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!

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Nr. LSI.

Wiesbaden, Sonntag, LG. Juni ISIS.

S8. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt. _

Iürr öcrs 3. GircrvtcrL 1910

auf dar

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im UerlagTagblatt-Kaus" Kanggalst 81»

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Die OslnmrkenpoMik.

Der Rücktritt des preußischen Landwirtschafts- Ministers von Armin ist von gewisser Seite in Zu­sammenhang gebracht worden mit Differenzen des Ge­nannten. welche dieser in Sachen der Ansiedelungs- Politik Mit Herrn von Bethmann-Hollioeg hatte, welch letzterer einer entschiedenen Handhabung der Gesetze entgegengetreten sei. Gerade der Landwirtschafts­minister ' ist es, welcher in der Ostmarkenpolitik eine nicht unwichtige Rolle spielt, denn ihm liegt die Lei­tung der praktischen Arbeit ob, namentlich die Auf­teilung der aus polnischem Besitze erworbenen Lände­reien und die damit verbundene Seßhaftmachnng deutscher Bauern. Tie Besetzung des Postens ist da­her für die Ostmarken,frage von Bedeutung, denn die tatsächliche Entwicklung der Tinge im Osten ist zu einem großen Teile in seine Hand gegeben. Ins Land- Kirtschaftsministerium zieht nun ein Herr, der sich bis­her überhaupt mit den Ostprovinzen so gut wie gar nicht beschäftigt hat, sondern im Westen geboren, seine ganze Ärbeitstätigkeit daselbst zugebracht hat. In! einer Unterredung hat Herr v. Schorlemer dies selbst zugegeben und hinzugefügt, daß er sich erst einarbeiten müsse. Das ist ein offenes Wort und man hat die Gewähr, daß Freiherr von Schorlemer der ein genauer Kenner der Landwirtschaft ist, mit offenem und objek­tivem Auge sich die Dinge ansehen wird, um eventuell Verbesserungen einzuführen. Daß solche notwendig sind, rrard niemand ableugnen wollen, denn trotz der zweifel­los anzuerkennenden segensreichen Tätigkeit der An­siedlungskommission sind doch mancherlei Fehler ge­macht worden, deren Abstellung dringend erforderlich

ist. Insbesondere sollte man endlich dahin kommen, die Tätigkeit der Ansiedlungskommission mehr nach gcfchäftlichen Prinzipien zu regeln, und mit der Art unh Weise, wie bisher Verfahren wurde, sind dem Staate beträchtliche Summen verloren gegangen, und man hat es ort genug polnischerseits auf das Vortreff­lichste verstanden, das unpraktische Vorgehen der Koni­mission sich zunutze zu machen.

Freiherr von Schorlemer gilt nicht als Bureaukrat, wenn er auch einige Zeit die übliche höhere Beamten­karriere durchgemacht hat. so hat ec doch ein ganzes Jahrzehnt direkt in der Praxis gestanden, nachdem er aus dem Staatsdienst getreten war, um sich ganz der Verwaltung seiner großen Besitzungen zu widmen, auch seinerseits als Oberpräsidenit hat er allgemein Aner­kennung gefunden, er war einer der beliebtesten Ober- Präsidenten. welche die Rheinprovinz besessen hat. Vielleicht darf man von diesem Manne eine gewisse Beilegung der starren Formen erwarten, die nirgends hinderlicher sind, wenn es sich um praktische Fragen handelt. Gerade in der Ostmarkenpolitik bedarf es eines klugen und zielbewußten Vorgehens, sowohl all­zugroße Schneidigkeit kann schädlich wirken, nicht minder aber auch ein fortwährendes schwächliches Hin- nnd Herschwanken. Die Ostmarken sind ein weites Gebiet, auf dem sich große Erfolge erzielen lassen, wenn es auch jahrelanger mühevoller Arbeit bedarf. In diesen Tagen hat aber eine jener Studienfahrten stattpefnnden, welche seit zwei Jahren eingerichtet wor­den sind, um Männer des öffentlichen! Lebens, Parla­mentarier urid Angehörige der Presse an Ort und Stelle mit den Verhältnissen der Ostmarken bekannt zu machen und es ist bezeichnend, daß bisher alle Teil­nehmer ohne Unterschied der Partei stets voll Lobes heimgekehrt sind, wobei gar mancher bisheriger Gegner zum Freunde einer energischen, wenn auch maßvollen Ostmarkenpolitik geworden ist. Ein ruhiges, stetiges Vorgehen kann nur denl Interessen des Deutschtums im Osten förderlich sein und es wäre zu wünschen, daß man nicht nur an den höheren Ämtern, sondern auch gerade an Ort und stelle geeignete Persönlichkeiten hat welche in diesem Sinne Vorgehen und nicht durch Kleinlichkeiten der ganzen ,Sache des Deutschtums schweren Schaden zufügen können.

Von der neuen Mdmüsorm.

