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88» Jahrgang.
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Der Verlag des Wiesbadener Tagdlatts.
Das Liberia -Nennen.
Zwischen dem Präsidenten der Nordamerikanischen Union. Herrn Taft, und dem Expräsidenten R o o 1 e- ) e 11 scheint sich so eine Art unlauterer Wettbewerb abzuspielen, deren Endziel die künftige Präsidentschaft ist. Während dieser erfolgreichste Rekordredner der Neuzeit im Begriff ist, nach seinen Gastrollen im Auslände wieder in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zurückzukehren, haben seine übereifrigen Freunde dort unterdessen unter Roosevelts Firma eine neue Partei gegründet, ein Vorstotz, der unverkennbar gegen den Präsidenten Taft, den ja Roosevelt von vornherein nur als seinen Stellvertreter betrachtet hat. gerichtet ist. Aber auch das derzeitige gewählte Oberhaupt der Vereinigten Staaten von Amerika scheint nicht gewillt zu sein, das Wettrennen um die Gunst seiner etwas wankelmütigen Landsleute_ vor dem Ziel auszugeben, und da er seine Pappenheimer kennt, ko glaubt er auch das Mittel gesunden zu haben, welches ihm die Gunst der Aankees zu sichern vermag.
Tiefes Mittel heißt Liberia. Seitdem die Union sich von ihrer friedlichen Selbstgenügsamkeit zum Imperialismus bekehrt hat und durch die Besitz- erpreikung der Philippinen sogar über den Rahmen der Monroedoktrin und über den amerikanischen Kontinent hinausgegangen ist, neigen die früher so nüchternen Aankees zu einem gewissen weltpolitischen Wagemut, und wenn sie sich auch soeben erst für die Be
gründung einesFriedenskomitees begeisterten, und wenn auch Herr Roosevelt „reisend mit viel schönen Reden als Konkurrent des Friedenszaren auftrat, so beweisen doch die neuesten Meldungen aus Washington über die Pläne, welche das Kabinett gegenüber der afrikanischen Negerrepublik Liberia verfolgt daß zwischen Theorie und Praxis auch hier ern großer Unterschied ist. Offenbar glaubt Präsident Taft hier die Handhabe zu der von ihm ersehnten „großen Tat gefunden zu haben, mit deren Hilfe er vielleicht den ehemaligen Führer der Rauhen Reiter aus dem Felde zu schlagen vermag. Und die Amerikaner können sich ia darauf berufen, daß sie in der von chronischen Wirren heirngesuchten Negerrepublik für das Mandat de^, Ordnungsstiftens in erster Reihe in Frage kommen. Denn Haiti verdankt seine Entstehung dem 1816 in Washington gegründeten Kolonisationsverein, der rm Jahre 1821 etliche durch die Aufhebung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten freigewordene Neger in dem östlich vom Kap Mefurado gelegenen Küstenstrich ansiedelte Aus dieser durch weitere Landerwerbungen und starken, Zuzug aus der Union immer mehr an- wochsenden Siedelung entstand die Republik Liberia, die im Jahre 1847 als selbständiges Staatswesen von den Mächten anerkannt wurde und heute ein Gebiet von 95 400 Quadratkilometern mit 1,5 Millionen Einwohnern umfaßt, die ganz überwiegend aus Negern und zum kleinen Teil aus Mischlingen bestehen. Tw Republik ist reich an Naturschätzen aller Art, denn das Land bringt Kaffee. Palmöl, Kautschuk, Zuckerrohr, Hölzer, Elfenbein, Gold usw. hervor, aber die Finanzen sind infolge der Mißwirtschaft und der chronischen Wiiren zerrüttet, so daß die wachsende Staatsschuld die Republik in bedenkliche Abhängigkeit von Eng- land und Frankreich, den Hauptgläubigern Liberias, zu bringen droht. Zu diesem finanziellen Truck gesellen sich noch die nicht abreißenden Grenntrertigkeiten mit dem französischen Clfenbeinküstengebiet und der enolischen Kolonie Sierra Leone, Streitigkeiten, bei denen insbesondere Frankreich .ein Stück liberisches Gebiet nach dem anderen, so zuletzt bei der Grenzregu- liLrung von 1907, einheimste.
