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Nr. 28».
Wiesbaden, Mittwoch, 22. Juni ISIS.
E8. Jahrgang. J
Morgen - Ausgabe.
_1. Matt. _
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Post-UebrngeschiLste.
Nicht mit Unrecht hat vor einigen Jahren ein Redner im Reichstag die Postverwaltung „das Mädchen für alles" unter den verschiedenen Reichsbehörden genannt, weil sie nicht mit den ihr als Verkehcsansta.lt zrffallenden Nachrichten- und Sachgüterbeförderungsdienst auszuführen hat, sondern im Laufe der Zeit auch mit einer ganzen Reche anderer Geschäfte betraut worden ist, die ihrer Natur nach init dem Postdienst nur in einem sehr losen oder gar keiirem Zusammen- hange stehen. Daß man seinerzeit den Postanstalten den Vertrieb der Wechselstempelzeicheu und der Wertzeichen zur Entrichtung der statistischen Gebühr sowie den Verkauf der Verstcherungsmarken für die Invalidenversicherung übertragen hat, wird jedermann begreiflich finden, da keine andere staatliche Verwaltung ihre Filialen so wie die Post bis tief in das platte Land hinein vorgeschoben hat und sogar die Bewohner des entlegensten Gehöfts in der Lage sind, ihren Bedarf an solchen Postwertzeichen täglich oder doch wenigstens werktäglich von den Landbriefträgern zu beziehen. Dagegen waren es wohl in erster Linie Sparsamkeitsgründe, die dazu Veranlassung gaben, daß die Postverwaltung auch die Auszahlung der Unfall-, Invaliden- und Altersrenten besorgen sowie die Abrechnungen über diese Zahlungen legen muß. Es ist eine ganz gewaltige Arbeitskraft, die der Post dadurch aufgebür- det worden ist. Im Kalenderjahre 1908 sind beispielsweise im Reichspostgebiet nicht weniger als 17(4 Millionen einzelne Zahlungen über zusammen 270 Millionen Mark an rund 2(4 Millionen Empfänger zu leisten gewesen, worüber mit 500 Versicherungsträgern (114 Berufsgenossenschaften, 348 Ausführungsbehörden, 31 Versicherungsanstalten und 7 besonderen Kasseneinrichtungen) hat abgerechnet werden müssen. Für den Absatz der Wechselsteinpel- und statistischen Wertzeichen erhält die Postverwaltung eine Vergütung von 2(4 Prozent des Verkaufserlöses, so daß ihr aus diesem Anlaß im Rechnungsjahr 1908 bei rund 16,4 Millionen
Feuilleton.
Im IesuitsnLlostee?>
Mm 4. November 1878, nachmittags 4% Uhr, überschritt Gras Paul Hoensbroech die Schwelle des Jesuitenklosters in Exoeien. „Der Bruder Pförtner", so schildert er seine Aufnahme, „führte mich ins kleine Sprechzimmer und rief den Rektor des Hauses, der zugleich Novizenmcister war, Pater Maurttius Meschler, herbei. Dieser geleitete mich ins Refektorium (Speisesaal), wo ich Kaffee und Brot vorgefetzt erhielt. Dann wurde ich dem Sozius des Novizenmeisters, Peter Stellbrink, übergeben, der mir ein schmales Zimmerchen anwies und mich unter die Obhut des Novizen Karl Ebenhöch (f 1886) stellte. „Carifstmus" Ebenhöch war damit für die Zeit meiner neuntägigen Kandidatur als mein „Schutzengel" (angelus eustos) bestellt. Das heißt, sein Amt war, rmch mit der Tagesordnung vertraut zu machen, mich (Mit noch einem anderen, jedesmal wechselnden Novr^n) arst den pslichtmäßigen, täglichen Spaziergängen zu begleiten und mich aufmerksam zu machen auf Fehler «nd Verstöße. Seinen Anordnungen mußte ich Folge leisten.
Die dritte Persönlichkeit, mit der ich noch anr gleichen Abend bekannt gemacht wurde, war der „Manuduktor" (manuductor) des Novizenmeistcrs, Brüder Emcle; ein Laienbruder, dem, unter Oberaufsicht des Rovizemneisters und seines Sozius, die Kandidaten und Novizen in bezug auf die von ihnen zu verrichtenden Häuslichen Arbeiten und Dienste unterstellt sind. So wurde ich „Kandidat" der Gesellschaft Jesu. Ich war eingetreten in die Vorhalle des Ordensftandes.
