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Nr. 295.

Wiesbaden, Mittwoch, 2V. Juni 181S.

88. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

1. Mkcrtt.

Iüv öcrs 3. GucrvLcrL 1910

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Oswsrerr.

Angesichts der ziemlich lebhaften Vorgänge auf dem Gebiete der europäischen Politik vergißt man ganz, den Blick auf entferntere Gegenden zu richten, obwohl es von Zeit zu Zeit ganz zweckmäßig wäre, auch diesem genauere Beachtung zu schenken. Über die verwickelte Situation im näheren Orient hat sich die Aufmerksamkeit auf Ereignisse im ferneren Osten ab­geschwächt und gerade dort scheint sich manches abzu­spielen, was für die weitere Entwicklung der gesamten Weltpolitik von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein kann. Nach einer Meldung aus Petersburg ist dieser Tage eine Verständigung zwischen Rußland und Japan über die Mandschureibahnen zustandegekom- nien, ein Resultat, das man im Vorjahr kaum er­wartet hätte. Was dazu geführt hat, ist unschwer zu erraten. Man entsinnt sich wohl noch, welche Em- Llüfsung der weltfrenide Vorschlag des Staatssekretärs Knox machte. Welcher die ostasiatische Frage dadurch zu lösen hoffte, indem er eine Jnternationalisrerung der Mandschureibahnen empfahl; daß darin gerade der Keim zahlreicher Zerwürfnisse liegen würde, bedachte dieser seltsame Leiter der Außenpolitik der Vereinigten Staaten nicht. Von seiten der Staatskanzleien erfuhr denn auch dieser Vorschlag eine höfliche Ablehnung, zu­mal man sich, Wohl nicht mit Unrecht, sagte, daß Amerika dabei sein eigenes Schäflein ins trockene zu bringen hoffte.

Mit seinem Vorgehen zeitigte Mr. Knox aber noch ein anderes Resultat, welches er mit seiner Super- klngheit Wohl nicht erwartet hatte, das sich aber eigent­lich nur als eine natürliche Folge seines Vorgehens darstellte: Er bewerkstelligte damit eine Annäherung zwischen Rußland und Japan, obwohl die Wunden des

schweren Krieges noch lange nicht geheilt sind. So­wohl Japan wie Rußland haben ein großes Interesse daran, andere Mächte, speziell aber die Vereinigten Staateir, derenInteresse" für Ostasien ja hinreichend bekannt ist, fern zu halten, und so tat man das Klügste, was man in einem solchen Falle tun konnte, man vergaß die langjährige Rivalität und kam zu einer Verständigung, um sich den gegenseitigen Besitz zu garantieren und die Festsetzung Dritter zu verhin­dern. aber das Abkommen dürfte über die Eisenbahn­frage allein weit hinausgehen. Die Bedeutung des Übereinkommens liegt nicht in letzter Linie darin, daß beide Mächte den Status quo ohne Vorbehalt als den Ausgangspunkt ihrer künftigen Politik in Ostasien akzeptieren. Hieran liegt nicht nur die Bereitwilligkeit, daß jeder die Rechte des anderen respektiert, sondern buch der Entschluß, diese Rechte nötigenfalls als für den Frieden in Ostasien wesentlich aufrecht zu er­halten. Beide Mächte werden eine Erschütterung des Status quo nicht zulassen. Die Bedeutung des Ab­kommens für beide Mächte ist eine ungemein große, ioei! auf diese Weise die Gefahr eines erneuten ge­fährlichen Zusammenstoßes zwischen Rußland und Japan im fernen Osten so gut wie beseitigt ist, so daß beide Mächte sich daselbst in der Hauptsache friedlichen, also wirtschaftlichen Zielen widmen können. Des weiteren dürste dadurch auch den ehrgeizigen Plänen Nordamerikas ein Riegel vorgeschoben werden, weil man sich dort im Hinblick auf die jetzt hergestellte Ein­mütigkeit zwischen den bisherigen Rivalen hüten wird, allzuweit zu gehen. Angesichts dieser Situation dürfte die Entwicklung der Dinge in Ostasien erfreulicher­weise für absehbare Zeit in ruhigen Bahnen ver­lausen.

