen Ferienzeit herrscht allerorten reges politisches Leben. Die preußische Wahlreform ist noch immer das Gesprächsthema nicht nur in Preußen, und schon wird die Frage nach der n eiten Wahlreform immer lauter. Da ist es ganz interessant einmal zu untersuchen, was bemt das Haus der Abgeordneten in der letzten Session geleistet hat. besonders, da die Wähler mit Recht Rechenschaft fordern. Der preußische Landtag wurde bekanntlich in diesem Jahre sehr spät einberufen. Man kann nicht gerade behaupten, daß das ein Vorteil für das Land war, denn der Etat mußte, namentlich in seinem letzten Teile, im Eilzugstempo erledigt werten. Ebenso blieb für die Beratung wichtiger Gesetzentwürfe nicht die notwendige Zeit übrig.
Trotzdem hat das Abgeordnetenhaus insgesamt 95 Plenarsitzungen ab gehalten, darunter 4/Abendsitzungen. Tic Abteilungen hielten 97, die Kommissionen 177, die Fraktionen 316, der Seniorenkonvent IO Sitzungen ab. An Regierungsvorlagen sind dein Hause, einschließlich der Einzcletats, im ganzen 95 zugegangen. Bon diesen wurden drei Gesetzentwürfe int Herrenhause und einer im Abgeordnetenhause nicht erledigt. Tic Kommissionen des Hauses, denen alle Vorlagen zur Vorberatung überwiesen waren, haben 28 schriftliche und 34 mündliche Berichte erstattet.
Von den verschiedenen Parteien des Hauses wurden insgesamt 8 Interpellationen eingebracht, de - von sind 7 beantwortet und besprochen worden. Reich war auch die Zahl der gestellten Anträge, die nicht weniger als 64 betrug. Leider sind nur 33 davon zur Erledigung gekommen. Der vorzeitige Schluß der Session ließ 31 Anträge unerledigt. Manche^ derselben werden unzweifelhaft in der nächsten Session wiederkommen. So namentlich auch die fortschrittlichen Anträge auf Regelung der gesamten Arbeitsverhältnisse der S t a a t s a r b e i t e r, anderweitige Handhabung der Steuereinschähung und Reformierung der Staatseinkommensteuer- einschätzungsbeHörden, der Minister- verantwortlichkeit u. dergl. Diese Materien hätten Wohl eine Erledigung verdient. Denn sie sind von so einschneidender Bedeutung für weite Kreise unseres Volkes, daß eine eingehende Behandlung durchaus notwendig war.
Feuilleton.
Aas Wandern im deutschen Lied.
Von Iw. Paul Landau.
Der Wandertrieb ist dem Germanen tief eingewurzelt; solche Wanderzüge, wie sie ihre gewaltigste Entfaltung in der Völkerwanderung fanden, sind seit Anbeginn der deutschen Geschichte häufige Erscheinungen, und eine gewisse Ruhelosigkeit ist unserem Volke noch durch das ganze Mittel- aller hin geblieben, wie die zahlreichen Kreuzzüge, Jtalien- fahrtcn und dann die „Kriegsreisen" nach dem Osten erkennen lassen. Bei dieser allgemeinen Wanderlust des Volkes Hai sich aber die Freude des Einzelnen am Wandern und Reisen erst spät ausgebildet. All die fröhlichen Gesellen, die lustigen Burschen und rüstigen Männer, die in dieser schönen Sommerzeit den Wanderstab znr Hand nehmen und Deutschlands herrliche Gaue durchschweiscn, glauben gewiß, damit einem urgermanischen Brauche zu huldigen; aber die Alivordcren würden wohl über solch unsinniges und zweckloses Beginnen die Köpfe schütteln, denn bei ihnen drängle stets eine bestimmte Absicht, eine gewisse Notwendigkeit dazu, ihre Holzhütten nebst Frauen und Kinder auf die Wagen zu laden. Nie wird ja noch ein im Nomadenleben befangener Stamm die Wonnen eines Körper und Geist kräftigenden Sports begreifen und die rechte Wander- frcude kann nur in einem sehr seßhaften Volk entstehen. Im deutschen Mittelalter waren es zunächst nur einige Stände und Berufe, die auf eine stete Bewegung, ein Ziehen von Ort zu Ort angewiesen waren. Bei ihnen finden sich auch die ersten kümmerlichen Ansätze der Wanderfreudigkeit, aber das Umherstreifen in Gottes freier Natur Hai ihnen noch nickst die Zunge gelöst zum Hellen Jubel und Preis des Wanderns. Das geschieht erst sehr spät, und die zahlreichen Wanderlieder, die heut' aus aller Munde tönen und jetzt wieder vielt«»,spndfl'mrvrig Wald und Feld« durchhallen, sind erst recht jungen Ursprungs.