Wie alle Kandidaten ihre eigenen Kleider während der Kandidatur behalten, so behielt auch ich die meinigen. Nun
*) Wir entnehmen diesen Artikel. vielfach zusammenziehend, dem soeben erschienenen zweiten Bande des Werkes des bekannten Exjesuiten Grafen Hoensbroech: 18 Jahre Jesuit. Persönliches und Grundsätzliches. Preis geüeftct 10. ctc6 12 M Verlag von Brettköpf u. Härtel, Leipzig. ' " '
Mark Umsatz eine Einnahme von etwa 410 000 Mark zugeflossen ist. Tie Arbeit für die Berufsgenossen- schaften und Versicherungsanstalten muß sie — einschl. Versicherungsmarkenverschleiß — dagegen völlig unentgeltlich erledigen, ja sie hat sogar bisher die Zahlungen für die Berufsgenossenschaften und Ausführungsbehörden das ganze Jahr hindurch vorschußweise aus eigenen Geldmitteln bestreiten müssen. Es ist berechnet worden, daß zuzüglich des dadurch entstehenden Zinsverlusts der Gesamtwert der von der Reichspostverwaltung ohne Gewährung eines Entgelts zur Durchführung der Unfall- und Invalidenversicherung beanspruchten Leistungen schon 1906 auf 10,9 Millionen Mark zu veranschlagen war. Man wird es daher verstehen, daß die Postverwaltung kein Verlangen danach trägt, mit neuen unrentablen Arbeiten velästigt zu werden, und sie bei der Einrichtung des Postscheckver- kehrs deshalb bestrebt war, die Gebührensätze so zu bemessen, daß sie auf ihre Rechnung kommt. Der Postscheckverkehr ist bekanntlich erst anr 1. Januar 1909 eingerichtet worden und hat im ersten Jahre seines .Bestehens bei annähernd 4 Millionen Mark Einnahme,. 820 000 Mark Überschuß abgcworfen; der Umsatz im Reichspostgebiet hat 9,8 Millionen Mark betragen, womit bewiesen wird, daß die getroffenen Anordnungen im allgenreinen sich bewährt haben, was bei Beratung des Postetats für 1910 im Reichstage ja auch von berufener Seite (dem Abg. Kaemps) zum Ausdruck gebracht worden ist. Ebenfalls eine Neuerung der letzten Jahre ist die Aufnahme von Wechselprotesten durch die Post. Früher mußte die Protestierung nicht eingelöster Wechsel, die der Post zur Geldeinziehung überwiesen worden waren, stets durch einen Gerichtsvollzieher oder Notar geschehen; seit 1. Oktober 1908 besorgen diese Arbeit der Regel nach die bestellenden Boten der Postanstalten. wodurch zum Vorteil für die Geschäftswelt nicht nur eine erwünschte Beschleunigung sondern auch eine Verbilligung des Protestversahrens erreicht wird.