Man schreibt uns: Tie letzten großen Kriege,

namentlich der Burenfeldzug und der russisch-japanische Krieg, haben einen großen Einfluß auf die Ausrüstung und die Ausbildung unseres Heeres ausgeübt. So er­hielten wir das wesentlich vereinfachte Exerzierregle- nient von 1906. in dem mit den unnötigen und über­

flüssigen Bewegungen, Griffen usw. , aufgeräumt wurde, so erhielten wir die neue Felddienstordnung und vor allem die nvue Uniform. Das ist der größte Erfolg, den die moderne Kriegstechnik der altprenßi- schen Überlieferung abgerungen hat, denn das blaue Tuch schien unausrottbar zu sein. Zwar hatte man sich schon lange vorher dazu entschließen müssen, unsere Kolonialarmee den Verhältnissen entsprechend zu klei­den, aber zu einer Änderung in unserem Landheer hat das nicht geführt, obwohl man wußte, daß Napoleons russischer Feldzug allein an der ungünstigen Aus­rüstung feiner Truppen gescheitert war. Zwar,, der Korse hatte an alles gedacht, sogar an Schneebrillen, nur nicht an eine Änderung der Kleidung, die für das russische Klima vollständig ungeeignet war. In dieser Beziehung hat erst der Burenfeldzug eine Änderung geschaffen, und es war die englische Armee, die hier bahnbrechend wirkte und schlankweg eine neue, den südafrikanischen Verhältnissen angepaßte Uniform ein­führte, deren Farbe ein Gemisch aus Graikbraun und Gelb darstellt und unter dem Namen Khaki bekannt ist. Auch in den anderen europäischen Staaten trug man sich seitdem mit dem Gedanken an eine Änderung der Kleidung, aber man, war sich bewußt, daß derKhaki" für unsere Verhältnisse nicht geeignet ist, weil die vor­herrschende Farbe unserer Landschaften grün ist. Lang­wierige Versuche führten dann zu der Überzeugung, daß eine Mischfarbe aus Grau und Grünselo- grau" die für unsere Anforderungen günstigste Farbe: sei. Mit Uniformen dieser Farbe wurden dann zuerst die Maschinengewehrabteilungen ausgerüstet, und es geschah nicht selten, daß dieBlauen" im Ge- feckit dicht bis an dieGrauen" herankamen, ohne sie überhaupt zu bemerken. Gleichzeitig mit der Ände- ruM der Farbe erwog rnan auch eine Änderung des Schnittes und einigte sich auf einen der heute noch ge­bräuchlichen Litewka ähnlichen Rock mit verschließbaren Taschen und brünierten Knöpfen. An «telle des Steh­kragens kam der Klappkragen, an Stelle der Halsbinde ein graues Halstuch. Behalten wurde allerdings der lästige Helm, den man mit einem schilffarbenen Über­zug versieht, und behalten wurde auch zum größten Teil die große Belastung des einzelnen Mannes, die bei einem modernen Feldzug mit seinen ungeheuren Entfernungen die Beweglichkeit der Truppe sin hohem Grade hindert. Was man seither zur Erleichterung des Gepäcks getan hat, ist noch lange nicht genug, wenn man sich auch nicht verhehlen kann, daß es ungemein schwierig ist, die an, sich schon aufs Notwendige be­schränkte Ausrüstung zu vermindern. Ob sich diese neue Kleidung aber in allen Füllen bewährt, das ist eine andere Frage.

Ich habe es stets als sehr störend und schädlich empfunden, daß uns unsere Uniformen ganz und gar

Fe uillet on.

(Nachdruck verboten.)

Die Mten.

Skizze von G. Wendling.

Sonntagsstille, Sonntagsfrieden, draußen wie drinnen.

Es ist, als ob das sonst so geschäftige Leben auf der Straße für eine Weile den Atem anhält.

Tie drückende Luft eines heißen Junitages dringt durch die offene Balkontür ins Zimmer und legt sich mit bleierner Last auf die Alten.

Ter ehemalige Großkaufmann Gottlieb Heinrich Flemming ist schon feit dem frühen Morgen damit be­schäftigt, die über eine.messingne Garnwinde , gelegte Baumwolle für seine j^rau zu entwirren. Eine An­dacht, die er vorgelesen, hatte diese Arbeit für kurze .Zeit unterbrochen, doch sobald er bemerkt, daß sein Klärchen über dem Lesen eingejchlafen war, hatte er seine Tätigkeit wieder ausgenommen.

Unwillig zupft er jetzt an den weißen Fäden: heule verläßt auch ihn seine sonst bis ins Unendliche reichende Geduld.

Ter große dicke Brummer ärgert ihn, der unab­lässig um ihn herumstreicht und dann mit klatschendein Geräusch gegen die Fensterscheibe fliegt. Er scheint den Weg hinaus in die sonnige Freiheit nicht finden zu können: Gottlieb Heinrich will ihm helfen: er steht auf und schlägt mit dem Taschentuch nach dem Friedens­störer, aber es gelingt ihm nicht, ihn zu vertreiben.