Die erste Blüte einer deutschen Wandcrpoefie finden wir in den Liedern der Vaganten, die man so oft mit unseren Stndentenliedern verglichen Hai. Ein kräftiger MarjchrüvtbnmL . ... der auch mH. Goethe in seinen Gelell-
Haben schon die gestellten Anträge eine recht stiefmütterliche Behandlung erfahren —• auch von den im Plenum noch verhandelten wurde ein gut Teil nur im Ramsch erledigt, so sind die zahlreichen Petenten noch schlechter weggekommen, die sich in irgend einer Angelegenheit an das Abgeordnetenhaus gewandt hatten. Nicht weniger als 1804 Petitionen waren dem Hause eingereicht worden. Manche mag ja überflüssig sein. Nicht weniger als 204 wurden daher auch als nicht geeignet zur Erörterung im Plenum erachtet. Denn vielfach besteht der Inhalt der Eingaben aus allerlei Vorschlägen, die sich bei näherer Betrachtung als unausführbar erweisen oder aus Anklagen gegen einzelne Behörden und Beamten, die zum mindesten stark übertrieben oder gar ungerechtigt sind. Bestritten kann aber nicht werden, daß viele Petitionen äußerst wertvolle Anregungen enthalten oder gar Mißstände klarlegen, die dringend der Abhilfe bedürfen. Tr ist es denn sehr bedauerlich, wenn diesen Petitionen nicht die Beachtung geschenkt wird, die sie beanspruchen können. Geradezu als ein Mißstand wird die Nichterledigung von insgesamt 438 Petitionen empfunden. Mancher Petent muß nun schon zum zweiten, dritten Male, in lapidarer Kürze vom Bureau des Hauses erfahren, daß seine Eingabe wieder unter den Tisch gefallen ist. Mir scheint es eine der vornehmsten Aufgaben der Volksvertretung zu sein, das Vertrauen der Staatsbürger zu den Parlamenten zu erhalten und zu stärken. Ob dies geschieht, wenn man die Petitionen so stiefmütterlich behandelt, kann bezweifelt werden. Von den erledigten Petitionen wurden 475 der Königlichen Staatsregierung überwiesen und 128 durch Annahme von Gesetzentwürfen, Resolutionen usw. für erledigt erklärt. Bei 555 wurde Übergang zur Tagesordnung beschlossen. Naturgemäß bereiten die zahlreichen Petitionen den verschiedenen Kommissionen des Hanfes viel Arbeit. Lassen doch die Eingaben fast immer an Sachlichkeit zu wünschen übrig. In großer Umständlichkeit und Breite werden häufig die nebensächlichsten Sachen behandelt- und der Kernpunkt der ganzen Eingabe kaum gestreift. Würde hier mehr Maßhalten beobachtet, manche Petition erhielte ein besseres Schicksal.
Die Fülle von Arbeitsstoff, die noch beim Schluß unerledigt blieb, läßt den Wunsch aufkommen. in Zukunft den Landtag nicht wieder so spät einzuberufen. Das Volk kann verlangen, daß gründliche Arbeit im Parlament geleistet wird. Es hat nicht nötig, sich mtt der Tatsache abfinden zu lassen, daß durch den Schluß der Session über berechtigte Wünsche und Beschwerden, die oft den Lebensnerv weiter Kreise treffen, kalt- löchelnd zur Tagesordnung übergegangen wird.