Von den Nebengeschäften, mit denen sich die ausländischen Postverwaltungen befassen, die aber in Deutschland noch nicht eingeführt sind, sind erwähnenswert: der Lebensversicherungs- und Leibrentendienst in Belgien (für Versicherungen bis 4000 Mark und R;n- ten bis 960 Mark), sowie in England nur für Versicherungen bis 2000 Mark und Renten bis 2000 Mark jährlich), der Büchervertrieb durch die Postanstalten in Chile, der Arbeitsnachweis der luxemburgischen Postverwaltung, die Annahme von Inseraten für Zeitungen durch die größeren Postanstalten in Portugal und vor allem der Postsparkassendienst, den eine Reibe europäischer Staaten (darunter u. a. England, Frankreich, Österreich-Ungarn, Rußland), ferner Kanada, Kapland, Japan, Britisch-Jndien und mehrere englische Kolonien in Australien eingeführt haben. Endlich werden in
war ich nie ein Gigerl gewesen, aber aus gut sitzende Anzüge und auf tadelloses Schuhwerk zu sehen war ich von .Hanse ^uZ gewöhnt. Da, eines Nachmittags, als die Zeit des regelmäßigen Spaziergangs heraunahte, beordert mich mein „Schutzengel" in die „Lingerie" und der Bruder „Kleiderbewahrer" (cnistos vostinm), der alte Bruder Toffel, legt mir einen abgetragenen, schäbigen, über die Maßen schlecht sitzenden Anzug vor, weist mir ein Paar ganz abscheuliche, unförmliche Schuhe an und, als Krönung des Ganzen, Hut und Überzieher, die nach Stromer und „Walze" anssehen: nicine eigenen Kleider solle ich ablrgen und diese dafür an- zichen. Die Metamorphose hat mich gewaltige Überwindung gekostet, und als ich mit meinen zwei Novizenbegleitern im Kostüme des fechtenden Handwerksburschen über die Landstraße gen Roermond zu spazieren ging, da war mir weder „spaziergcherisch" noch sonstwie angenehm zu Mute. Von da an durfte ich im Hause noch meine eigenen Kleider tragen, für Spaziergänge, d. h. für die Öffentlichkeit, mußte ich aber die „neuen" anzichen. Ich war auf die Probe gestellt worden und hatte sie bestanden.
Den Abschluß der Kandidatur bildeten dreitägige „Exerzitien" und eine dem Novizenmeister abgelegte Generälbeichte über das ganze Leben.
Am Abend des 12. November fand ich auf meinem Bette ausgebreitet die Ordensgewandung: langes, bis zu den Füßen reichendes schwarzes Obcrkleid, in der Mitte zu- sammengehatten durch einen schmalen Gürtel (ring-nl» ™ ); als Kopfbedeckung ein kleines rundes, schwarzes Käppchen, die Kalotte, das auf dem Hirtterkops getragen ivird. Unter dem Qberkleide: Hemd von grober Leinewand, Kniehosen aus derbem Stoffe, lange schwarze Strümpfe, die durch an den Beinkleidern befestigte Bänder gehalten werden, und dicke Schuhe. Unterbeinkleider kennt die jesuitische Toilette nicht.
Früh um 4 Uhr des anderen Morgens weckte mich der „Bruder Wecker" (exitator), Bruder Minkcnberg (er war zugleich „Bruder Schuster" und „Bruder Sakristan), mit dem Üblichen Ruse: venite, adoremus Dominum (Kommet,
Wien seit einiger Zeit die Postämter in vorläustg be- schränktem Umfange für den Verkauf der Karten für, die Hoftheater herangezogen und in ganz Österreich die Postanstalten insofern als Verkehrs- und Auskunftsstellen nutzbar gemacht, als sie ermächtigt sind, die axt sie gelangenden Anfragen über Unterkunfts-, Schul-, Steuerverhältnisse, über Handel, Industrie und Gewerbe usw. arn Orte an die zuständigen Stellen (Gemeinden, Badeverwaltungen, Fremdenverkehrsver- eine, Handelskammern) zur Beantwortung abzugeben, soweit die Vorschriften über die Wahrung des Briefgeheimnisses dies zulässig erscheinen lassen.