Eben diese Fürsorge der Franzosen und Engländer, die nur das Beste der Republik, nämlich ihr Land wollen, erfüllt Uncle Sam mit Sorge, denn sein Motto lautet: Selbst essen macht fett! Bereits im vorigen Jahre hatte Präsident Taft eine Kommission nach Liberia entsandt „zwecks Studiums der liberischen Verhältnisse". und in seiner neuesten Sonderbotschaft ist er mit dem Plan einer finanziellen Sanierung der Republik., hervorgeireten, deren Endziel natürlich die
„politische Sanierung" sein soll. Aber der amerikanische Senat, der seit den kubanischen Verwickelungen ein Haar in der imperialistischen Politik gesunden hat, will von diesem Plan einer Einmischung in die inneren AngelegenheitenLiberias nichts wissen, und so will man denn, wie aus Washington berichtet wird, letzt das rstel der finanziellen Sanierung Liberias zunächst auf privatem Wege erreichen. Man wird weitere Berichte über diesen Sanierungsplan abwarten müssen, aber schon jetzt ist zu betonen, daß Deutschland. welches in Liberia die bei weitem größten Handelsinteressen hat, da etwa 60 Prozent des dortigen Handels in deutschen Händen sind, hierbei nicht übergangen werden darf. Erfreulicherweise bietet sa schon die Eifersucht zwischen Frankreich, England und der Union ein gewisses Gegengewicht gegen etwaige Monopolisierungspläne, aber die deutsche Regierung hat in Erinnerung an die Vorgänge in Marokko und Persien alle Ursache, darauf' zu iehen, daß es ihr zum Schluß nicht auch in Liberia ergeht wie dem Dichter, dem Zeus achselzuckend eröffnet: Was tun? Die Welt ist weggegeben!
Politische Übersicht.
Die Aufregung wegen der Enzyklika
hat sich immer noch nicht gelegt und täglich fliegen auch unserer Redaktion noch gedruckte oder hektographierte Resolutionen zur Ausnahme zu, die der evangelische Jünglingsverein in Tingsda oder der Protestanten- veiein in Anderswo gefaßt hat. Viel ehrliche Entrüstung, viel stolze Worte, aber vielfach auch ein wenig Dicketuerei. In der Tat, wollte man alle diese Protestversammlungen mit ihren Entschließungen ausführen, man könnte auch heute noch Spalten füllen. Eben erst liegen uns wieder mehrere aus dem Hessischen vor und auch in Wiesbaden regt es sich noch weiter. Nachgerade sängt die Sache an, langweilig zu werden, so berechtigt auch die Bewegung an sich ist. schon dadurch, daß die preußische Regierung in der richtigen Abwehr der unerhört unverständigen Angriffe so kläglich versagt hat und sich erst durch einen katholischen König zeigen lassen twiste. wie man solchen Eingriffen in den konfessionellen Frieden begegnet. Ter objektive, kritiksähige Teil der Katholiken ist sich mit allen Urteilsfähigen vollkommen einig in dem Bedauern über diese Enzyklika, wie es ja auch jeder vernünftige Protestant bedauern würde, wenn etwa der König von Preußen als summus episcopus die katholische Religion als Irrlehre und Ursache aller Sittenlosigkeiten
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Rückblicke.
(Für das „Wiesbadener Tagblatt".l Von Julius Noseuthal.
Den Juni durch klang's fern und nah „Enzyklika", „Enzyklika",
Wohin man spähte, horcht' und sah,
Stand überall 'ne Gruppe da Und stritt mit heft'gem Nein und Ja Nur über die Enzyklika.
Was iu der Welt auch s o n st geschah,
Das Alpha und das Omega,
Der Kernpunkt aller Themata Blieb ständig Roms Enzyklika.
Die würz'ge Lindenblütenlust,
Der ersten Rosen süßer Dust,
Akazie. Flieder und Jasmin Zog «illes unbemerkt dahin,
Nicht Äug' noch Sinn war dafür da.
Nur eins gab's — die E n z y k l i k a.
Schneit stieg tn ehrlichem Entrüsten Die Zahl der Anti-EnzyMsten,
Sich » ehrend ins Millionenfache,
Und schwur auch niemand blut'ge Rache,
Sind macht'ger doch des Unmuts Wogen Durchs deutsche Land dahingezogen,
Als (abseits von der Diesseits-Welt)
Sich's Pius halbwegs vorgestellt.
Denn dieser Halbgott ohne Fehle Hat eine ahnungslose Seele.
