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Nr. «Off.

Wiesbaden, Dienstag, 5. Juli 1910.

S8. Jahrgang.

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Wir und die Krelüfrage.

I-. Win, 2. Juli.

Man muß beinahe um Entschuldigung bitten, wenn man von der kretischen Frage zu sprechen wünscht. Denn darin sind Publikum und Presse einig, daß diese kretischen Angelegenheiten uns allen herzlich langweilig sind. E Wen auch könnte das kleinliche Hin und Her der Streitigkeiten auf der Insel selbst interessieren? Und die Hauptdarsteller in diesem qualvoll sich hinziehenden Drama, Griechenland und die Pforte, können uns auch nicht gerade durch große Geberden und eindrucksvolle Wechselreden in Spannung versetzen. Man verzeichnet pflichtgemäß, was über Kreta einläuft, aber dies alles geht uns nicht an die Nerven. Trotzdem sollte uns citse von der subjektiven und sehr begreiflichen Unlust und Gleichgültigkeit absehende Erwägung sagen, daß es sich bei Kreta schließlich doch um sehr wichtige Vorgänge handelt, und zwar nicht so sehr um der Streitfrage selber willen, sondern weil es nichts Kleines sein kann, wie sich die Mächtegruppierungen vollziehen, und ob die Pforte auf die Mächte wird rechnen können, die ein_ gutes Verhältnis zu ihr aus Gründen der inter­nationalen! Politik anstreben. Wir glauben, daß die Kretasrage Herrn v. Bethmann-Hollweg und Herrn v. Kidcrlen-Wächter demnächst recht viel Arbeit machen wird. Ter neue Staatssekretär des Auswärtigen wird hier voraussichtlich eine bedeutsame Gelegenheit be­kommen, uns und der außerdeutschen Welt zu zeigen, daß die auf ihn gesetzten Erwartungen, berechtigt sind. Es will nicht viel besagen, wenn an unterrichteten Stellen erklärt wird, weder hierher noch nach Wien sei bisher eine Anfrage gerichtet worden, ob diese beiden Mächte, die ja nicht zu den Schutzmächten gehören, be­reit seien, an einer Konferenz der sechs Großmächte zur Ordnung der kretischen Angelegenheiten teilzu­nehmen. Die Bestreituna der betreffenden! Nachricht hat wohl nur formellen Wert, in Wirklichkeit werden bereits Sondierungen stattgefunden haben, nur daß sie

Kemlletmr.

Brüsseler WellanZsiellung 1910.

Frankreich.

Brüssel, 26. Juni.

Von allen Ländern der Welt ist sicher Frankreich das ausstellungsfreudigste. Die französische Industrie ist der­maßen von der Nützlichkeit großer Ausstellungen überzeugt, daß man ihr im Gegensatz zur deutschen Industrie nie­mals klar zu machen braucht, welchen Vorteil sie aus der Beteiligung an irgend einer Ausstellung ziehen kann. Es hängt das vielleicht damit zusammen, daß Frankreich selbst bis jetzt die größten internationalen Weltausstellungen ge­macht hat und somit nicht nur den Wert der Ausstellungen erkannte, sondern auch über die Organisationen verfügt, die nun einmal notwendig sind, wenn man mit einiger Aussicht auf Erfolg die Industrie zur Beteiligung an einer Worlds-Fair auffordern will. Im internationalen Komitee für Ausstellungen spielen deshalb die Franzosen eine führende Rolle, und sic sind es, die immer wieder betonen, daß der Verkehr der Völker untereinander durch nichts mehr gefördert werden kann als durch friedliche Wettstreite auf dein Gebiete der Industrie und der Technik. Leider handeln die offiziellen Kreise Frankreichs nicht immer nach diesem Grundsatz, und sie haben das auch jüngst wieder in Brüssel eklatant bewiesen.

Man muß zunächst ein paar Worte über die Art und Weise sagen, mit der die belgische Presse, namentlich aber die Brüsseler, die Eröffnung der französischen Abteilung begrüßte Das waren Lobescrgusse, das waren Hymnen auf den französischen Geschmack, auf die Leistungsjähigkeit