Von diesen fremdländischen Einrichtungen verdienen besonderes Interesse die Postsparkassen, die int Jahre 1861 zuerst in England nach den Vorschlägen des Bankiers Ch. W. Sikes aus Huddersfield ins Leben gerufen wurden, und ihre Entstehung einer Anregung des damaligen Staatskanzlers Gladstone verdankten, für den kleinen Mann allgemein zugängliche Spar- kassen-Annahmestellen zu schaffen. Damit die Postsparkasse den übrigen Sparkassen keinen zu großen Abbruch tut, besteht in England die Bestimmung, daß das Guthaben des einzelnen Sparers 3000 Mark (150 Pfund Sterling) nicht überschritten und die Verzinsung der Einlagen über 2(4 Proz. nicht hinausgehen darf. Gleichwohl hatte die englische Postsparkasse schon Ende 1906 über 10(4 Millionen Teilnehmer, die über ein Guthaben von fast 3(4 Milliarden Mark, verfügten. Welchen Nutzen eine gutgeleitete Postsparkasse für ein Land haben kann, sehe» wir auch an derjenige!: in Österreich, die seit 1883 besteht und bei welcher Ende vorigen Jahres 2 140 000 Personen Ersparnisse in Höhe von 191 Millionen Mark (2241/4 Millionen Kronen) angelegt hatten; außerdem hat das Postsvarkassenamt in Wien aber bisher aus den QuadarmncIteTt Guthaben der Teilnehmer am Sparverkehr für '170 Millionen Mark (199,8 Millionen Kronen! Lster- reicknsche Wertpapiere angekauft. Die Effekten werden auf Wunsch auch in Verwahrung genommen, verwaltet und wieder verkauft. Nachdem die Postsparkasse früher schon wiederholt sich bei der Emission österreichischer Anleihen gemeinsam mit den Großbanken beteiligt hatte, hat sie kürzlich die ganze neueste Anleihe der österreichischen Negierung übernommen; der kleine Bankier im entferntesten Provinzstädtchen in Österreich kann infolgedessen seinen Bedarf an Anleihepapieren jetzt zu den gleichen Bedingungen, namentlich also für den gleichen Preis decken wie die Großbanken in Wien, während diese unter den früheren Verhältnissen die ihnen zugeteilten Stücke' nur mit einem entsprechenden Aufschlag an die Provinzbanken weitergegeben haben. Einen neuen Anreiz für den Ankauf österreichischer Staatspapiere wird cs für das! Publikum in Österreich bieten, wenn die Postsparkasse, wie es geplant sein soll, demnächst auch mit der
lasset uns den Herrn anbeten, woraus man zu wiederholen hat: venite, adoremus) und half mir in die ungewohnte Tracht. Ist der Hauskapelle nahm ich meinen Platz unter den Novizen ein und empfing mit ihnen aus den Händen des Rektors und Novizenmeisters die Kommunion. Damit war ich Novize der Gesellschaft Jesu.
Werde ich die Tagesordnung nach 32 langen, ereignisreichen Jahren zusammenbekommen? Schwerlich absolut genau; richtig in den Hauptsachen aber wohl.
4 Uhr Ausstehcn; zu Jugendliche (es kommen unter den Novizen 15- und 16jährige vor) und Schwächliche stehen um 5 Uhr auf; nach dem Ankleiden, nicht mehr als 20 Minuten: Besuch des „AllerheMgsten" (visitatio sanctissimi).; 41/2 vis 51/2 Betrachtung (meditatio); 5(4 bis 6 Messe; 6 bis 6(4 reflexio, d. h. Nachdenken über die Betrachtung; 6(4 bis 6(4 compositio lecti: Bettmachen (jeder Jesuit marht sein Bett selbst); 6(4, Frühstück; 6 Uhr 50 Min. bis 7(4 freie Zeit (relaxatio animi: Ausspannung des Geistes); 7(4 bis 8 exercitium memoriac: Auswendiglernen mehrerer Verse aus dem neuen Testament; 8 bis 9 Haus- und Gartenarbeiten (opera manualia); 9 bis 10 Unterweisung (instructio) durch den Novizenmeister oder seinen Sozius; 10 bis 10(4 Besuch des „Allerheiligsten" in der Kapelle; dann während einiger Minuten: Austeilung von Almosen (distributiv elemosynarum), >d. h. je zwei zu gegenseitigen „Schutzengeln" bestellte Novizen teilen sich mit, was sie an Fehlern, Eigentümlichkeiten usw. aneinander wahrge- nommen haben oder was ihnen von anderen (sei cs von Oberen oder Mitnovizen) als fehlerhaft bezeichnet worden ist; 10(4 bis 11 Schönschreiben (exercitium scribendi); 11 bis 11(4 Lesung im „Thomas von Kempen"; 11(4 bis 11(4 Gewissenserfoischung; 11(4 bis 12 Mittagessen; darauf kurzer Besuch des „Merheiligsten" in der Kapelle; 12 bis 1 Rekreatton (recreatio, Erholung); 1 bis 1(4 Lesung im „Heiligenleben", d. h. in einer von einem Jesuiten geschriebenen Lebensbeschreibung eines „heiligen" Jesuiten; iGs bis 3 Haus- und Gartenarbeit; 3 bis 4 Schule oder Katechese; 4 bis 4(4 „Merenda" (woher der Ausdruck stammt, weiß ich nicht), d. h. stehend wird tat Resettortm»