schaftsliedern anregte, tönt aus diesen lateinischen gereimten Strophen, in denen die fahreirden Scholaren von Wein, Weib und Welt singen. Aber gerade die Wandersreudigkeit, die ihnen später Poeten des 19. Jahrhunderts, wie Scheffel und Baumbach, angedichtet haben, fehlt den „Canrnna burana" völlig; sic verweilen ausführlich bei jeder freundlichen Einladung und jedem Aufenthalt in Herberge und Schenke, aber über die Zeit des Marschierens, die nur Mühe und Ungemach, höchsteirs einmal ein Liebesabenteuer bringt, glciten sie mit Seufzen hinweg. Wanderlieder aus jener Epoche sind die Gesänge der Kreuzfahrer, die Hymnen der Wallfahrer, die Verse der „Reutersknaben" und der Handwerker, ttlrz aller fahrenden Gesellen. Sie erzählen von Krieg und Glauben, von Beutemachcu und Plündern, von Schlemmerei und Dieberei, nirgends von Wanderlust. Am besten drückt den Typus des damaligen Marsch!: des etwa der stolze Gesang der Deutschordensritter aus:
„Nach Ostland wollen wir reiten.
Nach Ostland wollen wir weit Frisch über die Heiden,
Da ist eine bessere Zeit.
All über die grünen Heiden.
Die nicht adligen Gesellen aber, mögen cs rmn Landsknechte oder andere fahrende Burschen sein, müssen sich erst recht angelegentlich zur Wanderschaft auffordern:
Wohl auf, gut Gesell, von hinnen!
Meines Bleibens ist hier nit me.
Der Mai, der tut uns bringen.
Den Veiel und grünen Klee.
Vorm Wald, da hört man singen Der kleinen Vögtein Gesang.
Sie singen mit heller Stimme Den ganzen Sommer lang."
Scheiden und Meiden, trauriges Stchnennen von der Stadt und ihrer Lust spielt ■ in allen Wanderliedern die Hauptrolle. Es seien nur einige der berühmtesten Abschiedslieder erwähnt, so „Ich stund an einem Morgen", „Innsbruck, ich muß dich lassen", „Ach Gott, wie weh tut scheiden", oder von neueren „Muß i denn, mutz i denn zum Städtle hinc...s", „Nun leb' wohl, du kleine Gasse". Wie es aber dem Wandersmann des Mittelalters ans seiner Fahtt ergehen konnte, davon erzäblt das Lied vom armen .Schwartenhals", wohl eines der beliebtesten Wanderlieder
Politische Übersicht.
Der Ueveirr fit* da» Deut schlurr» im Airsland im Jahve 1809.
Der soeben erschienene Jahresbericht des Vereins für das Deutschtum im Ausland (Allg. Deutscher Schulderem) E. V. über das Jahr 1909 bringt als Einleitung eine umfassende und übersichtliche Darstellung der gegenwärtigen Lage des Auslanddeutschtums, nach geographischen Gebieten geordnet, und gibt sodann ausführlich Rechenschaft über die vom Verein im Jahre 1909 geleistete Unterstützungsarbeit sowie über die innere Entwicklung des Vereins im Berichtsjahre.