Wenn je ein Donnerwort er kündet,
Denkt nie er, wo und wie es zündet.
Mit etwas Menschen-Fehlbarkeii Hätt' er den jüngst entfachten Streit,
Die Wunden auch, die er gerissen,
Doch, ganz unfehlbar ahnen müssen.
Er aber sandte gist'ge Pfeile,
Rückstand'ge Reden, Zeil' um Zeile.
Den Geist aus Anuo Tobacks-Zeiten Ganz unbedenklich in die Weiten,
Als wären Bildung und Kultur Ein Nichts, ein teuflisch Blendwerk nur,
Und jedermann darauf versessen Den Vorzeit-Brei schnell auszuessen.
Das Echo erst aus deutschen Landen,
Erst der Protest der Protestanten Und ein von unserm Amt versüßter Mahnzettel brachte Romas Priester Ein leicht Gefühl, ein ungewisses,
Als riefe wer: „81 taoaissss!"
Ja, bester wär's, er hat t' geschwiegen,
Doch, — wie bei uns die Dinge liegen,
War Herr v. Bethmann voll zufrieden,
Als Rom ihn kurzer Hand beschieden.
Man Hab' in unfern deutschen Landen Die Worte wahrlich mißverstandey,
Sie sei'n des heil'gcn Borromae'
Und — keines anderen Idee.
Der Kanzler, dieser schneid'ge Kämpfer,
Der statt des Schwertes einen Dämpfer Gen Rom trug, rief erleichtert bald Und fast gerührt: „Das Ganze Halt!^
Befreit war physisch er und seelisch Und gleichsam römisch-evangelisch Vermittelte als Mensch, als guter,
Er friedlich zwischen Papst und Luther,
Wie's in 'nem parität'schen Staat Ganz opportun ist und probat.
*
„v. Bethman n-H oll w e g" —- 's klingt brillant, Man denkt an eine feste Hand,
An Energie und Willenskraft,
An einen, der sich Geltung schafft,
Der straff die Zügel führt und fest,
Der leitet, nicht sich leiten läßt.
Der darauf, was er will, besteht
Und der, wenn das ihm sehlschlägt — geht.
Doch all das ist ein Traumgesicht,
Denn unser Kanzler — zart und schlicht Erfüllt er seines Amtes Pflicht,
Er geht nicht und b e st e h 1 auch nicht,
Ein vornehm-müder Staatenleiter,
Kein wilder, nein, ein milder Streiter,
Ganz sicherlich ein Mann von Ehre,
Doch — ach —, so nichts von Bismarcks Sphäre Herr Dernburg sagte dem Milieu Stumm, doch verständlich jüngst adieu,
Ein Manu der Tat kommt da nicht fort,
Dort war der Kaufmann „fehl am Ort*. Doch wird dem zielbewutzten Wagen Bestimmt die Stunde einstmals schlagen.
Er ging. Ihm folgten dann die andern, War's da auch ein freiwillig Wandern?
Wer weiß? — Nach all dem Sturm und Wetter Da fielen sie wie dürre Blätter Saftlos und kraftlos, spröd und steif Zum Abfall sicher lang schon reff.
Der Herr Minister der Finanzen Schnürt als der letzte seinen Ranzen.
Ob dieser Rücktritt ein Gewinn Und nicht ein „G'winner", steh' dahin Doch ob die Herr'n nun gehn und kommen> Was soll's dem Staat, dem Bürger frommer^ Wenn das System das alte bleibt,
Wenn Trott genau, wie Studt cs treibt.
Der Bürger! — Viel nach d e m zu frage«, Fehlt's an der Zeit in unfern Tagen. , Vielleicht hat mancher sich gedacht (Und übel hätt' stch's nicht gemacht),
In unsrer allerjüngsten Zeit Loyaler Opferwilllgkeit,
Da die Z i v i l l i st' höhergeht,
Würd' auch der Z i v i l i st erhöht.
Doch nein, das war' ein Mißverstehen,
Der Bürger muß sich selbst erhöhen, Sich auf sein gutes Recht versteifen.
Na, langsam lernt er es begreifen.
Wir sah'n in Friedberg und Wollt»
Ihn richt'ge Konsequenzen zieh'n.
Politische Entschlüsse fasten
Und sich nicht mehr verblüffen lassen.
Lernt er bei Zeiten auch noch schrei'«,
Dann wird der Sieg ihm sicher sei«,