Meristem.

Der Allensteiner Prozeß geht zu Ende. Weit über 4 Wochen dürfte er im ganzen dauern. Die Frau wird freigesprochen. Das steht heute schon fest; Zehn­tausende fallen der Staatskasse zur Last. Gewiß, von Anfang an konnte man ^das nicht wissen und wir wollen auch weder dem Staatsanwalt noch dem Ge­richtshof einen Vorwurf machen, daß sie den Prozeß eingeleitet und geführt haben. Im Gegenteil. Ter Prozeß war sehr notwendig. Aber wir halten es für einen großen Fehler, daß man ihn nicht schon früher geführt hat. So sind bald drei Jahre nach der Tat vergangen und was vergißt der Mensch nicht in drei Jahren. Daher ist es kein Wunder, wenn die Zeugen immer wieder erklären: Das wüßten sie nicht, sie

könnten sich nicht mehr daran erinnern. Vieles ist des­halb durchaus unklar geblieben.

Und weshalb hat man der Frau v. Schönebeck nicht sofort den Prozeß gemacht? Der Verdacht der Mitschuld lag anfangs mindestens genau so vor wie jetzt. Aber man hat sie erst auf alle möglichen Sanatorien geschickt zur Beobachtung ihres Geisteszustandes. Wozu das? Das ist jedenfalls eine Gewissenhaftigkeit, die Gericht und Staatsanwalt längst nicht immer üben. Hat man je schon davon gehört, daß man einmal einen Arbeiter oder eine Arbeitersfrau, die angeschuldigt worden sind. Monate und Jahre lang auf Sanatorien herumgeschickt hat zur Beobachtung ihrer Psyche? Und Leute aus deu unteren Schichten sind doch in der Regel noch mehr mitgenommen vom Lebenskampf, so daß sich bei diesen viel eher ein geistiger Defekt einstellen könnte.

Und waruin hat man die Frau v. Schönebeck,. ge­nannt Weber, nicht mit Herrn v. Gäben konfrontiert, um fesizustellen, ob der letztere bei den Beschuldigungen in Gegenwart der Angeklagten standhielt? Das war dock: das beste Mittel, die Wahrheit heranszufinden. Aber aus lauter Rücksichten heraus hat man dies beste Mittel einfach unterlassen.

Und dann die Prozeßführung selbst! Der Vor­sitzende ist von einem Zartgefühl gegen die Angeklagte, das einer besseren Sache würdig wäre. Der Lebens­wandel der Frau Weber ist doch wahrlich nicht so ge­wesen. daß man sie behandeln müßte, als hastete kein Stäubchen an ihrem Charakter. Aber da heißt es: Frau Angeklagte, seien Sie so liebenswürdig! Bitte nehmen Sie nicht ans der Anklagebank Platz, sondern hier auf diesem Sonderstuhl, den wir für Sie herge­stellt haben!

Welch umständliches Zeugenverhör! Fast alle Kameraden Göbens und Schönebecks werden heran­geholt. Ihre Aussagen ergehen sich in unendlichen Wiederholungen, die zur Sache selbst häufig recht wenig beitragen. Aber das Gericht hat eine Lamms­geduld. Man verhört Dienstmädchen, Köchinnen und Burschen und kramt alle Geheimnisse des Schlaf­zimmers und des Lakaienklatsches aus. Man schleppt sogar Damen der Halbwelt vors Gericht, die irgend­wann einmal mit Gäben verkehrt haben sollen. Kurz, wenn das Gericht bei allen Prozessen, auch bei denen ärmere Leute so gründlich und langwierig verhandeln wollte, so könnte man die Gerichte vervierfachen und versechsfachen und man käme noch nicht aus. Wir haben es erlebt, daß Todesurteile gefällt worden sind mit einer Fixigkeit, die sehr unangenehm abstach von dem Mangel an Beweisen, die Vorlagen.