In der Unterstützungsarbeit bildete auch im verflossenen Jahre Österreich den Hauptgegenstaud seiner Fürsorge, nach dorthin flössen nicht weniger als 58,2 Prozent aller seiner Unterstützungen. Der Verein hegt die Hoffnung, daß er in Zukunft durchs die Millionen der Roseg gerspeu de, die vom Wiener- Schulverein ausschließlich für Lisleithanien verwandt werden, nach dieser Seite hin etwas entlastet werden wird, um an anderen bedrohten Punkten sich desto energischer für die Erhaltung deutschen Sprach- und Kulturbesitzes einsetzen zu können. Insbesondere bedarf das aufstrebende Deutschtum in G a l i z i^e n und Ungarn gesteigerter Fürsorge. Für die Sudeten- länder brachte der Verein im Berichtsjahre insgesamt 57 342 M. auf, für Galizien 9605 M. Besonders erfolgreich ist die Hilfsarbeit des Vereins in Tirol, das im letzten Jahre mit 13 878 M. bedacht wurde. Ter Bericht sagt hierzu: „Alle unsere dem Abwehrzweck gegen die I r r e d e n ta dienenden zahlreichen Schöpfungen und Einrichtungen haben sich bewährt : keine unserer Stellungen brauchte ausgegeben zu werden, im Gegenteil sind wieder erfreuliche Fortschritts zu verzeichnen." Weiter unterstützte der Verein deutsche Schulen in fast allen europäischen Ländern, außerdem noch in Südamerika 68, in Südafrika 5. Die Gründung eines deutschen Theaters für Südamerika wurde vom Verein mit lebhaftem Anteil verfolgt und gefördert. Für Stipendien au Ausländsdeutsche auf reichsdeutschen Hochschulen, einen Zweig seiner nationalen Arbeit, den der Verein als besonders wichtig und zukunftsreich betrachtet, konnten leider nur 3303 M. verausgabt werden. Der Verein ftofft, daß ihm für einen geplanten besonderen Stipendienfonds das wachsende Verständnis des deutschen Volkes größere Mittel gewähren wird.
Im verflossenen Jahre wuchs die Mitgliederzahl von 38 492 aus 42 660. Die Zahl der Ortsgruppen stieg von 289 auf 310. Die Summe der insgesamt
der Landsknechts zeit. Aus dem Wirtshaus wird er heraus» geworfen, weil er die Zeche nicht zahlen kann, und muß irr Dornen und Disteln übernachten. Zu Fuß schleppt er sich hin, bis ihm Gaul und Beutel eines reichen Kanfnmnncs zu einer besseren Reisefonn verhelfen. Auch spezifische Handwerkerstände tauchen schon im Wanderlied auf, weil sie die nicht seßhaft betriebenen Wandergewerbe repräsentieren^ so der Waffenschmied, der „jung jung Zimmergesell". Lindere Berufe, wie der des Müllers, der lange Zeit als unehrlich galt, behalten den Ruf dcs Leichtfertig-Unstäten, auch wenn stc bereits setzhast geworden sind. Daß „das Wandern des Müllers Lust ist", galt zunächst als gar kein Ruhmestitel, sondern als das Zeichen eines wenig Vertrauen erweckenden Charakters, und ist erst in unserer gerechter denkenden Zeit durch Wilhelm Müllers Lied zu einem Lobspruch gemacht worden.
Alle diese Volkslieder sind während des Mar- schierens entstanden, atmen zwar keine Wanderlust, aber doch Freilust. Begab sich die Kunstdichtung einmal aus eine Fußreise, dann tat sie es am liebsten- — im Traum. So sind die Wandergedichte der Meistersinger entstanden, eines Hans Sachs und Adam Puschmann, in denen der Dichter behaglich im Bett liegt und sich von seiner Muße über Auen und Felder oder durch dichte Wälder führen läßt, um wunderbare Abenteuer zu erleben. „Dieses Reisen, das war lustig!" ruft er dann aus, begibt er sich aber wirklich auf Reisen, dann schickt er, wie z. B. Philipp v. Winnenberg in seinen „Christlichen Reuterliedern", ein Gebet zum Herrn vorauf, ihm seinen Schutzengel zu senden „in dieser schweren Not" und ihn „vor dem Übel zu behüten". Melissus S ch e d e denkt bei „Bereitung zu einer Wanderfahrt" nur an Krankheit und Tod, und Zesen ergeht sich beim Antritt der Reise in den angenehmen Betrachtungen über die Freuden der — Rückkehr. Das klingt nicht nach großer Wanderlust und ein freundlicheres Wort MoscheroschZ steht ziemlich vereinzelt. Auch im 18. Jahrhundert hat der gedankenreich? Freiherr v. Creuz in seiner „Reise-Ode" keine anderen Gefühle als die von der Vergänglichkeit alles Irdischen, von der Unbeständigkeit des Meuschenschicksals und den überall lauernden Gefahren. Gellerts „unzufriedener Reisender" jammert über Sturm und Regen. Andere Töne, die ein neues Empfinden, eine neue Welt jubelnd ausgeschlosscuer.Herrlichkeit