Frau Klärchen, die trotz ihrer siebzig Jahre immer noch nicht diealte Frau Flemming" heißen will und sich, im Gegensatz zu ihrer oben im Hause wohnenden Schwiegertochter, derGnädigen Frau", nach alter SitteMadame Flemming" nennen läßt, Frau Klärchen fährt zusammen. Sie richtet den Kopf etwas in die Löhe, aber sogleich sinkt ihr Kinn wieder auf die

Brust herab und die langen regelmäßigen Atemzüge verkünden dem Gatten, daß seine Fliegenjagd die Schlummernde nicht geweckt hat. Selbst die vom Gar­ten hereinschallenden jauchzenden Stimmen der Enket- ktnder stören sie nicht.

Ta kommt ein großer Gummiball ins Zimmer ge­flogen und rollt bis vor die Füße des Alten. LauleS Freudengeschrei der Kinder begleitet diesen Meister­wurf.

Großvater, werf' ihn wieder runter", bittet Heini, der älteste der Jungen.

Göttlich Heinrich Flemming nimmt den Ball auf und tritt in die offene Tür. Er hebt ihn hoch und tut, als wolle er ihn hinunterwerfen, dann wieder verbirgt ec ihn scherzend hinter seinem Rücken.

Großvater, ist Tante Eva schon da?" fragt eine helle Mädchenstimme.

Will die kommen?" gibt der Alte zurück.

Ja, heute mittag, und den neuen Onkel bringt sie mit. Onkel Magnus. Großvater, bitte ruf' uns, wenn sie da sind, hörst du'"

Wer will kommen?" fragt Frau Klärchen, die, durch die ünterhaltung geweckt, die letzten Worte ge­hört hat.

Eva mit ihrem Verlobten."

Mit einem Ruck fährt sie in die Hohe. Sic vergißt ganz, die gewohnte Entschuldigung wegen ihres Schläf­chens anzubringen.Väterchen, dann packe doch schnell die Sachen zusammen, du mußt dir auch noch eine andere Krawatte nmbinden."

Aber wozu denn?"

Wegen des Brautpaars."

Soooo?" er lächelt dabei, wie man über die törichten Worte eines Kindes lächelt. .

Tie alte Dame entwickelt plötzlich eine emsige Ge­schäftigkeit. Sie nitmrnt die Damastdecke vom Sofa­tisch, legt eine neue darauf und rückt bald an diesem, bald an jenem Gegenstand im Zimmer, der durch die Anwesenheit der Kinder vorhin vom gewohnten Platz verrückt sitz Tann verschwindet sie im Nebenzimmer.

von wo sic mit ihrer allerbesten Staatshaube angetan

zurückkommt.

Der Alte sitzt noch immer bei seiner Garnwinde.

Du wolltest doch einpacken, Väterchen!" mahnt sie mit leisem Vorwurf und versucht ihm die neue schwarze Krawatte umzulegen. Mitten in der Arbeit hält sie träte.Fuhr da nicht eben ein Wagen vor?" Eilig trippelt sie in das Eßzimmer nebenan, das die Alten mit den Kindern von oben gemeinsam benutzen, von dort aus, vom Erker kann sie die ganze Straße über­sehen.

Gottlieb Heinrich schaut ihr wieder nach mit seinem gütigen, lieben Lächeln und schüttelt den Kopf.

Das gute Klärchen hält es immer für so selbstver­ständlich, daß der Besuch, der nach oben geht, auch vor ihnen unten einsieht, und fühlt sich tief gekränkt, wenn jemand sie vergißt. Ja, ja, Rücksichtnahme auf Das Alter ist zuweilen unbequem. Aber Evchen, die Enkelin von Klärchens bester Jugendfreundin, würde in ihrem Glück die Alten sicher nicht vergessen! Dieselbe Eva. die schon als flcineS Kind mit ihren Händchen nach den blanken Messmgstäben der Garnwinde gegriffen und sie spielend gedreht hatte, die ihr erstes Schulzeug­nis stolz zu Tante und Onkel Flemming getragen und sich am Konfirmationstage ihren Segen geholt, diese Eva mußte ihnen doch auch ihr junges Glück zuführen l

Er hält einen Augenblick mit dem Winkeln inne.

Ihm geht gar vieles durch den Sinn. Ob Magnus Kaiser wohl seinem Großvater gleicht? Wie wunder­bar bas Schicksal doch manchmal die Menschen znsarn- menführt. Wenn Elfriede Senden, Evchens Groß­mutter, es noch erlebt hätte, daß ihre Enkelin sich mit dem Enkel des liebsten Jügendgespielen verlobie!

Es kommt doch manchmal wunderbar", sagt er noch einmal und nickt dazu.

Aber, Väterchen, die Garnwinde!" unterbricht Frau Klärchen feine Gedanken.

Es ist sa noch immer Zeit, wenn der Wagen Vor­fahrt: es ist ebeit zwölf Uhr, vor eins kommt selten Besuch", meint Gottlieb Heinrich irt feiner ruhigen