Und dann noch eias! Die Presse! Es gibt Zeitun­gen, die haben aus dem Allensteiner Fall eine Haupr- und Staatsaktion gemacht, als handelte es sich dort nicht um ein hysterisches Frauenzimmer, sondern als wären die tiefsten Probleme der Weltweisheit oder der

FemüeLon.

(Nachdruck Vorboten.)

Vom roten Bodu

Wenn früher der Mai gekommen war und die Bäume ausschlugcn, dann ging für den Jäger die gute Zeit an; die Jagd aus den Rchbock begann in der Walpurgisnacht wieder, nachdem man ihn ganze acht Monate notgedrungen hatte in Ruhe lassen müssen. Daß ein solcher Bock vom 1. Mai, von der Trophäe, dem Gehörn, abgesehen ob­wohl auch bei diesem oft mit allerhand Verschönerungs­mitteln, Nutzbeize oder Jodtinktur, nachgeholfen werden mutzte eine begehrenswerte Beute gewesen wäre, kann man nicht gerade behaupten. Er sah schauerlich ans, außen und oft auch innen. Es ist besser so, wie es jetzt ist, wo überall die Notwendigkeit besserer Hege des Wildes einge­sehen wird, wo der Bock in den meisten Bezirken noch den ganzen Mai über Ruhe hat.

Der rote Bock und der grüne Frühlingswald gehören zueinander; die Vcrhärung wird durch die Nachwchen des Winters und alles dessen, was im Winter über die arme Kreatur kommt, aufgehalten, und ist sie eingetreten, so ist dies ein Anzeichen dafür, daß diese schlimmen Folgen ver­schwunden sind, der Bock beginnt wieder Feist anzusetzen.

Im ersten Frühling, wo die Rehe gierig nach jedem grünen Halm suchen, ist es so leicht, sie vor das Rohr zu be­kommen; den grauen Maibock kann jeder Neuling ergattern, während der rote Sommerbock, wohlgenährt und wieder ge- krästigt, mit dem körperlichen Wohlbefinden auch die alte Geriebenheit und Vorsicht sich wieder angeeignet hat. Die Hauptvcrfechter der Maibirsch und unversöhnlichen Feinde des verbesserten jetzigen Schongesetzes sind die Feldjagd­besitzer, auf deren Revier der Waldbewohner zur Äsung zieht. Der Bock gehört beiden Revierinhabern. Das heißt, vorläufig gehört er noch keinem, er gehört ihnen erst nach der OAupation, wenn er aus der Strecke liegt. Aber das Recht, auf ihn zu jagen, ja ihn zu erlegen, hat jeder von ihnen gleich. Es hat nicht nur der ein Anrecht auf die Rehe, bei dem sie schlafen, sondern auch, wer sie füttert, auf dessen Grund sie zur Äsung ziehen, denn er trägt eventuell dafür

die Kosten in Gestalt des Wildschadens, während bekannt­lich im Walde, bei Mutter Grün, wie die Pennbrüder am besten wissen, kein Schlafgeld gezahlt zu werden braucht. Mißbrauch der Anstandsjagd, vor allem des Nacht- oder Zwielichtanstandes, ist freilich etwas anderes.

Um denGrenzbock" ist es eine eigene Sache. Dieselbe Misere ist jedes Jahr wieder da, wo im lieben deutschen Vaterland jo und sovicle Länder und Ländchen aneinander stoßen, jedes mit seiner besonderen Gesetzgebung. Ein Reichstagsabgeordueter erklärte mal, es würden im Reichs­tage viele unnütze Reden zum Fenster hinaus gehalten. Wäre es da nicht besser, man liehe die mal bei Seite und es fände sich eine Mehrheit, die ein Reichswildschon- geseft mit überall gleichen Schonzeiten und es wäre ein Abmachen auch einen Reichsjagdschein, über­all gültig im Deutschen Reich, durchbrächten? Aber wo bliebe dann der deutsche Michel?

Manche Leute sind geradezu naiv, über jeden Bock, der im weiten Umkreise im Nachbarrcvier geschossen wi<- sind sie empört; denn er stand ja ab und an auch in ihrnn Revier, war ihnen aber zu schlau, und er war doch selbst­verständlichihr" Bock.