eben noch nicht einen offiziellen Charakter haben. Was soll nnn deutscherseits geschehen? Vor allem darf man an der Voraussetzung sesthalten, daß nichts ohne eine Übereinstimmung mit Österreich-Ungarn geschehen wird, wie man selbstverständlich ja auch in Wien und Budapest in dieser Sache nur gemeinsam mit uns wird Vorgehen wollen. Ein Blick auf die eigentümlich ver­schobene Lage erregt oder rechtfertigt mindestens die Vermutung, daß es der französischen Politik wohl nicht unwillkommen wäre, wenn die beiden Zentralmächte aus ihrer bisherigen Zurückhaltung heraustreten und zur Kretafragc neuerdings w,ieder Stellung nehmen wollen. In Paris scheint man zu befürchten, ^daß die Gerüchte, wonach englische Absichten auf die Sudabai bestehen sollen!, eine mögliche Realität erhalten könn­ten, und jedenfalls wäre es unseren Nachbarn im Westen wohl nicht unerwünscht, wenn das Gewicht der deutschen und der österreichisch-ungarischen Macht in geeigneter Weise zur Geltung käme, so daß in London die Versuchung zu solchen Plänen gar nicht erst Gestalt zu gewinnen vermöchte. Darüber besteht ja kein Zwei­fel, daß, falls wir und das Donaureich in die Ange­legenheit eingriffen, dies nur im Sinne der Aufrecht­erhaltung des heutigen Zustandes, also zugunsten der Pforte gegen die griechischen Umtriebe geschehen könnte. Herr v. Bethmann-Hollweg wird sich zu einer Teilnahme an der Ordnung der Kretafrage gewiß nicht drängen, aber es könnten Umstände eintreten, die ihm eine positive Tätigkeit zur Pflicht machen. In dieser Frage entscheiden am letzten Ende wieder einmal die Imponderabilien. An und für sich könnte es uns wie Österreich-Ungarn gleichgültig sein, ob Kreta nominell türkisch bleibt oder an Griechenland fälliges würde, so oder so, keine Kraftverschiebung stattfinden, durch welche die Zirkel unserer auswärtigen Politik gestört werden könnten. Dies gilt aber nur für den Fall, daß die türkische Regierung Kreta'Wichten Herzens fahren lassen wollte. Theoretisch wäre cs denkbar, daß man sich am Goldenen Horn sagt, Kreta gehört uns ja doch nur dem Namen nach, also wollen wir es aus unserer schattenhaften Botmäßigkeit entlassen, zumal wir da­durch Griechenland verpflichten und das griechische Element unter Umständen gegen das bulgarische auf dem Festlande ausspielen könnten. Diese theoretische Möglichkeit wird aber durch den festen Entschluß des jungtürkischen .Regiments, Kreta festzuhalten, voll­kommen hinfällig. In Konstantinopel gilt es als Ehrensache, sich die Insel nicht entreißen zu lassen, und darum wird die Unerstützung dieser unbedingten Ab­sicht auch zu einem wichtigen Interesse der deutschen wie der österreichisch-ungarischen Politik. Man fühlt das sehr Wohl in London, und man zeigt es auch mit der Offenheit, die iinmer eine angenehme Eigenschaft der englischen Politik war. An der Themse wird er­klärt, eine neue Kretakonferenz unter Teilnahi.ne aller sechs Mächte würde die ganze europäische Stimmung nur aufs neue verbittern. Aus dem natürlichen Wunsche heraus, sich die Freundschaft. der Türkei zu erhalten, würden die Zentralmächte mit der philhelleni­schen Haltung der Schutzmächte ins Gericht gehen, und die Schutzmächte würden so vielleicht zu einem Canossa-

der französischen Industrie, die fast lächerlich wirkten. Einige Blätter gingen sogar so weit, alles das zurückzunehmcn, was sie Gutes über Deutschlands Ausstellung vorher ge­schrieben hatten. Ein sonst sehr objektives liberales Blatt sagte, man hätte sich vielleicht durch den Umstand, daß Deutschland früh fertig gewesen ist, zu sehr Hinreißen lassen und Lob gespendet, das man jetzt nicht aufrecht er­halten könne, weil die französische Ausstellung den Eindruck von etwas Freundlichem, von etwas Farbenreichem mache, kurzum, daß sie den französischen Charme und die franzö­sische Grazie atme. In der deutschen Abteilung sei alles steif, schwer und mache den Besucher melancholisch, während man fröhlich gestimmt werde, wenn man die französischen Hallen durchwandere. Leute, die etwas derartiges nredcr- schreiben, bemerken offenbar nicht, daß sie ihrer selbst spotten, denn nicht die Äußerlichkeiten find es, die den Er­folg einer industriellen Ausstellung garantieren, sondern die Gediegenheit des Ausgestellten, die Betriebssicherheit der Maschinen und ihre Beziehungen zur Praxis machen ihren Wert aus.

Die französische Ausstellung ist räumlich genommen die größte nach Belgien. Frankreich besetzt etwa 65 000 qm und sein Katalog wird, wenn er einmal im Monat Juni oder Juli fertig sein wird, die Zahl von 7000 Ausstellern enthalten. Das ist kolossal und kann natürlich von Deutsch­land nicht überboten werden, wenn eine so mächtige Industrie wie die rheinisch-westfälische Eisenindustrie ihre Beteiligung ans praktischen Gründen ablehnt. Die franzö­sische Ausstellung ist aber auch vom ästhetischen Standpunkte aus zu loben, denn sie macht einen lustigen Eindruck da­durch, daß man weniger mit dem Raum sparen mußte als bei uns. Auch die Hallen sind innen dazu angetan, die einzelnen Ausstellungsobjekte besser au Geltung kommen

gange gezwungen werden. Namentlich aber würden Deutschland und Österreich-Ungarn darauf Hinweisen, daß die endgültige Lösuna der Kretafrage nur auf dem Boden des von allen sechs Mächten ustterzeichnetett Vertrages möglich sei. In der Tat ist das der sprin­gende Punkt. Deutschland und Österreich-Ungarn mögen sich bisher von denr Wirrsal der Kretasrage ferngehalten haben, io bleiben sie doch mitverantwort­lich für den Berliner Vertrag von 1878 und dürfen, wenn sie wollen, .wohl an seiner Durchbrechung teil» nehmen, sie dürfen aber nicht zulassen, daß dies gegen ihren Willen von anderen? Mächten geschieht. Wir werden sa bald wissen, was Herr v. Kiderlen-Wächter im Reichstag empfiehlt: die bisherige vollkommene

Zurückhaltung wird wohl nicht beibehalten werden.