Futterneid ist eine wenig schöne Sache. Manchmal sind solche Herren von einer geradezu verblüffenden Harmlosig­keit:Zwanzig Böcke hat der verstorbene X. sonst jedes Jahr in der Jagd geschossen, und noch nicht mal einen einzigen habe ich bis jetzt bekommen." Schon recht; der frühere Pächter war ein effahrener Weidmann; mancher lernt's eben nie!

Wenig erguicklich ist leider fast überall die Eifeffucht und der Jagdneid wegen der Grenzböcke dort, wo fiskalische Forsten mit Pacht- oder Eigenjagdrevieren zusammen­grenzen. Jeder außerhalb des Fiskalischen geschossene Bock wird von den Forstbeamten beinahe als ein Raub angesehen, begangen anihren" Bücken, gerade als ob die durch den fliegenden Adler zwischen dem Gehörn wie die Förster selbst ausgezeichnet wären!

Ließe sich der leidige Streit nicht ans der Welt schaffen? Ich wüßte wohl ein Mittel: Vereinbarung oder noch besser gesetzliche Festlegung einer neutralen Zone auf bei­den Seiten der Jagdgrenze, die von keinem der Beteiligten zum Zwecke der JagdausMung betreten werden dürfte,

sondern nur zur Nachsuche eines angeschossenen Stückes. Damit wäre ein gutes Teil von Anlaß zu Neid und Hatz aus der Welt geschafft!

Wo findet man jetzt im Revier den Bock? Das ist die brennende Frage, die jeden zur Birsch auf den roten Bock auszichenden Jäger beschäftigt. Ja, wenn man das immer vorher wüßte, das wäre doch mal was! Wem wäre nicht schon der stille Wunsch ausgcstiegen, nur einmal, nur in diesem Falle, allwissend zu sein? Manch einer, der nur aufs Geratewohl birscht oder, richtiger gesagt, planlos im Revier umherstolpert, bringt doch seinen Bock nach Hause, weil er ihm gerade vor die Füße lief an einer Stelle, wo man alles andere, nur nicht den Bock erwartet hätte. Das sind aber immer nur Zufälligkeiten, wie sie aus der Jagd und bei der Birsch im besonderen so oft vorkomnren, mit denen ein guter Jäger nicht rechnen sollte. Aber auch dem alterfahrenen Praktiker passiert es oft genug, daß er einen Fleischergang macht und sich ärgerlich fragt, wo zum Teufel der Bock stecken mag, den er doch so sicher angebun­den glaubte. Ja, einen bestimmten Bock zu schießen, dazu gehört neben dem nötigen Verstand immerhin eine Portion Glück. Es wirren so oft die kleinlichsten Umstände mit, daß euch dem besten Jäger, ohne sein Verschulden, nichts als das Nachsehen bleibt, auch wenn er seinen Bock gestunden und weidgerecht angebirscht hat. Für diese Zu- sälligkeiten kann man aber häufig nichts. Die Hauptsache ist immer, den Rchbock zu finden; es hat sich noch niemand einen verpatzt, den er nicht vor sich gehabt hätte! Unbewußt geschieht das allerdings um so öfter. Wenn mancher Jäger wüßte, an wie vielen guten Böcken er schon ahnungslos auf Stcinwurfweite vorüberbirschte, während ihn der Bock, ruhig in der Dickung stehend oder sitzend, mit der Rase anvisterie, um sich hinterher vorsichtig seitwärts in die Büsche zu schlagen, er gäbe aus Ärger die ganze Jagd auf! So ein alter gerissener Bock kann dem Jager das Leben sauer machen. Erst bei völliger Dunkelheit tritt er nach langem vorherigen Sichern aus der Dickung aus, und lange vor Büchsenlicht zieht er wieder zu Holz.

Aber dennoch: die Birsch des echten Jägers gebührt sich nur auf den reisen, roten Bock, wenn es für den Be­stand der Jagd fchließlich auch gleichgültig, ob der Bock im Mai oder Juni der Kugel verfällt g^