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wb. Cöln, 4. Juli. Tie ^Kölnische Zeitung" mel­det aus Kxetzax Venizelos Vorschlag, dieMohammedaner gemäß dem Verlangen der Schutzmächte ohne Treueid zuzulassen, wurde abgelehnt, womit auch der Gedanke des Koalitionskomitees hinfällt. Um erregte Sitzun­gen zu vermeiden, die eine gefährliche Rückwirkung in». Lande haben müßten, beschlossen die Freunde von Venizelos, überhaupt nickst an den Kammersitzungen teilzunehmen, wodurch die Kammer beschlußunfähig würde. In diesem Falle würde, wie der Korrespondent derKölnischen Zeitung" weiter erfährt, Venizelos die Verantwortung auf sich nehmen und den Schutzmächten milteilen, daß die kretische Regierung die Forderung auf Zulassung der Muselmanen ohne Treueid annehme. Ter jetzige regierende Ausschuß würde dann auf seinem Posten bleiben, das bisherige Budget verrin­gert und die Kammer erst dann einberufen werden, wenn die Gemüter sich beruhigt hätten, wobei die Ab­schaffung der Eidesleistung auch für die Christen in Aussicht genommen sei. Tie Radikalen versichern, der Plan Venizelos sei undurchführbar, da eine Antzahl Freunde von Venizelos zur Opposition übergegangen sind. Die Opposition werde den Rücktritt der Regie­rung erzwingen und den schutzmächtcn Mitteilen, daß die Forderung der Zulassung der Muselmanen ohne Treueid unerfüllbar sei. Ter Ausgang . der jetziger! Krisis ist kaum vor Ende dieser Woche zu erwarten.

Politische Werstcht.

Österreich und ILulieu.

ii. Wien, 2. Juli.

Von allen Seiten werden Versuche gemacht, die Ver­stimmung, die nun einmal zwischen Österreich ur,d Italien vorhanden ist, zu beseitigen. So hat eben die österreichische Friedensvereinigung einen Protest gegen die Verhetzungsversuche hüben und drüben erlassen. Diese Kundgebung, die außer, von der Baronin Sutt­ner von den bekanntesten Führern des literarischen und künstlerischen Lebens Österreichs unterschrieben ist, weist darauf hin, daß die Regierungen der beiden verbündeten Länder dieser unheilvollen Agi­tation fernstehen, und daß ebensosehr das

zu lassen, weil sie höher sind, dafür aber fehlt ihnen der innere Zusammenhang und das, was man bei uns die per­sönliche Note nennt. Wer die deutsche Abteilung besucht, merkt sofort, daß hier der Gedanke eines einzelnen Mannes durchgeführt wurde, Frankreich dagegen hat nach einem Schema, einer Tradition gearbeitet und geglaubt, daß eine Uniformierung das beste sei, was man auf einer Ausstellung bieten könne. Die Jury wird ja recht bald begründen müssen, ob sie sich ebenfalls aus diesen Standpunkt zu stellen weiß.

Den Vogel hat Frankreich mit den Werken seiner Schneideikimst abgeschossen; in dieser Abteilung feiert der verfeinerte und kultivierte Geschmack geradezu Triumphe, und es war sicher ein glücklicher Gedanke, alle die entzücken­den Frauenroben in Dioramen unterzubringen. Hierdurch war die Möglichkeit geboten, ein Milieu zu schaffen, wo­durch natürlich die einzelnen Produkte zur besseren Geltung kommen. Man findet Familienszenen, Ausschnitte aus dem Gesellschaftsleben, Reproduktionen des alltäglichen Treibens in öffentlichen Pariser Gärten, ja sogar Ausschnitte aus dem Turfleben. Diese künstlerisch gestellten Bilder verraten den verfeinerten Geschmack der Pariser, das muß anerkannt wer­den, ebenso wie die Tatsache, daß auf dem Gebiete der Mode Paris immer noch in der gesamten Welt tonangebend ist. Wenn man einzelnes herausgreifcn darf, dann möchte man sagen, daß das, was der weltbekannte Pariser Damen­schneider Paguin geleistet hat, kaum von irgend jemand in absehbarer Zeit wird überbotcn werden können. Diese Firma hat z. B. einen Gesellschastsabcnd dargestellt. Eine orientalische Tänzerin auf einer kleinen allerliebsten Bühne produziert sich und die eingeladenen Damen bewundern ihre choreographischen Künste. Dieser Vorwand gibt natür­lich Gelegenheit, alle die Raffinements zur Geltung zu